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	<title>beim wort genommen &#187; Menschenrechte</title>
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	<description>weil eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat</description>
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		<title>Im Zweifelsfall entscheiden wir uns für Stabilität und gegen Menschenrechte</title>
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		<pubDate>Mon, 11 Jul 2011 08:54:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jonas Schaible</dc:creator>
				<category><![CDATA[Außenpolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Arabien]]></category>
		<category><![CDATA[Interessen]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Sicherheitspolitik]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas de Maiziere]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Das ist meines Erachtens, auf den Punkt gebracht, die zentrale Aussage Thomas de Maizieres aus seinem Interview mit dem Hamburger Abendblatt. Thomas de Maiziere hat dem Abendblatt auf die Frage, ob es vertretbar sei, schwere Waffen an Diktaturen zu liefern, geantwortet: Die Entscheidung über Rüstungslieferungen ist zunächst eine sicherheitspolitische. Menschenrechtsüberlegungen müssen eine Rolle spielen, doch [...]</p><p><a href="http://beim-wort-genommen.de/2011/07/11/im-zweifelsfall-entscheiden-wir-uns-fur-stabilitat-und-gegen-menschenrechte/">Im Zweifelsfall entscheiden wir uns für Stabilität und gegen Menschenrechte</a> - <a href="http://beim-wort-genommen.de">beim wort genommen - weil eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das ist meines Erachtens, auf den Punkt gebracht, die zentrale Aussage Thomas de Maizieres aus seinem <a href="http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1951568/Bundeswehrreform-Groessere-Einschnitte-im-Norden.html">Interview mit dem Hamburger Abendblatt</a>. </p>
<p>Thomas de Maiziere hat dem Abendblatt auf die Frage, ob es vertretbar sei, schwere Waffen an Diktaturen zu liefern, geantwortet: </p>
<blockquote><p>Die Entscheidung über Rüstungslieferungen ist zunächst eine sicherheitspolitische. Menschenrechtsüberlegungen müssen eine Rolle spielen, doch überwiegen die internationalen Sicherheitsinteressen. </p></blockquote>
<p><span id="more-1169"></span></p>
<p>In vielen Online-Medien lesen wir in der Überschrift dagegen, de Maiziere habe Saudi-Arabien als Stabilitäsanker bezeichnet oder dem Königreich eine wichtige Rolle im Anti-Terror-Kampf zugewiesen. Dass Saudi-Arabien, betrachtet man Sicherheitspolitik als Art globales Schachspiel, eine stabilisierende Rolle am Golf spielen kann, ist wahrscheinlich richtig. Dass man derlei zumindest durchdenkt, ist ebenfalls richtig und wohl auch klug. Keine Frage, auch das sind interessante Aussagen, und sie sind relevant für die Bewertung dieses Panzerdeals.<br />
Die Wertehierarchie, die de Maiziere im zitierten Abschnitt andeutet, ist allerdings für die Bewertung jedweder Politik<sup class='footnote'><a href='#fn-1169-1' id='fnref-1169-1' onclick='return fdfootnote_show(1169)'>1</a></sup> de Maizieres und damit der aktuellen Bundesregierung relevant, weil sie allgemeiner ist.</p>
<p align="center"><img src="http://beim-wort-genommen.de/wp-content/uploads/2011/07/sichehritsinteressen-1-gnews.jpg" alt="Google-News: de Maiziere + Panzer + Interview" /><br />
<em>Anti-Terror-Rolle und Stabilitätsanker: Screenshot Google-News-Suche nach &#8220;De Maiziere + Interview + Panzer&#8221;</em></p>
<p>
<b>Politik ist die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir leben?</b></p>
<p>Ein Dozent an meiner Uni pflegt zu betonen: Im Grunde geht es bei Politik immer um die Frage „Wie wollen wir leben?“. Jede politische Entscheidung ist eine Antwort auf diese Frage. Immer und unausweichlich und völlig unabhängig davon, wie diese Antwort ausfällt. Ich halte diese Interpretation von Politik für sehr zutreffend. Genauso, wie ich nicht nicht kommunizieren kann, wenn ich auf eine andere Person treffe, genauso kann ich nicht nicht Position beziehen. Auf irgendeiner Meta-Ebene muss ich es tun.<br />
Wenn ich Beispiel keine von zwei Handlungsmöglichkeiten A und B vertretbar finde, und nichts tue, geht dem die Positionierung voran: Lieber will ich nichts tun, als A oder B zu tun. Entscheide ich mich dennoch für B, obwohl ich B ablehne, positioniere ich mich: Lieber tue ich etwas, das ich ablehne, als nichts zu tun. Weil es immer die Möglichkeit gibt, Nicht-A zu tun, muss ich immer eine Entscheidung treffen.<br />
Wie will ich handeln, wie will ich leben?</p>
<p>De Maiziere wurde gefragt: Finden Sie es vertretbar – also: wollen Sie so leben? &#8211; Waffen an Diktaturen zu liefern. Er stand vor der Wahl zu sagen  „Nein, es ist in keinem Fall vertretbar“ und der Negation, also „Ja, unter bestimmten Umständen ist es vertretbar“.<br />
Er hat sich für letzteres entschieden. Und er hat diese Umstände noch präzisiert: Wenn die internationalen Sicherheitsinteressen berührt sind, gehen diese Interessen vor.</p>
<p><b>Der Minister versteckt sich hinter „Sicherheitsinteressen&#8221;</b></p>
<p>De Maiziere versucht hier (mit einigem Erfolg), sich hinter den vermeintlich von ihm und seiner Regierung unabhängigen (inter)nationalen Sicherheitsinteressen zu verstecken. Die Argumentation ist einfach: Es gibt diese Sicherheitsinteressen, dagegen kann man nun mal nichts tun. <a href="http://beim-wort-genommen.de/2011/05/21/de-maiziere-ist-nicht-kohler-aber-betont-deutschlands-fuhrungsanspruch-in-europa/#comment-3615">Es ist nicht das erste Mal</a>, das er so argumentiert. </p>
<p>Ich wiederhole mich, wenn ich sage: Diese Interessen sind eine Schimäre. Sie sind nicht einfach da. Internationale Sicherheitsinteressen sind das, was die relevanten internationalen Politiker als internationale Sicherheitsinteressen definieren. Mit anderen Worten: Was sie als erstrebenswert, wünschenswert, verfolgenswert, schützenswert, was sie als notwendig definieren, um so zu leben, wie wir leben wollen.</p>
<p>Den Jemen vor dem völligen Staatszerfall zu bewahren kann so ein Interesse sein, oder die Bildung einer regionalen Gegenmacht zum Iran. Man kann dafür sogar gute Argumente finden. Den Jemen vor dem Staatszerfall zu bewahren ist dann aber das, was Thomas de Maiziere, Angela Merkel, Guido Westerwelle und Berater als Sicherheitsinteresse definieren <sup class='footnote'><a href='#fn-1169-2' id='fnref-1169-2' onclick='return fdfootnote_show(1169)'>2</a></sup>. Es ist keine durch äußere Umstände vorgegebene und unabweisbare Tatsache; es ist eine Entscheidung von Politikern, die rechenschaftspflichtig und für ihr Handeln verantwortlich sind.</p>
<p>Wenn de Maiziere also lakonisch feststellt, Menschenrechtsüberlegungen müssten bei sicherheitspolitischen Entscheidungen eine Rolle spielen, aber internationale Sicherheitsinteressen überwiegen, dann positioniert er sich: Für mich, für die Regierung, der ich angehöre, sind Sicherheitsinteressen wichtiger als die Frage nach Menschenrechten.</p>
<p>Und zwar generell. So sieht, in der Sprache des Rationalismus, de Maizieres Präferenzordnung aus. Ich finde es erhellend, das einmal so klar zu lesen.</p>
<p><b>Randbemerkung</b>:<br />
Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, warum ich diese Interessenargumentation für gefährlich halte: Sie verschleiert die individuelle Verantwortung für bestimmte Handlungen. Und das durchaus effektiv.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-</p>
<div class='footnotes' id='footnotes-1169'>
<div class='footnotedivider'></div>
<ol>
<li id='fn-1169-1'>Ganz aktuell etwa für die Analyse der Libyen-Politik. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1169-1'>&#8617;</a></span></li>
<li id='fn-1169-2'>Und im Fall von internationalen Sicherheitsinteressen möglicherweise noch die maßgeblichen Politiker der USA, der EU, Israels und anderer Staaten. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-1169-2'>&#8617;</a></span></li>
</ol>
</div>
<p><a href="http://beim-wort-genommen.de/2011/07/11/im-zweifelsfall-entscheiden-wir-uns-fur-stabilitat-und-gegen-menschenrechte/">Im Zweifelsfall entscheiden wir uns für Stabilität und gegen Menschenrechte</a> - <a href="http://beim-wort-genommen.de">beim wort genommen - weil eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat</a></p>]]></content:encoded>
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		</item>
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		<title>Roger Köppel in FAZ: „Das Gespenst Demokratie“ &#8211; eine Replik</title>
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		<pubDate>Wed, 02 Dec 2009 00:46:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jonas Schaible</dc:creator>
				<category><![CDATA[Replik]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[FAZ]]></category>
		<category><![CDATA[Islam]]></category>
		<category><![CDATA[Köppel]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Referendum]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Roger Köppel, Chefredakteur der schweizerischen Wochenzeitung Weltwoche hat in der FAZ (kostenpflichtig) und bei der „Achse des Guten&#8221; einen Kommentar zum Schweizer Referendum über Minarette veröffentlicht. Darin verteidigt er die Abstimmungspraxis in der Schweiz sowie das aktuelle Nein zu Minaretten und wirft den „Muezzinen der Mainstream-Medien“ ein verzerrtes Demokratieverständnis vor. Eine Replik. In einem polemischen [...]</p><p><a href="http://beim-wort-genommen.de/2009/12/02/roger-koppel-in-faz-%e2%80%9edas-gespenst-der-demokratie%e2%80%9c-eine-replik/">Roger Köppel in FAZ: „Das Gespenst Demokratie“ &#8211; eine Replik</a> - <a href="http://beim-wort-genommen.de">beim wort genommen - weil eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roger_K%C3%B6ppel">Roger Köppel</a>, <a href="http://www.weltwoche.ch/verlag/impressum.html">Chefredakteur</a> der schweizerischen Wochenzeitung Weltwoche hat in der <a href="http://www.faz.net/IN/INtemplates/faznet/default.asp?tpl=common/zwischenseite.asp&#038;dx1={18AD6546-DF31-A7E8-7884-F91750503B53}&#038;rub={E9236266-3C6E-4937-AB14-A07CB297CA09}">FAZ</a> (kostenpflichtig) und bei der „Achse des Guten&#8221; einen <a href="http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/das_gespenst_demokratie/">Kommentar</a> zum Schweizer Referendum über Minarette veröffentlicht.<br />
Darin verteidigt er die Abstimmungspraxis in der Schweiz sowie das aktuelle Nein zu Minaretten und wirft den „Muezzinen der Mainstream-Medien“ ein verzerrtes Demokratieverständnis vor. Eine Replik.</strong></p>
<p>In einem polemischen Einleitungsabsatz kritsiert Köppel, die deutschen Mainstream-Medien – er benutzt hier Mainstream offensichtlich als Kampfbegriff und behauptet Angepasstheit – machten sich in überheblicher Weise zu Richtern über die Schweizer.<br />
Der extrem polemische Stil zieht sich durch den ganzen Text, weshalb ich nicht jedes Mal dezidiert darauf eingehen werde &#8211; genauso wenig übrigens wie auf die auffällig häufigen sprachlichen Anleihen beim Marxismus -, sondern mich auf inhaltliche und argumentative Aspekte beschränken werde.</p>
<p>Vorausschicken muss ich meiner Replik noch Folgendes: Es ist natürlich die grundsätzliche Frage, ob man in dem Minarett-Verbot einen Eingriff in das Recht auf freie Religionsausübung sieht. Tut man das nicht, hat man womöglich am Ergebnis des Referendums wenig auszusetzen; tut man es aber, wird man mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein.<br />
Ich würde argumentieren, dass im Anbetracht der Art. 18 (Freie Religionsausübung), Art. 8 (Schutz vor Diskriminierung) und Art. 9 (Schutz vor staatlicher Willkür) der <a href="http://www.admin.ch/ch/d/sr/1/101.de.pdf">Schweizer Verfassung</a> nicht ersichtlich ist, wieso einer bestimmten Religion verboten sein sollte, ihre Gotteshäuser nach Gusto zu bauen während andere Religionen das dürfen. Hier wird ein Unterschied gemacht, der mir sehr nach staatlicher Willkür aussieht.<br />
Nun zum Text.</p>
<p>Im zweiten Absatz schreibt Köppel:</p>
<blockquote><p>Ein Gespenst geht um: die Demokratie. Demokratie heißt Volksherrschaft, und es gehört zu den Berufsrisiken dieser Regierungsform, dass das Volk manchmal anders denkt und fühlt als seine Regierung und seine medialen Interpreten. </p>
<p>[…]</p>
<p>Das politische Establishment, eifrig unterstützt von allen großen Zeitungshäusern, orchestrierte eine gewaltige Einschüchterungskampagne. </p>
<p>[…]</p>
<p>Doch die Drohungen verfingen nicht: Bis weit in linke und liberale Milieus hinein muss die islamkritische Initiative Anklang gefunden haben. Noch selten war der Abstand zwischen den Eliten und den gewöhnlichen Bürgern in der Schweiz so groß. </p>
<p>Die besorgten Kollegen liegen daher falsch: Das Abstimmungsresultat vom Wochenende war nicht Ausdruck von Angst, sondern von Mut. Eine Mehrheit der Schweizer hat sich gegen alle Bevormundungen die Freiheit herausgenommen, eine andere Meinung zu vertreten als die von den Politikern und Intellektuellen gewünschte. Ein krauses Demokratieverständnis liegt der Auffassung zugrunde, dass eine Abstimmung nur in einer Richtung zu verlaufen habe. Demokratie ist die Staatsform der Alternativen: Nur in Nordkorea oder Kuba dürfen die Leute, sofern sie überhaupt gefragt werden, einen Stimmzettel ausfüllen, auf dem sich keine Auswahl bietet.
</p></blockquote>
<p>Hier sitzt er aber einem Irrtum auf – wie so viele derjenigen, die sich dieser Tage bemüßigt fühlen, etwas zur Direkten Demokratie zu schreiben. Nicht die Kritiker der Abstimmung haben ein krauses Demokratieverständnis, sondern Köppel selbst hat es.<br />
Denn, fernab von den Verschwörungstheorien über ein Establishment, das mit Hilfe der willfährigen Medien die große Mehrheit von aufrichtigen, gewöhnlichen [1] Bürgern zu instrumentalisieren versucht: Demokratie heißt nicht nur Volksherrschaft. Und es gehört zwar zu den „Berufsrisiken“ einer Demokratie, dass die Mehrheit des Volkes anders abstimmt, als es bestimmten Gruppen lieb wäre, aber das ist doch nicht der Punkt, der hier entscheidend ist.<br />
Das Problem ist nicht, dass die Schweizer direkt über politische Fragen abstimmen dürfen. Das Problem ist auch nicht, dass sie dabei anders entscheiden, als es der Redaktion der SZ oder des Spiegels oder der Schweizer Regierung genehm gewesen wäre.<br />
Das Problem ist, dass diese Abstimmung in den Augen vieler einen Eingriff in Grundrechte darstellt. Und hier wird deutlich, was an Köppels Demokratieverständnis „kraus“ ist: Schon lange ist man sich in der Politikwissenschaft darüber einig, dass der normative Demokratiebegriff &#8211; der hier angebracht ist, schließlich befinden wir uns hier ja in einer Wertedebatte &#8211; weit mehr enthält, als nur die Aussage „Herrschaft des Volkes“, die etymologisch hergeleitet wird.<br />
Nach unseren westlichen Vorstellungen beinhaltet Demokratie noch weitere Elemente. Dazu zählt der Schutz der Menschenrechte, etwa auch durch sozial- und rechtsstaatliche Prinzipien.<br />
Die reine Entscheidungsgewalt des Bürger konstituiert noch keine Demokratie; über dieses Verständnis ist man längst hinweg.<br />
Und das ergibt auch Sinn. Denn unseren normativen Überzeugungen nach, die der Demokratieidee zu Grunde liegen, ist jeder Mensch gleichwertig und als Mensch schützenswert. Ohne diese Prämisse wäre ja auch die Forderung nach gleichberechtigter Partizipation nicht begründet; aus dieser Prämisse, wenn man sie setzt, folgt aber zwingend auch der Schutz anderer Menschenrechte. Auf deren Aussehen hat man sich einmal geeinigt – sie liegen zum Beispiel in der UN-Menschenrechtscharta vor.<br />
Also: Der Begriff der Demokratie übersteigt die reine Herrschaft des Volkes und verlangt nach weiteren Bedingungen, die gegeben sein müssen. Zum Beispiel, dass allgemein Menschenrechte bewahrt werden. Oder, spezieller, dass Minderheiten geschützt werden. Dass auch Nicht-Stimmberechtigte geschützt werden.<br />
Denn, auch das ist ein weit verbreiteter Irrtum: Demokratie ist keine Diktatur des Konsens. In einer Demokratie hat sich die überstimmte Minderheit nicht demütig der Mehrheit zu beugen und sie muss deren Votum auch nicht klaglos annehmen. Deshalb ist auch Kritik, wie sie die SZ, die taz oder der Spiegel geäußert haben, legitim.</p>
<p>Demokratie ist demnach zwar durchaus eine „Staatsform der Alternativen&#8221;, aber immer auch eine Staatsform, die sich den allgemeinen Menschenrechten verpflichtet fühlt – was dazu führt, dass eine Entscheidung allein dadurch, dass sie eine stimmberechtigte Mehrheit trifft, noch lange nicht echt demokratisch sein muss.<br />
Das ist natürlich eine eine hochgradig normativ aufgeladene Vorstellung – aber genau diese Vorstellung von der Gleichheit und der Würde aller Menschen und von einer idealen Demokratie ist es, die das Fundament unserer westlichen Welt bildet. Jenes Fundament, jene Leitkultur, auf die sich Islam-Gegner allzu häufig berufen.</p>
<p>Weiter im Text:</p>
<blockquote><p>Ebenso abwegig sind jetzt aber auch die Bedenken, die von europäischen Funktionären oder deutschen Journalisten ventiliert werden: Gerade die EU hat sich unter der Ambition ihrer Staatswerdung zu einem Instrument der Demokratieverhinderung entwickelt. </p></blockquote>
<p>Einmal abgesehen davon, dass vorher nicht genannt wird, was noch „abwegig“ ist: Das ist eine Scheinargumentation. Die Tatsache, dass die Menschen, die etwas als undemokratisch kritisieren, selbst nicht immer völlig demokratisch handeln, macht die Kritik nicht abwegig.<br />
Vielleicht macht es die Kritik (oder die Kritiker) unglaubwürdig: Die Richtigkeit der Kritik wird dadurch aber nicht berührt.</p>
<p>Köppel schreibt weiter:</p>
<blockquote><p>[…] Initiative und Referendum, elementare Volksrechte, sind das Damoklesschwert der Bürger gegen die politische Klasse. Was in deutschen Zeitungen als “Kollateralschaden” oder Ausfluss “diffuser Ängste” schlechtgeredet wird, sind die wesenhaften “checks and balances” eines der ältesten Rechtsstaaten der Welt.</p></blockquote>
<p>„Schlechtgeredet“ wird allenfalls die konkrete Entscheidung, weil man argumentieren kann, dass durch sie ein Menschenrecht angetastet wird, indem eine Religion anderen gegenüber benachteiligt wird. Nicht kritisiert wird, dass das Volk grundsätzlich durch Referenda mitbestimmen kann.[2]<br />
Mit einem Rechtsstaat hat das Ganze im Übrigen erst einmal nichts zu tun. (Allenfalls dann, wenn man argumentiert, dass ein Rechtsstaat ohne funktionierende Gewaltenteilung wohl praktisch nicht bestehen kann. Theoretisch sind das aber zwei verschiedene Dinge.)</p>
<p>Weiter schreibt Köppel:</p>
<blockquote><p>[…] der entscheidende Grund für das Abstimmungsresultat darf nicht übersehen werden: In der Schweiz herrscht große Skepsis gegenüber dem Islam und vor allem gegenüber dem Integrationswillen der schnell wachsenden muslimischen Minderheit, die innerhalb weniger Jahre auf rund 400 000 Personen anschwoll.</p></blockquote>
<p>Am Rande: Ich weiß nicht, ob die Zahl stimmt. Die <a href="http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/05/blank/key/religionen.html">Volkszählung von 2000</a>, die letzte gesicherte Quelle, spricht von 310.000 Muslimen. Es mag also stimmen. Das ist aber an sich auch absolut unerheblich, denn egal wie wenige oder viele Muslime in der Schweiz leben und egal, wie skeptisch andere dem gegenüber sind: Das ist nun einmal kein Argument dafür, eine Religion anderen gegenüber schlechter zu stellen.</p>
<p>Weiter:</p>
<blockquote><p>Das Minarett wurde als Ausdruck des politischen Islam bekämpft und als Markierung, mit der sich die Muslime von der säkularen Schweizer Leitkultur Richtung Parallelgesellschaft abgrenzen wollen.</p></blockquote>
<p>Den Beweis für diese starke These bleibt Köppel völlig schuldig. Wieso ein Minarett eine Markierung sein soll, mit der sich jemand von einer säkularen Leitkultur abgrenzen möchte, ein Kirchturm aber nicht, müsste er stringent begründen. Ich hege Zweifel, dass er das kann. </p>
<blockquote><p>Ungeachtet dessen: Die Ausübung ihrer Religion bleibt den Muslimen weiterhin unbenommen. Von einer Einschränkung der Glaubensfreiheit kann keine Rede sein.</p></blockquote>
<p>Das ist Ermessenssache des jeweiligen Gläubigen. Durchaus möglich, dass einige das als solche empfinden. Und solange die Existenz eines Minaretts nicht die Freiheiten eines anderen beschneidet, kann es jedenfalls kein Gegenargument sein zu sagen: „Ihr könnt ja trotzdem noch beten.“<br />
Wenn es außerdem einer anderen Religion erlaubt ist, von Türmen herab mit Glocken Lärm zu machen, muss es auch einer anderen Religion erlaubt sein, von Türmen herab mit einer Stimme vom Band (oder einer echten, natürlich) Lärm zu machen. Auch das kann also kein Argument sein.<br />
Alles andere ist Willkür.</p>
<p>Im letzten Absatz beruft sich Köppel noch auf Online-Umfragen bei bild.de und Spiegel-Online und leitet aus den hohen Zustimmungswerten dort ab, dass der Volkswille doch genau dieses Minarettverbot sei. Er sitzt dann wieder der falschen Annahme auf, Demokratie bedeute nur, dass das Volk auch abstimme – und unterstellt außerdem implizit, dass es undemokratisch sei „den demokratisch ermittelten Volkswillen durch europäische Gerichtshöfe rückwirkend wieder umzubiegen“. Das ist natürlich Unsinn, weil eben auch diese Komponente, die schon von ihm selbst ins Spiel gebrachten checks and balances, zu einer funktionierenden Demokratie gehören.<br />
Abermals behauptet er fälschlicherweise, eine einmal demokratisch getroffene Entscheidung müsse bedingungslos akzeptiert werden.</p>
<p>Er endet mit den Sätzen:</p>
<blockquote><p>Der Islam ist eine problematische Religion, weil er die Trennung zwischen Kirche und Staat bis heute nicht zustande brachte. Indem sich eine Mehrheit der Schweizer gegen Minarette aussprach, legte sie ein beeindruckendes Votum ab für europäische Grundwerte.</p></blockquote>
<p>Natürlich muss eine Religion nicht die Trennung von Staat und Religion zu Stande bringen – eine logisch völlig verquere Aussage. Problematisch ist also eher, dass Teile des Islam diese Trennung nicht akzeptieren.<br />
Wieso aber ein Votum dafür, eine Religion im Vergleich mit allen anderen willkürlich zu beschränken, deswegen ein Votum für die westlichen Grundwerte sein soll, erschließt sich mir nicht.<br />
Diese Verbindung wäre nur dann zulässig gewesen, hätte sich die Abstimmung irgendwie mit dem Verhältnis von Staat und Religion befasst. So ist es nur eine unzulässige Vermengung von verschiedenen Aspekten. Und so bleibt das Ergebnis des Referendums eine undemokratisches.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;-<br />
[1] Interessant, dass hier der „gewöhnliche Bürger“ als Gegenspieler der Eliten gezeichnet wird. Als bestünde ein natürlicher Gegensatz zwischen diesen beiden Gruppen und als seien die Eliten keine Bürger.<br />
Diese manipulative Exklusivität des Bürgerbegriffs findet sich, wie hier beschrieben, auch bei den rechten  Parteien in Deutschland.<br />
[2] Wobei das oben beschriebene Demokratieideal schon den Schluss nahe zu legen scheint, dass die Reichweite von Referenda beschränkt werden muss – dann nämlich, wenn sie ihrerseits geeignet wären, Menschenrechte zu beschränken.</p>
<p><strong>Siehe auch:</strong></p>
<ul>
<li>Felix Neumann auf seinem Blog zu Frage nach der Legitimität der Entscheidung und zum Demokratieverständnis &#8211; &#8220;<a href="http://fxneumann.de/2009/11/30/das-kreuz-mit-dem-minarett/">Das Kreuz mit dem Minarett</a>&#8220;</li>
</ul>
<p><a href="http://beim-wort-genommen.de/2009/12/02/roger-koppel-in-faz-%e2%80%9edas-gespenst-der-demokratie%e2%80%9c-eine-replik/">Roger Köppel in FAZ: „Das Gespenst Demokratie“ &#8211; eine Replik</a> - <a href="http://beim-wort-genommen.de">beim wort genommen - weil eine Lüge über die ganze Welt laufen kann, bevor die Wahrheit ihre Stiefel angezogen hat</a></p>]]></content:encoded>
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