Beitrags-Archiv für die Kategory 'Medienkritik'

“Nie wieder Malaria” – Tagesschau.de über Homöopathen in Afrika

Donnerstag, 2. Juni 2011 15:16

Keine chemischen Keulen, ein ganzheitlicher Ansatz, sehr gute Arbeit, und ein Mann, der von Malaria geheilt wird: Ein Artikel auf tagesschau.de erzählt von der Arbeit der Homöopathen ohne Grenzen in Sierra Leone. Vergeblich sucht man nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

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Thema: Journalismus, Medienkritik, Standpunkt | Kommentare (73) | Autor:

ZDF erklärt Guttenberg zum Spitzenpolitiker

Samstag, 2. April 2011 15:26

Wie würden Sie jemanden nennen, der kein einziges politisches Amt bekleidet, weder auf kommunaler noch auf Landes- oder Bundesebene?

ZDF nennt Guttenberg Spitzenpolitiker

Screenshot: ZDF.de / Farbige Markierung von mir

Ich habe beim ZDF angefragt, ob es sich eventuell um einen Aprilscherz handelt, und, falls nicht, mit welcher Begründung dort zu Guttenberg nach wie vor als Spitzenpolitiker bezeichnet wird. Sobald ich eine Antwort erhalte, ergänze ich den Text.

Thema: Medienkritik | Kommentare (0) | Autor:

Was hat den Focus denn da geritten?

Freitag, 29. Oktober 2010 11:24

Vielleicht fanden die zuständigen Personen beim Focus, es sei jetzt mal genug mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg. Ein anderer müsse her, oder eine andere, auf Dauer werden die immergleichen Lobeshymnen ja langweilig. Aber vielleicht ist es auch viel einfacher, und einige beim Focus finden Ursula von der Leyen schlicht toll.

„Die Kult-Mutti“ titelt die aktuelle Ausgabe des Wochenmagazins nämlich, während die Kult-Mutti selbst hoch zu Rosse vom Cover blickt, trotz der Abendstimmung hell erleuchtet, die Zügel fest in der Hand. Und während Kult-Mutti noch als neckisches Wortspiel durchgehen könnte (das zweite Cover ziert Renate Künast als „Multi-Kulti“ und im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte ist das ja auch total, nun, neckisch), wird die Botschaft schnell klarer: „Warum der Super-Ministerin 1 beinahe alles gelingt.“
Immerhin eines muss man diesem Titel lassen: Er weckt beim Leser keine falschen Vorstellungen. Wenn eine schon Kult ist und Mutti und super und ihr (beinahe) alles gelingt, dann sind die Fronten klar abgesteckt. Der zugehörige Artikel setzt fort, was der Titel versprach: Er ist eine einzige Lobrede auf die Bundesarbeitsministerin. 2

Und so wird der Artikel mit einem weiteren ganzseitigen Foto eröffnet. Von der Leyen trägt eine fliederfarbene, glänzende, kurzärmelige Bluse, eine weiße Hose und lehnt lässig-entspannt an einem schlichten schwarzen Sofa vor einem warm-beigen Hintergrund. In der Hand hat sie einen Latte Macchiato. Und sie lächelt. Für den Fall, dass die Botschaft noch nicht angekommen sein sollte, erklärt der Infotext: „Mit Stil“. Wer weiterliest, erfährt, dass von der Leyen „16-Stunden-Tage“ und „letztes Detailwissen“ hat, außerdem ein „atemberaubendes Arbeitstempo“ vorlegt und „bei allem […] ein freundliches Lächeln“ trägt. Das Wochenende dagegen gehöre ganz ihrer Familie – Kinder, Ehemann, kranker Vater.

Dann beginnt der Text, der „Powerblümchen“ heißt, was vermutliche eine Anspielung auf ihren Spitznamen „Röschen“ sein soll, den ihr einst ihr Vater gab, und der „für einen ganz engen Familien- und Freundeskreis vorbehalten“ ist, wie der Text erklärt, was die Autoren gleichwohl nicht daran hinderte, ihn dreimal zu verwenden (und „Mauerblümchen“ unter ein Foto zu texten). Wie auch immer: Im Lead erfährt der Leser, dass von der Leyen die „stärkste Frau in Angela Merkels Kabinett“ ist. Es wird nicht ganz klar, ob die vorher aufgezählten Eigenschaften („Tochter eines Landesvaters, Mutter von sieben Kindern, Bundesministerin und Präsidentschaftsanwärterin“) diese Aussage begründen oder nur Zierde sind. Und es bleibt die Frage, ob die Spitze gegen Merkel beabsichtigt ist oder nicht – denn auch die Kanzlerin ist ja Teil des Kabinetts; und immerhin folgt die Frage: „Bald ist sie die Nummer zwei in der CDU – was kommt dann?“

Nun, um es vorweg zu nehmen, der Artikel erklärt weder, was dann kommt, noch, warum von der Leyen beinahe alles gelingt. Aber es ist nicht allzu weit hergeholt zu vermuten, dass es darum auch nie ging. Dafür erfährt man, dass „fast alle“ ihr den „Präsidentenjob“ [sic] zutrauen und „die Öffentlichkeit“ sogar „eigentlich alles“. Was nur teilweise mit der auch drei Seiten weiter gedruckten Umfrage zusammenpasst, der zufolge sich 69 Prozent der Befragten von der Leyen nicht als Kanzlerin vorstellen könnten. Es passt allerdings schon besser, wenn man es umformuliert: „Ein Viertel der Deutschen glaubt, dass von der Leyen selbst in dieser Rolle brillieren könnte“. 3

Und in diesem Ton geht es weiter. Die Frau, „der alles zu gelingen scheint“, stehe schon „wieder mit einer Erfolgsmeldung im Rampenlicht“, jetzt, weil die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen liegt, was sie aber nicht als eigenen Erfolg verkauft, und zwar, weil sie „zu vorsichtig“ ist (nicht etwa, weil es nicht ihr Verdienst ist – oder, weil es nur stimmt, wenn man nicht alle Arbeitslosen auch als arbeitslos definiert). „Politisch geschickt und öffentlichkeitswirksam agierend“ sei sie schon als Familienministerin „ein Glanzlicht im Kabinett“ gewesen, ein „Engel für Angie“. Als „beharrlich und mit Finesse“ wird sie beschrieben, als eine, die beweisen habe, dass sie „Kritikern die hohe Stirn bieten kann, die sie ihrem Vater […] so ähnlich scheinen lässt.“
Das „strahlende Lächeln“ taucht erneut auf und dass sie bei „hohem Arbeitstempo“ (und „mit durchgedrücktem Rücken“!) eine „fast militaristische Härte“ gegen sich und andere walten lässt, ist der kritischste Satz, den die Autoren nicht als Aussage von Kritikern darstellen (und meist postwendend entkräften), sondern einfach stehen lassen.
Dass sie arrogant sei, sagen Kritiker, sagt der Focus, aber dann darf der kritisierende „CDU-Stratege“ auch wieder loben, dass sie „harte Ergebnisse in schönster Leichtigkeit präsentiere.“
Andere sagen, sie versuche immer nur, ihre eigene Beliebtheit aufzupolieren, sagt der Focus, aber dann darf ein anderer klarstellen, „dass von der Leyens Engagement echt ist“.

Bevor eine halbe Seite von der Leyens Familienleben gewidmet ist, konstatieren ihr die Autoren noch: „Auf Menschen zugehen, zugewandt sein – kaum ein deutscher Politiker beherrscht das so wie die zierliche 52-Jährige“. Allerdings sagt eine Kritikerin, von der Leyen habe „null emotionale Verwurzelung in der Partei“. Und die Autoren legen nach: „Dass jemand die Ministerin ‘Uschi’ oder ‘Ulla’ nennen könnte, scheint ausgeschlossen.“ In einem Anflug von kritischem Übermut registieren die Autoren sogar einen „Zickenkrieg“ im Sommer zwischen von der Leyen und ihrer Nachfolgerin Schröder. Allerdings, die Schuldige ist schnell ausgemacht: „Während von der Leyen öffentlich eine Chipkarte zur Lösung der Bildungsprobleme benachteiligter Kinder feierte, grätschte die Familienministerin per Interview rein“. Man beachte: Von der Leyen feierte die Karte nicht „als Lösung der Bildungsprobleme“, denn das hätte ja bedeutet, dass gar nicht klar ist, ob die Karte eine Lösung ist; nein, sie feierte eine „Chipkarte zur Lösung von Bildungsproblemen“. Wer da grätscht, ist natürlich unfair; aber Schröder war eben „einfach die Galle übergelaufen.”

Der Schlusssatz wirft dann noch einmal die Frage auf, die der Vorspann zu beantworten versprochen hatte. Scheinbar lautet von der Leyens Motto „Jeder wird gebraucht“, jedenfalls behauptet das der Text, und die Autoren schließen mit der Aussage: „Das gilt auch für sie selbst – wofür auch immer.“

Natürlich steht es jedem frei, Ursula von der Leyen toll zu finden. Ich persönlich sehe das anders. Das liegt daran, dass von der Leyen andere politische Positionen vertritt als ich, aber vor allem daran, dass es für mich, normativ, das größte Vergehen eines Politikers an der Öffentlichkeit ist, sie wissentlich zu belügen, um die eigene Agenda durchzudrücken – und es gibt starke Indizien dafür, dass von der Leyen genau das getan hat, als sie Internetsperren verfocht und etwa Indien öffentlich bezichtigte, nicht gegen Kinderpornographie vorzugehen. Aber unabhängig davon: Man kann das anders sehen, das haben normative Aussagen so an sich.
Man muss auch nicht fordern dass Politikjournalisten kritisch sind; dass sie versuchen, Distanz zu wahren; dass sie sich der Öffentlichkeit, also allen Lesern verpflichtet fühlen, und nicht einzelnen Politikern oder Themen. Auch das ist eine persönliche normative Positionierung.
Aber eigentlich hat sich eine Unterscheidung eingebürgert und im Alltag bewährt, weil sie hilft, Aussagen einzuordnen: Den Versuch, Vermittler zu sein zwischen politischem System (im Sinne von Entscheidungsträger) und Bürgern, den Versuch, dem Leser nicht eine normative Position als wahr und richtig zu verkaufen, nennt man Journalismus. Den gegenteiligen Versuch, nämlich den, dem Leser eben genau eine normative Position (einer Person) als wahr und richtig zu verkaufen, nennt man PR.

An einer Stelle im Text steht, von der Leyen wolle „Herrin ihres eigenes Images“ sein, sie lasse sich daher von PR-Fachleuten beraten. Oder sie wendet sich künftig einfach an den Focus. Journalismus hin oder her.
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  1. Ja, es gibt diesen Begriff als nicht-wertende Bezeichnung und ja, Wolfgang Clement als Arbeitsminister wurde auch so genannt. Er war eber außerdem Wirtschaftsminister – und hatte damit quasi zwei klassische Ressorts inne. Von der Leyen nicht, das am Rande.
  2. Sogar der Auftritt bei Wetten, dass…?, bei dem sie sich schmachtend (“Hugh!”) vom Sexiest Man alive, Hugh Jackman, aus einer Mülltonne heben ließ, wird positiv gedeutet. Aus einem Auftritt, den man amüsant finden kann, unaffektiert, aber auch pubertierend und peinlich, wird hier ein “perfektes Spiel”. Das ist nur ein winziges Detail, ich weiß. Aber ich fand es bemerkenswert.
  3. Zur Ehrenrettung soll erwähnt sein, dass es auf der nächsten Seite dann doch heißt: „Lob ohne Grenzen? Lob mit Grenzen. Denn die Frage, ob Ursula von der Leyen auch als Kanzlerin tauge, verneinen 69% der Bürger.“)

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (0) | Autor:

Europa gibt es einfach zu oft

Freitag, 17. September 2010 10:30

Ich weiß nicht, wie oft alleine der Bildblog schon erklärt hat, dass der Europäische Menschenrechtsgerichtshof als Institution des Europarats nichts mit der Europäischen Union zu tun hat. Allerdings gibt es offenkundig, auch in großen Redaktionen, nach wie vor Journalisten, die sich genau das nicht merken können. Deshalb noch einmal: Der Europäische Menschenrechtsgerichtshof bzw. Eurpäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) mit Sitz in Straßburg gehört zum Europarat, der wiederum nichts mit der Europäischen Union (EU) zu tun hat; deren oberste Rechtsinstanz ist der Europäische Gerichtshof (EuGH) mit Sitz in Luxemburg.


Screenshot zdf.de

Deshalb ist es nicht nur falsch, den EGMR, der der Türkei eine Mitschuld am Mord des Journalisten Hrant Dink zugewiesen hat, als EU-Menschengerichtshof [sic!] zu bezeichnen, sondern auch, ihn als EU-Menschenrechtsgerichtshof zu bezeichnen – weil „EU“ nun mal ein Akronym von „Europäische Union“ ist und eben nicht irgendwie „Europa“ bezeichnet.1

  1. Wie es das ZDF heute journal am Dienstag, 14.09 getan hat.

Thema: Allgemein, Medienkritik | Kommentare (0) | Autor:

Sarrazins 18 Prozent: Und, was können Sie sich so vorstellen?

Montag, 6. September 2010 17:00

Der Bildblog hat sich verdienstvollerweise schon um die Umfrage gekümmert, der zufolge sich 18 Prozent der Deutschen vorstellen könnten, eine Partei mit Thilo Sarrazin zu wählen. Ich möchte dazu noch einige Worte mehr verlieren.

Um es kurz zu sagen: Die Fragebögen – und damit die Ergebnisse – sind das Papier nicht wert, auf dem sie möglicherweise gedruckt wurden. Möglicherweise, schreibe ich, und hier beginnen bereits die Probleme.
Denn weder auf der Emnid-Seite noch auf Bild.de finde ich detaillierte Angaben zur Ausarbeitung der Studie. Es fehlen sämtliche Hintergrundinformationen, es fehlt alles, das Ergebnisse einer Studie eigentlich überprüfbar macht, das erlaubt, eine Studie einzuschätzen. Ich kann zum Beispiel nicht wissen, ob die Befragung telefonisch durchgeführt wurde oder schriftlich oder vis–à–vis. Das mag noch zu verschmerzen sein, weitaus problematischer ist, dass unklar bleibt, wie viele Personen befragt wurden und wie sie ausgewählt wurden. Wer auch nur ein wenig Ahnung davon hat, wie eine Befragung bewertet werden kann, wird an dieser Stelle schon extrem vorsichtig. Zum Beispiel macht es einen extrem großen Unterschied, ob die Probanden zufällig oder eben nicht zufällig ausgewählt wurden. Auch die Größe der Stichprobe ist relevant – zumindest, wenn es sich um eine Zufallsauswahl handelt. Aber eben: Nichts.

Gut. Oder eben: Nicht gut. Aber glücklicherweise findet sich auf Bild.de eine Klickstrecke, die die Fragen und Ergebnisse detailliert auflistet. 1 Ein Blick auf die Fragen lohnt sich definitiv.

Und, was können Sie sich so vorstellen?

Zunächst die zentrale Frage: “Könnten Sie sich vorstellen, eine neue Partei zu wählen, wenn Thilo Sarrazin Vorsitzender dieser Partei wäre?”
Dazu hat, wie erwähnt, Stefan Sichermann im Bildblog schon einiges geschrieben. Trotzdem noch einmal: Der Witz an dieser Frage ist ihre Unbestimmtheit. Könnten Sie sich vorstellen, wird da gefragt, und vorstellen kann man sich zunächst einmal vieles. Die Beispiele Linkspartei und Horst Schlämmer sind im Bildblog ja aufgeführt und illustrieren das Problem ganz anschaulich. Also, wenn man die Frage aufschlüsselt, steht da:

1) Es gibt eine hypothetische neue Partei.
2) Deren Vorsitzender ist Thilo Sarrazin.
3) Es gibt keine Angabe zum Zeitpunkt.
4) Es gibt keine Angabe zu den Inhalten, die diese Partei vertritt. Noch nicht einmal eine Einordnung ins Parteiensystem nach dem klassischen Rechts-Links-Schema.
5) Es gibt keine Angabe zur Art der Wahl. (Kommunalwahl? Landtagswahl? Bundestagswahl? Europawahl?).

Punkt 4) ist dabei der wichtigste. In der Frage steht nicht, dass diese Partei eine rechte, rechts-populistische oder rechts-extreme, jedenfalls eine rechts der Union wäre. Ich für meinen Teil könnte mir zum Beispiel schon eine Konstellation vorstellen, in der ich eine neue Partei, deren Vorsitzender Thilo Sarrazin ist, wählen würde. Es fällt mir schwer, aber ich könnte. Wie ich mir so vieles möglicherweise vorstellen könnte.
Zum Beispiel, wenn diese Partei Positioonen verträte, die ich selbst teile und die ich so in keiner anderen Partei repräsentiert sehe. Eine solche Partei könnte keinesfalls die Inhalte vertreten, die Sarrazin in der, nennen wir sie: Integrationsdebatte vertritt – aber in der Frage steht mit keinem Wort, dass sie das tut. Der Vorsitzende Sarrazin müsste sich vermutlich auch persönlich ändern, damit die Partei für mich wählbar wäre – das glaube ich nicht, aber thereotisch vorstellen kann ich es mir.
Doch selbst wenn Sarrazin weiter ein Rassist mit kruden Thesen bliebe, könnte ich mir möglicherweise eine Konstellation vorstellen – vielleicht auf kommunaler Ebene -, in der ich seine Partei doch wählte, solange er der einzige Rassist mit kruden Thesen in der Partei wäre (und möglicherweise schon massiv an seinem Stuhl gesägt würde).
Was ich mit alldem sagen möchte: Die Frage ist höllisch unpräzise formuliert. Hätte ich sie beantworten müssen, ich hätte wohl eigentlich antworten müssen “Ja, zumindest theoretisch könnte ich mir das in bestimmten Konstellationen vorstellen”; trotzdem hätte ich wohl “Nein” angekreuzt, weil ich zu glauben weiß, wie die Antwort interpretiert wird. Wenn eine Frage derart unpräzise formuliert ist2, kann man das Ergebniss in die Tonne treten. Es ist nicht belastbar, weil das Antwortverhalten der Befragten nicht einschätzbar ist.

Dazu kommt noch, dass ich bei dieser Frage ja theoretisch unendlich viele Stimmen habe. Jeder der Befragten könnte etwa auf die Frage “Könnten Sie sich vorstellen CDU/SPD/GRÜNE/FDP/LINKE/Eine-neue-Sarrazin-Partei zu wählen” sechsmal Ja antworten. Die Aussage: Sarrazin würde bei einer Wahl wohl 100% bekommen, kann man daraus trotzdem nicht ableiten. Wollte man eine halbwegs verlässliche Aussage in diese Richtung treffen, müsste man vielleicht eine Art Sonntags-Frage stellen und zusätzlich zu den etablierten Parteien eine neue – inhaltlich definierte – Sarrazin-Partei aufführen.
Aus der schon extrem unpräzisen Aussage “18 Prozent könnten sich vorstellen, eine Partei mit Sarrazin an der Spitze zu wählen” die Aussage “18 Prozent würden Sarrazin ihre Stimme geben” zu machen, ist nicht einmal mehr nur unzulässig verkürzt.

Wie sähe die Zukunft im Vergleich zu einer anderen Zukunft aus, wenn die Vergangenheit anders ausgesehen hätte?

Aber es geht ja noch weiter, der Bogen beinhaltet noch mehr Fragen, von denen es mir zwei andere besonders angetan haben.
Diese hier ist zum Beispiel hübsch: “Glauben Sie, es wäre für die Zukunft Deutschlands besser, wenn diese [= die bisherige. Anm. bwg] Zuwanderung rückgängig gemacht werden könnte?”
Ob ich glaube, dass eine andere Zukunft als die wirkliche – die ich ja auch nicht kennen kann, immerhin ist es die Zukunft – besser wäre, wenn ich die Vergangenheit ändern könnte, was ich nicht kann – auch wenn ich nicht weiß, wie die Vergangenheit ansonsten ausgesehen hätte. Ich muss als Befragter, bevor ich antworte, also erst einmal die Vergangenheit einschätzen, dann die Zukunft, dann die geänderte Vergangenheit und die geänderte Zukunft, sage aber niemanden, wovon ich ausgehe: Und dann möchte aus meiner Antwort jemand irgendetwas ableiten? Auch wenn ich mir legitimerweise als Alternativ-Vergangenheit eine ausmalen kann, in der es keine Einwanderung gab, aber eine höhere Geburtenrate, oder eine mit wenig Einwanderung, aber niedriger Geburtenrate, oder eine, in der die Wiedervereinigung nie stattgefunden hat?
Wer meint, aus solchen Antworten etwas ablesen zu können, sollte sich einmal als Astrologe versuchen. Er könnte Talent haben.

Ist mangelnde Präzision ein Problem?

Und noch eine schöne Frage: “Thilo Sarrazin fordert, bei mangelndem Integrationswillen von Einwanderern Sozialleistungen zu kürzen. Stimmen Sie dem zu?”
Ein Grundprinzip bei der Fragebogenkonstruktion ist es, den Befragten nicht zu lenken. Suggestivfragen oder stark wertbesetze Begriffe sind zu vermeiden. Eine andere Grundregel besagt, man solle hinreichend präzise Begriffe verwenden. Integration ist aber kein präziser Begriff. Der eine stellt sich darunter vor, dass Einwanderer Deutsch lernen; der andere versteht unter Integration, dass Einwanderer ihr Muslim-Sein aufgeben (falls sie Msulime sind); der Dritte versteht unter Integration nur, dass das Grundgesetz oder Strafgesetze anerkannt werden. Es kann sich also jeder heraussuchen, welchen Integrationsbegriff er anlegt, wenn er die Frage beantwortet. Wie sollen da vergleichbare, aggregierbare Ergebnisse zustande kommen?
Außerdem ist Integration, würde ich zumindest behaupten, ein hochgradig positiv besetzer Begriff. Egal ob rechts oder links, dass sich Ausländer irgendwie integrieren sollen, da ist man sich einig. Integration – ja, gelungene Integration – ist ein anerkanntes Ziel von Einwanderungspolitik. Und zwar auch, weil der Begriff so unscharf ist: Für die einen meint er völlig Anpassung an eine nebulöse Leitkultur, für die anderen nur Bereitschaft zum harmonischen Miteinander, bei allen kulturellen Unterschieden.
Und dann noch: Mangelnd. Mangelnde Integration. Alleine das Wort mangeln drückt ja schon aus, dass der Zustand unerwünscht ist. Mangelernährung, eine Mangelhaft in der Deutsch-Arbeit, das möchten wir nicht. Es mangelt in der Frage also, leider, an etwas, das doch für alle wünschenswert ist.
Und, finden Sie das jetzt schlecht? Wirklich? Erstaunlich. 3

Sarrazin würde von Menschen gewählt!

Zusammengefasst sagt der Artikel hier, was schon am Anfang stand: Die Umfrage, die Emnid für die Bild am Sonntag durchgführt hat, taugt nichts. Sie ist nichts wert. Man kann ihre Ergebnisse getrost ignorieren. Nun ist das an sich noch nicht verwerflich.
Ich vermute, dass bei Emnid durchaus fähige Meinungsforscher arbeiten, die wissen, dass ihre Umfrage handwerklich schlecht ist. Ich vermute aber auch, dass die BAMS bei solchen Auftragsstudien nicht viel Wert auf eine methodisch saubere Arbeit legt, sondern für möglichst wenig Geld Ergebnisse möchte, die sich publizistisch irgendwie verwerten lassen. Emnid liefert und solange die Informationen zur Studie unter Verschluss bleiben, ist das für alle Seiten in Ordnung. Solange, ja solange nicht andere Medien die verkürzten und unzulässig uminterpretierten Ergebnisse einer handwerklich völlig untauglichen Studien verbreiten.

RP-Online: Angst vor der Sarrazin-Partei.
“Nach einer in der Zeitung “Bild am Sonntag” veröffentlichten Emnid-Umfrage würden 18 Prozent einer von Thilo Sarrazin angeführten Partei ihre Stimme geben.”

Die Welt: “Sarrazin-Partei” wäre ein Erfolg.
“Fast jeder fünfte Deutsche würde Thilo Sarrazin wählen. Sollte er eine eigene Partei gründen, könnte er mit großem Zuspruch rechnen. Für 18 Prozent der Bürger ist es nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der “Bild am Sonntag” vorstellbar, eine “Sarrazin-Partei” zu wählen.”

Frankfurter Rundschau: Zulauf für die Sarrazin-Partei
“Eins hat Thilo Sarrazin geschafft: Laut einer Emnid-Umfrage würden 18 Prozent der Deutschen eine von ihm geführte Partei wählen.”

Kleine Zeitung: Deutschland streitet über Integrationspolitik.
“Kanzlerin Merkel und SPD-Chef Gabriel versuchen, eine Debatte über Migration zu versachlichen. 18 Prozent würden eine Partei von Sarrazin wählen.”

Stern: Bestwerte für Sarrazin: Fast jeder Fünfte würde Thilo wählen
“Noch will Sarrazin keine Partei gründen, aber er könnte. Eine Umfrage sieht ihn bei 18 Prozent.”
Immerhin schreibt der Autor richtigerweise: “Ob Sarrazin bei einer kommenden Wahl tatsächlich 18 Prozent der Stimmen erhalten würde, sagt die Umfrage nicht.” Vielleicht gehen Überschrift und Lead ja nicht auf das Konto des Autors.

Spiegel-Online: Umfrage sieht großes Potential für Protestpartei.
“Der Unmut vieler Bürger über die etablierten Parteien wächst – und das Potential für eine bürgerliche Protestpartei in Deutschland ist zurzeit enorm: Wie eine repräsentative Emnid-Umfrage für “Bild am Sonntag” ergab, würden 18 Prozent aller Deutschen eine neue Partei wählen – wenn ihr Chef der Migrationskritiker Thilo Sarrazin wäre. Damit stellt sich fast jeder fünfte Deutsche eindeutig hinter dessen umstrittene Thesen.”

Zeit-Online und Tagesspiegel: Die Nicht-Partei der Grummeldeutschen
“Siebzehn Prozent würden ihn also wählen, genauer gesagt eine Partei, die von Thilo Sarrazin geführt würde. Das hat das Demoskopie-Institut Emnid im Auftrag der Bild am Sonntag herausgefunden.”

Herrje. Und das sind nicht alle – selbst wenn man die automatisiert übernommenen Agenturmeldungen gar nicht betrachtet4

Dass über so viele Studien ungeprüft und ohne Blick in die Umsetzung berichtet wird, halte ich für eines der größten Ärgernisse im Journalismus. Nicht nur hier. Aber auch hier.

  1. Zumindest nehme ich an, dass in der Klickstrecke auch die wirklichen Fragen zu finden sind. Sollte Bild.de da selber herumformuliert haben, gehen meine Ausführungen natürlich am Thema vorbei, sind aber allgemein und losgelöst vom konkreten Fall immer noch gültig.
  2. - einmal abgesehen davon, dass hypothetische Fragen ohnehin vermieden werden sollten –
  3. Kleine inhaltliche Randbemerkung. Man erkläre mir mal, wo diese ganzen Einwanderer herkommen sollen, die Sozialleistungen beziehen. Und ich meine wirkliche Einwanderer. Also ausländische Staatsbürger, nicht in Deutschland geboren, ohne deutsche Staatsbügerschaft. Deutsche mit etwa türkischen Wurzeln sind nämlich auch Deutsche. Und Deutsche, die zum Islam konvertieren oder muslimisch erzogen werden, sind auch Deutsche. Sollen die sich integrieren? Wie denn jetzt genau? Die Ausländer, die es sich im deutschen Sozialstaat bequem machen, mag es, das kann ich nicht beurteilen, früher einmal gegeben haben; heute halte ich sie für eine Schimäre. Ein Blick in das seit 2005 gültige Aufenthaltsgesetz zeigt nämlich, dass Bedingung für einen längerfristigen – oder gar unbefristeten – Aufenthaltstitel ist, dass eine Person ihren Lebenshalt selbst finanzieren kann. Davon ausgenommen sind selbstverständlich politische Flüchtlinge.
  4. Die taz machts ganz unautomatisiert.

Thema: Innenpolitik, Journalismus, Medienkritik | Kommentare (9) | Autor:

Donnerstag, 8. Juli 2010 13:23

Aus dem Bildblog:

Stefan Frommann, Sportchef der Berliner Morgenpost, heute in seinem Kommentar auf Seite 2 (auch bei morgenpost.de und Welt Online):

So wie die Liebe zwischen Teresa und Robert Enke kein Happy End bekam, verhält es sich jetzt leider auch für das Partyvolk und diese hoffnungsvolle Mannschaft.

Lukas Heinser im Bildblog:
“Manche Sachen muss man gar nicht groß anmoderieren.”

Oder abmoderieren.

Thema: Medienkritik | Kommentare (0) | Autor:

Wutmäander zur Köhler-Kritik

Freitag, 28. Mai 2010 17:50

Über Horst Köhler ist vor allem gestern doch noch viel geschrieben worden. Und so lese ich mich zunehmend frustrierter durch den Blätterwald, durch Blogs, Foren und Kommentare und muss gestehen: Ich verstehe nicht.
Eine Wutrede.

Ich verstehe nicht, wieso Horst Köhlers Aussagen häufig direkt und nur auf Afghanistan bezogen werden. Ja, Köhler hat dieses Interview nach seinem Besuch in Masar-i-Sharif gegeben, aber er hat doch nicht ausdrücklich gesagt, dass es Ziel des Afghanistan-Einsatzes sei, Handel, Arbeit und Sozialprodukt zu sichern. Um den Afghanistan-Einsatz und dessen Legitimität ging es bei der Kritik am Militär-Interview nie – oder sollte es nie gehen.
Die Kritik ist eine viel grundsätzlichere.

Köhler hat nämlich gesagt, dass er den Eindruck habe, nun sei auch die Bevölkerung auf dem Weg, zu verstehen, dass Militäreinsatz zur Sicherung von Arbeit und Einkommen notwendig sei – wohl gemerkt: Jetzt versteht langsam auch die Bevölkerung. Bis jetzt verstanden, das klingt hier an, nur die Entscheider. Köhler erkennt einen Prozess, den er als notwendig ansieht, weil die Situationen auch in Zukunft auftreten können.

Gerade weil er sich nicht nur auf Afghanistan bezieht, sondern eine generelle Aussage trifft, lässt sich auch eine generelle Kritik formulieren: Köhlers Verständnis von Militäreinsätzen ist nicht grundgesetzkonform.

Ich verstehe die sich selbst für weitsichtig haltenden Zyniker nicht, die jetzt erklären, wer das wolle, wisse doch schon längst, dass Wirtschaftsinteressen hinter allen Militäreinsätzen stünden – wozu also die Aufregung? Nun rede mal einer Klartext und dann kritisiere man noch. Und noch weniger verstehe ich diejenigen, die meinen, so wirklich falsch seien die Aussagen ja an sich nicht oder Köhler habe sich nur im falschen Rahmen oder zum falschen Zeitpunkt geäußert.

Ja, vermutlich standen bisher hinter vielen Kriegen der Menschheitsgeschichte wirtschaftliche Interessen. Sicher gibt es Unternehmen und Einzelpersonen, die an jedem Militäreinsatz verdienen. Aber nein: Bisher wussten nicht alle, dass Deutschlands oberste Staatsmänner Militäreinsätze zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes für legitim halten.

Bisher galt das Grundgesetz, das man individuell kritisieren kann, das natürlich von Menschen gemacht ist, das dessen ungeachtet trotzdem Fundament dieses Staates ist – bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine neue Verfassung in Kraft tritt. Und dieses Grundgesetz, dieses normative Wertefundament, erlaubt nun einmal keine Militäreinsätze zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes.
Solange das Grundgesetz in diesem Land akzeptiert wird und in Kraft ist, hat sich auch die Politik daran zu halten. Tut sie es nicht, muss sie kritisiert werden. Handelt ein Vertreter, der sich qua Amt sogar explizit zum Grundgesetz bekannt hat, den darin enthaltenen Grundsätzen zuwider, hat er seinen Amtseid gebrochen: „Ich schwöre, dass ich [...] das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen [...] werde“.

Das ist keine Lappalie. Wer, getrieben von einem fatalistischen Schein-Realismus, jede normative Kritik daran abblitzen lässt mit dem Verweis auf die Empirie, der muss bedenken, welche Implikationen so eine Haltung mit sich bringt: Die logisch zwingende völlige Lossagung von all jenen normativen Werten, die eingeführt wurden, um rein zweckrationales politisches Handeln einzudämmen.

Selbst wenn Köhlers Aussagen inhaltlich von allen politischen Entscheidungsträgern unterstützt würden, nähme das der normativen Kritik überhaupt nicht die Grundlage.
Wer kein Problem damit hat, zu fordern, dass vorgebliche Realpolitik zu jedem Mittel greifen kann, um bestimmte Zwecke zu erreichen, der kann Köhlers Aussagen gerne weiterhin als alltäglich abtun und die Kritik als unnötige Aufregung abkanzeln. Wer sich dazu bekennt, was legitim ist, möge aber in Zukunft nicht Eingriffe in die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit oder die Versammlungsfreiheit monieren, sich über den Überwachungsstaat mokieren oder auf seine im Grundgesetz verbrieften Persönlichkeitsrechte pochen. Entweder Realpolitik soll ihre Schranken im Grundgesetz finden oder sie soll es nicht. Wofür man sich entscheidet, ist jedem überlassen, aber die Entscheidung ist eine dichotome. Es gibt keine Mitte.
Alle, die keinen schrankenlosen Staat wollen, sollten sich einmal über die Tragweite ihrer Relativierungen klar werden.

Ich verstehe nicht, wieso Köhlers nachgeschobene Erklärung weitgehend als nachvollziehbare Relativierung seiner Aussagen hingenommen wird.
Das konnte freilich nur passieren, weil sich Kritiker zu sehr auf den Fall Afghanistan eingeschossen hatten. Denn was sagte der Sprecher des Bundespräsidenten laut welt.de eigentlich? Köhler sehe nur das UN-Mandat als Begründung für den Afghanistan-Einsatz, keine Wirtschaftsinteressen.
Und Köhler habe lediglich als Beispiele für die Begründung militärischer Einsätze – abgesehen von UN-Mandaten – auch die Verhinderung regionaler Instabilität und den Schutz freier Handelswege genannt. Diese Äußerungen bezögen sich auf die vom Deutschen Bundestag beschlossenen Einsätze der Bundeswehr wie die Operation Atalanta gegen Piraterie.

Eben. Genau das hat Horst Köhler gesagt und genau deswegen sollte er kritisiert werden. Nicht der Afghanistan-Einsatz steht zur Debatte – Köhlers Verständnis des Grundgesetzes steht zur Debatte.
Der Pressesprecher wiederholte hier fast exakt Köhlers Aussagen, meint, damit sei irgendetwas erklärt, weil ja der Aspekt Afghanistan relativiert wurde – und scheint mit dieser Strategie Erfolg zu haben.

Warum die Erklärung nur fast exakt Köhlers Aussagen wiedergibt? Weil Köhler die Verhinderung regionaler Instabilitäten nicht als Selbstzweck genannt hat, wie es mehr oder weniger die UN tun: Er nannte die Verhinderung von Instabilitäten als Unterziel, um so zu verhindern, das Handel, Arbeit und Einkommen in Deutschland negativ beeinflusst werden.

Das Bundespräsidialamt setzt sich mit seiner Erklärung endgültig in die Nesseln und bestätigt genau den inkriminierten Punkt: Köhler hält die Sicherung des Handels für einen hinreichenden Grund für einen Militäreinsatz. Das ist, ich wiederhole mich, vom Grundgesetz nicht gedeckt.

Im Übrigen geht es bei der Atalanta-Mission zumindest den UN zufolge primär um den Schutz von humanitären Hilfslieferungen und die Stabilisierung einer Krisenregion – zum Schutze weltweiten Sicherheit, nicht zur Sicherung des Handels. Zudem agiert die Bundeswehr hier vornehmlich in internationalen Gewässern, also auf neutralem Boden, und nur reaktiv, das heißt nur dann, wenn ein Angriff durch Piraten erfolgt. Dass auch rein wirtschaftliche Interessen bei Atalanta eine Rolle spielen, kann vermutet werden, doch lassen sich fraglos Argumente für den Einsatz formulieren, die mit Grundgesetz und Völkerrecht vereinbar sind – egal, wie überzeugend sie letztlich sind.
Nicht so bei Köhlers Aussagen.

Ich verstehe nicht, wieso es die Handelswege sind, die in den Medien zitiert werden, und nicht Arbeit und Einkommen – das waren doch die Punkte, die Köhler als eigentliches Oberziel genannt hat. Regionale Instabilitäten gelte es zu beseitigen, hat Köhler gesagt, weil die negative Auswirkungen auf Handel, Arbeit und Einkommen haben können. Genau diesen letzten Teil hat die Tagesschau gestern nicht zitiert.
Wie aber sollen Menschen die Tragweite begreifen, wenn sie den entscheidenden Part nicht zu hören bekommen?

Ich verstehe nicht, wieso sich die Medien, die nun langsam in die Berichterstattung eingestiegen sind, sich so sehr auf die Opposition beziehen. Die Opposition kritisiert, heißt es da, einen Wirbel gebe es um Horst Köhler. Und wenn nicht die Kritik dargestellt wird, werden die Kritiker selbst kritisiert. Thomas Opperman sagt dieses, dabei hat Thomas Opperman doch selbst jenes gemacht. Klar, für die Linkspartei ist die causa ein gefundenes Fressen, die Union sieht das ganz anders. Die Opposition übertreibt und stellt falsche Bezüge her. Und in diesem Ton fort geht die Litanei.

Warum beschränkt sich der hiesige Journalismus auf das bloße Abbilden der Kritik – oder die ungefährliche Kritik der Kritiker? Warum wird über Kritik berichtet, anstatt selbst zu kritisieren?

Warum lese ich nichts davon, dass Militäreinsätze zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes nicht vom Grundgesetz gedeckt sind? Warum lese ich keine ausführlichen Analysen der rechtlichen Situation?

Warum ist die Würde des Amtes offenbar ein Kriterium, aber nicht die Verantwortung, die damit einhergeht? Wer die Würde des Amtes respektiert, kann das konsistent nur tun, wenn er auch den Staat, der durch den Bundespräsidenten repräsentiert wird, anerkennt – und mit ihm sein Wertefundament. Die Würde des Amtes genießt demnach nur solange Schutz, wie sich der Amtsinhaber innerhalb des Werterahmens bewegt, der als richtig anerkannt wurde – und genau das ist nicht der Fall. Wieso gewinne ich den Eindruck, dass nicht das Gedankenkonstrukt der Bundesrepublik den größten Schutz verdient, sondern seine Vertreter?

Warum kommen Verfassungs- und Staatsrechtler nur sehr spärlich zu Wort?
Warum finde ich keine ausgiebige Analyse des Gesagten und der nachträglichen Rechtfertigung?

Ist das vielleicht ein zeitgenössisches Verständnis von journalistischer Objektivität und Neutralität? Von Distanzierung? Meta-Kritik als aufklärerischer Akt? Natürlich sind alle hier verlinkten Artikel an sich guter Journalismus – guter abbildender Journalismus, der alle Seiten zu Wort kommen lässt. Keine Frage.
Aber mit der reinen Deskription erschöpfen sich doch die Aufgaben des Journalismus nicht. Wird nicht allenthalben davon gesprochen, der Qualitätsjournalismus müsse einordnen helfen? Wie sollen die Menschen denn einordnen können, wenn die Medien umfangreiche Information über Hintergründe und Implikationen nicht bieten?

Ich verstehe nicht, wie sich, wie in den letzten zwei Tagen geschehen, eine Welle der Berichterstattung erheben kann, die gleichwohl jetzt schon wieder zu verebben oder in von der Politik angelegte Kanäle auszulaufen scheint. Die sich nicht in einem Mal und mit Furor bricht und mehr Kraft hat, als nur an die Deiche zu klopfen, sondern die in immer und immer kleinere Wellen zerfällt, die allenfalls noch die Kraft haben, selbst gebaute Sandburgen aus Oppositionskritik wegzuschwemmen.
Als die großen Medien anfingen, zu berichten, hatte ich gehofft, dass die Kritik nachhaltig sein wird. Das ist jetzt genau zwei Tage her – und ich habe jetzt schon den Eindruck, dass nichts bleiben wird.

Ich glaube zu verstehen, dass die Mechanismen der Medien und der Politik dafür sorgen werden, dass Köhlers Fauxpas in Kürze kein Thema mehr sein wird. Andere Themen werden die Schlagzeilen beherrschen. Manche werden von einer Präsidentenjagd schreiben. Köhler wird es aussitzen und schweigen und gelegentlich relativieren und irgendwann wieder eine größere Ansprache halten. Er wird Bundespräsident bleiben und die Kritik wird noch nicht einmal groß an seinem Image gekratzt haben.

„Ich schwöre, dass ich […] das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen [...] werde“.
Entschuldigung? Ich glaube, ich verstehe nicht.

Thema: Außenpolitik, Innenpolitik, Journalismus, Medienkritik | Kommentare (15) | Autor:

Über das Wesen des Mannes

Dienstag, 9. März 2010 22:41

Am gestrigen Montag, dem Weltfrauentag, beschäftigte sich die taz in einer Sonderausgabe ausführlich mit – dem Mann. Chefredakteurin Ines Pohl schrieb dazu im Editorial: „2010 widmet sich die Frauen-taz also den Männern. Wir tragen damit dem erfreulichen Umstand Rechnung, dass ein zentrales feministisches Ziel erreicht ist: Die Frage nach Geschlechterverhältnissen, nach einer neuen Männlichkeit hat sich aus feministischen Kreisen hinausbewegt und ist bei vielen Männern selbst angekommen.“

Das klingt zunächst nach einer guten Idee. Wieso nicht einmal etwas anderes machen? Wieso sich am Weltfrauentag nicht generell mit Geschlechterfragen auseinandersetzen? Die gesamte Gender-Thematik ist eine wichtige und eine, die viele Fragen aufwirft: danach zum Beispiel, wie wir aktuell Geschlecht definieren und wie wir Geschlecht definieren wollen. Der Fall Caster Semenya vor einem halben Jahr hätte Anlass sein können für eine Debatte darüber, ob die Dichotomie Mann/Frau nicht ein Anachronismus ist. Was nämlich tun, wenn der Blick auf die Geschlechtschromosomen eben keine klare Einordnung in eines der beiden Geschlechter erlaubt?
Spannend ist auch die Frage, wie diese Gesellschaft mit der Sexualität von Menschen umgeht: Sind von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualitäten mittlerweile anerkannt? Ist etwa die Tatsache, dass der deutsche Außenminister einen Lebensgefährten und keine Lebensgefährtin hat, ein Beweis dafür, dass hierzulande Homosexualität voll anerkannt ist oder spricht die Tatsache, dass dieser Umstand überhaupt Beachtung findet, dafür, dass Homosexualität noch immer als etwas Unnormales betrachtet wird?

Ich habe die Zeitung am Bahnhofskiosk in der Hand gehalten, dann aber wieder weggelegt, und ich habe mir auch online nicht alle Texte durchgelesen, so dass ich zu der Umsetzung des Konzepts nichts sagen kann. Mag sein, dass die gesamte Ausgabe in sich eine geniale Komposition darstellte, zusammengefügt aus einzelnen, für sich genommen unverständlichen, Mosaiksteinchen, deren Gehalt sich erst im komplexen Zusammenspiel erschließt; mag sein, dass der Artikel „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ eines dieser Mosaiksteinchen ist. Für diesen Fall entschuldige ich mich vorab für die folgende Kritik.

Bis dahin gehe ich allerdings davon aus, dass der Text ist, was er zu sein scheint: Ein für sich selbst sprechender Artikel. Keine Satire. Ein Text mit dem Ziel zu ergründen „was Migrantinnen über den deutschen Mann denken“, wie Ines Pohl schreibt.
Nun gehört auch die Frage nach Geschlechter- und Rollenverständnissen in verschiedenen Ländern und Weltregionen zum Gegenstand der Gender-Forschung und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine Analyse des vorherrschenden Männerbildes erhellend hätte sein können: Welche Forderungen stellen Recht und Gesetz, stellen tradierte Familienverständnisse oder ökonomische Faktoren an Männer in Deutschland, Brasilien, China, Russland, Ghana (oder in Deutschland, Polen, Kuba und Griechenland)? Wer ist in diesen Ländern Mann, was versteht man in den jeweiligen Ländern als männlich – und gibt bereits hier Unterschiede innerhalb eines Landes? Welche Folgen haben die jeweiligen Verständnisse für Männer, die sich diesen wie auch immer gearteten Zwängen zu entziehen versuchen?

All das sind Fragen, die mir spontan in den Kopf kommen; die eigentlich naheliegend sind und von der Gender-Forschung auch untersucht werden. Es sind nur einige der Fragen rund um das Thema Gender und rund um das Thema Mann und es gäbe noch dutzende, hunderte, tausende mehr, derer man sich in einer Sonderausgabe annehmen könnte. Und weil ich die anderen Artikel nicht gelesen habe, möchte ich kein Urteil darüber abgeben, ob die taz-Ausgabe genau das vielleicht getan hat.

Aber wieso es der Text „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ in die Ausgabe geschafft hat, weiß die Chefredaktion allein. Darin beschreiben drei Frauen, eine 35-jährige Kubanerin, eine 37-jährige Polin und eine 21-jährige Griechin*, die allesamt seit längerem in Deutschland leben, wie sie deutsche Männer sehen.

So findet die aus Kuba stammende Lisbet Espendru, deutsche Männer „arbeiten zum Beispiel nicht, um sich von ihrem Geld eine schöne Zeit zu machen, sondern für die Rente, für ein Haus, für ihre soziale Sicherheit. Das nervt ein wenig!“ Die Designerin schreibt weiter, deutsche Männer erschienen ihr „manchmal ein wenig asexuell“, weil sie, anders als kubanische Männer, Frauen auf der Straße nicht hinterherpfeifen.

Die aus Polen stammende Malgorzata Lewandowska bescheinigt den deutschen Männern, keine Muttersöhnchen zu sein und beschreibt, dass einmal die Mutter eines polnischen Jungen, mit dem sie in einer WG gelebt hat, die Wohnung für ihn schrubbte, als er Putzdienst hatte. Sie konstatiert:„So etwas würde ein deutscher Mann wahrscheinlich nie tun. Zumindest kenne ich keinen, der so drauf ist.“
Weil deutsche Männer aber so partnerschaftlich dächten, bemerkten sie nicht, wenn Frauen Hilfe brauchen; schließlich hätten ihr einmal drei Deutsche im Zug nicht geholfen, den Koffern auf die Gepäckablage zu heben.

Und die aus Griechenland stammende Dalia Reuben-Shemia schreibt: „Der deutsche Mann ist ruhig, rational, vernünftig und verlässlich. Er hilft im Haushalt und kümmert sich um die Kinder.
Der deutsche Mann trägt Hemden und die Haare zurückgekämmt. Aber er inszeniert sich weniger äußerlich, sondern eher durch sein Wesen: Er trägt seine Vernunft zur Schau und will mit seinem Wissen jemanden für sich gewinnen. Er möchte gern tolerant und fortschrittlich sein, aber das gelingt ihm nicht so richtig. Er erträgt es nämlich nicht, wenn seine Frau mehr verdient als er selbst und wenn sie auf der Karriereleiter über ihm steht. Aber das sagt der deutsche Mann nicht laut, er würde ja sonst als Chauvi gelten.“

Es erübrigt sich eigentlich, zu erklären, dass es natürlich weder den deutschen Mann an sich gibt noch den polnischen oder kubanischen oder griechischen; dass es auch deutsche Männer gibt, die Frauen mit schweren Koffern beim Tragen helfen und deren Mutter ihre Studentenbude scheuert; dass es auch Polen gibt, die Frauen nicht die Koffer in die Gepäckablage hieven und die ihre Wohnung selber putzen; dass es Kubaner gibt, die Frauen nicht hinterherpfeifen und deutsche Männer, die das tun; dass es also für jedes genannte Beispiel bestätigende und widersprüchliche Einzelfälle in jedem genannten Land gibt.

Ich weiß nicht, ob der Vorwurf eher den drei schreibenden Frauen zu machen ist, die vermutlich gebeten worden sind, doch einfach einmal aufzuschreiben, was sie denn für Eigenarten deutscher Männer ausgemacht hätten, ob der Vorwurf eher an die zuständige Redakteurin Simone Schmollack zu richten ist, an den verantwortlichen CvD oder die Chefredaktion: Aber dieser Artikel bietet nicht nur keine neuen, in irgendeiner Weise für irgendjemanden relevanten Erkenntnisse, sondern bedient darüber hinaus unreflektiert Klischees und zementiert, auf seine Weise, das Denken, wonach charakterliche Eigenarten auf die Biologie eines Menschen zurückzuführen sind. Und er führt diese Eigenarten nicht nur geschlechtsspezifisch auf das Mann-Sein zurück, sondern dazu auch noch auf das Deutsch-Sein oder Kubanisch-Sein. Er postuliert also eine kausale Verbindung zwischen Geschlecht und Ethnie sowie dem Charakter von Menschen.

Nun ist das nicht verboten: ich habe in einer Debatte über Geschlechterdifferenzen selbst schon gefordert, biodeterministische Argumentationen nicht per se abzukanzeln, solange die Wissenschaft sie nicht gut begründet widerlegt – auch wenn ich den Biodeterminismus nicht für plausibel halte. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Standpunkt weiter ausgeführt wird, dass der Rekurs auf die Biologie reflektiert und bewusst erfolgt und dass von diesen Annahmen ausgehend stringent argumentiert wird, unter Berücksichtigung aller Implikationen und Konsequenzen.
Allein: Der vorliegende Artikel lässt nichts davon erkennen. Vielmehr wiederholt er oft gehörte Stereotypen und ist auf eine so plumpe Weise unreflektiert, dass man ihn kaum als unnötig, aber harmlos ad acta legen kann.

Die vorliegenden Pauschalisierungen helfen nicht, die Rolle des Mannes hierzulande oder in einem der anderen Länder zu verstehen, weil sie, selbst wenn die Beschreibungen zuträfen, nicht wirklich nach dem warum fragen, und sie sind noch nicht einmal originell, überraschend, lustig oder brillant formuliert. Sie lassen jede kritische Distanzierung vermissen. Lewandowska formuliert zwar lapidar: „Das klingt jetzt sicher sehr klischeehaft und es sind auch nicht alle Männer gleich – weder die polnischen noch die deutschen“, doch geht auch diese Relativierung von der Annahme aus, dass zumindest Deutsche Deutsche und Polen Polen und Kubaner Kubaner und Männer Männer sind. Das ist freilich Unsinn. Was zum Beispiel ist ein in Polen geborener Hermaphrodit mit einem kubanischen Vater und einer griechischen Mutter, der/die seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland lebt?

Dass dem im Artikel transportierten unzeitgemäßen und simplifizierten Bild von klar abgrenzbaren Geschlechtern und Ethnien nicht widersprochen wird, ist nicht nur, aber auch in einer Sonderausgabe zum Thema Mann und nicht nur, aber auch für eine in Sachen Gender eigentlich profilierten Zeitung wie die taz enttäuschend.

Offenlegung: Ich habe schon in der taz veröffentlicht und halte sie generell für eine sehr lesenswerte Zeitung.

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*Ich gehe aufgrund des Textes einmal davon aus, dass die Frauen auch die Staatsbürgerschaft ihrer jeweiligen Herkunftsländern haben; möglich aber, dass es sich jeweils um kubanisch-, polnisch- und/oder griechischstämmige Deutsche handelt. Das spielt aber für die Bewertung des Artikels auch keine Rolle.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor:

Greenpeace und die Sonne: Was war noch mal das Klima?

Samstag, 16. Januar 2010 2:25

Der Klimalügendetektor-Blog vom Greenpeace-Magazin und wir-klimaretter.de seziert die aktuelle Focus-Titelstory (“Fällt die Klima-Katastrophe aus?” [1]), was erstens durchaus interessant ist und zweitens unbedingt gerechtfertigt, denn dieser Titel ist nun wirklich so offenkundig ausschließlich auf Auflagensteigerung ausgelegt, dass es kaum genug Kritik hageln kann.
Allerdings sollte gerade eine Organisation wie Greenpeace bei ihrer Argumentation etwas sorgfältiger vorgehen. Im Beitrag steht:

Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: [...]
Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen *[3].

Das ist natürlich völliger Unsinn. Natürlich ist die Sonne der bestimmende Faktor für das Erdklima. Und um das festzustellen, muss man wahrlich kein Klimawandelskeptiker [2] sein. Es reicht etwa der Blick auf die Durchschnittstemperaturen von Erde (ca. 15° C) und Venus (ca. 450° C) oder Mars (ca. -63° C) oder[4] von Tag- und Nachtseite der jeweiligen Planeten oder auch von den Klimazonen Tropen und Polarzone.

Ich gehe schwer davon aus, dass bei Greenpeace bekannt ist, welchen Einfluss die Sonne auf das Klima und überhaupt auf alles auf diesem Planeten (einschließlich dieses Planeten selbst) hat, dass dort ebenfalls bekannt ist, dass Klimaerwärmung und das Klima selbst verschiedene Dinge sind und dass man einfach nur unsauber formuliert hat.
Es ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie Begriffe ein Eigenleben entwickeln können – so werden der anthropogene Treibhauseffekt, die Klimaerwärmung, der Klimawandel und schließlich Klima nach und nach in einen Topf geworfen, unbedarft vermengt und am Ende steht: eine völlig haarsträubende Aussage.
Umso wichtiger ist es für Medien, auf eine präzise Sprache Wert zu legen.

Am Rande: Ich hätte das ja gerne dort kommentiert, allerdings gibt es keine Kommentarfunktion. Angesichts der zu erwartenden Trollüberfälle ist das allerdings auch wieder verständlich.

Update 25.01.10: Mittlerweile ist die hier kritisierte Passage etwas verbessert worden. Jetzt steht da:

Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen.

Damit stimmt jetzt die inhatliche Aussage. Zumindest dann, wenn man über den nach wie vor vorhandenen Satzbau-Fehler hinwegsieht. Denn nach wie vor wird der Einfluss auf den Klimawandel mit den Treibhausgas-Emissionen verglichen – was nach wie vor ein reichlich unsinniger Vergleich und sicher auch nicht im Sinne der Autoren ist.

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[1] Siehe dazu auch: Glasauge TV – “Klimaschock – Rätselhaftes Monster in Berlin
[2] Um einmal den Wolf Schneider zu machen: Das Wort “Klimaskeptiker” ist ähnlich unsinnig wie das Wort “Gen-Food”.
Klimaskeptiker sind nicht dem Klima gegenüber skeptisch und sie sind auch nicht skeptisch, ob es ein Klima gibt; sie sind auch noch nicht einmal eigentlich skeptisch, ob es einen Klimawandel gibt; schon eher sind sie skeptisch, ob es eine Klimaerwärmung gibt. Und vor allem sind die meisten Klimawandelskeptiker skeptisch, ob es einen anthropogen verursachten Treibhauseffekt gibt und ob dieser Effekt wirklich wahrnehmbar ist.
Und Gen-Food enthält keine Gene – bzw. es enthält natürlich genauso viele oder wenige Gene wie jedes andere vergleichbare Essen auch -, sondern das Genom des Produkts oder eines Inhaltsstoffs wurde vom Menschen gezielt verändert.
Beide Begriffe sind unpräzise, geeignet, Verwirrung zu stiften oder falsch zu informieren und haben damit in der Mediensprache nichts zu suchen.
*[3] Update, 16.01.10, 19.55: Mir fällt eben erst auf, dass der Satz ja auch ansonsten ziemlich unsinnig ist. Der Einfluss der Sonne ist also geringer als die menschlichen Treibhausgasemissionen. Und der Einfluss von korrekten Sätzen auf die Wirkung eines Artikels, der besseren Umgang mit Fakten fordert, ist geringer als der Salzgehalt des Toten Meeres. Oder so.
[4] Ich wurde per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass die hohen Temperaturen auf der Venus eher auf die dortige Atmosphöre bzw. den hohen Druck zurückzuführen seien und nicht so sehr, wie man meinen könnte, auf die Nähe zur Sonne. Ich notiere das gerne und ärgere mich, dieses Beispiel angeführt zu haben. Ich lerne: Finger weg von Aussagen, deren man sich nicht völlig sicher ist. Danke für den Hinweis!

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Ein journalistischer und menschlicher Offenbarungseid

Freitag, 13. November 2009 15:54

Ich habe gestern schon einige wenige Worte zu dem Thema verloren und hatte eigentlich vor, es dabei zu belassen. Der gestrige Bildblog-Beitrag – genauer, die kritisierte Morgenpost-Titelseite – lässt mich davon abrücken. Einige ergänzende Worte, weil ich nicht primär die Werbung so daneben finde:

Es macht mich wütend und enttäuscht und hilflos zugleich, wenn ich so einen Aufmacher sehe. Ich finde es widerlich, abstoßend, verachtenswert. Mag sogar sein, dass der Pressekodex derartiges erlaubt[1], ich weiß es gerade nicht.
Aber selbst wenn: Welches irgendwie geartete begründete Interesse hat irgendjemand in diesem Land an der Reaktion von Robert Enkes Witwe auf seinen Tod?
Wie es ihr in diesen Tagen geht, kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen – und um ehrlich zu sein: ich will es noch nicht einmal. Selbstverständlich trauert sie. Sie war seine Frau. Wie sie damit umgeht, ist allein ihre Sache und die ihrer Vertrauten. Völlig egal, wie sie das tut und egal, wie man es dreht und wendet: Daraus wird keine Nachricht. Punktum.

Natürlich, sie ist selbst an die Öffentlichkeit gegangen mit ihrer Pressekonferenz. Sie hätte das nicht tun müssen. Offensichtlich hatte sie dennoch Gründe, so zu handeln. Welcher Art diese Gründe sind, vermag ich nicht zu ermessen. Ja, ich habe Vermutungen, aber ich habe vor allem nicht zu spekulieren.
Ich weiß aber auf jeden Fall: Sie hat mit der Pressekonferenz dem begründeten Nachrichteninteresse der Allgemeinheit nicht nur ausreichend, sondern weit darüber hinaus Genüge getan. Alles, was irgendjemand zum Tod Robert Enkes wissen muss, ist damit gesagt.
Warum zum Teufel muss sie jetzt also immer noch auf irgendwelchen Titelseiten abgebildet werden?[2] Eine andere Antwort als „Der Verkaufszahlen wegen“ fällt mir nicht ein.
Dieses Ausschlachten des Leides durch das Stimulieren der Tränendrüse im Gewand der Anteilnahme ist an heuchlerischer Durchtriebenheit nicht zu überbieten.
So eine Titelseite ist nicht nur schlechter Journalismus, es ist Anti-Journalismus und es ist auch menschlich ein Offenbarungseid. Sogar schon ohne die unsägliche Werbe-Banderole.

Update 13.11.09, 17.59 Uhr: Eben erst das hier gesehen. Manchmal fällt es schon schwer, das selbst auferlegte Max-Liebermann-Zitatverbot einzuhalten. Dieses Beispiel ist sogar noch widerlicher, abstoßender und verachtenswerter als die oben kritisierte Titelseite. Unfassbar. Ich zitiere den Satz, der das Ganze so gut es geht auf den Punkt bringt:

Als ich bei N24 anrufe, den Sender, von dem ProSieben seine Nachrichten bezieht, versteht man erst meine Frage nach irgendwelchen Reaktionen auf die Ausstrahlung dieser Szene nicht. (Ich wollte nicht gleich fragen, ob der verantwortliche Chefredakteur noch im Amt ist.)

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[1] Nicht, dass sich irgendjemand daran hielte…
[2] Ich hoffe, die in der Hamburger Morgenpost war die einzige, habe aber keine Lust, dem nachzugehen.

Hinweis: Vermutlich wird irgendjemand kommen und mir vorwerfen, auch ich trüge mit dazu bei, das Thema weiter an der Öffentlichkeit zu halten. Das ist immer das Dilemma der Kritik. Dennoch scheint mir die Kritik am Medium hier einfach notwendig.

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