Greenpeace und die Sonne: Was war noch mal das Klima?
Samstag, 16. Januar 2010 2:25
Der Klimalügendetektor-Blog vom Greenpeace-Magazin und wir-klimaretter.de seziert die aktuelle Focus-Titelstory (“Fällt die Klima-Katastrophe aus?” [1]), was erstens durchaus interessant ist und zweitens unbedingt gerechtfertigt, denn dieser Titel ist nun wirklich so offenkundig ausschließlich auf Auflagensteigerung ausgelegt, dass es kaum genug Kritik hageln kann.
Allerdings sollte gerade eine Organisation wie Greenpeace bei ihrer Argumentation etwas sorgfältiger vorgehen. Im Beitrag steht:
Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: [...]
Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen *[3].
Das ist natürlich völliger Unsinn. Natürlich ist die Sonne der bestimmende Faktor für das Erdklima. Und um das festzustellen, muss man wahrlich kein Klimawandelskeptiker [2] sein. Es reicht etwa der Blick auf die Durchschnittstemperaturen von Erde (ca. 15° C) und Venus (ca. 450° C) oder Mars (ca. -63° C) oder[4] von Tag- und Nachtseite der jeweiligen Planeten oder auch von den Klimazonen Tropen und Polarzone.
Ich gehe schwer davon aus, dass bei Greenpeace bekannt ist, welchen Einfluss die Sonne auf das Klima und überhaupt auf alles auf diesem Planeten (einschließlich dieses Planeten selbst) hat, dass dort ebenfalls bekannt ist, dass Klimaerwärmung und das Klima selbst verschiedene Dinge sind und dass man einfach nur unsauber formuliert hat.
Es ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie Begriffe ein Eigenleben entwickeln können – so werden der anthropogene Treibhauseffekt, die Klimaerwärmung, der Klimawandel und schließlich Klima nach und nach in einen Topf geworfen, unbedarft vermengt und am Ende steht: eine völlig haarsträubende Aussage.
Umso wichtiger ist es für Medien, auf eine präzise Sprache Wert zu legen.
Am Rande: Ich hätte das ja gerne dort kommentiert, allerdings gibt es keine Kommentarfunktion. Angesichts der zu erwartenden Trollüberfälle ist das allerdings auch wieder verständlich.
Update 25.01.10: Mittlerweile ist die hier kritisierte Passage etwas verbessert worden. Jetzt steht da:
Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen.
Damit stimmt jetzt die inhatliche Aussage. Zumindest dann, wenn man über den nach wie vor vorhandenen Satzbau-Fehler hinwegsieht. Denn nach wie vor wird der Einfluss auf den Klimawandel mit den Treibhausgas-Emissionen verglichen – was nach wie vor ein reichlich unsinniger Vergleich und sicher auch nicht im Sinne der Autoren ist.
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[1] Siehe dazu auch: Glasauge TV – “Klimaschock – Rätselhaftes Monster in Berlin”
[2] Um einmal den Wolf Schneider zu machen: Das Wort “Klimaskeptiker” ist ähnlich unsinnig wie das Wort “Gen-Food”.
Klimaskeptiker sind nicht dem Klima gegenüber skeptisch und sie sind auch nicht skeptisch, ob es ein Klima gibt; sie sind auch noch nicht einmal eigentlich skeptisch, ob es einen Klimawandel gibt; schon eher sind sie skeptisch, ob es eine Klimaerwärmung gibt. Und vor allem sind die meisten Klimawandelskeptiker skeptisch, ob es einen anthropogen verursachten Treibhauseffekt gibt und ob dieser Effekt wirklich wahrnehmbar ist.
Und Gen-Food enthält keine Gene – bzw. es enthält natürlich genauso viele oder wenige Gene wie jedes andere vergleichbare Essen auch -, sondern das Genom des Produkts oder eines Inhaltsstoffs wurde vom Menschen gezielt verändert.
Beide Begriffe sind unpräzise, geeignet, Verwirrung zu stiften oder falsch zu informieren und haben damit in der Mediensprache nichts zu suchen.
*[3] Update, 16.01.10, 19.55: Mir fällt eben erst auf, dass der Satz ja auch ansonsten ziemlich unsinnig ist. Der Einfluss der Sonne ist also geringer als die menschlichen Treibhausgasemissionen. Und der Einfluss von korrekten Sätzen auf die Wirkung eines Artikels, der besseren Umgang mit Fakten fordert, ist geringer als der Salzgehalt des Toten Meeres. Oder so.
[4] Ich wurde per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass die hohen Temperaturen auf der Venus eher auf die dortige Atmosphöre bzw. den hohen Druck zurückzuführen seien und nicht so sehr, wie man meinen könnte, auf die Nähe zur Sonne. Ich notiere das gerne und ärgere mich, dieses Beispiel angeführt zu haben. Ich lerne: Finger weg von Aussagen, deren man sich nicht völlig sicher ist. Danke für den Hinweis!
Thema: Medienkritik | Kommentare (1) | Autor: Jonas Schaible