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Berliner Zeitung will nicht Teil einer Zeitungskette sein

Dienstag, 25. August 2009 14:29

Die Berliner Zeitung reagiert in einem offenen Brief auf den Kurs des neuen Verlagshauses DuMont Schauberg. Offenbar existieren Pläne, die vorsehen, dass die Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung (BLZ) künftig von der Redaktion der Frankfurter Rundschau (FR) geliefert wird, die Medienseite beider Blätter im Gegenzug von der BLZ. „Syndication“ heißt dieses Verfahren hochtrabend und bedeutet, dass Inhalte mehrfach verwendet werden.
Geplant sind auch so genannte „Schreiber-Pools“ – z.B. für den Bereich Wirtschaft in der Bankenmetropole Frankfurt am Main und für den Bereich Politik in der Bundeshauptstadt Berlin -, die allen Blättern des Verlagshauses Texte zur Verfügung stellen. Die Entscheidung darüber, welche Inhalte letztlich ins Blatt kommen, hätten aber weiter die jeweiligen Chefredakteure, so Mediengruppenchef Konstantin Neven DuMont. Einen gemeinsamen Mantel werde es nicht geben. Solche gemeinsamen Mantelteile sind in Lokalzeitungen schon lange üblich.
Die Redaktion der BLZ fürchtet den Verlust von Eigenständigkeit und natürlich auch Stellen. Sie beruft sich auf ihr von DuMont akzeptiertes Redaktionsstatut, demzufolge die BLZ eine „Autorenzeitung mit Vollredaktion“ ist.

Zerstörung der Vielfalt oder die Zukunft?

Auf diese Pläne gibt es verschiedene Reaktionen.
Der Journalistenverband Freischreiber beklagt die Zerstörung der publizistischen Vielfalt und behauptet kühn: „Wir können es beweisen.“
Es folgt ein Vergleich der Wissenschaftsseiten der beiden Zeitungen, den Jakob Vicari im Rahmen seiner Diplomarbeit angestellt hatte. Die Schlussfolgerung: „Mit der Wissenschaftsseite der Berliner Zeitung geht nichts Doppeltes verloren, sondern ein Stück publizistischer Vielfalt.“

Anders sieht es der Medien-Dienst meedia. Der Autor Stefan Winterbauer schreibt bereits in der Einleitung, die Idee einer bundesweiten Zeitungskette sei nach wie vor eine gute.
Die Zusammenlegung der Ressorts Wissenschaft und Medien sei für FR und BLZ nur als „Fingerübung“ zu verstehen, immerhin seien diese Themen für beide Zeitungen nur Randthemen.
Was daran so schrecklich sei, wenn Artikel über Politik in Berlin verfasst würden und solche über Wirtschaft in Frankfurt.
„Mal im Ernst: Was spricht dagegen, dass in der “Berliner Zeitung” beispielsweise ein Artikel über die Opel-General-Motors-Verhandlungen erscheint, der in Frankfurt verfasst wurde? Im Zweifel wären die Frankfurter Kollegen näher am Geschehen, wo würde da die viel beschworene Qualität leiden?“

Ist medialer Einheitsbrei die Zukunft?

Natürlich spricht nichts dagegen, wenn in der Berliner Zeitung auch einmal ein Artikel erscheint, der in Frankfurt von Kollegen geschrieben wurde, die näher am Geschehen waren. So etwas wird ja auch in allen Medien von Freien Journalisten übernommen. Das Problem ist doch die schrittweise Zusammenführung, die völlig grundlos zwei eigenständige, angesehene Zeitungen langsam einander angleicht. Die Qualität würde insofern leiden, als die Sichtweise mindestens einer großen Zeitung wegfiele, wenn zwei oder mehrere auf ein und denselben Artikel zurückgreifen. Natürlich kann dieser eine Artikel herausragend sein, aber eine Medienlandschaft, die sich auf nur wenige monopolartige Publikationen verlässt, verliert mit der Meinungspluralität zwangsläufig auch gegenseitige Kontrolle und damit, zumindest in meinen Augen, auch an Qualität.
Und auf eine solche Zeitungslandschaft läuft die Praxis DuMonts, so sie Schule macht, hinaus – und so etwas fordert ja auch meedia. Es gebe zu den „Plänen, wie sie nun von den DuMonts diskutiert werden, keine Alternative. Denn nur durch Arbeitsteilung und Kooperationen der Redaktionen kann Qualität kostendeckend erhalten werden. Die Tageszeitungen, und manche Zeitschriften sicher auch, haben bei wegbrechenden Erlösen ein massives Kostenproblem. Online-Werbung oder Paid-Content im Internet werden das nicht auffangen können, es bleibt nur ein Weg: sparen.“

Das liest sich wie ein Abgesang auf die klassische Zeitungslandschaft. Aus Kostengründen werden Redaktionen zusammengeführt, die zusammen einheitliche deutschlandweite Zeitungen produzieren, mit einigen Variationen bei regionalen Themen vielleicht. Die Kontrolle und die Meinungsvielfalt müsste in einem solchen Szenario das Internet, müssten vor allem Blogs alleine gewährleisten.
Von allen Vorschlägen, wie die klassischen Medien mit den wegbrechenden Anzeigeneinnahmen und dem Internet als vermutliche kommendem Leitmedium umgehen könnten, ist das hier der hilfloseste: Noch verstärkt noch billigeren Einheitsbrei zu produzieren, weil alles andere zu teuer ist, ist sogar noch weniger visionär als die Hamburger Erklärung und ganz sicher keine Lösung.

Kurz überschlagen [1]:

Die Mediengruppe M. DuMont Schauberg ist u.a. Mehrheitseigner folgender deutscher Verlage und Tageszeitungen; die Auflage ist die des zweiten Quartals 2009:

  • Zeitungsgruppe Köln (Kölner-Stadtanzeiger, Kölnische Rundschau, Express): 559 481
  • Berliner Verlag (Berliner Zeitung, Hamburger Morgenpost, Berliner Kurier): 412 093
  • Frankfurter Rundschau: 165 169
  • Mitteldeutsche Zeitung: 227 448
  • Gesamt: 1 364 191

Die Bertelsmann AG ist Mehrheitseigner u.a. von Gruner + Jahr und damit von:

  • Stern: 973 730
  • Financial Times Deutschland: 109 929
  • Gesamt: 1 083 659

Die Axel-Springer AG ist Mehrheitseigner u.a. von:

  • BILD: 3 243 578
  • BILD am Sonntag: 1 692 306
  • Welt (inkl. Welt kompakt und Welt am Sonntag): 693 023
  • B.Z. (inkl. B.Z. am Sonntag): 194 466
  • Berliner Morgenpost: 145 946
  • Hamburger Abendblatt: 244 277
  • Gesamt: 6 213 596

Die Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH ist Mehrheitseigner u.a. von:

  • Zeit: 518 231
  • Handelsblatt: 147 799
  • Tagesspiegel: 141 972
  • Wirtschaftswoche: 201 737
  • Gesamt: 1 009 739

Die Südwestdeutsche Medienholding ist Mehrheitseigner u.a. von:

  • Süddeutsche Zeitung: 457 361
  • Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten: 218 390
  • Südwest Presse: 317 541
  • Die Rheinpfalz: 252 540
  • Frankenpost: 66 451 + Südthüringer Zeitung und Freies Wort: 113 652 + Neue Presse Coburg: 26 567
  • Schwarzwälder Bote: 137 272
  • Märkische Oderzeitung: 90 831
  • Gesamt: 1 680 605

Die Tageszeitungen der WAZ-Mediengruppe haben eine Gesamtauflage von 886 338.

Bei einer Gesamtauflage von 1 930 000 für Wochenzeitungen und 23 520 000 bei den Tageszeitungen (und wenn man den „Stern“ als „Wochenzeitschrift“ ausnimmt), kontrollieren alleine diese sechs Mediengruppen etwa 45% der Tages- und Wochenzeitungen in Deutschland. Die Angaben sind der IVW entnommen – und vermutlich fehlen noch einige Publikationen. Leicht ist es bei all den Ebenen von Verlagen nicht, den Überblick zu behalten.
Eine ungefähre Ahnung davon, wie (wenig) vielfältig eine Zeitungslandschaft mit mehreren bundesweiten Zeitungsketten aussehen würde, sollte man dennoch bekommen haben.


[1] Ich habe nur die wichtigsten Tages- und Wochenzeitungen aufgenommen.

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