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Medien-Praktika: Blogs sind im Journalismus immer noch nicht anerkannt

Freitag, 16. Oktober 2009 3:33

Gerade gingen in Berlin etwa 200 Praktikanten auf die Straße, demonstrierten für mehr Rechte, faire Arbeitsbedingungen und traten für einen Tag sogar in einen Streik. Ähnliches macht die „Génération Précaire“ in Frankreich seit Jahren. Die Praktikanten wehrten sich dagegen, dass Praktika in der Regel unbezahlt sind oder so schlecht bezahlt werden, dass nicht einmal die Unterkunft und Verpflegung davon finanziert werden kann. Sie prangerten an, dass so nur die Wohlhabenden, von den Eltern Subventionierten die obligatorischen Praktika absolvieren können. Sie forderten, nicht als billige Vollzeit-Arbeitskräfte herhalten zu müssen, damit Unternehmen Kosten sparen. Sie kritisierten, dass auch Hochschulabsolventen nach dem Studium noch mit Praktika abgespeist werden.
All das sind richtige und wichtige Punkte, die in allen Bereichen gelten, und es ist begrüßenswert, dass einige Vertreter der viel zitierten „Generation Praktikum“ nun eine Diskussion anzustoßen versuchen.
Speziell in der Medienbranche ist allerdings noch ein weiteres Problem akut – eines, das kaum je diskutiert wird. Ein Problem, das ganz direkt mit dem allgegenwärtigen Streit zwischen Print und Online in Verbindung steht.

Wer ernsthaft plant, Journalist zu werden, der kommt nicht umhin, bei Zeitungen oder Rundfunkanstalten zu hospitieren. Eine möglichste große Zahl an Praktika, so liest und hört man allenthalben, sei heutzutage nicht mehr nur empfehlenswert, sondern Grundvoraussetzung dafür, dass man überhaupt die Chance erhält, im Journalismus Fuß zu fassen.
Nur wer während des Studiums schon Referenz um Referenz sammelt, der kann später Karriere machen. Am Besten sind natürlich wohlklingende Namen der Branchenführer: SZ etwa, oder FAZ, Zeit, Spiegel. Sie geben dem Lebenslauf Gewicht, suggerieren Erfahrung, sind eine Empfehlung.
So weit, so schlecht. Dass dadurch schon früh ein immenser Druck auf jungen Journalisten lastet und dass ein starkes Konkurrenzempfinden aufgebaut wird, ist schon bedauerlich genug.
Doch es gibt ein grundlegenderes, systemimmanentes Problem.

Besonders heikel ist, dass bei sehr vielen Publikationen bereits redaktionelle Erfahrung Voraussetzung für ein Praktikum ist. Kurz gesagt: Ohne Praktikum bekommt man kein Praktikum, bekommt man kein Praktikum, bekommt man kein Praktikum. Und das gilt beileibe nicht nur für die großen Zeitungen, sondern auch für viele Lokalzeitungen.
Es ist ein paradoxer Kreislauf, den nur durchbrechen kann, wer entweder Glück hat und in einer Stadt wohnt, deren Lokalzeitung keine derart hohen Ansprüche hat, oder wer Beziehungen in die Medienhäuser besitzt. Jedes Praktikum wirkt dann wieder als Katalysator und hilft bei der Suche nach anderen Praktika.
So sind es trotz des hektischen Wettlaufes um die begehrten Plätze, trotz des früh gelebten Konkurrenzkampfes und des hohen Drucks nicht zwangsläufig jene, die am geeignetsten sind für die Stellen, sondern jene, die irgendwie in die sich selbst befeuernde Spirale geraten sind, die die besten Chancen haben.
Nun wäre es heute so einfach wie nie, aus diesem System auszubrechen. Mehr als je zuvor hat jeder Mensch heute die Möglichkeit, zu publizieren. Einen Blog zu führen kostet gar nichts bis wenige Euro im Jahr und ist vor allem quasi immer und überall möglich. Niemand ist mehr abhängig von der Gunst der Verleger und Zeitungsmacher: Wer etwas zu sagen hat, kann das tun und das ist gut so. Es ist dies die viel gefeierte Demokratisierung der Medienlandschaft durch das Internet – es ist der Bürgerjournalismus, den anzuerkennen sich viele Etablierte aber immer noch sträuben.
Auch wenn der Freitag mit einem neuen Konzept Zeitung und Blogs verknüpft, auch wenn der Guardian in England schon länger auf Bürgerjournalismus setzt, auch wenn mehr und mehr Zeitungen Blogs schalten, Kommentare zulassen und langsam in einen Diskurs mit den Lesern treten und auch wenn Blogger im Iran oder in China bejubelt und als Journalisten ernst genommen werden: Noch ist das Verhältnis der etablierten Medien zu Blogs ein unreifes.

Das zeigt sich auch bei den Praktika. Denn die Arbeit als Blogger wird längst nicht so ernst genommen wie ein Praktikum bei einer Lokalzeitung. Mit einem Blog im Lebenslauf bleibt zumeist sogar der Eintritt in den Praktikakreislauf verwehrt – selbst wenn dahinter ein jahrelanges Engagement steht. Ein Praktikum steht für Erfahrung und auch für Initiative – denn man musste sich ja darum bemühen. Ein Blog ist nicht gleichwertig. Obschon „Journalist“ keine geschützte Bezeichnung ist und obschon es keinen Königsweg zu diesem Beruf gibt, wird zumeist ausdrücklich redaktionelle Erfahrung gefordert. Keine allgemein journalistische – etwa in Blogs.
Dabei kann es von weitaus mehr Engagement und Leidenschaft für den Journalismus zeugen, sich ohne Bezahlung und vor einer kleinen Leserschaft in einem Blog abzumühen, als eine Bewerbung an eine Zeitung zu schicken oder, wie erwähnt, über Kontakte hineinzurutschen.
Es kann auch die Arbeit als Blogger weitaus anspruchsvoller sein als die in einer Redaktion als Praktikant. Sicher, es gibt in einem Blog keinen Redaktionsschluss und keine Zeilenbeschränkung – dafür gibt es auch keinen Redaktionsschluss und keine Zeilenbeschränkung. In Blogs kann ein jeder tun, was eigentlich genuin journalistisch ist: sich durch Informationen wühlen, interessante Themen suchen, uninteressante Themen herausfiltern, Themen setzen, Zusammenhänge erklären ohne Grenzen in Zeit und Zeile. Ein Blogger kann schreiben, was er für lesenswert erachtet. Unabhängig und unbequem. Ein Blogger muss sich nicht dem Willen der Chefredaktion beugen, sondern nur vor sich selbst gerade stehen.
Dieses eigenständige Arbeiten ohne die starren Zwänge einer Redaktion kann verhindern, dass junge Journalisten in Abhängigkeit ihr Handwerk erlernen und Unabhängigkeit fördern.

Natürlich gibt es viele Blogger, die keine derartigen Ambitionen haben. Es ist die überwiegende Mehrzahl. Viele Blogger wollen keinen guten Journalismus bieten und manche können es vielleicht nicht.
Doch all das entwertet nicht, was ein guter Blog sein kann: eine Plattform für sauberen Journalismus. Blogs sind eine nie da gewesene Chance für den Journalismus. Deshalb wird es höchste Zeit, dass die Entscheidungsträger in der Medienwelt zu dieser Erkenntnis gelangen. Es wird Zeit, dass „Ich haben einen Blog“ nicht mehr geringer geschätzt wird als „Ich habe ein Praktikum bei einer Zeitung gemacht“. Das soll nicht heißen, dass Blogs nun die wichtigste Referenz werden sollen. Aber sie sollen eine gleichwertige Referenz werden.
Damit junge Journalisten sowohl das eigenständige und völlig freie Arbeiten als auch das reglementierte Arbeiten lernen. Damit noch mehr Menschen sich motiviert fühlen, zu bloggen. Damit die Zeitungen ausbrechen aus dem Irrglauben, nur sie seien relevant – ein Glauben, der dem Journalismus in Zeiten des Netzes schwer schadet.
Und damit bei Bewerbungen nicht mehr vorrangig ist, in welchem Medium ein jemand veröffentlicht hat, sondern was. Das kann dem Journalismus als Ganzes nur gut tun.

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