Guttenberg will nicht gelogen haben – und handelt damit strategisch richtig
Donnerstag, 24. November 2011 1:55
“Wenn ich die Absicht gehabt hätte zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist. [...] Ich habe den Blödsinn wirklich selber verfasst, und ich stehe auch dazu.”
“Ich war ein hektischer und unkoordinierter Sammler. Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas zu meinem Thema passt, habe ich es ausgeschnitten oder kopiert oder auf Datenträgern sofort gespeichert oder direkt übersetzt.” Auch aus dem Internet habe er Textstellen herausgezogen und abgespeichert. “Eigentlich war das eine Patchworkarbeit, die sich am Ende auf mindestens 80 Datenträger verteilt hat.”
…
Eines schafft zu Guttenberg nach wie vor: Im Gespräch zu bleiben. Die Massenmedien beleuchten jeden Lidschlag. Die Anschlusskommunikatoren im Netz springen darauf an. Und unabhängig davon, wie viel von dem Rummel orchestriert ist und wie viel der Funktionslogik des Systems Massenmedien geschuldet: Guttenbergs Vorgehen ist in all seiner Plumpheit doch strategisch klug.
Er liebäugelt für jedermann erkennbar mit einem Comeback, aber der Skandal liegt noch nicht lange zurück. Was also muss er tun, um irgendwann zurückkehren zu können?
Drei Gruppen von Wählern
Wir können die Wählerschaft in drei Gruppen teilen.
Die erste, zahlenmäßig vermutlich größte, Gruppe wollte nie, dass Guttenberg zurücktritt. Ihr gegenüber hat er, Stand heute, wenig zu gewinnen, weil er wenig verloren hat. Sie wird ihm, bleibt er bei seiner Darstellung, im Falle einer versuchten Rückkehr allenfalls aus allgemeinen politisch-weltanschaulichen Gründen, nicht aber wegen der Plagiatsaffäre feindlich gesinnt sein. Mit dem Beharren auf der Torheit gibt er dieser Gruppe Argumente zur Verteidigung an die Hand: Fehler macht jeder, eine zweite Chance verdient jeder! Das Geständnis, gelogen zu haben, könnte ihm dagegen schaden.
Die zweite Gruppe wollte den Rücktritt, weil sie ihm das Plagiat selbst, die Grenzüberschreitung erster Ordnung übel genommen hat. Bei ihr könnte er nicht gewinnen, nur verlieren, würde er das Plagiat gestehen: Wer das Plagiat an sich verurteilt, nicht den Umgang damit – ein akademischer Fälscher kann kein Minister sein! –, wird durch ein Eingeständnis der Reue nicht milde gestimmt.
Die dritte, zu der ich gehöre, wollte den Rücktritt, weil zu Guttenberg durch das für sie feststehende Belügen der Öffentlichkeit untragbar geworden war. Diese Gruppe hätte zwar einer zweiten Chance nach einem Bekenntnis zur Lüge (und damit zum Plagiat als Bedingung der Lüge) und einer sich anschließenden Entschuldigung wenig entgegenzusetzen1, aber sie ist kaum relevant. Die Lüge, diese Grenzüberschreitung zweiter Ordnung also, war nach meiner Wahrnehmung im öffentlichen Diskurs kein häufig gemachtes Argument; ich wage zu behaupten, dass diese dritte die kleinste Gruppe ist
Ein Schuldgeständnis und eine Bitte um Entschuldigung ist für mich ein für eine Rückkehr zu Guttenbergs in höchste Ämter zwingend notwendiger Schritt, weshalb ich eine Rückkehr aktuell auch ablehne – gleichwohl würde ihm ein solcher Schritt in der entscheidenden großen ersten Gruppe wohl mehr schaden als nützen. Die Einstellung des Verfahrens ohne strafrechtliche Verurteilung (trotz strafwürdiger Verfehlungen) kommt zu Guttenberg da nicht nur zeitlich gelegen. Denn welche Instanz sollte jetzt noch mit Autorität seiner Darstellung widersprechen? So kann er weiter insistieren: Alles nur bedauerlicher Mist.
Fraglich allerdings, ob das Beharren auf dem Fehler zu Guttenberg nicht innerhalb der ebenfalls maßgeblichen Eliten des politischen Systems endgültig unglaubwürdig macht. Aber wenn es denn klappen soll mit hohen Ämtern, dann so. Machtpolitisch handelt er klug. Jemand anderes, jemand mit einem instrumentellen Politikverständnis könnte glatt versucht sein, ihm doch noch irgendwie Talent zu unterstellen. Wie gesagt: jemand anderes.
- Auch wenn die Lüge gegenüber dem Selektorat die demokratische Todsünde ist, lässt sich ein lebenslanges Verbot der politischen Betätigung für Lügner kaum begründen; zumal eine Grenze gezogen werden müsste, auf welcher Ebene Mitgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens noch akzeptablen wäre und ab wann nicht. Allerdings: Ohne Entschuldigung geht es nicht. ↩
Thema: Kommentar | Kommentare (7) | Autor: Jonas Schaible