Beitrags-Archiv für die Kategory 'Standpunkt'

Gingrich im US-Wahlkampf: Kinder könnten für Geld in Schulen putzen

Mittwoch, 7. Dezember 2011 23:44

Wieder einmal ein Bonmot aus dem US-Vorwahlkampf.
Newt Gingrich, Institution in der Republican Party und aktueller Frontrunner für die Nominierung als Präsidentschaftskandidat 1 hält die aktuellen Gesetze gegen Kinderarbeit für “dumm” und schlägt vor, doch Kinder anstelle von gewerkschaftlich organisierten Hausmeistern2 die Schulen sauber halten zu lassen. Böden schrubben, Klos putzen, dafür zwei Dollar die Stunde – so könnten Kinder den Wert von Arbeit lernen, Geld verdienen und erhielten eine Chance, aufzusteigen (denn das Recht, sein Glück zu machen – to pursue happiness – ist für Gingrich für von Gott gegeben). Immerhin habe es zu seiner Zeit ein Programm gegeben, in dem Kinder für das Lesen von Büchern bezahlt wurden.

Kaum zieht Mr, 9-9-9-Cain seine Kandidatur zurück, kommt der nächste Frontrunner mit außergewöhnlichen Ideen um die Ecke…

  1. Nicht, dass das viel heißen würde.
  2. Es muss wohl irgendwie schlecht sein, sich gewerkschaftlich zu organisieren, wenn er extra darauf hinweist.

Thema: Standpunkt | Kommentare (0) | Autor:

Mohamed Bouazizi und der Werther-Effekt

Mittwoch, 30. November 2011 0:41

Zeit-Online hat aufgrund der Berichterstattung über den Selbsttötungsversuch eines Schiedsrichters kürzlich ein Interview zum Werther-Effekt veröffentlicht. Darin ruft der Medienpsychologe Benedikt Till Journalisten auf, gemäß schon lange existierender Richtlinien allenfalls zurückhaltend über Suizide zu berichten. Denn schon seit einigen Jahrzehnten ist der so genannte Werther-Effekt empirisch sehr robust belegt: Wird viel und grell über einen Suizid berichtet, steigt danach die Zahl der Selbsttötungen überzufällig an.
Daraus wird verantwortungsethisch der Appell an den Journalismus abgeleitet, eben sehr vorsichtig zu sein, wenn es um Selbsttötung geht.

Die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention besagen konkret:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, z.B.

  • [...] den Suizid als besonders „spektakulär“ hervorzuheben [...]
  • ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.
  • den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).
  • den Suizid romantisierend oder idealisierend darzustellen (”Im Tod mit seiner Liebsten vereint“).
  • die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden (z.B. ein bestimmtes Hochhaus, eine bestimmte Brücke) oder Orte zu erwähnen, an denen Suizide gehäuft vorkommen. [...]

Man darf diesen Hinweis sehr ernst nehmen, auch wenn Tills These, wonach es sich dabei „nicht nur um Menschen, die sich im Laufe des Jahres sowieso getötet hätten, sondern um zusätzliche Suizide“ handelt, nicht überprüft werden kann. Im Grunde spielt das Argument auch keine Rolle. Was zählt, ist der nicht zu leugnende statistische Zusammenhang: große Berichte, mehr Suizide.

Nun wirft diese Argumentation einige ganz grundsätzliche Fragen auf in Bezug auf die Anwendung des verantwortungsethischen Imperativs im journalistischen Alltag, auf die Möglichkeit der Kalkulation von Folgen, auf die Legitimität von klassischerweise als manipulativ bewerteten Techniken. Darum soll es hier aber nicht gehen. Zumal fürs erste das Vorgehen, bei Suiziden vorsichtiger zu berichten, auch mit dem gängigen Journalismusverständnis problemlos in Einklang zu bringen ist.

Auch Stefan Niggemeier hat sich gerade einmal mehr mit dem Werther-Effekt beschäftigt. Was mich in Bezug auf den Werther-Effekt schon seit einiger Zeit umtreibt – seit ich den Gedanken bei Stefan Niggemeier in den Kommentaren das erste Mal formuliert habe – ist ein ganz anderer prominenter Fall und die Frage, wie mit vergleichbaren Fällen umzugehen ist, wenn wir die Hinweise zur Suizidberichterstattung ernst nehmen wollen: Mohamed Bouazizi.

Bouazizi als Märtyrer der Freiheit

Dessen Selbstverbrennung wird nämlich im Grunde seit Beginn der Arabellionen als Beginn dieser Aufstände der Selbstermächtigung erzählt, als, um ein makaberes Bild zu wählen, der Funke, der die Proteste entzündete. Bouazizi wird in dieser Geschichte zum klassischen, sich selbst für ein höheres Ziel opfernden Helden, zum Märtyrer der Freiheit, dessen Selbstlosigkeit direkt zum Sturz der Diktatoren Ben Ali, Mubarak und Gaddafi führte. Vor einigen Wochen fand diese Erzählung ihren vorläufigen Höhepunkt in der Verleihung des Sacharow-Preises für geistige Freiheit, der jährlich vom Europäischen Parlament verliehen wird. Bouazizi wird damit eingeschrieben in eine Riege der großen und friedlichen Kämpfer für eine bessere, weil freiere Welt.

Die Geschichte vom arbeitslosen, aber findigen Akademiker, der trotz der Hürden, die ihm ein korruptes, die Wünsche der Menschen nach Arbeit, Freiheit und Sinn ignorierendes repressives System auferlegt hat, nicht aufsteckt, der seine Familie zu ernähren versteht – und der am Ende im Angesicht der Ungerechtigkeit des verhassten Systems seine eigene Würde und Unabhängigkeit behält und im Tod noch Sinn und Hoffnung auf eine bessere Welt stiftet, ja die Welt wirklich besser macht – diese Geschichte weist etliche Parallelen auf mit der Erzählung des Sterbens Jesu Christi, der für den Westen wohl wirkmächtigsten, mit am meisten Bedeutung aufgeladenen Befreiungserzählung.
Sie passte nebenbei auch noch wunderbar ins westliche Narrativ der Arabellionen als Demokratiebewegungen. Das dürfte auch ein wichtiger Grund sein dafür, dass die Geschichte sehr schnell genau so erzählt, dass genau die Verbrennung als Startpunkt der politischen Bewegung gewählt wurde und nicht ein beliebiges Ereignis vorher oder nachher.

Es existieren natürlich durchaus andere Deutungen – aber hegemonial ist die eben skizzierte. Nun ist ebendiese in höchstem Maße romantisierend, idealisierend und heroisierend; viel stärker, als es die Autoren der obigen Richtlinien für Suizidberichterstattung wohl im Sinn hatten. Sie schildert genau Ort und Art der Selbsttötung, die Familien- und Lebensgeschichte Bouazizis wurde detailliert rekonstruiert, Angehörige ausgefragt.

Nachahmer in der arabischen Welt und Serie an Selbstverbrennungen in Tibet

Schon kurz danach registrierte die Öffentlichkeit zahlreiche weitere Selbstverbrennungen überall in der arabischen Welt, von mindestens vierzehn war schon vor Monaten die Rede. Seit März – also nach Bouazizi – verbrannten sich außerdem in Tibet bereits elf Menschen, um gegen die chinesische Herrschaft zu protestieren, vermeldet die Tibet-Initiative. Die tibetische Exilregierung wählt die Verbrennungen bereits als Argument, um politische Unterstützung zu erbitten.

Nun ist die Selbst-Verbrennung als politische Handlung nicht erst jetzt entstanden. Das Time-Magazine liefert eine kurze Geschichte der politischen Selbst-Verbrennung, auch die englische Wikipedia mag einen ersten Eindruck vermitteln.

Ich habe ad hoc keine Angaben darüber gefunden, wie häufig Selbst-Verbrennungen weltweit durchschnittlich sind; aber fernab von jeder Statistik, von Häufungen und Signifikanzen, die ich nicht prüfen kann, scheint es belegt, dass die Verbrennung Bouazizis, die Konstruktion dieser Tat als heroische Freiheitsgeste und das damit einhergehende Medieninteresse einige Menschen animiert haben, es dem Freiheitskämpfer Bouazizi gleichzutun.

Wofür sind wir bereit, Nachahmungstaten in Kauf zu nehmen?

Trotzdem wurde sogar die Ehrung Bouazizis mit dem Sacharow-Preis kaum kritisch thematisiert. Rechtfertigt das hohe Ideal der Freiheit und der Demokratie, als dessen Fackelträger wir Bouazizi zeichnen – die (makabren) Metaphern bieten sich geradezu an, und vielleicht sind sie auch ein Grund dafür, dass gerade die Suizidmethode der Selbstverbrennung so mit Bedeutung aufgeladen werden konnte –, die Berichterstattung und die ihr folgenden Toten? Fast scheint es, als transzendiere die politische Bedeutung den Suizid, als würde er durch sie den profanen Sphären der Verzweiflung und der Depression entrissen, in denen man die Selbsttötungen hierzulande meist verortet. Anders gesagt: Während der Tod hier als unnötig, vermeidbar, unsinnig, schadhaft verstanden wird, gilt er dort, wenn nicht als nötig und unvermeidbar, so doch als verständlich und folgerichtig, als sinnhaft und nützlich.

Ich finde die geschilderten Beobachtungen, die Erzählung von Bouazizis Tod allein aus analytischer Perspektive hoch interessant. Aber müssen wir uns nicht darüber hinaus auch ganz praktisch fragen: Hat der Journalismus im Fall Bouazizi versagt? Hätte er anders berichten müssen, sensibler, zurückhaltender, weniger heroisierend? Lässt sich das in einem solchen Kontext überhaupt vermeiden? Bei Bouazizi, aber auch bei den tibetischen Nonnen oder beim Hungerstreik des kubanischen Gefangenen? Was ist noch von öffentlichem Interesse an so einem Fall, wenn man die politische Dimension ignoriert? Aber kann man andererseits etwa die Geschichte der Revolution in Tunesien vollständig erzählen ohne Bouazizi?
Wie ist der Balanceakt am besten anzugehen, wenn zu entscheiden ist zwischen der Berichterstattung über klassisch als relevant geltende (und, das antizipierend, natürlich nur deshalb als politische Handlung ausführbaren) politisch motivierte Selbsttötungen – und weiteren Toten durch Nachahmungen? Brauchen und wollen wir Richtlinien für die Berichterstattung über politische Selbsttötungen und wenn, können wir so etwas ersinnen?

Oder nehmen wir eine Häufung an Suiziden nach der Berichterstattung, nehmen wir Nachahmer hin, wenn die Chance zu bestehen scheint, dass ihre Selbsttötung einem höheren Zweck dient? Dann sollten wir darüber reden, welche Werte und Ideale wir dergestalt überhöhen. Das Problem des Zielkonflikts zwischen Information und Schutz wird sich nicht lösen oder aufheben lassen. Wohl aber reflektieren und debattieren.

Umso erstaunlicher und problematischer, dass das im Fall Bouazizi kaum geschehen ist.

Thema: Journalismus, Standpunkt | Kommentare (11) | Autor:

Lasst uns über die Krise reden – Entwurf einer Systematik der Krisen-Erzählungen

Freitag, 4. November 2011 17:15

Frank Schirrmacher scheint, einmal mehr, einen Nerv getroffen zu haben mit seiner Darstellung des angekündigten griechischen Referendums 1, die in dem Wunsch nach einer Volksabstimmung ein Aufbäumen des anthropomorphisierten Politischen erkennt, einen emanzipativen Akt des Widerstands gegen den herrschenden Ökonomismus. Schirrmachers Text dient als Diskursbrennstoff, befeuert ihn, ermöglicht ihn 2. Einen Machtkampf zwischen dem Politischen und dem Ökonomischen sieht er am Werk und erzählt die Krise damit entlang zweier klassischer Darstellungs- und Deutungsmuster.

Überforderung als Antrieb: Wie können wir über die Krise reden?

Seit Beginn dieser als Euro-Krise apostrophierten Geschehnisse versuche ich nun schon, zu verstehen, was eigentlich passiert. Ich habe meiner Überforderung mit dieser Aufgabe hier auch schon Ausdruck verliehen. Nun scheint mir der Wunsch, die Krise als reales Phänomen in all seinen Bestandteilen und in Gänze begreifen zu wollen, als mindestens überambitioniertes Unterfangen.

Dieser Tage erzählte mir eine Freundin, sie lese seit Wochen gar keine Nachrichten mehr, weil sie sich überfordert fühle von einer Welt, die nur noch mit dem Untergang ringe. Ich verstehe diesen Impuls. Aber ich vermute mittlerweile – und irgendwie hoffe ich es auch –, dass die Überforderung durch die Krise auch daraus resultiert, dass sich in der Diskussion der Krise verschiedene Krisen-Erzählungen vermischen, verweben, dass sie verschiedene Sinn-Angebote zur Verfügung stellen, die nicht oder nur teilweise miteinander in Einklang zu bringen sind.
Wer also die eine wahre Krisen-Deutung sucht, der muss in seinem Streben scheitern. Weil es nicht die eine Erzählung gibt, sondern mehrere, sich teilweise überlappende, teilweise ausschließende, teilweise quer zueinander liegende Erzählungen, aus denen unser Verständnis der Krise Sinn schöpft.

[...Weiterlesen...]

  1. Dass es jetzt schon wieder vom Tisch zu sein scheint, ist interessant, aber für die folgenden Gedanken unerheblich.
  2. Man muss nicht immer einer Meinung mit ihm sein, um anzuerkennen, dass Frank Schirrmacher im FAZ-Feuilleton genau das virtuos und oft gewinnbringend beherrscht.

Thema: Standpunkt | Kommentare (3) | Autor:

Diktatoren im Sommerschlussverkauf

Samstag, 15. Oktober 2011 11:36

Toll, diese Überschrift, die ich heute Morgen bei dradio.de las: “IWF: Arabischer Frühling kostete Länder 55 Milliarden Dollar“.

Was für ein schönes Fundstück, das kurz und bündig illustriert, wieso es eben nicht immer zielführend ist, in ökonomi(sti)schen Begriffen zu denken. Politische Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens lassen sich nämlich nur unzureichend in Begriffen von Kosten und Investitionen ausdrücken.
Müsste der IWF nicht eigentlich auch ausrechnen, wie viel die Aufstände und Regierungswechsel (von einem Regimewechsel wollen wir einmal noch nicht sprechen) etwa Tunesien und Ägypten an Ertrag eingebracht haben – oder noch einbringen werden, falls der Regimewechsel gelingen sollte?
Viel Erfolg dabei. 1

Ich kann Frank Lübberding schon verstehen.

  1. Wobei, 55 Milliarden, um drei Diktatoren loszuwerden. Das sind gerade einmal etwas mehr als 18 Milliarden pro Diktator – ein Schnäppchen. Man rechne nur einmal: 750 Milliarden garantierte Kredite kann der EFSF derzeit zur Verfügung stellen. Das sind 40 Diktatoren. Noch einmal: toll! Und wie viel kostet es eigentlich, zu verhindern, dass eine Demokratie abgleitet?

Thema: Standpunkt | Kommentare (0) | Autor:

Zögern bei Staaten, kein Zögern bei Banken

Freitag, 7. Oktober 2011 0:21

„Nicht zögern“ will Angela Merkel damit, Banken zu rekapitalisieren – im Jargon der letzten Monate: zu retten –, sollten sie sich nicht mehr selbst am Kapitalmarkt versorgen können. Und zwar deshalb, weil die Schäden, täte es die von ihr regierte Bundesrepublik nicht, noch größer wären.

Es ist mir eigentlich zu einfach, immer nur auf die Banken zu schimpfen, wie heute in der von mir geschätzten Sendung Quer im BR einmal mehr geschehen; obwohl viel richtig ist an der Kritik: sich nicht mehr finanzierende Banken jetzt einfach pleite gehen zu lassen, mutet nicht an wie eine wirklich durchdachte Lösung. Und klar, man kann schon ins Grübeln geraten und zu zweifeln beginnen, ob es eine für die Mehrheit der Menschen akzeptable Lösung gibt für die Probleme einer Währungsunion, die keine koordinierte Wirtschafts- und Finanzpolitik macht und auf absehbare Zeit auch nicht in der Lage dazu sein wird, deren Mitglieder hohe Staatsschulden haben, weshalb eine weitere Verschuldung weder vermittelbar noch nachhaltig wäre, die gleichzeitig aber mit Austeritätsprogrammen sich selber zugrunde zu richten drohen.

Aber: Warum, bitte, hat Angela Merkel noch nie verkündet, sie werde keine Sekunde zögern, einen Eurostaat zu unterstützen, falls er in Zahlungsschwierigkeiten geraten sollte? Warum wurde die erste Garantie für Griechenland herausgezögert, warum denken Teile der Koalition nach wie vor öffentlich über Insolvenzen oder neuerdings auch Resolvenzen von Mitgliedern nach oder über einen Austritt aus der Eurozone? Warum heißt es immer nur, gut, wir garantieren noch diese Summe, dann werden sich die Märkte sicher beruhigt haben und wir müssen nicht weiter darüber nachdenken, was passiert, wenn nicht?

Ich weiß nicht, was passierte, würden die Staats- und Regierungschefs, ihre Finanz- und Wirtschaftsminister und Zentralbanker des EZBS deklamieren: Wir werden es nicht hinnehmen, dass einer unserer Mitgliedsstaaten zahlungsunfähig wird; dieser Fall ist nicht denkbar, er wird nicht eintreten, weil wir ihn ohne zu zögern und ohne Kompromisse verhindern werden.

Vielleicht würde es nichts nützen. Vielleicht nützt es jetzt nichts mehr, wäre aber vor einigen Monaten noch der Königsweg gewesen. Keine Ahnung.

Nur: Wenn sie versuchen, Banken um jeden Preis zu retten, auch im Falle einer Zahlungsunfähigkeit eines Staates, da scheint mir Mark Schieritz’ Argumentation überzeugend und seine Metapher treffend, schießen die Staaten auf ein bewegliches Ziel und gehen den falschen Weg. Anders und wie bei FT Alphaville gelesen gesagt 1: „Put bluntly there’s no amount of capital that will protect the region’s banks against a multi sovereign default. In fact, they probably wouldn’t survive an Italian default, reckons Gary Jenkins of Evolution Securities.“

Ich glaube zu verstehen, warum, gegeben das existierende Wirtschafts- und Finanzsystem mit seiner Funktionslogik, Banken gerettet werden mussten und eventuell künftig wieder müssen, will man den Status Quo weitgehend erhalten.
Ich verstehe aber absolut nicht mehr, warum jetzt Banken eine bedingungslose Garantie bekommen, während die wichtigsten politischen Akteure der Euro-Staaten nicht in der Lage sind, sich ebenso demonstrativ couragiert voreinander zu stellen.

  1. via Mark Schieritz im Herdentrieb

Thema: Innenpolitik, Standpunkt | Kommentare (1) | Autor:

Europäischer Bewusstseinsstrom

Freitag, 5. August 2011 17:33

Vorhin bei Surfen fielen mir in wenigen Minuten drei Texte auf. In letzter Zeit mache ich mir ohnehin noch mehr Gedanken um Europa als sonst. Ich habe einfahc mal versucht, einige davon aufzuschreiben. Stringenz ist optional.

Börsencrash? Angst vor einem neuen schwarzen Freitag? Die Aktienindizes in Berlin, Mailand, Paris, London, Tokio, New York verlieren, etwa drei Prozent. Deutschland, Spanien und Frankreichs Regierungschefs wollen sich abstimmen. Staatsanleihen von Spanien und Italien werden teurer.
Wurde gerade wieder einmal ein Staat „auf Ramsch herabgestuft“?

Im Verfassungsblog die Aufforderung: Zieht die Handschuhe aus, packt endlich härter zu, lasst Orban in Ungarn nicht machen, was er will. Der neuste Streich: Vertreter der sozialistischen Vorgängerregierungen sollen vor Gericht gebracht werden, weil sie den Staat verschuldet haben. Falls die existierenden Gesetze keine Bestrafung hergeben, müssten eben neue Gesetze her. Keine Strafe ohne Gesetz? Egal!
Was, fragt Max Steinbeis, unterscheidet Orban eigentlich noch von früheren Diktatoren?

Bei Zeit-Online: Redakteur besucht Leser, der sich in Kommentaren über das korrupte und unfähige Politiker- und EU-Pack auslässt. Will ergründen, woher diese Wut kommt. “Ich werde von Idioten regiert – das ist das Problem”. Von „Verbrechern“. Das sagt der Leser. Und findet, „dass man die Politiker besser kontrollieren müsse. Er würde sogar so weit gehen, dass diese für Fehlentscheidungen bestraft werden könnten. M. [der Leser] sagt, dass er von mehr Fachleuten in der Politik träumt, von “Teams”, die objektiv beste Entscheidungen treffen, nicht politisch opportune.“

Politiker für Fehlentscheidungen bestrafen und die objektiv beste Entscheidung finden – das klingt frappierend nach Orbans Plänen.
Orbans Politik ist eine des Machens, des Handels; sie behauptet, Ausdruck des Volkswillens zu sein, eins zu sein mit ihm; es ist eine alte Erzählung, am einflussreichsten erzählt von Jean Jacques Rouuseau mit seinem volonte general: Das Volk als Entität hat einen bestimmbaren Willen und die Aufgabe der Politik als Gemeinwesen ist es, diesen Willen umzusetzen. In dieser Erzählung gibt es dann das wirklich Gute, das Richtige, den einen Weg, die eine „objektiv richtige“ Entscheidung. Und wer anders handelt, verrät das Volk, ist ein „politischer Verbrecher“, muss vor Gericht.

Dagegen steht die etablierte repräsentative Demokratie, die den einheitlichen Volkswillen bestreitete und stattdessen von einer Vielzahl von Wünschen, Werten und Interessen ausgeht. Ihre Politik ist ein immerwährendes Ringen, wahlweise Ergebnis eines Markts der Wünsche, der Durchsetzung bestimmter Interessengruppen, eines Diskurses um das beste Argument oder einer gesellschaftlichen Aushandlung mit Abstrichen und Kompromissen. Diese Politik reagiert auf das, was zur Zeit nervöse Märkte heißt, erst einmal mit Telefonaten und Absprachen. Was wollt ihr, was wollt ihr, was können wir tun, bekommen wir das durch?

So versucht sie, ein System zu stabilisieren, das zu verstehen einem Nicht-Volkswirt völlig unmöglich ist und in dem gerade wieder die Börsen absacken, warum auch immer. Ein System, in dem um Bonds geht und um das AAA und das BB+ von Ratingagenturen, die die Kreditwürdigkeit eines Staates bewerten; in dem es auf die Staatsschuld gemessen am BIP ankommt – und dann wieder doch nicht, denn Japan funktioniert immer noch, irgendwie; in dem Deflation, die Aufwertung des Geldes, eine ähnlich große Gefahr zu sein scheint, wie die Geldentwertung, die Inflation; in dem angeblich Menschen über ihre Verhältnisse gelebt haben und jetzt die Zeche zahlen müssen, während es Deutschland plötzlich wieder gut geht, obwohl es das einzige EU-Land war, in dem die Löhne real gesunken sind; in dem aber Deutschlands Reallohnsenkungen der vergangenen Jahre verantwortlich dafür sind, dass Deutschland wettbewerbsfähig geblieben ist, auf Kosten der Länder mit einer negativen Außenhandelsbilanz; in dem Exportweltmeisterschaft gut ist, aber eben auch schlecht; in dem Kredite aufgenommen werden, um Zinsen zu bedienen, nicht Schulden abzubauen; in dem es sinnvoll sein kann, Geld für irgendwelche Autobahnen und Brücken auszugeben, einfach nur, damit es zirkuliert; in dem die Vereinigten Staaten knapp an einer politisch entschiedenen Zahlungsunfähigkeit vorbeigeschrammt sind, wobei nicht klar ist, was es bedeuten würde für die Weltwirtschaft, wenn das Land der Leitwährung plötzlich zahlungsunfähig sein sollte; in der Banken den Staat beleihen, dann Pleite gehen, too big to fail sind, vom Staat gerettet werden, etwa indem sie „faule“ Papiere in eine Bad Bank auslagern, um dann als Gläubiger von Pleitestaaten in Erscheinung zu treten; in dem die Europäische Zentralbank Staatsanleihen von solchen Staaten vom Markt nimmt, um diejenigen Staaten vor der Pleite zu bewahren, die ihrerseits die EZB im Falle einer Pleite rekapitalisieren müssten; in dem davon gesprochen wird, der Euro könne kollabieren oder zusammenbrechen – Metahpern, die ungeeignet sind, wirklich begreifbar zu machen, was wirklich ablaufen würde, wäre es soweit.
Ein System, das völlig virtuell und von dem, was man Realwirtschaft nennt, abgekoppelt zu sein scheint, das jetzt aber durch ganz konkrete Sparmaßnahmen (Steuererhöhungen, Abbau von Stellen im öffentlichen Dienst, Senkung der Staatsausgaben) wieder, ja, was eigentlich? Ins Lot gebracht werden soll? In welches Lot eigentlich? Ein System, in dem es fatal sein kann, zu sparen, in dem aber nicht nicht gespart werden kann, weil bei aller Virtualität zumindest der Glauben erhalten bleiben muss, dass nicht einfach beliebig Geld erschaffen, verliehen und vermehrt werden kann, auch wenn genau das zu passieren scheint.

Ich versuche seit Beginn der Krise irgendwann Ende 2008, dieses System einigermaßen zu verstehen, und auch wenn ich deutlich mehr verstehe als vorher, fürchte ich, verstehe ich doch nichts. Und so geht es eigentlich allen in dem akademischen und tendenziell politisch interessierten Milieu, in dem ich mich bewege.

“Die Ohnmacht macht auf Dauer wütend”, sagt der Leser aus dem Zeit-Artikel und meint die zumindest wahrgenommene Unmöglichkeit, nicht in politische Entscheidungen eingreifen zu können.
Der Redakteur ergänzt:

„Er hat das Gefühl, dass er viel zu wenig nach seiner Meinung gefragt wird. “Es ist wie in einem Zug, bei dem die Zugführer betrunken sind und bald einen Unfall bauen werden. Bei dem die Türen verschlossen sind, und man nicht raus kann”, sagt M. Nicht anders, vielleicht noch schlimmer, sei es mit der Politik in Brüssel.“

Und:

„Je länger man mit M. spricht, desto mehr versteht man, dass er überhaupt kein Außenseiter ist. Eigentlich ist er ziemlicher Mainstream, einer von uns. Er wählt Grün – so wie inzwischen viele Deutsche. Es geht ihm nicht sonderlich schlecht, er hat Arbeit, mehrere Autos – so geht es den meisten Deutschen auch. Irgendwie aber ist da das Gefühl, dass etwas ganz gewaltig schief läuft. Dass die Wirtschaftskrise alles wegschwemmen wird. Dass die Politik die Sache nicht mehr im Griff hat.“

Vermutlich ist es wirklich so. Dieser Leser ist kein Außenseiter. Vermutlich geht es vielen so, dass sie dieses undurchschaubare Finanz- und Wirtschaftssystem sehen, das so lange akzeptabel war, wie es irgendwie funktionierte und zumindest uns im Westen Wohlstand brachte, das jetzt aber permanent die Gefahr zu bergen scheint, dass es mit diesem Wohlstand zu Ende gehen könnte. Und sie sehen ein politisches System, das laviert, mäandert, mal dieses sagt und jenes tut, dann wieder jenes sagt und dieses tut und das immer wieder verspricht, jetzt werde alles stabilisiert, um dann einige Zeit später feststellen zu müssen, dass jetzt wieder Staatsanleihen als Ramsch gelten oder die Arbeitslosigkeit steigt.

Diese Politik will endlich wieder Herr der Lage werden, aber auch wenn sie es nicht expressis verbis erklärt, wird doch klar, dass sie eben nicht weiß, welche Maßnahmen nötig wären. Und ja, auch das, die sich nicht einig ist, was es bedeuten würde, wieder Herr der Lage zu sein.
Peer Steinbrück hat in einem Interview mit weissgarnix-Bloggern neulich gesagt, es fehle eine zeitgemäße Erzählung von Europa. Europa seien eben Gurkenkrümmungsgrad und Glühbirnenverbot, bürokratischer Moloch und Postengschacher in Brüssel, wobei gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden kann, dass die gesamte Europäische Kommission, immerhin vielleicht wichtigste Institution eines politischen Systems, in dem etwa 500 Millionen Menschen leben, weniger Beamte beschäftigt als die Stadt München; und die gesamte EU weniger als München und Köln zusammen. Mittlerweile wird Europa noch erzählt im Kontext von Euro-Krise und milliardenschweren Rettungspaketen, die wohl irgendwie geschnürt werden.
Es fehlt wirklich an einer Erzählung, in der Europa mehr ist als dieses Lebensprojekt alter Männer, dieses bürokratische Monstrum; und dieses diffuse Etwas, das unzureichend demokratisch legitimiert ist, auch weil etwa die Landtage, die sukzessive gestärkt werden, mit den neuen Kompetenzen eher überfordert sind.

Wie aber könnte eine solche Erzählung aussehen? Und: Warum sollten wir sie erzählen wollen?

Bei weissgarnix kommentierte ein Leser sinngemäß, wenn man wegkommen wolle vom Nationalstaat, könne man sich auch gleich global orientieren, da bedürfe es nicht des Zwischenschritts Europa. Und irgendwie hat er natürlich recht. Was zeichnet Europa aus, das es erstrebenswerter macht als einerseits den Nationalstaat und andererseits eine globale Gesellschaft? Der Hinweis, das sei eben illusorisch, Europa könne dagegen funktionieren, ist womöglich zutreffend, in seinem nüchternen Pragmatismus aber kaum tauglich, eine identitätsstiftende Erzählung zu begründen.

Hin und wieder frage ich mich ja selbst, wieso ich eigentlich die EU so toll finde, es so vehement fordere und verteidige und jedem weiteren Integrationsschritt erst einmal wohlwollend gegenüberstehe. Ich war nur einmal in einem Land jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs, auch wenn ich das unbedingt ändern will. Ich weiß über Bulgarien, Rumänien, Polen, Litauen, Estland und Lettland eigentlich genauso viel wie über Japan, Ägypten oder Brasilien. Wenn ich mit Menschen aus anderen Ländern zusammenkomme, stelle ich immer wieder fest, dass die nicht existierende gemeinsame Sprache ein immenses Hindernis ist, selbst wenn alle passabel Englisch sprechen; wer, wie ich, Sprache nicht für ein Werkzeug zur Beschreibung der Welt da draußen hält, sondern für das, was mehr als alles andere bestimmt, wie wir Denken, Handeln, unsere Welt wahrnehmen respektive erschaffen, der kommt nicht umhin, dieses Sprachproblem ernst zu nehmen. Wenn ich eine gewisse Tiefe in der Unterhaltung nicht erreichen, wenn ich nicht durch bestimme Arten des Humors kommunizieren kann, dann kann ich, stelle ich fest, nur schwer eine Beziehung aufbauen zu anderen Menschen.

Europa als Konstrukt verbindet mich also mit Millionen von Menschen, von denen ich absolut nichts weiß, und mit denen ich auch dann nur schwer eine tiefere Beziehung aufbauen könnte, wenn wir zusammenträfen.

Vielleicht, frage ich mich manchmal, erwächst das Gefühl, Europäer sein zu wollen, genauso aus dem Wunsch, irgendwo einen Bezugspunkt zu haben, den man Heimat nennen könnte, wie der gewöhnliche Patriotismus. Ich gehöre zu einer Generation und einem Milieu, dem es eher fremd ist, sich irgendwo niederzulassen und dort zu bleiben. In meinem Umfeld ist es Usus, sich über Städte auszutauschen: Warst du schon in Paris, ich fand Belgrad beeindrucken, also Zürich gibt mir gar nichts, ich kenne keine pulsierendere Stadt als London. Dass man Stadtteile, Straßen und Plätze in Berlin kennt, wird vorausgesetzt. Dass man dort einmal pro Jahr aufschlägt, ist normal. Einen Beruf werden viele von uns vielleicht ebenfalls in Berlin finden oder in Hamburg oder in Frankfurt oder in München oder in London, oder mal hier und mal dort. Städte oder Bundesländer taugen in dieser Welt nicht als Identifikationsobjekt. Europa dagegen, das ist ein größerer Rahmen. In Europa werde ich, werden wir wohl bleiben, irgendwo. Wenn Europäer zu sein, meine Identität ausmacht, dann fällt mir dieses Leben leichter.

Ich bin mir also gar nicht sicher, ob die Frage aus dem FAZ-Interview den Kern trifft:

„Aber wenn diese historische Erinnerung für junge Leute nur noch Schulbuchwissen ist und auch der Systemkonflikt weggefallen ist – wo sind dann noch die semantischen Ressourcen, um ihnen europäische Identität zu vermitteln?“

Zumindest habe ich nicht den Eindruck, dass es speziell die Jungen sind, die sich nicht mit Europa identifizieren. Diejenigen, die mit Englisch als Zweitsprache aufgewachsen sind, nichts als Reisefreiheit kennen, Auslandsaufenthalten kaum aus dem Weg gehen können, die mobil und flexibel zu sein gelernt haben, diejenigen, das wäre jedenfalls meine These, finden diese semantischen Ressourcen, um daraus europäische Identität zu formen. Auch wenn das nur auf eine bestimmte Gruppe zutrifft.

Wer aber einer anderen Generation oder einem anderen Milieu angehört, was bedeutet es für ihn und sie, Europäer zu sein? Warum sollte es ihm und ihr etwas bedeuten? Warum sollten er und sie nicht schimpfen über die Griechen, die ihr hart verdientes Steuergeld in den Rachen geschoben bekommen? Welche semantischen Ressourcen könnten hier genutzt werden?
Steinbrück: „Sozialstaatlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, Freizügigkeit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit. Die Tatsache, dass nachts kein Staatssicherheitsdienst mehr an der Tür klingelt – das ist die Erzählung, die neu gefunden werden muss.“

Rechtsstaatlichkeit: Etwa die Rechtsstaatlichkeit, die dafür sorgt, dass auch Kindervergewaltiger und Massenmörder einen fairen Prozess bekommen, und derentwegen Verbrecher aus der Sicherungsverwahrung entlassen werden?
Man kann, wie es Lukas Heinser tut, einen Kommentar wie diesen für dumm halten (ich finde ihn eher gefährlich): „Doch selbst wenn Magnus Gäfgen nach der neuerlichen Entscheidung endlich Ruhe geben sollte: Das Urteil des Frankfurter Landgerichts reiht sich ein in eine beunruhigende Serie von Richter-Entscheidungen “im Namen des Volkes”, die zwar Recht darstellen mögen, aber von diesem Volk zu großen Teilen nicht verstanden werden. Sei es im Fall der Sicherungsverwahrung von Sexualstraftätern, bei Entscheidungen, Jungkriminelle nicht in Untersuchungshaft zu nehmen oder eben bei den Rechten, die auch einem Kindsmörder zugestanden werden müssen.“
Zumindest der Schlusssatz ist allerdings wahr, wenngleich ich hin vermutlich anders verstehe, als der Autor ihn verstanden wissen wollte: „Eine Rechtsprechung, die nur Juristen nachvollziehen können, bewegt sich auf unheilvollem Weg.“

Ich kenne eine Reihe von Menschen, die sich selbst als links, liberal, tolerant und demokratisch beschreiben würden, aber ein Problem damit hätten, wenn eine Moschee in ihrer Stadt oder ihrem Dorf gebaut würde; die es intuitiv erst einmal nicht verstünden, wenn ein Gericht bei Burka- und Minarett-Verboten auf die Religionsfreiheit verwiese. Oder die, von wegen Sozialstaat, finden, dass es schon stimmte, dass diese Arbeitslosen es zu leicht hätten.
Freizügigkeit? Wir kennen mindestens eine Studie, die uns sagt, dass eine solide Hälfte der Bevölkerung in verschiedenen EU-Staaten meint, es gebe zu viele Zuwanderer im Land und die seien eine Belastung für die Sozialsysteme.

Derselben Studie zufolge stimmen zwischen einem Drittel und zwei Drittel der Menschen zu, dass es das Beste wäre, es gäbe einen starken Mann1 an der Spitze, der sich weder um Parlament noch Wahlen schert.
Das steht zwar im völligen Gegensatz zu der gefühlten Ohnmacht des Zeit-Lesers – ist möglicherweise aber gar nicht so paradox, wie es zunächst scheint. Aus dem Wunsch – und der porträtierte Kommentator verkörpert hier, meinem Eindruck nach, in Kommentatsträngen eher die Regel denn die Ausnahme –, es möge die objektiv richtige Entscheidung getroffen werden, spricht auch die Bereitschaft, diese richtige Entscheidung dann anzuerkennen, wie auch immer sie zustande gekommen ist. Sie ist ja richtig. Damit will ich diesem Leser nicht unterstellen, er wünsche sich ein autoritäres System; das formulierte Unbehagen bildet gesamtgesellschaftlich aber einen Nährboden für autoritäre Ideen.

Ob Viktor Orban Recht hat, wenn er behauptet, Ungarn sei bei der Lösung von Problemen immer „einen Schritt voraus”2 und man werde künftig viele Länder sehen, die Ungarn nacheifern, bleibt abzuwarten; er schließt aber genau diese Lücke, löst das geschilderte Paradoxon auf: Er ist der starke Mann an der Spitze, der sich nicht um die Verfassung schert, nicht um Rechtsstaatlichkeit oder demokratische Kontrolle; dem es aber gleichzeitig über die Inszenierung als Retter der Nation, als Verkörperung des Volkswillens zumindest noch gelingt, die Ohnmacht als unbegründet darzustellen: Wenn er den einheitlichen Volkswillen in Politik umsetzt, muss man auch die einzelnen Menschen nicht mehr nach ihren Wünschen fragen, wie oben gefordert, denn welchen Willen als den Volkswillen könnten sie haben?

Ich glaube ja nicht, dass sich Geschichte wirklich wiederholt. Wohl aber, dass wir aus ihr lernen können. In der Zwischenkriegszeit finden wir ganz ähnliche Muster, wenngleich viele Phänomene heute (noch) schwächer sind als damals: Der erstarkende Nationalismus, der sich, damals wie heute, in einer Reihe von Bewegungen manifestierte, die teilweise extrem rechts, teilweise aber auch politische Hybride waren, weder rechts noch links (die so genannten Rechtspopulisten treten auf als Verteidiger von Frauenrechten, als Israelfreunde und Demokraten). Das Gefühl, dass das liberale demokratische System versagt habe, um sich selbst kreise (und um seine Tabus, die es zu brechen gilt) nicht in der Lage sei, wirklich Politik für die Menschen zu machen. Die Ablehnung des Zögerns und Zauderns und Kompromissfindens und die Glorifizierung der Aktion. Durch die Weltwirtschaftskrise verschärfte Zukunftsangst, gepaart mit Gegenwartsverdruss. Steigende Arbeitslosigkeit, eine perspektivische Jugend, eine sich wirtschaftlich, politisch (heute: Verlust von Einfluss durch Globalisierung) und kulturell (heute: durch den Islam) ihrer Orientierung ungewiss werdende und von Bedeutungsverlust bedrohte Mittelschicht. Der Eindruck, das Wirtschaftssystem laufe aus dem Ruder und die Verfahren der demokratischen Entscheidungsfindung seien nicht in der Lage, die Krise zu beherrschen.

In den 1920ern galt vielen Mussolinis Regime mit seiner korporativistischen Wirtschaft als Lösung und der Duce als Bewältiger der Krise. Ein solcher Gegenentwurf zur liberalen rechtsstaatlichen Demokratie ist heute glücklicherweise noch nicht in Sicht.

Womöglich ist es zu viel der Ehre für Viktor Orban, in seinem Versuch der Autoritarisierung Ungarns ein funktionales Äquivalent zu Mussolinis Faschismus zu sehen. Womöglich aber auch nicht. Und: Letztlich war der Faschismus damals in den meisten Staaten ein Randphänomen, hat aber dazu beigetragen hat, den Diskurs zu verschieben und den Aufstieg nicht-faschistischer Autoritarismen zu beschleunigen. So war die Folge auf die aufgezählten Unzufriedenheiten mit dem Status Quo eher ein Zeitalter der rechten autoritären Systeme, nicht unbedingt des radikaleren Faschismus.
Damals war es zwar keine hinreichende, aber eine notwendige Bedingung für den Erhalt demokratischer Systeme, dass die Eliten sich irgendwann demonstrativ gegen den Faschismus gestellt haben, und zwar bevor andere Kräfte (etwa das Militär) diese Aufgabe übernahmen.
Europas Tatenlosigkeit – zumindest die wahrgenommene Tatenlosigkeit – gegenüber Orban ist aus dieser Perspektive hochproblematisch.
Europas Repräsentanten, Europas Medien, Europas Bürger: Zieht endlich die Samthandschuhe aus und zeigt Viktor Orban und seiner Clique, dass es so nicht – Max Steinbeis’ Plädoyer unterstütze ich.

Auch das löst das Problem nicht. Steinbrück hat schon Recht: Wollen wir die Europäische Union erhalten, braucht es eine neue Erzählung. Und die EU braucht mehr Input-Legitimation – dieser Gedanke ist so alt wie die EU; aber unverändert aktuell; entweder müssen wirklich, wie es seit einigen Jahren versucht wird, die (sub)nationalen Parlamente in die Lage versetzt werden, zu agieren und das auch zu kommunizieren; oder es muss doch auf der supranationalen Ebene passieren. Das wird Zeit brauchen.

Bis dahin muss die EU zeigen, dass sie wünschenswerte und vermittelbare Politikergebnisse hervorbringen und die Mitwirkungsmöglichkeiten auf nationaler Ebene sogar bewahren kann und nicht schädigt – zum Beispiel dadurch, dass sie verhindert, dass ein Mitgliedsstaat mit großen Schritten weg von der Demokratie hin zu einem autoritären System eilt.
Wartet sie damit zu lange, könnten nationalistische Tendenzen, die Orban gezielt befeuert, irgendwann zu stark werden und der Widerstand gegen Einmischung in nationale Angelegenheiten zu groß werden. Dann hätte sie versagt.
So könnte der Umgang mit Ungarns zum Lackmustest für die Entwicklung der EU werden.

Ich weiß nicht genau, warum, aber ich hätte gerne, dass sie sich erweitert und vertieft – und nicht scheitert.

  1. Interessant, übrigens, dass es „Mann heißt“. Eine Kontrolle über dieselbe Frage mit „Frau“ mit geteilter Stichrpobe wäre spannend gewesen
  2. Quelle der Europa-Heute-Beitrag im dlf „Orbans Ungarn: Demokratie als Auslaufmodell?” von Andreas Meyer-Feist, den ich gerade nicht mehr online finde

Thema: Standpunkt | Kommentare (1) | Autor:

Ein lauter Schrei nach? – Einfach nur ein lauter Schrei

Dienstag, 19. Juli 2011 23:24

Michael Stepper hat bei Philibuster den offenen Brief von Daniel Stahl an die Verleger kommentiert – in Form eines offenen Briefs an die lieben jungen Journalisten. Ich bin vermutlich einer der Angesprochenen, denn ich habe den offenen Brief neulich unterzeichnet. Obwohl ich manches anders formuliert hätte, übrigens.
Mittlerweile habe ich Steppers Brief dreimal gelesen und bin unverändert überzeugt, dass er sich in zwei Fehlschlüssen verheddert und damit am Ende nichts sagt, zumindest nichts mit Substanz. Eigentlich hatte ich keine Lust auf so ein Replikduell, weil es erfahrungsgemäß ziemlich anstrengend werden kann. Aber der Text wird so fleißig verbreitet1, dass ich nicht anders konnte. Wenn offenbar alle gut finden, was dort steht, muss ja irgendwer den Kritiker mimen.

[...Weiterlesen...]

  1. unter anderem von Thomas Knüwer, Bildblog, Mario Sixtus und von Online-Journalismus.de verlinkt, vom DJV Mecklenburg-Vorpormmern für „lesenswert“ befunden, gefällt Jens Weinreich wie 125 anderen bei Facebook

Thema: Journalismus, Standpunkt | Kommentare (0) | Autor:

“Nie wieder Malaria” – Tagesschau.de über Homöopathen in Afrika

Donnerstag, 2. Juni 2011 15:16

Keine chemischen Keulen, ein ganzheitlicher Ansatz, sehr gute Arbeit, und ein Mann, der von Malaria geheilt wird: Ein Artikel auf tagesschau.de erzählt von der Arbeit der Homöopathen ohne Grenzen in Sierra Leone. Vergeblich sucht man nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

[... Den Artikel lesen ...]

Thema: Journalismus, Medienkritik, Standpunkt | Kommentare (73) | Autor:

Alexander Alvaro fordert: Zeigt Gesicht, ihr Denunzianten!

Dienstag, 17. Mai 2011 22:53

Alexander Alvaro (FDP) gehört nicht nur zu den bekannteren Abgeordneten des Europäischen Parlaments, er bezieht in Fragen, die Freiheitsrechte auch im Internet betreffen, für gewöhnlich eine im Wortsinne liberale Position. Jetzt aber, da das weitgehend anonyme Netzwerk von VroniPlag nicht nur Silvana Koch-Mehrin des Plagiierens bei ihrer Doktorarbeit überführt zu haben scheint, sondern auch Vorwürfe gegen Dr. Jorgo Chatzimarkakis erhebt, da wird ihm das Netz zum Gräuel:

“Wer andere öffentlich an den Pranger stellt und vorverurteilt, muss dies mit offenem Visier tun. […] Wenn VroniPlag an echter seriöser Aufklärung interessiert ist und nicht nur die öffentliche Vorverurteilung von Menschen zum Ziel hat, muss die Plattform mit offenen Karten spielen.” Transparenz gelte nicht nur für Politiker, sondern auch für die, die Politiker anklagen.

So zitieren ihn unter anderem euractiv und die afp. Und mehr als das, Alvaro fürchte, so ist zu lesen, dass sich das Denunziantentum aus dem Schutze der Anonymität des Internets heraus anscheinend zum gesellschaftlich akzeptierten Sport entwickle.

Und im Übrigen sei auffallend, dass „vornehmlich Doktorarbeiten von Politikern der CDU/CSU und FDP [...] im Visier der selbsternannten Plagiatsjäger [sind], wobei die Aktivisten sich nicht an den eigenen Ansprüchen transparenter Arbeit messen lassen wollen”.

GuttenPlag und VroniPlag als Netzwerk beinahe feiger, sich hinter einem Pseudonym verschanzender Denunzianten mit einer klaren politischen Agenda – das Grimme Institut sieht das bekanntlich< anders. Alvaro verrennt sich hier auf zweierlei Weise in seiner aggressiven Verteidigung der ParteifreundInnen: [...Weiterlesen...]

Thema: Standpunkt | Kommentare (1) | Autor:

Die Konstruktion des Bösen: finstere Tage für den Humanismus

Mittwoch, 4. Mai 2011 23:04

In Ergänzung zu meinem Artikel von vorhin: Ursprünglich hatte ich einen Verweis auf die Bild-Schlagzeile “Die letzten Stunden des Teufels” eingebaut, dann aber den Link nicht gefunden. Via Bildblog stoße ich nun wieder darauf. Bild also bezeichnete bin Laden offen als “Teufel”. Und, wenig verwunderlich, das Blatt in Person seines Hauptstadtbüroleiters Nicolaus Blome verteidigt die Tötung ohne Prozess vehement. Blome schreibt:

“In seinem Namen wurde eine ganze Religion, der Islam, zum Synonym für Intoleranz und Gewalt gemacht. In seinem Namen wurden nicht nur Karikaturen-Zeichner mit dem Tod bedroht, sondern eine ganze Art zu leben. Unsere Art zu leben.

So muss man sich wohl das Böse vorstellen.”

Diese Art von Konstruktion eines Menschen als Inkarnation des Bösen, als damit rechtloses, nicht menschliches Etwas, für das auch keine Menschenrechte mehr zu gelten haben, ist es, der Obama Vorschub geleistet hat – genauso wie Angela Merkel übrigens, die sich gleichwohl etwas von ihrer Aussage, sie freue sich über bin Ladens Tod, distanziert hat. Für sie gilt die Kritik an Obama analog.
In der Bild überrascht diese Sichtweise nicht vollständig, sie ist dort nicht neu; dass sich nun auch Politiker an dieser diskursiven Konstruktion des Anderen, Dunklen, Bösen, Feindlichen beteiligen, die bisher als Verfechter der Demokratie und des mit ihr verknüpften Rechtsstaatsprinzips aufgefallen sind, hat dagegen eine neue Qualität.

Jeder Mensch hat Rechte, die unter keinen Umständen verfallen können – diese Idee durchzog und formte den westlichen Diskurs der letzten Jahrzehnte und wurde so gestärkt. Gerade sehen wir die Bereitschaft, Ausnahmen von dieser Idee zu machen, sich zu verabschieden von der Idee der Gerechtigkeit durch Gleichbehandlung von Gleichen, durch ritualisierte Prozesse – im doppelten Wortsinne. In dem Moment, in dem sich eine Gesellschaft davon verabschiedet, öffnet sie sich der Willkür. Der Umgang mit Handlungen von Menschen folgt dann nicht mehr festen Regeln, sondern ist abhängig von der aktuellen diskursiven Konstruktion des Schlechten, des Bösen, des schlechthin Anderen. Das kann heute bin Laden sein, in der Zukunft aber auch jedes andere Individuum, jede andere Volksgruppe, jede andere Interessengemeinschaft, jede andere Weltanschauung.

So abgedroschen der Satz klingen mag, hier gilt er doch: Wehret den Anfängen. Sonst droht schnell die Westerwellesche schiefe Ebene. Die Tage nach bin Ladens Tod sind finstere Tage für den Humanismus.

Thema: Standpunkt | Kommentare (0) | Autor: