Beitrags-Archiv für die Kategory 'Medienkritik'

Über das Wesen des Mannes

Dienstag, 9. März 2010 22:41

Am gestrigen Montag, dem Weltfrauentag, beschäftigte sich die taz in einer Sonderausgabe ausführlich mit – dem Mann. Chefredakteurin Ines Pohl schrieb dazu im Editorial: „2010 widmet sich die Frauen-taz also den Männern. Wir tragen damit dem erfreulichen Umstand Rechnung, dass ein zentrales feministisches Ziel erreicht ist: Die Frage nach Geschlechterverhältnissen, nach einer neuen Männlichkeit hat sich aus feministischen Kreisen hinausbewegt und ist bei vielen Männern selbst angekommen.“

Das klingt zunächst nach einer guten Idee. Wieso nicht einmal etwas anderes machen? Wieso sich am Weltfrauentag nicht generell mit Geschlechterfragen auseinandersetzen? Die gesamte Gender-Thematik ist eine wichtige und eine, die viele Fragen aufwirft: danach zum Beispiel, wie wir aktuell Geschlecht definieren und wie wir Geschlecht definieren wollen. Der Fall Caster Semenya vor einem halben Jahr hätte Anlass sein können für eine Debatte darüber, ob die Dichotomie Mann/Frau nicht ein Anachronismus ist. Was nämlich tun, wenn der Blick auf die Geschlechtschromosomen eben keine klare Einordnung in eines der beiden Geschlechter erlaubt?
Spannend ist auch die Frage, wie diese Gesellschaft mit der Sexualität von Menschen umgeht: Sind von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualitäten mittlerweile anerkannt? Ist etwa die Tatsache, dass der deutsche Außenminister einen Lebensgefährten und keine Lebensgefährtin hat, ein Beweis dafür, dass hierzulande Homosexualität voll anerkannt ist oder spricht die Tatsache, dass dieser Umstand überhaupt Beachtung findet, dafür, dass Homosexualität noch immer als etwas Unnormales betrachtet wird?

Ich habe die Zeitung am Bahnhofskiosk in der Hand gehalten, dann aber wieder weggelegt, und ich habe mir auch online nicht alle Texte durchgelesen, so dass ich zu der Umsetzung des Konzepts nichts sagen kann. Mag sein, dass die gesamte Ausgabe in sich eine geniale Komposition darstellte, zusammengefügt aus einzelnen, für sich genommen unverständlichen, Mosaiksteinchen, deren Gehalt sich erst im komplexen Zusammenspiel erschließt; mag sein, dass der Artikel „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ eines dieser Mosaiksteinchen ist. Für diesen Fall entschuldige ich mich vorab für die folgende Kritik.

Bis dahin gehe ich allerdings davon aus, dass der Text ist, was er zu sein scheint: Ein für sich selbst sprechender Artikel. Keine Satire. Ein Text mit dem Ziel zu ergründen „was Migrantinnen über den deutschen Mann denken“, wie Ines Pohl schreibt.
Nun gehört auch die Frage nach Geschlechter- und Rollenverständnissen in verschiedenen Ländern und Weltregionen zum Gegenstand der Gender-Forschung und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine Analyse des vorherrschenden Männerbildes erhellend hätte sein können: Welche Forderungen stellen Recht und Gesetz, stellen tradierte Familienverständnisse oder ökonomische Faktoren an Männer in Deutschland, Brasilien, China, Russland, Ghana (oder in Deutschland, Polen, Kuba und Griechenland)? Wer ist in diesen Ländern Mann, was versteht man in den jeweiligen Ländern als männlich – und gibt bereits hier Unterschiede innerhalb eines Landes? Welche Folgen haben die jeweiligen Verständnisse für Männer, die sich diesen wie auch immer gearteten Zwängen zu entziehen versuchen?

All das sind Fragen, die mir spontan in den Kopf kommen; die eigentlich naheliegend sind und von der Gender-Forschung auch untersucht werden. Es sind nur einige der Fragen rund um das Thema Gender und rund um das Thema Mann und es gäbe noch dutzende, hunderte, tausende mehr, derer man sich in einer Sonderausgabe annehmen könnte. Und weil ich die anderen Artikel nicht gelesen habe, möchte ich kein Urteil darüber abgeben, ob die taz-Ausgabe genau das vielleicht getan hat.

Aber wieso es der Text „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ in die Ausgabe geschafft hat, weiß die Chefredaktion allein. Darin beschreiben drei Frauen, eine 35-jährige Kubanerin, eine 37-jährige Polin und eine 21-jährige Griechin*, die allesamt seit längerem in Deutschland leben, wie sie deutsche Männer sehen.

So findet die aus Kuba stammende Lisbet Espendru, deutsche Männer „arbeiten zum Beispiel nicht, um sich von ihrem Geld eine schöne Zeit zu machen, sondern für die Rente, für ein Haus, für ihre soziale Sicherheit. Das nervt ein wenig!“ Die mit Designerin schreibt weiter, deutsche Männer erschienen ihr „manchmal ein wenig asexuell“, weil sie, anders als kubanische Männer, Frauen auf der Straße nicht hinterherpfeifen.

Die aus Polen stammende Malgorzata Lewandowska bescheinigt den deutschen Männern, keine Muttersöhnchen zu sein und beschreibt, dass einmal die Mutter eines polnischen Jungen, mit dem sie in einer WG gelebt hat, die Wohnung für ihn schrubbte, als er Putzdienst hatte. Sie konstatiert:„So etwas würde ein deutscher Mann wahrscheinlich nie tun. Zumindest kenne ich keinen, der so drauf ist.“
Weil deutsche Männer aber so partnerschaftlich dächten, bemerkten sie nicht, wenn Frauen Hilfe brauchen; schließlich hätten ihr einmal drei Deutsche im Zug nicht geholfen, den Koffern auf die Gepäckablage zu heben.

Und die aus Griechenland stammende Dalia Reuben-Shemia schreibt: „Der deutsche Mann ist ruhig, rational, vernünftig und verlässlich. Er hilft im Haushalt und kümmert sich um die Kinder.
Der deutsche Mann trägt Hemden und die Haare zurückgekämmt. Aber er inszeniert sich weniger äußerlich, sondern eher durch sein Wesen: Er trägt seine Vernunft zur Schau und will mit seinem Wissen jemanden für sich gewinnen. Er möchte gern tolerant und fortschrittlich sein, aber das gelingt ihm nicht so richtig. Er erträgt es nämlich nicht, wenn seine Frau mehr verdient als er selbst und wenn sie auf der Karriereleiter über ihm steht. Aber das sagt der deutsche Mann nicht laut, er würde ja sonst als Chauvi gelten.“

Es erübrigt sich eigentlich, zu erklären, dass es natürlich weder den deutschen Mann an sich gibt noch den polnischen oder kubanischen oder griechischen; dass es auch deutsche Männer gibt, die Frauen mit schweren Koffern beim Tragen helfen und deren Mutter ihre Studentenbude scheuert; dass es auch Polen gibt, die Frauen nicht die Koffer in die Gepäckablage hieven und die ihre Wohnung selber putzen; dass es Kubaner gibt, die Frauen nicht hinterherpfeifen und deutsche Männer, die das tun; dass es also für jedes genannte Beispiel bestätigende und widersprüchliche Einzelfälle in jedem genannten Land gibt.

Ich weiß nicht, ob der Vorwurf eher den drei schreibenden Frauen zu machen ist, die vermutlich gebeten worden sind, doch einfach einmal aufzuschreiben, was sie denn für Eigenarten deutscher Männer ausgemacht hätten, ob der Vorwurf eher an die zuständige Redakteurin Simone Schmollack zu richten ist, an den verantwortlichen CvD oder die Chefredaktion: Aber dieser Artikel bietet nicht nur keine neuen, in irgendeiner Weise für irgendjemanden relevanten Erkenntnisse, sondern bedient darüber hinaus unreflektiert Klischees und zementiert, auf seine Weise, das Denken, wonach charakterliche Eigenarten auf die Biologie eines Menschen zurückzuführen sind. Und er führt diese Eigenarten nicht nur geschlechtsspezifisch auf das Mann-Sein zurück, sondern dazu auch noch auf das Deutsch-Sein oder Kubanisch-Sein. Er postuliert also eine kausale Verbindung zwischen Geschlecht und Ethnie sowie dem Charakter von Menschen.

Nun ist das nicht verboten: ich habe in einer Debatte über Geschlechterdifferenzen selbst schon gefordert, biodeterministische Argumentationen nicht per se abzukanzeln, solange die Wissenschaft sie nicht gut begründet widerlegt – auch wenn ich den Biodeterminismus nicht für plausibel halte. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Standpunkt weiter ausgeführt wird, dass der Rekurs auf die Biologie reflektiert und bewusst erfolgt und dass von diesen Annahmen ausgehend stringent argumentiert wird, unter Berücksichtigung aller Implikationen und Konsequenzen.
Allein: Der vorliegende Artikel lässt nichts davon erkennen. Vielmehr wiederholt er oft gehörte Stereotypen und ist auf eine so plumpe Weise unreflektiert, dass man ihn kaum als unnötig, aber harmlos ad acta legen kann.

Die vorliegenden Pauschalisierungen helfen nicht, die Rolle des Mannes hierzulande oder in einem der anderen Länder zu verstehen, weil sie, selbst wenn die Beschreibungen zuträfen, nicht wirklich nach dem warum fragen, und sie sind noch nicht einmal originell, überraschend, lustig oder brillant formuliert. Sie lassen jede kritische Distanzierung vermissen. Lewandowska formuliert zwar lapidar: „Das klingt jetzt sicher sehr klischeehaft und es sind auch nicht alle Männer gleich – weder die polnischen noch die deutschen“, doch geht auch diese Relativierung von der Annahme aus, dass zumindest Deutsche Deutsche und Polen Polen und Kubaner Kubaner und Männer Männer sind. Das ist freilich Unsinn. Was zum Beispiel ist ein in Polen geborener Hermaphrodit mit einem kubanischen Vater und einer griechischen Mutter, der/die seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland lebt?

Dass dem im Artikel transportierten unzeitgemäßen und simplifizierten Bild von klar abgrenzbaren Geschlechtern und Ethnien nicht widersprochen wird, ist nicht nur, aber auch in einer Sonderausgabe zum Thema Mann und nicht nur, aber auch für eine in Sachen Gender eigentlich profilierten Zeitung wie die taz enttäuschend.

Offenlegung: Ich habe schon in der taz veröffentlicht und halte sie generell für eine sehr lesenswerte Zeitung.

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*Ich gehe aufgrund des Textes einmal davon aus, dass die Frauen auch die Staatsbürgerschaft ihrer jeweiligen Herkunftsländern haben; möglich aber, dass es sich jeweils um kubanisch-, polnisch- und/oder griechischstämmige Deutsche handelt. Das spielt aber für die Bewertung des Artikels auch keine Rolle.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor: Jonas Schaible

Greenpeace und die Sonne: Was war noch mal das Klima?

Samstag, 16. Januar 2010 2:25

Der Klimalügendetektor-Blog vom Greenpeace-Magazin und wir-klimaretter.de seziert die aktuelle Focus-Titelstory (“Fällt die Klima-Katastrophe aus?” [1]), was erstens durchaus interessant ist und zweitens unbedingt gerechtfertigt, denn dieser Titel ist nun wirklich so offenkundig ausschließlich auf Auflagensteigerung ausgelegt, dass es kaum genug Kritik hageln kann.
Allerdings sollte gerade eine Organisation wie Greenpeace bei ihrer Argumentation etwas sorgfältiger vorgehen. Im Beitrag steht:

Über mehrere Seiten breitet das Münchner Nachrichtenmagazin aus, dass es in den vergangenen Monaten eine ungewöhnlich lange Phase ohne Sonnenflecken gab und angeblich einen Stillstand bei der Erderwärmung. Da werden Experten zitiert, die schon immer der Ansicht waren, die Sonne und nicht der Mensch sei der bestimmende Faktor für das Erdklima: [...]
Doch der gesamte Text wirkt, als glaube Focus-Autor Michael Odenwald den drei Experten selbst nicht. Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen *[3].

Das ist natürlich völliger Unsinn. Natürlich ist die Sonne der bestimmende Faktor für das Erdklima. Und um das festzustellen, muss man wahrlich kein Klimawandelskeptiker [2] sein. Es reicht etwa der Blick auf die Durchschnittstemperaturen von Erde (ca. 15° C) und Venus (ca. 450° C) oder Mars (ca. -63° C) oder[4] von Tag- und Nachtseite der jeweiligen Planeten oder auch von den Klimazonen Tropen und Polarzone.

Ich gehe schwer davon aus, dass bei Greenpeace bekannt ist, welchen Einfluss die Sonne auf das Klima und überhaupt auf alles auf diesem Planeten (einschließlich dieses Planeten selbst) hat, dass dort ebenfalls bekannt ist, dass Klimaerwärmung und das Klima selbst verschiedene Dinge sind und dass man einfach nur unsauber formuliert hat.
Es ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie Begriffe ein Eigenleben entwickeln können – so werden der anthropogene Treibhauseffekt, die Klimaerwärmung, der Klimawandel und schließlich Klima nach und nach in einen Topf geworfen, unbedarft vermengt und am Ende steht: eine völlig haarsträubende Aussage.
Umso wichtiger ist es für Medien, auf eine präzise Sprache Wert zu legen.

Am Rande: Ich hätte das ja gerne dort kommentiert, allerdings gibt es keine Kommentarfunktion. Angesichts der zu erwartenden Trollüberfälle ist das allerdings auch wieder verständlich.

Update 25.01.10: Mittlerweile ist die hier kritisierte Passage etwas verbessert worden. Jetzt steht da:

Zu Recht: Natürlich bestimmt die Sonne das Erdklima mit, aber längst ist erwiesen, dass ihr Einfluss auf den derzeitigen Klimawandel deutlich kleiner ist als die vom Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen.

Damit stimmt jetzt die inhatliche Aussage. Zumindest dann, wenn man über den nach wie vor vorhandenen Satzbau-Fehler hinwegsieht. Denn nach wie vor wird der Einfluss auf den Klimawandel mit den Treibhausgas-Emissionen verglichen – was nach wie vor ein reichlich unsinniger Vergleich und sicher auch nicht im Sinne der Autoren ist.

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[1] Siehe dazu auch: Glasauge TV – “Klimaschock – Rätselhaftes Monster in Berlin
[2] Um einmal den Wolf Schneider zu machen: Das Wort “Klimaskeptiker” ist ähnlich unsinnig wie das Wort “Gen-Food”.
Klimaskeptiker sind nicht dem Klima gegenüber skeptisch und sie sind auch nicht skeptisch, ob es ein Klima gibt; sie sind auch noch nicht einmal eigentlich skeptisch, ob es einen Klimawandel gibt; schon eher sind sie skeptisch, ob es eine Klimaerwärmung gibt. Und vor allem sind die meisten Klimawandelskeptiker skeptisch, ob es einen anthropogen verursachten Treibhauseffekt gibt und ob dieser Effekt wirklich wahrnehmbar ist.
Und Gen-Food enthält keine Gene – bzw. es enthält natürlich genauso viele oder wenige Gene wie jedes andere vergleichbare Essen auch -, sondern das Genom des Produkts oder eines Inhaltsstoffs wurde vom Menschen gezielt verändert.
Beide Begriffe sind unpräzise, geeignet, Verwirrung zu stiften oder falsch zu informieren und haben damit in der Mediensprache nichts zu suchen.
*[3] Update, 16.01.10, 19.55: Mir fällt eben erst auf, dass der Satz ja auch ansonsten ziemlich unsinnig ist. Der Einfluss der Sonne ist also geringer als die menschlichen Treibhausgasemissionen. Und der Einfluss von korrekten Sätzen auf die Wirkung eines Artikels, der besseren Umgang mit Fakten fordert, ist geringer als der Salzgehalt des Toten Meeres. Oder so.
[4] Ich wurde per Mail darauf aufmerksam gemacht, dass die hohen Temperaturen auf der Venus eher auf die dortige Atmosphöre bzw. den hohen Druck zurückzuführen seien und nicht so sehr, wie man meinen könnte, auf die Nähe zur Sonne. Ich notiere das gerne und ärgere mich, dieses Beispiel angeführt zu haben. Ich lerne: Finger weg von Aussagen, deren man sich nicht völlig sicher ist. Danke für den Hinweis!

Thema: Medienkritik | Kommentare (0) | Autor: Jonas Schaible

Ein journalistischer und menschlicher Offenbarungseid

Freitag, 13. November 2009 15:54

Ich habe gestern schon einige wenige Worte zu dem Thema verloren und hatte eigentlich vor, es dabei zu belassen. Der gestrige Bildblog-Beitrag – genauer, die kritisierte Morgenpost-Titelseite – lässt mich davon abrücken. Einige ergänzende Worte, weil ich nicht primär die Werbung so daneben finde:

Es macht mich wütend und enttäuscht und hilflos zugleich, wenn ich so einen Aufmacher sehe. Ich finde es widerlich, abstoßend, verachtenswert. Mag sogar sein, dass der Pressekodex derartiges erlaubt[1], ich weiß es gerade nicht.
Aber selbst wenn: Welches irgendwie geartete begründete Interesse hat irgendjemand in diesem Land an der Reaktion von Robert Enkes Witwe auf seinen Tod?
Wie es ihr in diesen Tagen geht, kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen – und um ehrlich zu sein: ich will es noch nicht einmal. Selbstverständlich trauert sie. Sie war seine Frau. Wie sie damit umgeht, ist allein ihre Sache und die ihrer Vertrauten. Völlig egal, wie sie das tut und egal, wie man es dreht und wendet: Daraus wird keine Nachricht. Punktum.

Natürlich, sie ist selbst an die Öffentlichkeit gegangen mit ihrer Pressekonferenz. Sie hätte das nicht tun müssen. Offensichtlich hatte sie dennoch Gründe, so zu handeln. Welcher Art diese Gründe sind, vermag ich nicht zu ermessen. Ja, ich habe Vermutungen, aber ich habe vor allem nicht zu spekulieren.
Ich weiß aber auf jeden Fall: Sie hat mit der Pressekonferenz dem begründeten Nachrichteninteresse der Allgemeinheit nicht nur ausreichend, sondern weit darüber hinaus Genüge getan. Alles, was irgendjemand zum Tod Robert Enkes wissen muss, ist damit gesagt.
Warum zum Teufel muss sie jetzt also immer noch auf irgendwelchen Titelseiten abgebildet werden?[2] Eine andere Antwort als „Der Verkaufszahlen wegen“ fällt mir nicht ein.
Dieses Ausschlachten des Leides durch das Stimulieren der Tränendrüse im Gewand der Anteilnahme ist an heuchlerischer Durchtriebenheit nicht zu überbieten.
So eine Titelseite ist nicht nur schlechter Journalismus, es ist Anti-Journalismus und es ist auch menschlich ein Offenbarungseid. Sogar schon ohne die unsägliche Werbe-Banderole.

Update 13.11.09, 17.59 Uhr: Eben erst das hier gesehen. Manchmal fällt es schon schwer, das selbst auferlegte Max-Liebermann-Zitatverbot einzuhalten. Dieses Beispiel ist sogar noch widerlicher, abstoßender und verachtenswerter als die oben kritisierte Titelseite. Unfassbar. Ich zitiere den Satz, der das Ganze so gut es geht auf den Punkt bringt:

Als ich bei N24 anrufe, den Sender, von dem ProSieben seine Nachrichten bezieht, versteht man erst meine Frage nach irgendwelchen Reaktionen auf die Ausstrahlung dieser Szene nicht. (Ich wollte nicht gleich fragen, ob der verantwortliche Chefredakteur noch im Amt ist.)

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[1] Nicht, dass sich irgendjemand daran hielte…
[2] Ich hoffe, die in der Hamburger Morgenpost war die einzige, habe aber keine Lust, dem nachzugehen.

Hinweis: Vermutlich wird irgendjemand kommen und mir vorwerfen, auch ich trüge mit dazu bei, das Thema weiter an der Öffentlichkeit zu halten. Das ist immer das Dilemma der Kritik. Dennoch scheint mir die Kritik am Medium hier einfach notwendig.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor: Jonas Schaible

Die Medien und Robert Enkes Tod

Mittwoch, 11. November 2009 15:19

Gerade eben wollte ich einen Artikel darüber anfangen, wie sehr mich große Teile der, sagen wir einmal Berichterstattung über Robert Enkes Tod anwidern. Jetzt sehe ich, dass Stefan Niggemeier soeben genau das getan hat – mit Verweis auf Dirk Gieselmann von den 11Freunden, der ebenfalls genau das getan hat.
Bitte lesen!

Neben den Beispielen, die Stefan Niggemeier erwähnt, gäbe es dann beispielsweise ein Video bei Süddeutsche.de, das wohl so etwas wie die tiefe Trauer unter den Fans zeigen soll, aber sich eigentlich fernab jeden Informationsgehalts in Voyeurismus ergeht. Oder natürlich bei Bild.de Text, Fotos, Überschrift, Video inklusive Fotos vom Ort des Geschehens und Kommentarspalte, die betitelt ist mit: “Robert Enke ist tot: Drücken Sie hier Ihr Beileid aus!” Oder die Meldung bei web.de, die groß Enkes Witwe abbildet.
Dass Johannes B. Kerner heute Abend offenbar eine Sondersendung zu dem Thema ausstrahlt, passt da dann erschütternd gut ins Bild.
Und ich habe nicht alle Newsseiten durchforstet.
Zu diesen Texten: Bitte nicht lesen!*
Zu dieser Sendung: Bitte nicht ansehen!

Danke.
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*Deshalb auch, wider meine Prinzipien, keine Links. Wer suchet der findet – oder fragt in den Kommentaren an.
Aber: Bitte nicht suchen!

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor: Jonas Schaible

Nachtrag: Bild, Wikipedia und der mysteriöse Panther

Mittwoch, 11. November 2009 13:57

Der Panther-Beitrag liefert wieder einmal ein schönes Beispiel, wie man bei der Bild mit Fehlern umgeht.
Das Video ist aus dem Beitrag – der sich allerdings inhaltlich nach wie vor darauf bezieht – verschwunden.
Und noch etwas fehlt: Nämlich jeder Hinweis auf die Änderung.
Jetzt findet ein Leser eben nur noch den reißerischen Text, der so anfängt:

Unheimlich schleicht die schwarze Silhouette durch die Wälder. Das große, muskulöse Tier reißt Schafe, verbreitet Angst bei den Menschen. Schon auf den ersten Blick ist klar: Dieses Tier ist keine normale Katze.

Davon, dass das große, muskulöse und Schafe reißende Tier eine kleine, vermutlich flauschige und eher Mäusen jagende Hauskatze ist, kann sich der Leser allerdings nicht mehr überzeugen. Dreist.

Der fehlerhafte und von Wikipedia kopierte Infotext findet sich dagegen immer noch unter dem anderen Panther-Artikel.

Via Mikaela in den Kommentaren

Thema: Medienkritik | Kommentare (0) | Autor: Jonas Schaible

Bild, Wikipedia und der myteriöse Panther*

Montag, 9. November 2009 22:17

Der Bildblog hat heute berichtet, wie Bild über den Panther berichtet, der angeblich Belgien und mittlerweile auch Deutschland unsicher macht.
Dass es die Bild mit gutem Journalismus nicht so hat, ist bekannt. Dass sie es auch mit Katzen nicht so hat, wusste ich bisher nicht. In diesem Beitrag beweist sie beides.

Zunächst einmal der Infotext:

„Der Schwarze Panther (Panthera pardus) ist eine Leopardenart, die besonders häufig in Höhenlagen und im Regenwald auftritt. Er ist in Afrika und Asien weit verbreitet. Panther werden 90 bis 190 cm lang, den 60 bis 110 cm langen Schwanz nicht mitgerechnet. Männliche Panther wiegen 40 bis 90 Kilo, haben eine Schulterhöhe von 70 bis 80 cm. Weibchen sind etwa halb so groß, wiegen nur 30 bis 60 Kilo

Normalerweise müsste ich ja jetzt beinahe Angst haben, dass die Bild mich abmahnen lässt – denn immerhin zitiere ich den ganzen Absatz. So etwas kann heutzutage ja schnell ins Auge gehen. Allein: Texte der Wikipedia sind für gewöhnlich frei kopierbar [1]. Das wusste offensichtlich auch die Bild…

Das allein ist schon peinlich genug. Richtig schlimm wird es aber, wenn wie hier die einzige Information, die selbstständig hinzugefügt wurde, falsch ist.
Der Panther ist nämlich keineswegs eine Leopardenart. Er ist überhaupt keine Art und damit ist sein Artname auch nicht panthera pardus.
Panthera pardus ist vielmehr der wissenschaftliche Name für den Leopard. Der sieht für gewöhnlich so aus – ist aber eben auch nicht selten schwarz. Diese melanistischen Exemplare werden im Volksmund Panther genannt, sind und bleiben aber ganz normale Leoparden.
Dasselbe trifft außerdem auf melanistische Jaguare (panthera onca) zu.

Überhaupt gibt es auch keine Leopardenarten, denn der Leopard ist eine eigene Art (panthera pardus) innerhalb der Gattung panthera. Eine Art ist definiert als eine Fortpflanzungsgemeinschaft. Alle Individuen einer Art können also miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen. So wie schwarze Leoparden und alle anderen Leoparden oder wie schwarze Jaguare und alle anderen Jaguare.
Allenfalls gibt es Leoparden-Unterarten (auch Subspezies genannt), wobei die Unterteilung einer Art in verschiedene Unterarten höchst umstritten ist, weil niemand so recht weiß, anhand welcher Kriterien diese Einteilung vorgenommen wird. Deshalb ändert sich die Zahl der Unterarten einer Art auch häufiger einmal. Aber, wie auch immer: Der Panther ist noch nicht einmal eine Unterart des Leoparden (oder des Jaguars).
All das kann man, wenn man es nicht weiß, auch in der Wikipedia nachlesen. Aber sogar so viel Eigenrecherche war dann wohl zu viel.

Aber es geht ja noch weiter. In dem zugehörigen Video nämlich. Die Sprecherin fragt gleich zu Beginn:
„Was hätten Sie getan, wenn Ihnen beim Spazierengehen der hier über den Weg gelaufen wäre?“

Möchte sie das wirklich wissen? Wenn ja: Ich hätte ihn (oder sie) gestreichelt.
Denn offenbar trifft zu, was sie im nächsten Satz sagt: „Bisschen schwierig zu erkennen.“ Nur ihre Schlussfolgerung stimmt nicht: „Das ist ein Panther“.
Nein, ist es nicht. Es ist, vermutlich, felis silvestris, die Hauskatze.
Zwar schreibt Bild.de unter dem Video noch einmal: „Schon auf den ersten Blick ist klar: Dieses Tier ist keine normale Katze.“ Das macht die Behauptung aber nicht wahrer.

Ich bin nun kein Biologe oder ein Experte für Großkatzen. Aber selbst wenn man keine Ahnung von den Proportionen einer Hauskatze und eines Leoparden/Jaguars hat: Die Tatsache, dass das Tier über den Grünstreifen in der Mitte des Weges springt, sowie das Größenverhältnis zwischen Weg und Tier lassen jeden, der schon einmal einen Feldweg und eine Hauskatze gesehen hat, begründet vermuten, dass es sich hier um genau so eine Hauskatze handelt.
Auf keinen Fall ist irgendwie gesichert, dass das Video einen Panther zeigt.

Was den Leiter des Euregiozoos Aachen, Wolfram Graf-Rudolf, dazu veranlasst hat, im Video zu behaupten, das Tier sei womöglich oder vermutlich ein Panther, verrät er mir hoffentlich per Mail. Falls ja, werde ich hier updaten.

Update, 10.02.09, 11.30 Uhr: Wolfram Graf-Rudolf hat sich soeben bei mir gemeldet. Die Aussage, “das könnte einer [ein Panther] sein”, habe er unter der Prämisse getroffen, dass der fragliche Weg eine Breite von 10,20 Meter aufweist. Dieser Wert sei ihm von einem Journalistenteam – nicht der Bild, er meinte unverbindlich WDR – versichert worden.
Auf Basis dieser Vorannahme könne man eine Hauskatze ausschließen und lande zwangsläufig bei einer Großkatze.
Ist der Weg allerdings schmaler, wie man zunächst wohl vermutet, wäre man wieder bei einer Hauskaze. Eine Einschätzung über die Frage “Leopard oder Jaguar” könne er aufgrund der schlechten Bildqualität nicht geben.
Damit steht und fällt das Ganze mit der Breite des Weges.

Ich selbst bleibe nach wie vor bei der Hauskatze.[2] Erstens ist mir noch kein 10,20 Meter breiter Feldweg unter gekommen, zweitens deuten Proportionen und Bewegungsablauf für mich weiter auf eine Hauskatze hin.

Kleine Info am Rande: Die Bild meldet, nun komme ein Panther-Hunter zum Einsatz. Darauf hat mich Graf-Rudolf auch hingewiesen. Er hält das Unterfangen aber für wenig erfolgversprechend, immerhin müsse man mit einem Narkosegewehr auf etwa 30 Meter an das Tier heran. Denkbar schwierig, bei einem Tier, von dem man nicht weiß, wo es sich aufhält – und eigentlich noch nicht einmal, ob es überhaupt existiert.

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[1] Weil ich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht wurde, formuliere ich es sauberer: Die Texte sind natürlich nicht uneingeschränkt frei kopierbar, sondern stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Eine Verwertung ist erlaubt, solange der Autor (in diesem Fall eher die Quelle: Wikipedia) genannt wird und das Werk unter gleichen Bedingungen weitergegeben wird. (Da könnte es bei der Bild schwierig werden, denn deren kopierter Text steht sicher nicht unter cc…)
[2] Also, im übertragenen Sinne.

Thema: Medienkritik | Kommentare (20) | Autor: Jonas Schaible

Im Westen viele Fehler

Mittwoch, 4. November 2009 16:04

DerWesten hat ein Interview mit Waldemar Hartmann geführt. Darin erzählt er, warum er Sportjournalist geworden ist; außerdem spricht er über sein Kabarett-Programm. Das alles ist nicht so richtig spektakulär, allerdings kommt beim Lesen die Frage auf, was genau der zuständige Redakteur beim Redigieren eigentlich gemacht hat. Redigiert hat er jedenfalls nicht.
Dass versucht wurde, Hartmanns Dialekt auch in der Transkription Rechnung zu tragen, ist in Ordnung. Dass sehr sehr viele Sätze mit „und“ beginnen und viele Sätze eher abgehackt klingen, liegt vielleicht an Hartmann selbst und daran, dass die Redaktion nicht so viel am Originaltext verändern wollte. Geschenkt.
Aber so viele Fehler sollten in einem redigierten Text nun wirklich nicht zu finden sein.

Der [Rudi Völler, Anm. von bwg.de] ist ja damals auf Dellinger und Netzer losgegangen.

Der Name ist falsch geschrieben: Delling.

Das war wie ne Situation wie die, als das Tor in Madrid beim BVB-Spiel umgefallen ist.

Ein Wort („wie”) ist zu viel.

Aber ich schon auch so’n paar Sendungen, die ein bisschen mehr waren als ein normales Interview.

Es fehlt ein Verb.

Wir haben damals 40 Minuten überzogen, weil alle begannt vor dem Fernseher saßen, auch die Sendeleitung.

Ein Wort ist völlig falsch geschrieben.

Und dann auch so manches Gespräch, das ich mit Hoeness geführt habe. Das waren schon immer welches, wo es schon gefunkt hat.

Der Name ist falsch geschrieben (Hoeneß) und eine furchtbar falsche Relativsatz-Konstruktion.

Sie haben ein Buch veröffentlich „Born to be Waldi”.

Es fehlt je ein Buchstabe und ein Satzzeichen.

Die Idee ist entstanden, als ich mich mit Frank Elstner vor eineinhalb Jahren nach einer Sendung zusammengesessen bin. Wir haben über alte Geschichten gesprochen. Und der Unterhaltungschef des Südwestfunks sagte damals, Sie müssen Ihre Geschichten mal alle aufschreiben. Und Frank sagte: Ne, Du musst sie erzählen. Das war so mal der erste Gedanke. Und dann hat mir Harald Schmidt bei der Olympiade in Peking da gleiche sagt.

Ein Wort („mich”) ist zu viel, es fehlen zweimal Anführungszeichen und es fehlt ein Buchstabe.

Und das sind ne ganze Menge an Geschichten…

Die Verbform ist falsch, denn eine Menge „ist”.

Den [Stefan Reuter, Anm. von bwg.de] kannte ich ja noch als 17-Jährigen, als er beim Club in die Bundesliga gekommen ist. Und besucht mich heute noch bei Geburtstagsfeiern oder bei meiner Hochzeit.

Es fehlt ein Wort, genauer das Subjekt.

Doch habe ich auch zu den handelnden Personen einen Draht. Josef Schneck.

Ein Name steht nach einem Punkt als eigener Satz. Hier fehlen so einige Satzteile.

Zu Watzke habe ich weniger Kontakt. Kloppo natürlich auch. Über die Zeit, etwa auch Jürgen Kohler, Thomas Helmer. Meistens die, die von Bayern zum BVB gekommen sind.

Ein Verb fehlt – und dadurch wird der Bezug unklar: Hat Kloppo nun zu Watzke wenig Kontakt oder zu Hartmann? Der folgende Satz ist völlig fehlkonstruiert,

Und da hab ich dann auch meine Maul zu weit aufgerissen.

Ein Buchstabe ist überschüssig.

Hier kommen sie, weil sie mich sehen wollen, zahlen und wollen nicht irgendein Sportevent.

Dieser Satz ist ebenfalls völlig fehlkonstruiert.

Weihnachten werde ich dann feststellen: Schaffe ich das? Oder ist es mir – auch physisch – zu heavy? Dann sage ich, wir treten kürzer.

Auch hier sind die Bezüge seltsam: Hartmann sagt, er werde feststellen „ob” es ihm zu viel ist, wobei er feststellen müsste, „dass” es zu viel ist – oder eben nicht. Und dann wird „er” feststellen, dass „sie” (Wer?) kürzer treten.

Wie so etwas passieren kann, ist ein Rätsel. Zumal es sich um eine Vielzahl von verschiedenen Fehlern handelt, die nicht alle mit Tippfehlern erklärbar sind.
Aber wenigstens in einer Sache kann man beim Westen sicher sein: An einer abgeschriebenen dpa-Meldung liegt es nicht…

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via bildblog

Thema: Medienkritik | Kommentare (0) | Autor: Jonas Schaible

Selbstkritische Umfrage des ZDF

Montag, 21. September 2009 1:01

Das ZDF hat eben eine Zusammenfassung des Formats “Erst fragen, dann wählen” (#efdw), in der Menschen über das Internet mit den Spitzenkandidaten diskutieren konnten, ausgestrahlt. “Erst fragen, dann wählen” enstand in Zusammenarbeit mit meinVZ und Zeit-online und ist so etwas wie der Versuch, das Fernsehen mit dem Internet und Wahlkampf mit den Wählern zu verbinden – allerdings lief sie in voller Länge nicht im ZDF, sondern nur im ZDF-Infokanal.
Die Resonanz im Internet ist eher positiv.
Das hat jetzt auch das ZDF herausgefunden, und zwar in einer total objektiven und differenzierten Umfrage bei twtpoll, in der die Menschen um ihre Meinung zu EWDF gebeten wurden.
screenshot: ZDF-Umfrage zu
Man hatte also die Wahl zwischen:

1) einem Lob
2) einem Lob
3) einem Lob
4) zwar keinem Lob, aber auch keiner Kritik

Das nennt man dann wohl eine ergebnisoffene, selbstkritische und auf Verbesserung ausgelegte Umfrage.

Kleine Anmerkung zum Schluss: Die einzige Partei, die ihren Spitzenkandidat nicht schickte, war – die CDU. Wahlkmapftaktisch sicher kein geschickter Schachzug der Kanzlerin, sich den Wählern nicht zu stellen.

Thema: Medienkritik, Wahlkampf | Kommentare (1) | Autor: Jonas Schaible

Der FT zu Gast bei Freunden – Monika-Hohlmeier-Porträt

Montag, 24. August 2009 22:32

Der Fränkische Tag (FT), die in einer Auflage von etwa 70.000 Exemplaren erscheinende Lokalzeitung mit quasi-monopolartiger Stellung im Großraum Bamberg, ist nicht eben berühmt für kritischen Journalismus. Weniger charmant formuliert: hier wird gelegentlich Hofjournalismus betrieben.
Dass der FT nicht die SZ ist und nicht der Spiegel und nicht in regelmäßiger Folge politische Skandale aufdecken kann, versteht sich von selbst. Das kann, das darf man nicht erwarten.
Allerdings gibt sich der FT im lokaljournalistischen Alltag zumeist noch nicht einmal Mühe, eine kritische Grundhaltung einzunehmen.
Einen negativen Höhepunkt stellt das am 14.08.09 auf Seite 3 erschienene „Porträt“ der einstigen bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier dar. Es ist ein haarsträubend anbiedernder Text, der eins zu eins aus der Feder von Hohlmeiers PR-Abteilung stammen könnte und quasi keine für ein Porträt relevante Information enthält.

Dabei verlief Hohlmeiers politische Karriere durchaus turbulent: Im Jahr 2004 war die damalige Kultusministerin und Münchner CSU-Chefin über die Münchner Wahlfälschungsaffäre gestolpert und von ihren Ämtern zurückgetreten. Auch der Versuch, 2008 bei der Landtagswahl ein Mandat zu erringen, war gescheitert. Hohlmeiers politische Karriere schien beendet. Kurz vor der Europawahl 2009 aber gab die Tochter von Franz Josef Strauß ihren Umzug von Oberbayern nach Oberfranken bekannt – vom oberfränkischen Listenplatz eins aus startete sie prompt ihre Rückkehr in die Politik. Nicht wenige kritisierten dieses Vorgehen und so wurde die Tochter von Franz Josef Strauß in ihrer Wahlheimat nicht gerade begeistert empfangen.

All das hätte man schreiben können.
All das war für den Fränkischen Tag aber kein Thema. Genauso wenig übrigens, wie Hohlmeiers politische Ziele oder ihre Arbeit in Straßburg und Brüssel.
Stattdessen sprach FT-Redakteur Matthias Einwag mit ihr darüber „wie sie sich in Franken eingelebt hat.“

Und so erfährt man aus dem Artikel unter anderem, dass sie „mediterranes Gemüse und Kronfleisch“ mag, dass sie „Lebensfreude“ ausstrahlt, „heiter und gelöst“ wirkt und eine „rote Hose“ und ein „weißes Shirt“ trägt – was beides ebenso wie die „rot-weiße Himbeersahnetorte“ zeigt, dass Monika Hohlmeier „offenbar in Franken angekommen“ ist.
Es folgen die üblichen warmen Worte (Die Menschen in ihrem Wohnort Bad Staffelstein seien „herzlich, nett, unkompliziert und überhaupt unberührt von negativen Meldungen“), gefolgt von der kleinen sympathischen Unvollkommenheit, denn obwohl ihr Haus noch nicht bezugsfertig ist, habe „Monika Hohlmeier […] offenbar kein Problem damit, diese Übergangszeit in einer Ferienwohnung zu verbringen“.
Außerdem betont der Artikel die harte Arbeit Hohlmeiers – „44 Wochen sei sie in Brüssel und Straßburg, nur knapp acht Wochen dürfe sie nach Hause“ – und ihre Volksnähe: Weil die Angler so gerne „ratschen“, betreibe sie „Jogging mit Unterbrechungen“.
Ihre Rollen als Ehefrau eines Mannes, der sich anfangs so gar nicht wohl fühlte in der Öffentlichkeit an der Seite einer so prominenten Frau und als sorgende Mutter von Kindern, die ja zum Glück „anders aufwachsen dürfen“ als die während des deutschen Herbstes permanent unter Personenschutz stehende Hohlmeier selbst, kommen auch nicht zu kurz.
Schließlich darf sich Monika Hohlmeier noch unwidersprochen und unkommentiert über „unwahre Veröffentlichungen“ über ihren Vater in „Stern und Spiegel“ ärgern, über jene „Form des Journalismus, der ein festes Bild von Franz Josef Strauß gemauert hat“ und der seit seinem Tod angeblich noch „verbissener“ gegen ihn kämpft.
Und wer dann noch nicht überzeugt davon ist, dass Monika Hohlmeier einfach nur nett, bodenständig und patent ist und sich so richtig pudelwohl fühlt im schönen Franken, wo es die Bratwürste gibt, die sie genauso liebt wie Karl Theodor zu Guttenberg, der bekommt dann noch den Holzhammer in Form einer 16-teiligen Bildergalerie auf den Kopf. (Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass die Bilder 5 und 13, 8 und 14, 2 und 15 sowie 7 und 16 jeweils die gleichen sind.)
Die Bilder zeigen ausnahmslos Monika Hohlmeier im Porträt und sind beispielsweise untertitelt mit „Monika Hohlmeier bereitete für unseren Redakteur extra einen Kuchen vor“ oder „Und wenn die Wäsche dreckig ist, wird natürlich auch im Hause Hohlmeier gewaschen.“
Als Sahnehäubchen sei noch das im Artikel gebotene Video empfohlen.
Man darf annehmen, dass die Frage „So, und das ist jetzt also italienischer Kaff, äh, Espresso?“ die kritischste Frage ist, die Monika Hohlmeier an diesem Tag gestellt wurde.


update, 28.08.09: Auch der Blog baminfo hat sich des Artikels angenommen.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor: Jonas Schaible

Journalistin regt Kastration von Kinderschändern an

Montag, 24. August 2009 22:27

Es gibt Momente, in denen ist man nur noch konsterniert. Dann, wenn Verwunderung schon nicht einmal mehr am Horizont erkennbar ist, man Erstaunen meilenweit hinter sich gelassen, Empörung zweimal überrundet hat und selbst Wut vor Erschöpfung keuchend am Boden liegt. Momente, in denen man den Kopf in den Händen versenkt und nicht weiß, ob man lieber sich selbst oder die ganze Restwelt irgendwo in einem dunklen Loch in einer dunklen Höhle vergraben möchte.
Einen solchen Moment erlebte ich, als ich drüben im lawblog auf einen „Standpunkt“ von Isolde Stöcker-Gietl stieß, den sie in der „Mittelbayerischen Zeitung“ verfasst hat. Ich vermute, dass die Dame Journalistin ist, immerhin schreibt sie für eine Zeitung und hat auch ein schön großes Foto bekommen, das neben dem Artikel prangt.[1] Sicher bin ich allerdings nicht.

Isolde Stöcker-Gietl schrieb also darüber, dass Sexualstraftäter zu gering bestraft würden.
Sie beginnt mit: „Sexueller Missbrauch an einem Kind – das ist der Albtraum aller Eltern.“
Man könnte jetzt, ganz kleinkariert, ergänzen, dass der Albtraum „aller“ Eltern eher der sexuelle Missbrauch[2] am eigenen Kind und nicht an einem Kinde so generell ist, aber gut. Lassen wir das.
Nach diesem Einstieg fällt bald die erste folgenschwere Behauptung, die ein Hinweis darauf ist, was noch kommt: „Geht der Fall vor Gericht, peinigt der Täter sein Opfer gleich noch mal. Denn in der Regel kommt er mit einer milden Strafe davon.“
Das ist natürlich Unsinn, denn der Täter peinigt dadurch, dass er eine milde Strafe bekommt, niemanden. Allenfalls peinigt der Umstand, dass der Täter eine milde Strafe bekommen hat, das Opfer. Hier implizit ein aktives Handeln zu unterstellen, ist entweder unbedacht oder perfide – ich nehme jedoch stark an, dass es sich nicht um einen sprachlichen Lapsus handelt, sondern um pure Absicht. Damit wird der Täter nämlich erst richtig dämonisiert, geradezu entmenschlicht. Nicht einmal nach seiner schrecklichen Tat, das unterstellt dieser Satz, lässt er sein Opfer in Ruhe, nein, er will mehr und immer mehr. Diese Darstellung ist gefährlich.
Ich weiß, dass Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergreifen, vulgo Kinderschänder, gemeinhin als das Schrecklichste angesehen werden, was die Menschheit je hervorgebracht hat[3]. Diese Ansicht kann man teilen; ich meine aber, dass es auch reicht, so eine Tat abscheulich, abstoßend und verurteilenswert zu finden. Ich glaube nicht, dass es gut ist, immer im Superlativ zu sprechen, wenn es um dieses Thema geht. Da ist Kindesmissbrauch dann schnell das „abscheulichste Verbrechen“ überhaupt und zwar immer und in jedem Fall. Abstufungen, etwa zwischen Berührungen und tatsächlicher Vergewaltigung, werden nicht gemacht. Nein, jeder Sexualstraftäter ist ein Monster, entfernt sich, wie oben erwähnt, von seinem Wesen als Mensch. Dieser Geisteshaltung leistet Isolde Stöcker-Gietl mit dem obigen Satz Vorschub und diese Geisteshaltung ist es auch, die allein folgende Passage erklären kann. Die Autorin weist auf einen Sexualstraftäter aus Regenburg hin, der sich freiwillig hatte kastrieren lassen, um seinen Triebe in den Griff zu bekommen [4]. Und dann sagt sie:

„[…] doch wie wäre es, wenn eine Entmannung auch gerichtlich angeordnet werden könnte? Sicherlich eine radikale Forderung. Aber es geht schließlich um unsere Kinder. Für ihren Schutz sollte uns jedes Mittel recht sein.“ [Hervorhebungen von mir]

“Jedes Mittel“ sollte uns recht sein. Jedes Mittel. Jedes. Mittel.
“Jedes Mittel” schließt ein: Folter, Mord, präventive Kastration, Sippenhaft. Egal. Es geht ja um Kinderschutz.
Es ist eine Forderung, den Rechtsstaat abzuschaffen und ein Plädoyer für ein Rechtsempfinden und –system, das wir lange überwunden zu haben glaubten. Es ist die Aufforderung, das Grundgesetz und die EU-Menschenrechtscharta und die UN-Menschenrechtscharta ins Altpapier zu befördern, denn: Kann denn mal jemand an die Kinder denken!

Eine solche Forderung aus dem Munde einer Journalistin ist unfassbar. Sie lässt mich vollständig konsterniert zurück – egal, ob Isolde Stöcker-Gietl nun bewusst war, was sie da schreibt, oder ob es schiere Gedankenlosigkeit war. Ich weiß ja noch nicht einmal, was ich schlimmer fände.
(Bliebe noch anzumerken, dass in der Gedankenwelt von Isolde Stöcker-Gietl offenbar Kinderschänder immer männlich sind. Warum auch immer. Aber eigentlich wage ich kaum, darauf hinzuweisen, weil ich Angst habe, dass sie für weibliche Straftäter ähnlich schockierende Pläne in der Schublade haben könnte).

Und hier noch als kleine Gedächtnisstütze für Isolde Stöcker-Gietl und andere, die gerne „Hängt ihn höher!“ brüllen oder brüllen würden. Und ja, all das gilt auch für Kinderschänder:

Grundgesetz
Art. 1 GG: (1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Art. 2 GG: (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.

EU-Menschenrechtserklärung
Präambel:„In dem Bewusstsein ihres geistig-religiösen und sittlichen Erbes gründet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der Würde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität.“

Artikel II-61: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie ist zu achten und zu schützen.

Artikel II-63: (2) Jeder Mensch hat das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit.

UN-Menschenrechtscharta
Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

Artikel 3: Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.

Artikel 5: Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (3) | Autor: Jonas Schaible