Freitag, 13. November 2009 15:54
Ich habe gestern schon einige wenige Worte zu dem Thema verloren und hatte eigentlich vor, es dabei zu belassen. Der gestrige Bildblog-Beitrag – genauer, die kritisierte Morgenpost-Titelseite – lässt mich davon abrücken. Einige ergänzende Worte, weil ich nicht primär die Werbung so daneben finde:
Es macht mich wütend und enttäuscht und hilflos zugleich, wenn ich so einen Aufmacher sehe. Ich finde es widerlich, abstoßend, verachtenswert. Mag sogar sein, dass der Pressekodex derartiges erlaubt[1], ich weiß es gerade nicht.
Aber selbst wenn: Welches irgendwie geartete begründete Interesse hat irgendjemand in diesem Land an der Reaktion von Robert Enkes Witwe auf seinen Tod?
Wie es ihr in diesen Tagen geht, kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen – und um ehrlich zu sein: ich will es noch nicht einmal. Selbstverständlich trauert sie. Sie war seine Frau. Wie sie damit umgeht, ist allein ihre Sache und die ihrer Vertrauten. Völlig egal, wie sie das tut und egal, wie man es dreht und wendet: Daraus wird keine Nachricht. Punktum.
Natürlich, sie ist selbst an die Öffentlichkeit gegangen mit ihrer Pressekonferenz. Sie hätte das nicht tun müssen. Offensichtlich hatte sie dennoch Gründe, so zu handeln. Welcher Art diese Gründe sind, vermag ich nicht zu ermessen. Ja, ich habe Vermutungen, aber ich habe vor allem nicht zu spekulieren.
Ich weiß aber auf jeden Fall: Sie hat mit der Pressekonferenz dem begründeten Nachrichteninteresse der Allgemeinheit nicht nur ausreichend, sondern weit darüber hinaus Genüge getan. Alles, was irgendjemand zum Tod Robert Enkes wissen muss, ist damit gesagt.
Warum zum Teufel muss sie jetzt also immer noch auf irgendwelchen Titelseiten abgebildet werden?[2] Eine andere Antwort als „Der Verkaufszahlen wegen“ fällt mir nicht ein.
Dieses Ausschlachten des Leides durch das Stimulieren der Tränendrüse im Gewand der Anteilnahme ist an heuchlerischer Durchtriebenheit nicht zu überbieten.
So eine Titelseite ist nicht nur schlechter Journalismus, es ist Anti-Journalismus und es ist auch menschlich ein Offenbarungseid. Sogar schon ohne die unsägliche Werbe-Banderole.
Update 13.11.09, 17.59 Uhr: Eben erst das hier gesehen. Manchmal fällt es schon schwer, das selbst auferlegte Max-Liebermann-Zitatverbot einzuhalten. Dieses Beispiel ist sogar noch widerlicher, abstoßender und verachtenswerter als die oben kritisierte Titelseite. Unfassbar. Ich zitiere den Satz, der das Ganze so gut es geht auf den Punkt bringt:
Als ich bei N24 anrufe, den Sender, von dem ProSieben seine Nachrichten bezieht, versteht man erst meine Frage nach irgendwelchen Reaktionen auf die Ausstrahlung dieser Szene nicht. (Ich wollte nicht gleich fragen, ob der verantwortliche Chefredakteur noch im Amt ist.)
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[1] Nicht, dass sich irgendjemand daran hielte…
[2] Ich hoffe, die in der Hamburger Morgenpost war die einzige, habe aber keine Lust, dem nachzugehen.
Hinweis: Vermutlich wird irgendjemand kommen und mir vorwerfen, auch ich trüge mit dazu bei, das Thema weiter an der Öffentlichkeit zu halten. Das ist immer das Dilemma der Kritik. Dennoch scheint mir die Kritik am Medium hier einfach notwendig.