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Die Weihnachtsfrau kurz vor Neujahr

Mittwoch, 28. Dezember 2011 22:12

Die etwas kryptische Überschrift verweist erstens darauf, dass ich hier niemandem frohe Weihnachten gewünscht habe und vermutlich auch niemandem einen guten Rutsch ins neue Jahr wünschen werde. Wer möchte, kann sich aber durch diese niedergeschriebene Erkenntnis nachträglich und im Voraus mitgegrüßt fühlen, wenn ihm oder ihr das wichtig ist.
Zweitens verweist die Überschrift auf Geschlechtlichkeit in der Sprache.

Zu den Fragen, ob Hörer eines Textes beim generischen Maskulinum auch an Frauen denken oder doch nur an Männer, und ob geschlechtersensible Sprache wirklich unverständlicher ist, hat der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch bei den scilogs gebloggt. Dazu stellt er die Ergebnisse von zwei empirischen Studien vor.

Ich lege den Text allen Leser_Innen ans Herz.

Gefunden habe ich den Link bei Antje Schrupp, die Stefantowitschs Empirie durch etwas Theorie ergänzt 1

Da fällt mir übrigens einmal mehr auf, dass ich hier im Blogalltag allenfalls sporadisch auf inklusive Wortwahl achte. Notiz an mich: Häufiger machen.

  1. Und deren Blog ich ohenhin allen Lesern und Leserinnen ans Herz lege.

Thema: Linkempfehlung | Kommentare (0) | Autor:

Tschechischer Wahnsinn: Ist der Aslybewerber wirklich schwul?

Freitag, 10. Dezember 2010 1:22

Es gibt Geschichten, die glaubt man nicht. Diese hier gehört dazu. Es ist der reine Irrsinn.

Tschechien hat offenbar über längere Zeit so genannte “phallometrische Tests” respektive “sexologische Untersuchungen” bei Menschen durchgeführt, die wegen ihrer Homosexualität in ihrem Heimatland verfolgt worden waren und deshalb Asyl in Tschechien beantragt hatten. Das meldet heute die dpa. Dabei wurden den Asylbewerbern heterosexuelle Porno-Filme gezeigt und der Blutzufluss in den Penis gemessen – um vermeintlich sicher zu beweisen, dass diese Person (in diesem Fall wohl: der Mann) auch wirklich homosexuell ist.

Die EU-Grundrechteagentur hat diese Praxis in einem Bericht kritisiert, seit Anfang dieses Jahres würden die Tests auch nicht mehr durchgeführt, zitiert etwa Spiegel-Online einen Sprecher des tschechischen Innenministeriums.

Verschiedene Medien zitieren außerdem den Tschechischen Innenminister mit folgenden Worten, Zitat aus der taz:

Tschechiens Innenminister Radek John hatte dagegen die Tests verteidigt. Die Asylbewerber müssten den tschechischen Behörden überzeugend beweisen können, dass sie Homosexuelle sind, sagte der Minister am Mittwoch im tschechischen Rundfunk. Andernfalls hätte der Betroffene keinen Anspruch auf Asyl. “Dann soll er doch in ein Land gehen, wo diese Tests nicht durchgeführt werden und dort Asyl beantragen”, sagte John.

Queer.de schreibt:

Ministeriumssprecher Pavel Novak erklärte, dass die Tests nur in Zweifelsfällen angewendet würden – bislang in weniger als zehn Fällen. Alle, die den Test durchgemacht haben, hätten Asyl erhalten. Es gebe derzeit keine andere Methode, die Homosexualität von Asylbewerbern zu überprüfen, so Novak. Zudem sei immer medizinisches Fachpersonal anwesend und die Tests könnten nur mit Zustimmung des Bewerbers durchgeführt werden. Allerdings beklagte die EU-Agentur, dass sich die Weigerung, den Test durchführen zu lassen, negativ auf den Asylantrag des Bewerbers auswirken könnte.

Man muss sich die ganze Dimension dieser Geschichte einmal begreiflich machen.

1. Erststaatregelungszynismus

Erstens, die Aussage Radek Johns. Dublin II zufolge ist zumindest bei Flüchtlingen, die noch keinen Aufenthaltstitel haben, derjenige EU-Staat für einen Aslybewerber zuständig, in den er in die EU eingereist ist. 1 Genau diese Vorschrift sorgt dafür, dass etwa Griechenland (und die anderen Mittelmeer-Anrainer) mit den Flüchtlingen ziemlich alleine gelassen werden – was mit Sicherheit auch ein Grund dafür ist, dass gerade in Griechenland für die EU beschämende Zustände herrschen 2. Also: Reist etwa ein Iraner nach Tschechien ein, um in der EU als politischer Flüchtling aufgenommen zu werden, kann er gar nicht in einen anderen Staat – dort wird gar nicht erst ein Verfahren eröffnet, sondern er wird dem Staat überstellt, in dem er EU-Territorium betreten hat. Zu sagen, jemand, der in Tschechien Asyl beantragt hat, solle sich dann eben einen anderen Staat suchen, heißt im Normalfall folglich: Einen Staat außerhalb der EU suchen. Das ist schon ziemlich zynisch.

2. Essentialitisches Geschlechterkonzept

Zweitens, der essentialistische Fehlschluss. Was für eine absurde Vorstellung, man könne die sexuelle Orientierung (die sexuality, im Englischen) eines Menschen absolut bestimmen. Die Vorstellung, die hinter diesen Tests steckt, ist ja, dass ein Mensch seinem innersten Wesen nach entweder heterosexuell ist (also nur das andere Geschlecht anziehend findet) oder homosexuell (also ausschließlich das eigene Geschlecht anziehend findet). Ach ja, und dann gibt es noch die bi-sexuellen, aber das sind die, die eben beide Geschlechter anziehend finden – aber auch das kann man dann eben definitiv feststellen.

Dabei unterstellt, wer so denkt, erstens, dass es nur zwei (eindeutige) Geschlechter gibt – andernfalls wäre die Sexualität eines Menschen nach dem skizzierten Schema ja nicht klar festzustellen. Schon das ist ein Fehlschluss. Rein biologisch, um dem biologistischen Standard-Argument zuvorzukommen, gibt es mehr als zwei Geschlechter (sexes). Nicht zu reden vom Gender, dem sozialen Geschlecht. Schon mit dem Abschied von dem essentialistischen binären Geschlechter-Konzept ist die Idee einer objektiven Zuordnung zu einer Form der Sexuality hinfällig.

Aber selbst wenn man annähme, dass es nur zwei Geschlechter gibt: Wie kommt man auf die Idee, jeder Mensch fände ausschließlich ein anderes Geschlecht anziehend? Es gibt ja – jetzt operiere ich wieder mit dem binären Geschlechterkonzept, das im Alltag ja präsent ist, und das nicht unbedingt schlecht sein muss, nur weil es ein Konstrukt ist – Bi-Sexualität, die in das Modell als eigenständige klar abrenzbare Form einzuordnen ja schon einiger intellektueller Verrenkung bedarf.
Es gibt Menschen, die nur wenige Male Sex mit einem Menschen des anderen Geschlechts haben, vielleicht nur einmal. Man denke sich außerdem eine heterosexuelle Frau, die eine andere Frau zärtlich in den Arm nimmt, oder einen heterosexueller Mann, der einmal in einer bestimmten Situation einen Mann küsst – Handlungen, die wir in diesen Fällen nicht als sexuell werten würden, in der Kombination Mann/Frau aber vermutlich schon. Und zwar nicht, weil sie so nicht sexuell wären, sondern weil unser Sexualitätskonzept es a priori denkunmöglich macht, dass ein heterosexueller Mann mit einem Mann eine “echte” sexuelle Handlung vollziehen kann.

Das hier ist nicht der Ort und nicht der Artikel, an/in dem Gender-Fragen erschöpfend diskutiert werden sollen und ich habe schon wieder mehr dazu geschrieben, als ich ursprünglich vorhatte. Aber es ist einfach frappierend, wie selbstverständlich die zuständigen tschechischen Behörden hier annehmen, man könne die Sexualität einfach messen. 3

3. Verfolgung oder Sexualität?

Aus diesen Überlegungen folgt: Drittens, die Idee, die sexuelle Orientierung sei relevant, ist absurd. Wenn also jemand geltend macht, er werde in seiner Heimat wegen seiner Homosexualität verfolgt, ist es für die Gewährung von Schutz nicht einzig und allein relevant, ob er wirklich verfolgt wird – sondern stattdessen, ob er wirklich und echt und zu hundert Prozent schwul ist?
Sollte es, frage ich, und jetzt wird es normativ, nicht einfach nur zählen, dass jemand wegen seiner Sexualität verfolgt wird – völlig gleichgültig, welche Sexualität das ist, normalerweise ist, in den Augen des Betroffenen, der Verfolger, des potentiellen Asyl-Staates ist? Macht es einen Unterschied, ob ein Mann verfolgt wird, weil er einmal in der Öffentlichkeit einen guten Freund in den Arm genommen hat, ansonsten aber mit Frauen schläft, oder ob er verfolgt wird, weil er regelmäßig Sex mit Männern hat? Ändert das etwas an seiner Schutzwürdigkeit?

Offiziell wird argumentiert, man wollte eben vermeiden, dass Menschen eine erfundene Homosexualität vorschieben, obwohl sie gar nicht verfolgt würden. Das Argument, es komme ausschließlich darauf an, ob jemand verfolgt wird, greift aber auch in diesem Fall.

4. Verbot der unwürdigen Behandlung – kodifiziert und nicht kodifiziert

Bliebe, viertens, die Frage nach der Würde. Selbst wenn man also annimmt, es gebe nur zwei Geschlechter und man könne die Sexualität zweifelsfrei feststellen, und selbst wenn man der Ansicht ist, es sei nötig, die Sexualität von Asylbewerbern bestimmen zu können – selbst wenn man also all das annimmt, hatte da niemand Zweifel daran, ob diese Untersuchung nicht mit unserem westlichen Konzept von Menschenwürde und einer besonders schützenswerten Intimsphäre vereinbar ist? Fand da keine der zuständigen Personen, das gehe niemanden etwas an, das sei auch egal, das sei zudem mit all den Werten, für die sämtliche EU-Staaten einzustehen behaupten, nicht in Einklang zu bringen? Selbst bei weniger als zehn Fällen war es irgendjemandem wichtiger, keine Asylbetrüger ins Land zu lassen, als möglicherweise verfolgte und also vielleicht ohnehin immensen Leiden ausgesetzte Menschen so zu behandeln? Ehrlich?

Auch als Nicht-Jurist bin ich mir einigermaßen sicher, dass diese Tests sowohl gegen die Grundrechtecharta der EU als auch gegen die Europäische Menschenrechtskonvention des Europarats verstoßen (die EU-Grundrechteagentur sieht das ähnlich). Ich hoffe, ja, es bleibt normativ, dass erstens die EU sich noch einmal zu Wort melden wird und zweitens einer der Betroffenen vor dem EMGR Klage einlegt. Ich bin aber vor allem fassungslos, dass es dazu überhaupt kommen muss.

Der reine Irrsinn, sagte ich es bereits?

Und ein Jahr zog ins Land

Ein letzter Punkt zum Schluss: Bekannt wurde die Situation, weil ein Iraner in Deutschland geklagt hatte – er machte geltend, es sei nicht zuzumuten, dass er gemäß Dublin II in Tschechien Asyl beantragen müsse, eben wegen der Tests. Das Verwaltungsgericht Schleswig-Holstein gab dem statt – am 07.09.2009, vor mehr als einem Jahr. Im September und Oktober 2009 scheint niemand darüber berichtet zu haben.

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  1. Und auch sonst ist die Zuständigkeit sehr genau geregelt. Text der Verordnung hier.
  2. Was übrigens Roland Kirbach in seiner Reportage “Kinderknast auf Lesbos” so anschaulich beschrieben hat, dass er geradedafür völlig zu Recht gerade den Deutschen Reporterpreis in der Kategorie “Beste politische Reportage” erhalten hat. Lesebefehl!
  3. Ich erwähne jetzt nur am Rande, dass die angewandte Methode außerdem diskussionswürdig ist, selbst wenn man von Mann/Frau und klarer Sexualität ausgehen möchte. Zur Illustration, hier ein Artikel in der NZZ zu einer Studie, in der die körperliche Erregung beim Betrachten verschiedener Bilder/Filme gemessen wurde. (Und ja, man könnte auch hier wieder die essentialistischen Prämissen kritsieren).

Thema: Migrationspolitik | Kommentare (3) | Autor:

Über das Wesen des Mannes

Dienstag, 9. März 2010 22:41

Am gestrigen Montag, dem Weltfrauentag, beschäftigte sich die taz in einer Sonderausgabe ausführlich mit – dem Mann. Chefredakteurin Ines Pohl schrieb dazu im Editorial: „2010 widmet sich die Frauen-taz also den Männern. Wir tragen damit dem erfreulichen Umstand Rechnung, dass ein zentrales feministisches Ziel erreicht ist: Die Frage nach Geschlechterverhältnissen, nach einer neuen Männlichkeit hat sich aus feministischen Kreisen hinausbewegt und ist bei vielen Männern selbst angekommen.“

Das klingt zunächst nach einer guten Idee. Wieso nicht einmal etwas anderes machen? Wieso sich am Weltfrauentag nicht generell mit Geschlechterfragen auseinandersetzen? Die gesamte Gender-Thematik ist eine wichtige und eine, die viele Fragen aufwirft: danach zum Beispiel, wie wir aktuell Geschlecht definieren und wie wir Geschlecht definieren wollen. Der Fall Caster Semenya vor einem halben Jahr hätte Anlass sein können für eine Debatte darüber, ob die Dichotomie Mann/Frau nicht ein Anachronismus ist. Was nämlich tun, wenn der Blick auf die Geschlechtschromosomen eben keine klare Einordnung in eines der beiden Geschlechter erlaubt?
Spannend ist auch die Frage, wie diese Gesellschaft mit der Sexualität von Menschen umgeht: Sind von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualitäten mittlerweile anerkannt? Ist etwa die Tatsache, dass der deutsche Außenminister einen Lebensgefährten und keine Lebensgefährtin hat, ein Beweis dafür, dass hierzulande Homosexualität voll anerkannt ist oder spricht die Tatsache, dass dieser Umstand überhaupt Beachtung findet, dafür, dass Homosexualität noch immer als etwas Unnormales betrachtet wird?

Ich habe die Zeitung am Bahnhofskiosk in der Hand gehalten, dann aber wieder weggelegt, und ich habe mir auch online nicht alle Texte durchgelesen, so dass ich zu der Umsetzung des Konzepts nichts sagen kann. Mag sein, dass die gesamte Ausgabe in sich eine geniale Komposition darstellte, zusammengefügt aus einzelnen, für sich genommen unverständlichen, Mosaiksteinchen, deren Gehalt sich erst im komplexen Zusammenspiel erschließt; mag sein, dass der Artikel „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ eines dieser Mosaiksteinchen ist. Für diesen Fall entschuldige ich mich vorab für die folgende Kritik.

Bis dahin gehe ich allerdings davon aus, dass der Text ist, was er zu sein scheint: Ein für sich selbst sprechender Artikel. Keine Satire. Ein Text mit dem Ziel zu ergründen „was Migrantinnen über den deutschen Mann denken“, wie Ines Pohl schreibt.
Nun gehört auch die Frage nach Geschlechter- und Rollenverständnissen in verschiedenen Ländern und Weltregionen zum Gegenstand der Gender-Forschung und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine Analyse des vorherrschenden Männerbildes erhellend hätte sein können: Welche Forderungen stellen Recht und Gesetz, stellen tradierte Familienverständnisse oder ökonomische Faktoren an Männer in Deutschland, Brasilien, China, Russland, Ghana (oder in Deutschland, Polen, Kuba und Griechenland)? Wer ist in diesen Ländern Mann, was versteht man in den jeweiligen Ländern als männlich – und gibt bereits hier Unterschiede innerhalb eines Landes? Welche Folgen haben die jeweiligen Verständnisse für Männer, die sich diesen wie auch immer gearteten Zwängen zu entziehen versuchen?

All das sind Fragen, die mir spontan in den Kopf kommen; die eigentlich naheliegend sind und von der Gender-Forschung auch untersucht werden. Es sind nur einige der Fragen rund um das Thema Gender und rund um das Thema Mann und es gäbe noch dutzende, hunderte, tausende mehr, derer man sich in einer Sonderausgabe annehmen könnte. Und weil ich die anderen Artikel nicht gelesen habe, möchte ich kein Urteil darüber abgeben, ob die taz-Ausgabe genau das vielleicht getan hat.

Aber wieso es der Text „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ in die Ausgabe geschafft hat, weiß die Chefredaktion allein. Darin beschreiben drei Frauen, eine 35-jährige Kubanerin, eine 37-jährige Polin und eine 21-jährige Griechin*, die allesamt seit längerem in Deutschland leben, wie sie deutsche Männer sehen.

So findet die aus Kuba stammende Lisbet Espendru, deutsche Männer „arbeiten zum Beispiel nicht, um sich von ihrem Geld eine schöne Zeit zu machen, sondern für die Rente, für ein Haus, für ihre soziale Sicherheit. Das nervt ein wenig!“ Die Designerin schreibt weiter, deutsche Männer erschienen ihr „manchmal ein wenig asexuell“, weil sie, anders als kubanische Männer, Frauen auf der Straße nicht hinterherpfeifen.

Die aus Polen stammende Malgorzata Lewandowska bescheinigt den deutschen Männern, keine Muttersöhnchen zu sein und beschreibt, dass einmal die Mutter eines polnischen Jungen, mit dem sie in einer WG gelebt hat, die Wohnung für ihn schrubbte, als er Putzdienst hatte. Sie konstatiert:„So etwas würde ein deutscher Mann wahrscheinlich nie tun. Zumindest kenne ich keinen, der so drauf ist.“
Weil deutsche Männer aber so partnerschaftlich dächten, bemerkten sie nicht, wenn Frauen Hilfe brauchen; schließlich hätten ihr einmal drei Deutsche im Zug nicht geholfen, den Koffern auf die Gepäckablage zu heben.

Und die aus Griechenland stammende Dalia Reuben-Shemia schreibt: „Der deutsche Mann ist ruhig, rational, vernünftig und verlässlich. Er hilft im Haushalt und kümmert sich um die Kinder.
Der deutsche Mann trägt Hemden und die Haare zurückgekämmt. Aber er inszeniert sich weniger äußerlich, sondern eher durch sein Wesen: Er trägt seine Vernunft zur Schau und will mit seinem Wissen jemanden für sich gewinnen. Er möchte gern tolerant und fortschrittlich sein, aber das gelingt ihm nicht so richtig. Er erträgt es nämlich nicht, wenn seine Frau mehr verdient als er selbst und wenn sie auf der Karriereleiter über ihm steht. Aber das sagt der deutsche Mann nicht laut, er würde ja sonst als Chauvi gelten.“

Es erübrigt sich eigentlich, zu erklären, dass es natürlich weder den deutschen Mann an sich gibt noch den polnischen oder kubanischen oder griechischen; dass es auch deutsche Männer gibt, die Frauen mit schweren Koffern beim Tragen helfen und deren Mutter ihre Studentenbude scheuert; dass es auch Polen gibt, die Frauen nicht die Koffer in die Gepäckablage hieven und die ihre Wohnung selber putzen; dass es Kubaner gibt, die Frauen nicht hinterherpfeifen und deutsche Männer, die das tun; dass es also für jedes genannte Beispiel bestätigende und widersprüchliche Einzelfälle in jedem genannten Land gibt.

Ich weiß nicht, ob der Vorwurf eher den drei schreibenden Frauen zu machen ist, die vermutlich gebeten worden sind, doch einfach einmal aufzuschreiben, was sie denn für Eigenarten deutscher Männer ausgemacht hätten, ob der Vorwurf eher an die zuständige Redakteurin Simone Schmollack zu richten ist, an den verantwortlichen CvD oder die Chefredaktion: Aber dieser Artikel bietet nicht nur keine neuen, in irgendeiner Weise für irgendjemanden relevanten Erkenntnisse, sondern bedient darüber hinaus unreflektiert Klischees und zementiert, auf seine Weise, das Denken, wonach charakterliche Eigenarten auf die Biologie eines Menschen zurückzuführen sind. Und er führt diese Eigenarten nicht nur geschlechtsspezifisch auf das Mann-Sein zurück, sondern dazu auch noch auf das Deutsch-Sein oder Kubanisch-Sein. Er postuliert also eine kausale Verbindung zwischen Geschlecht und Ethnie sowie dem Charakter von Menschen.

Nun ist das nicht verboten: ich habe in einer Debatte über Geschlechterdifferenzen selbst schon gefordert, biodeterministische Argumentationen nicht per se abzukanzeln, solange die Wissenschaft sie nicht gut begründet widerlegt – auch wenn ich den Biodeterminismus nicht für plausibel halte. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Standpunkt weiter ausgeführt wird, dass der Rekurs auf die Biologie reflektiert und bewusst erfolgt und dass von diesen Annahmen ausgehend stringent argumentiert wird, unter Berücksichtigung aller Implikationen und Konsequenzen.
Allein: Der vorliegende Artikel lässt nichts davon erkennen. Vielmehr wiederholt er oft gehörte Stereotypen und ist auf eine so plumpe Weise unreflektiert, dass man ihn kaum als unnötig, aber harmlos ad acta legen kann.

Die vorliegenden Pauschalisierungen helfen nicht, die Rolle des Mannes hierzulande oder in einem der anderen Länder zu verstehen, weil sie, selbst wenn die Beschreibungen zuträfen, nicht wirklich nach dem warum fragen, und sie sind noch nicht einmal originell, überraschend, lustig oder brillant formuliert. Sie lassen jede kritische Distanzierung vermissen. Lewandowska formuliert zwar lapidar: „Das klingt jetzt sicher sehr klischeehaft und es sind auch nicht alle Männer gleich – weder die polnischen noch die deutschen“, doch geht auch diese Relativierung von der Annahme aus, dass zumindest Deutsche Deutsche und Polen Polen und Kubaner Kubaner und Männer Männer sind. Das ist freilich Unsinn. Was zum Beispiel ist ein in Polen geborener Hermaphrodit mit einem kubanischen Vater und einer griechischen Mutter, der/die seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland lebt?

Dass dem im Artikel transportierten unzeitgemäßen und simplifizierten Bild von klar abgrenzbaren Geschlechtern und Ethnien nicht widersprochen wird, ist nicht nur, aber auch in einer Sonderausgabe zum Thema Mann und nicht nur, aber auch für eine in Sachen Gender eigentlich profilierten Zeitung wie die taz enttäuschend.

Offenlegung: Ich habe schon in der taz veröffentlicht und halte sie generell für eine sehr lesenswerte Zeitung.

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*Ich gehe aufgrund des Textes einmal davon aus, dass die Frauen auch die Staatsbürgerschaft ihrer jeweiligen Herkunftsländern haben; möglich aber, dass es sich jeweils um kubanisch-, polnisch- und/oder griechischstämmige Deutsche handelt. Das spielt aber für die Bewertung des Artikels auch keine Rolle.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor: