Beitrags-Archiv für die Kategory 'Medienkritik'

Die Medien und Robert Enkes Tod

Mittwoch, 11. November 2009 15:19

Gerade eben wollte ich einen Artikel darüber anfangen, wie sehr mich große Teile der, sagen wir einmal Berichterstattung über Robert Enkes Tod anwidern. Jetzt sehe ich, dass Stefan Niggemeier soeben genau das getan hat – mit Verweis auf Dirk Gieselmann von den 11Freunden, der ebenfalls genau das getan hat.
Bitte lesen!

Neben den Beispielen, die Stefan Niggemeier erwähnt, gäbe es dann beispielsweise ein Video bei Süddeutsche.de, das wohl so etwas wie die tiefe Trauer unter den Fans zeigen soll, aber sich eigentlich fernab jeden Informationsgehalts in Voyeurismus ergeht. Oder natürlich bei Bild.de Text, Fotos, Überschrift, Video inklusive Fotos vom Ort des Geschehens und Kommentarspalte, die betitelt ist mit: “Robert Enke ist tot: Drücken Sie hier Ihr Beileid aus!” Oder die Meldung bei web.de, die groß Enkes Witwe abbildet.
Dass Johannes B. Kerner heute Abend offenbar eine Sondersendung zu dem Thema ausstrahlt, passt da dann erschütternd gut ins Bild.
Und ich habe nicht alle Newsseiten durchforstet.
Zu diesen Texten: Bitte nicht lesen!*
Zu dieser Sendung: Bitte nicht ansehen!

Danke.
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*Deshalb auch, wider meine Prinzipien, keine Links. Wer suchet der findet – oder fragt in den Kommentaren an.
Aber: Bitte nicht suchen!

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor:

Nachtrag: Bild, Wikipedia und der mysteriöse Panther

Mittwoch, 11. November 2009 13:57

Der Panther-Beitrag liefert wieder einmal ein schönes Beispiel, wie man bei der Bild mit Fehlern umgeht.
Das Video ist aus dem Beitrag – der sich allerdings inhaltlich nach wie vor darauf bezieht – verschwunden.
Und noch etwas fehlt: Nämlich jeder Hinweis auf die Änderung.
Jetzt findet ein Leser eben nur noch den reißerischen Text, der so anfängt:

Unheimlich schleicht die schwarze Silhouette durch die Wälder. Das große, muskulöse Tier reißt Schafe, verbreitet Angst bei den Menschen. Schon auf den ersten Blick ist klar: Dieses Tier ist keine normale Katze.

Davon, dass das große, muskulöse und Schafe reißende Tier eine kleine, vermutlich flauschige und eher Mäusen jagende Hauskatze ist, kann sich der Leser allerdings nicht mehr überzeugen. Dreist.

Der fehlerhafte und von Wikipedia kopierte Infotext findet sich dagegen immer noch unter dem anderen Panther-Artikel.

Via Mikaela in den Kommentaren

Thema: Medienkritik | Kommentare (0) | Autor:

Bild, Wikipedia und der myteriöse Panther*

Montag, 9. November 2009 22:17

Der Bildblog hat heute berichtet, wie Bild über den Panther berichtet, der angeblich Belgien und mittlerweile auch Deutschland unsicher macht.
Dass es die Bild mit gutem Journalismus nicht so hat, ist bekannt. Dass sie es auch mit Katzen nicht so hat, wusste ich bisher nicht. In diesem Beitrag beweist sie beides.

Zunächst einmal der Infotext:

„Der Schwarze Panther (Panthera pardus) ist eine Leopardenart, die besonders häufig in Höhenlagen und im Regenwald auftritt. Er ist in Afrika und Asien weit verbreitet. Panther werden 90 bis 190 cm lang, den 60 bis 110 cm langen Schwanz nicht mitgerechnet. Männliche Panther wiegen 40 bis 90 Kilo, haben eine Schulterhöhe von 70 bis 80 cm. Weibchen sind etwa halb so groß, wiegen nur 30 bis 60 Kilo

Normalerweise müsste ich ja jetzt beinahe Angst haben, dass die Bild mich abmahnen lässt – denn immerhin zitiere ich den ganzen Absatz. So etwas kann heutzutage ja schnell ins Auge gehen. Allein: Texte der Wikipedia sind für gewöhnlich frei kopierbar [1]. Das wusste offensichtlich auch die Bild…

Das allein ist schon peinlich genug. Richtig schlimm wird es aber, wenn wie hier die einzige Information, die selbstständig hinzugefügt wurde, falsch ist.
Der Panther ist nämlich keineswegs eine Leopardenart. Er ist überhaupt keine Art und damit ist sein Artname auch nicht panthera pardus.
Panthera pardus ist vielmehr der wissenschaftliche Name für den Leopard. Der sieht für gewöhnlich so aus – ist aber eben auch nicht selten schwarz. Diese melanistischen Exemplare werden im Volksmund Panther genannt, sind und bleiben aber ganz normale Leoparden.
Dasselbe trifft außerdem auf melanistische Jaguare (panthera onca) zu.

Überhaupt gibt es auch keine Leopardenarten, denn der Leopard ist eine eigene Art (panthera pardus) innerhalb der Gattung panthera. Eine Art ist definiert als eine Fortpflanzungsgemeinschaft. Alle Individuen einer Art können also miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen. So wie schwarze Leoparden und alle anderen Leoparden oder wie schwarze Jaguare und alle anderen Jaguare.
Allenfalls gibt es Leoparden-Unterarten (auch Subspezies genannt), wobei die Unterteilung einer Art in verschiedene Unterarten höchst umstritten ist, weil niemand so recht weiß, anhand welcher Kriterien diese Einteilung vorgenommen wird. Deshalb ändert sich die Zahl der Unterarten einer Art auch häufiger einmal. Aber, wie auch immer: Der Panther ist noch nicht einmal eine Unterart des Leoparden (oder des Jaguars).
All das kann man, wenn man es nicht weiß, auch in der Wikipedia nachlesen. Aber sogar so viel Eigenrecherche war dann wohl zu viel.

Aber es geht ja noch weiter. In dem zugehörigen Video nämlich. Die Sprecherin fragt gleich zu Beginn:
„Was hätten Sie getan, wenn Ihnen beim Spazierengehen der hier über den Weg gelaufen wäre?“

Möchte sie das wirklich wissen? Wenn ja: Ich hätte ihn (oder sie) gestreichelt.
Denn offenbar trifft zu, was sie im nächsten Satz sagt: „Bisschen schwierig zu erkennen.“ Nur ihre Schlussfolgerung stimmt nicht: „Das ist ein Panther“.
Nein, ist es nicht. Es ist, vermutlich, felis silvestris, die Hauskatze.
Zwar schreibt Bild.de unter dem Video noch einmal: „Schon auf den ersten Blick ist klar: Dieses Tier ist keine normale Katze.“ Das macht die Behauptung aber nicht wahrer.

Ich bin nun kein Biologe oder ein Experte für Großkatzen. Aber selbst wenn man keine Ahnung von den Proportionen einer Hauskatze und eines Leoparden/Jaguars hat: Die Tatsache, dass das Tier über den Grünstreifen in der Mitte des Weges springt, sowie das Größenverhältnis zwischen Weg und Tier lassen jeden, der schon einmal einen Feldweg und eine Hauskatze gesehen hat, begründet vermuten, dass es sich hier um genau so eine Hauskatze handelt.
Auf keinen Fall ist irgendwie gesichert, dass das Video einen Panther zeigt.

Was den Leiter des Euregiozoos Aachen, Wolfram Graf-Rudolf, dazu veranlasst hat, im Video zu behaupten, das Tier sei womöglich oder vermutlich ein Panther, verrät er mir hoffentlich per Mail. Falls ja, werde ich hier updaten.

Update, 10.02.09, 11.30 Uhr: Wolfram Graf-Rudolf hat sich soeben bei mir gemeldet. Die Aussage, “das könnte einer [ein Panther] sein”, habe er unter der Prämisse getroffen, dass der fragliche Weg eine Breite von 10,20 Meter aufweist. Dieser Wert sei ihm von einem Journalistenteam – nicht der Bild, er meinte unverbindlich WDR – versichert worden.
Auf Basis dieser Vorannahme könne man eine Hauskatze ausschließen und lande zwangsläufig bei einer Großkatze.
Ist der Weg allerdings schmaler, wie man zunächst wohl vermutet, wäre man wieder bei einer Hauskaze. Eine Einschätzung über die Frage “Leopard oder Jaguar” könne er aufgrund der schlechten Bildqualität nicht geben.
Damit steht und fällt das Ganze mit der Breite des Weges.

Ich selbst bleibe nach wie vor bei der Hauskatze.[2] Erstens ist mir noch kein 10,20 Meter breiter Feldweg unter gekommen, zweitens deuten Proportionen und Bewegungsablauf für mich weiter auf eine Hauskatze hin.

Kleine Info am Rande: Die Bild meldet, nun komme ein Panther-Hunter zum Einsatz. Darauf hat mich Graf-Rudolf auch hingewiesen. Er hält das Unterfangen aber für wenig erfolgversprechend, immerhin müsse man mit einem Narkosegewehr auf etwa 30 Meter an das Tier heran. Denkbar schwierig, bei einem Tier, von dem man nicht weiß, wo es sich aufhält – und eigentlich noch nicht einmal, ob es überhaupt existiert.

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[1] Weil ich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht wurde, formuliere ich es sauberer: Die Texte sind natürlich nicht uneingeschränkt frei kopierbar, sondern stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Eine Verwertung ist erlaubt, solange der Autor (in diesem Fall eher die Quelle: Wikipedia) genannt wird und das Werk unter gleichen Bedingungen weitergegeben wird. (Da könnte es bei der Bild schwierig werden, denn deren kopierter Text steht sicher nicht unter cc…)
[2] Also, im übertragenen Sinne.

Thema: Medienkritik | Kommentare (20) | Autor:

Im Westen viele Fehler

Mittwoch, 4. November 2009 16:04

DerWesten hat ein Interview mit Waldemar Hartmann geführt. Darin erzählt er, warum er Sportjournalist geworden ist; außerdem spricht er über sein Kabarett-Programm. Das alles ist nicht so richtig spektakulär, allerdings kommt beim Lesen die Frage auf, was genau der zuständige Redakteur beim Redigieren eigentlich gemacht hat. Redigiert hat er jedenfalls nicht.
Dass versucht wurde, Hartmanns Dialekt auch in der Transkription Rechnung zu tragen, ist in Ordnung. Dass sehr sehr viele Sätze mit „und“ beginnen und viele Sätze eher abgehackt klingen, liegt vielleicht an Hartmann selbst und daran, dass die Redaktion nicht so viel am Originaltext verändern wollte. Geschenkt.
Aber so viele Fehler sollten in einem redigierten Text nun wirklich nicht zu finden sein.

Der [Rudi Völler, Anm. von bwg.de] ist ja damals auf Dellinger und Netzer losgegangen.

Der Name ist falsch geschrieben: Delling.

Das war wie ne Situation wie die, als das Tor in Madrid beim BVB-Spiel umgefallen ist.

Ein Wort („wie”) ist zu viel.

Aber ich schon auch so’n paar Sendungen, die ein bisschen mehr waren als ein normales Interview.

Es fehlt ein Verb.

Wir haben damals 40 Minuten überzogen, weil alle begannt vor dem Fernseher saßen, auch die Sendeleitung.

Ein Wort ist völlig falsch geschrieben.

Und dann auch so manches Gespräch, das ich mit Hoeness geführt habe. Das waren schon immer welches, wo es schon gefunkt hat.

Der Name ist falsch geschrieben (Hoeneß) und eine furchtbar falsche Relativsatz-Konstruktion.

Sie haben ein Buch veröffentlich „Born to be Waldi”.

Es fehlt je ein Buchstabe und ein Satzzeichen.

Die Idee ist entstanden, als ich mich mit Frank Elstner vor eineinhalb Jahren nach einer Sendung zusammengesessen bin. Wir haben über alte Geschichten gesprochen. Und der Unterhaltungschef des Südwestfunks sagte damals, Sie müssen Ihre Geschichten mal alle aufschreiben. Und Frank sagte: Ne, Du musst sie erzählen. Das war so mal der erste Gedanke. Und dann hat mir Harald Schmidt bei der Olympiade in Peking da gleiche sagt.

Ein Wort („mich”) ist zu viel, es fehlen zweimal Anführungszeichen und es fehlt ein Buchstabe.

Und das sind ne ganze Menge an Geschichten…

Die Verbform ist falsch, denn eine Menge „ist”.

Den [Stefan Reuter, Anm. von bwg.de] kannte ich ja noch als 17-Jährigen, als er beim Club in die Bundesliga gekommen ist. Und besucht mich heute noch bei Geburtstagsfeiern oder bei meiner Hochzeit.

Es fehlt ein Wort, genauer das Subjekt.

Doch habe ich auch zu den handelnden Personen einen Draht. Josef Schneck.

Ein Name steht nach einem Punkt als eigener Satz. Hier fehlen so einige Satzteile.

Zu Watzke habe ich weniger Kontakt. Kloppo natürlich auch. Über die Zeit, etwa auch Jürgen Kohler, Thomas Helmer. Meistens die, die von Bayern zum BVB gekommen sind.

Ein Verb fehlt – und dadurch wird der Bezug unklar: Hat Kloppo nun zu Watzke wenig Kontakt oder zu Hartmann? Der folgende Satz ist völlig fehlkonstruiert,

Und da hab ich dann auch meine Maul zu weit aufgerissen.

Ein Buchstabe ist überschüssig.

Hier kommen sie, weil sie mich sehen wollen, zahlen und wollen nicht irgendein Sportevent.

Dieser Satz ist ebenfalls völlig fehlkonstruiert.

Weihnachten werde ich dann feststellen: Schaffe ich das? Oder ist es mir – auch physisch – zu heavy? Dann sage ich, wir treten kürzer.

Auch hier sind die Bezüge seltsam: Hartmann sagt, er werde feststellen „ob” es ihm zu viel ist, wobei er feststellen müsste, „dass” es zu viel ist – oder eben nicht. Und dann wird „er” feststellen, dass „sie” (Wer?) kürzer treten.

Wie so etwas passieren kann, ist ein Rätsel. Zumal es sich um eine Vielzahl von verschiedenen Fehlern handelt, die nicht alle mit Tippfehlern erklärbar sind.
Aber wenigstens in einer Sache kann man beim Westen sicher sein: An einer abgeschriebenen dpa-Meldung liegt es nicht…

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via bildblog

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Selbstkritische Umfrage des ZDF

Montag, 21. September 2009 1:01

Das ZDF hat eben eine Zusammenfassung des Formats “Erst fragen, dann wählen” (#efdw), in der Menschen über das Internet mit den Spitzenkandidaten diskutieren konnten, ausgestrahlt. “Erst fragen, dann wählen” enstand in Zusammenarbeit mit meinVZ und Zeit-online und ist so etwas wie der Versuch, das Fernsehen mit dem Internet und Wahlkampf mit den Wählern zu verbinden – allerdings lief sie in voller Länge nicht im ZDF, sondern nur im ZDF-Infokanal.
Die Resonanz im Internet ist eher positiv.
Das hat jetzt auch das ZDF herausgefunden, und zwar in einer total objektiven und differenzierten Umfrage bei twtpoll, in der die Menschen um ihre Meinung zu EWDF gebeten wurden.
screenshot: ZDF-Umfrage zu
Man hatte also die Wahl zwischen:

1) einem Lob
2) einem Lob
3) einem Lob
4) zwar keinem Lob, aber auch keiner Kritik

Das nennt man dann wohl eine ergebnisoffene, selbstkritische und auf Verbesserung ausgelegte Umfrage.

Kleine Anmerkung zum Schluss: Die einzige Partei, die ihren Spitzenkandidat nicht schickte, war – die CDU. Wahlkmapftaktisch sicher kein geschickter Schachzug der Kanzlerin, sich den Wählern nicht zu stellen.

Thema: Medienkritik, Wahlkampf | Kommentare (1) | Autor:

Der FT zu Gast bei Freunden – Monika-Hohlmeier-Porträt

Montag, 24. August 2009 22:32

Der Fränkische Tag (FT), die in einer Auflage von etwa 70.000 Exemplaren erscheinende Lokalzeitung mit quasi-monopolartiger Stellung im Großraum Bamberg, ist nicht eben berühmt für kritischen Journalismus. Weniger charmant formuliert: hier wird gelegentlich Hofjournalismus betrieben.
Dass der FT nicht die SZ ist und nicht der Spiegel und nicht in regelmäßiger Folge politische Skandale aufdecken kann, versteht sich von selbst. Das kann, das darf man nicht erwarten.
Allerdings gibt sich der FT im lokaljournalistischen Alltag zumeist noch nicht einmal Mühe, eine kritische Grundhaltung einzunehmen.
Einen negativen Höhepunkt stellt das am 14.08.09 auf Seite 3 erschienene „Porträt“ der einstigen bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier dar. Es ist ein haarsträubend anbiedernder Text, der eins zu eins aus der Feder von Hohlmeiers PR-Abteilung stammen könnte und quasi keine für ein Porträt relevante Information enthält.

Dabei verlief Hohlmeiers politische Karriere durchaus turbulent: Im Jahr 2004 war die damalige Kultusministerin und Münchner CSU-Chefin über die Münchner Wahlfälschungsaffäre gestolpert und von ihren Ämtern zurückgetreten. Auch der Versuch, 2008 bei der Landtagswahl ein Mandat zu erringen, war gescheitert. Hohlmeiers politische Karriere schien beendet. Kurz vor der Europawahl 2009 aber gab die Tochter von Franz Josef Strauß ihren Umzug von Oberbayern nach Oberfranken bekannt – vom oberfränkischen Listenplatz eins aus startete sie prompt ihre Rückkehr in die Politik. Nicht wenige kritisierten dieses Vorgehen und so wurde die Tochter von Franz Josef Strauß in ihrer Wahlheimat nicht gerade begeistert empfangen.

All das hätte man schreiben können.
All das war für den Fränkischen Tag aber kein Thema. Genauso wenig übrigens, wie Hohlmeiers politische Ziele oder ihre Arbeit in Straßburg und Brüssel.
Stattdessen sprach FT-Redakteur Matthias Einwag mit ihr darüber „wie sie sich in Franken eingelebt hat.“

Und so erfährt man aus dem Artikel unter anderem, dass sie „mediterranes Gemüse und Kronfleisch“ mag, dass sie „Lebensfreude“ ausstrahlt, „heiter und gelöst“ wirkt und eine „rote Hose“ und ein „weißes Shirt“ trägt – was beides ebenso wie die „rot-weiße Himbeersahnetorte“ zeigt, dass Monika Hohlmeier „offenbar in Franken angekommen“ ist.
Es folgen die üblichen warmen Worte (Die Menschen in ihrem Wohnort Bad Staffelstein seien „herzlich, nett, unkompliziert und überhaupt unberührt von negativen Meldungen“), gefolgt von der kleinen sympathischen Unvollkommenheit, denn obwohl ihr Haus noch nicht bezugsfertig ist, habe „Monika Hohlmeier […] offenbar kein Problem damit, diese Übergangszeit in einer Ferienwohnung zu verbringen“.
Außerdem betont der Artikel die harte Arbeit Hohlmeiers – „44 Wochen sei sie in Brüssel und Straßburg, nur knapp acht Wochen dürfe sie nach Hause“ – und ihre Volksnähe: Weil die Angler so gerne „ratschen“, betreibe sie „Jogging mit Unterbrechungen“.
Ihre Rollen als Ehefrau eines Mannes, der sich anfangs so gar nicht wohl fühlte in der Öffentlichkeit an der Seite einer so prominenten Frau und als sorgende Mutter von Kindern, die ja zum Glück „anders aufwachsen dürfen“ als die während des deutschen Herbstes permanent unter Personenschutz stehende Hohlmeier selbst, kommen auch nicht zu kurz.
Schließlich darf sich Monika Hohlmeier noch unwidersprochen und unkommentiert über „unwahre Veröffentlichungen“ über ihren Vater in „Stern und Spiegel“ ärgern, über jene „Form des Journalismus, der ein festes Bild von Franz Josef Strauß gemauert hat“ und der seit seinem Tod angeblich noch „verbissener“ gegen ihn kämpft.
Und wer dann noch nicht überzeugt davon ist, dass Monika Hohlmeier einfach nur nett, bodenständig und patent ist und sich so richtig pudelwohl fühlt im schönen Franken, wo es die Bratwürste gibt, die sie genauso liebt wie Karl Theodor zu Guttenberg, der bekommt dann noch den Holzhammer in Form einer 16-teiligen Bildergalerie auf den Kopf. (Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass die Bilder 5 und 13, 8 und 14, 2 und 15 sowie 7 und 16 jeweils die gleichen sind.)
Die Bilder zeigen ausnahmslos Monika Hohlmeier im Porträt und sind beispielsweise untertitelt mit „Monika Hohlmeier bereitete für unseren Redakteur extra einen Kuchen vor“ oder „Und wenn die Wäsche dreckig ist, wird natürlich auch im Hause Hohlmeier gewaschen.“
Als Sahnehäubchen sei noch das im Artikel gebotene Video empfohlen.
Man darf annehmen, dass die Frage „So, und das ist jetzt also italienischer Kaff, äh, Espresso?“ die kritischste Frage ist, die Monika Hohlmeier an diesem Tag gestellt wurde.


update, 28.08.09: Auch der Blog baminfo hat sich des Artikels angenommen.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor:

Journalistin regt Kastration von Kinderschändern an

Montag, 24. August 2009 22:27

Es gibt Momente, in denen ist man nur noch konsterniert. Dann, wenn Verwunderung schon nicht einmal mehr am Horizont erkennbar ist, man Erstaunen meilenweit hinter sich gelassen, Empörung zweimal überrundet hat und selbst Wut vor Erschöpfung keuchend am Boden liegt. Momente, in denen man den Kopf in den Händen versenkt und nicht weiß, ob man lieber sich selbst oder die ganze Restwelt irgendwo in einem dunklen Loch in einer dunklen Höhle vergraben möchte.
Einen solchen Moment erlebte ich, als ich drüben im lawblog auf einen „Standpunkt“ von Isolde Stöcker-Gietl stieß, den sie in der „Mittelbayerischen Zeitung“ verfasst hat. Ich vermute, dass die Dame Journalistin ist, immerhin schreibt sie für eine Zeitung und hat auch ein schön großes Foto bekommen, das neben dem Artikel prangt.[1] Sicher bin ich allerdings nicht.

Isolde Stöcker-Gietl schrieb also darüber, dass Sexualstraftäter zu gering bestraft würden.
Sie beginnt mit: „Sexueller Missbrauch an einem Kind – das ist der Albtraum aller Eltern.“
Man könnte jetzt, ganz kleinkariert, ergänzen, dass der Albtraum „aller“ Eltern eher der sexuelle Missbrauch[2] am eigenen Kind und nicht an einem Kinde so generell ist, aber gut. Lassen wir das.
Nach diesem Einstieg fällt bald die erste folgenschwere Behauptung, die ein Hinweis darauf ist, was noch kommt: „Geht der Fall vor Gericht, peinigt der Täter sein Opfer gleich noch mal. Denn in der Regel kommt er mit einer milden Strafe davon.“
Das ist natürlich Unsinn, denn der Täter peinigt dadurch, dass er eine milde Strafe bekommt, niemanden. Allenfalls peinigt der Umstand, dass der Täter eine milde Strafe bekommen hat, das Opfer. Hier implizit ein aktives Handeln zu unterstellen, ist entweder unbedacht oder perfide – ich nehme jedoch stark an, dass es sich nicht um einen sprachlichen Lapsus handelt, sondern um pure Absicht. Damit wird der Täter nämlich erst richtig dämonisiert, geradezu entmenschlicht. Nicht einmal nach seiner schrecklichen Tat, das unterstellt dieser Satz, lässt er sein Opfer in Ruhe, nein, er will mehr und immer mehr. Diese Darstellung ist gefährlich.
Ich weiß, dass Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergreifen, vulgo Kinderschänder, gemeinhin als das Schrecklichste angesehen werden, was die Menschheit je hervorgebracht hat[3]. Diese Ansicht kann man teilen; ich meine aber, dass es auch reicht, so eine Tat abscheulich, abstoßend und verurteilenswert zu finden. Ich glaube nicht, dass es gut ist, immer im Superlativ zu sprechen, wenn es um dieses Thema geht. Da ist Kindesmissbrauch dann schnell das „abscheulichste Verbrechen“ überhaupt und zwar immer und in jedem Fall. Abstufungen, etwa zwischen Berührungen und tatsächlicher Vergewaltigung, werden nicht gemacht. Nein, jeder Sexualstraftäter ist ein Monster, entfernt sich, wie oben erwähnt, von seinem Wesen als Mensch. Dieser Geisteshaltung leistet Isolde Stöcker-Gietl mit dem obigen Satz Vorschub und diese Geisteshaltung ist es auch, die allein folgende Passage erklären kann. Die Autorin weist auf einen Sexualstraftäter aus Regenburg hin, der sich freiwillig hatte kastrieren lassen, um seinen Triebe in den Griff zu bekommen [4]. Und dann sagt sie:

„[…] doch wie wäre es, wenn eine Entmannung auch gerichtlich angeordnet werden könnte? Sicherlich eine radikale Forderung. Aber es geht schließlich um unsere Kinder. Für ihren Schutz sollte uns jedes Mittel recht sein.“ [Hervorhebungen von mir]

“Jedes Mittel“ sollte uns recht sein. Jedes Mittel. Jedes. Mittel.
“Jedes Mittel” schließt ein: Folter, Mord, präventive Kastration, Sippenhaft. Egal. Es geht ja um Kinderschutz.
Es ist eine Forderung, den Rechtsstaat abzuschaffen und ein Plädoyer für ein Rechtsempfinden und –system, das wir lange überwunden zu haben glaubten. Es ist die Aufforderung, das Grundgesetz und die EU-Menschenrechtscharta und die UN-Menschenrechtscharta ins Altpapier zu befördern, denn: Kann denn mal jemand an die Kinder denken!

Eine solche Forderung aus dem Munde einer Journalistin ist unfassbar. Sie lässt mich vollständig konsterniert zurück – egal, ob Isolde Stöcker-Gietl nun bewusst war, was sie da schreibt, oder ob es schiere Gedankenlosigkeit war. Ich weiß ja noch nicht einmal, was ich schlimmer fände.
(Bliebe noch anzumerken, dass in der Gedankenwelt von Isolde Stöcker-Gietl offenbar Kinderschänder immer männlich sind. Warum auch immer. Aber eigentlich wage ich kaum, darauf hinzuweisen, weil ich Angst habe, dass sie für weibliche Straftäter ähnlich schockierende Pläne in der Schublade haben könnte).

Und hier noch als kleine Gedächtnisstütze für Isolde Stöcker-Gietl und andere, die gerne „Hängt ihn höher!“ brüllen oder brüllen würden. Und ja, all das gilt auch für Kinderschänder:

Grundgesetz
Art. 1 GG: (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Art. 2 GG: (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

EU-Menschenrechtserklärung
Präambel:„In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.“

Artikel II-61: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen.

Artikel II-63: (2) Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit.

UN-Menschenrechtscharta
Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

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Zeillos verwirrt

Montag, 24. August 2009 22:14

In der Samstags- und Sonntagsausgabe des Fränkischen Tages vom 14./15.08.09 bat Redakteur Martin Utz den bayerischen Wirtschaftsminister, Martin Zeil (FDP), zum Interview, dem eine halbe Seite eingeräumt wurde.
Zeil ist gerade unterwegs auf einer „Bratwursttour durch Oberfranken“. Vielleicht, weil es auch bei der anstehenden Wahl um die Wurst geht oder weil es einfach super volksnah und bodenständig wirken soll. Wie auch immer.
Das Interview beginnt so:

FT: „Ist diese Wahlkampf-Bartwurst-Tour nicht schlecht für die Gesundheit?“
MZ: „Gar nicht! Sie enthalten ja wertvolle Ingredienzien. Und ich habe mit der Bratwursttour vor der Landtagswahl den Grundstein für den Erfolg gelegt.“

Martin Zeil hat also, das zumindest steht in diesem Absatz, behauptet, Namensvetter Utz enthalte wertvolle Ingredienzien. Interessant.[1]
Nach diesem furiosen Einstieg leitet Utz kurz darauf zu den „ernsten Themen“ über.

FT: „Zeigt Ihnen der Fall Quelle, dass der Staat nicht alles richten kann?“

Einmal davon abgesehen, dass die Frage unsinnig ist, weil der Glaube, der Staat könne alles richten, völlig utopisch ist und diese Behauptung mit Ausnahme Utz’ auch keiner in den Raum gestellt hat – also einmal abgesehen von alldem, bleibt eigentlich nur eine Steilvorlage übrig für den Vertreter einer Partei, die weithin dafür bekannt ist, dass sie lieber auf die Selbstheilungskräfte des Marktes als auf staatliche Intervention setzt; noch verworrener ist allerdings Zeils Antwort.

MZ: „Wir erkennen, dass viele schwierige Entscheidungen, die wir akzeptieren müssen, ihre Ursachen weit im Vorfeld der Finanzkrise haben. Insofern war es richtig, dass wir in Bayern – und generell – äußerst zurückhaltend waren. Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Auch durch den Massenkredit, den wir vergeben haben, besteht nun die gute Chance, einen guten Teil des Unternehmens zu erhalten.“

Die Frage lautete: Zeigt der Fall Quelle, dass der Staat nicht alles richten kann?
Martin Zeil gelingt hier das Kunststück, nicht nur nicht auf die Frage zu antworten, sondern in seiner ausweichenden Antwort auch noch nichts zu sagen. Es gab also irgendwelche schwierige Entscheidungen (viele!), die irgendwann vor der Krise von irgendwelchen Leuten getroffen wurden und irgendein diffuses „wir“ erkennt das jetzt.
Es gibt allerdings „aber“ auch noch eine gute Nachricht – womit zumindest geklärt wäre, dass die schwierigen Entscheidungen (viele!) vorher eher schlechte Nachrichten waren. Warum auch immer.
Die gute Nachricht heißt dann, etwas ummodelliert: Wir wissen nicht, wie viel unser Massenkredit hilft, aber wahrscheinlich löst sich das Unternehmen nicht ganz auf.
Das wäre wohl sogar wirklich eine gute Nachricht, hat allerdings weder einen Bezug zu den ominösen schwierigen Entscheidungen noch zu der Frage des Interviewers.

Später möchte Utz von Zeil wissen, welche Defizite er bei der Union sehe.
Zeil sagt darauf: „Wir erwarten von der Union, dass sie sich klar bekennt, statt die FDP zu beschimpfen. Für mich ist das ein Akt der Hilflosigkeit. Mir ist unerklärlich, warum die Union nicht in der Lage ist, sich der Sorgen und Ängste der Bürger anzunehmen. Statt Konzepten für die Zukunft zeigen sich einige sehr überheblich und verhandeln schon über Ministerämter.“

Gut, der erste Satz kann, betrachtet man die vorausgehenden Fragen zu möglichen Koalitionen noch so interpretiert werden, dass Zeil gerne eine klare Koalitionsaussage der Union hätte. Nur: Horst Seehofer, Volker Kauder und Ronald Pofalla haben sich bereits für eine Koalition mit der FDP ausgesprochen – und fordern ihrerseits die FDP auf, Farbe (nämlich schwarz-gelb) zu bekennen.
Alles Folgende enthält außer Worthülsen keine Aussage. Abgesehen von der Kritik am Feilschen um Ministerämter – das „statt Konzepte[n] für die Zukunft“.[2]

Leider kann ich nicht alles zitieren, das lässt das Zitatrecht nicht zu und online gibt es nur eine grobe Zusammenfassung mit einem Verweis auf die gedruckte Ausgabe.
Die drei letzten (von insgesamt 14) Fragen drehen sich um Horst Schlämmer, der bei einer Kandidatur 18% der Stimmen erhalten würde, das habe eine „durchaus seriöse Umfrage“ ergeben[3] und darum, ob man Hape Kerkelings Film „Isch kandidiere“ statt des TV-Duells von Angela Merkel und Frank(-Walter) Steinmeier schauen solle.

Martin Utz fand das Interview übrigens „spannender als gedacht“ und „Aufmacher-tauglich“ und für Martin Zeil ist zu hoffen, dass es das auch war, und nur die falschen Ausschnitte gedruckt wurden. Denn er sagte auch:
„Wir haben doch ganz klar gesagt, wofür wir stehen“.
Das wäre dann doch etwas arg wenig.


[1] 100 Gramm Bratwurst enthalten laut dieser Quelle übrigens „rund 20 bis 35 Gramm“ Fett. Das nur am Rande.
[2] Das Verb habe nicht ich weggelassen!
[3] Warum das Unsinn ist, erklärt z.B. Stefan Niggemeier.

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