Beitrags-Archiv für die Kategory 'Journalismus'

Mohamed Bouazizi und der Werther-Effekt

Mittwoch, 30. November 2011 0:41

Zeit-Online hat aufgrund der Berichterstattung über den Selbsttötungsversuch eines Schiedsrichters kürzlich ein Interview zum Werther-Effekt veröffentlicht. Darin ruft der Medienpsychologe Benedikt Till Journalisten auf, gemäß schon lange existierender Richtlinien allenfalls zurückhaltend über Suizide zu berichten. Denn schon seit einigen Jahrzehnten ist der so genannte Werther-Effekt empirisch sehr robust belegt: Wird viel und grell über einen Suizid berichtet, steigt danach die Zahl der Selbsttötungen überzufällig an.
Daraus wird verantwortungsethisch der Appell an den Journalismus abgeleitet, eben sehr vorsichtig zu sein, wenn es um Selbsttötung geht.

Die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention besagen konkret:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, z.B.

  • [...] den Suizid als besonders „spektakulär“ hervorzuheben [...]
  • ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.
  • den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).
  • den Suizid romantisierend oder idealisierend darzustellen (”Im Tod mit seiner Liebsten vereint“).
  • die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden (z.B. ein bestimmtes Hochhaus, eine bestimmte Brücke) oder Orte zu erwähnen, an denen Suizide gehäuft vorkommen. [...]

Man darf diesen Hinweis sehr ernst nehmen, auch wenn Tills These, wonach es sich dabei „nicht nur um Menschen, die sich im Laufe des Jahres sowieso getötet hätten, sondern um zusätzliche Suizide“ handelt, nicht überprüft werden kann. Im Grunde spielt das Argument auch keine Rolle. Was zählt, ist der nicht zu leugnende statistische Zusammenhang: große Berichte, mehr Suizide.

Nun wirft diese Argumentation einige ganz grundsätzliche Fragen auf in Bezug auf die Anwendung des verantwortungsethischen Imperativs im journalistischen Alltag, auf die Möglichkeit der Kalkulation von Folgen, auf die Legitimität von klassischerweise als manipulativ bewerteten Techniken. Darum soll es hier aber nicht gehen. Zumal fürs erste das Vorgehen, bei Suiziden vorsichtiger zu berichten, auch mit dem gängigen Journalismusverständnis problemlos in Einklang zu bringen ist.

Auch Stefan Niggemeier hat sich gerade einmal mehr mit dem Werther-Effekt beschäftigt. Was mich in Bezug auf den Werther-Effekt schon seit einiger Zeit umtreibt – seit ich den Gedanken bei Stefan Niggemeier in den Kommentaren das erste Mal formuliert habe – ist ein ganz anderer prominenter Fall und die Frage, wie mit vergleichbaren Fällen umzugehen ist, wenn wir die Hinweise zur Suizidberichterstattung ernst nehmen wollen: Mohamed Bouazizi.

Bouazizi als Märtyrer der Freiheit

Dessen Selbstverbrennung wird nämlich im Grunde seit Beginn der Arabellionen als Beginn dieser Aufstände der Selbstermächtigung erzählt, als, um ein makaberes Bild zu wählen, der Funke, der die Proteste entzündete. Bouazizi wird in dieser Geschichte zum klassischen, sich selbst für ein höheres Ziel opfernden Helden, zum Märtyrer der Freiheit, dessen Selbstlosigkeit direkt zum Sturz der Diktatoren Ben Ali, Mubarak und Gaddafi führte. Vor einigen Wochen fand diese Erzählung ihren vorläufigen Höhepunkt in der Verleihung des Sacharow-Preises für geistige Freiheit, der jährlich vom Europäischen Parlament verliehen wird. Bouazizi wird damit eingeschrieben in eine Riege der großen und friedlichen Kämpfer für eine bessere, weil freiere Welt.

Die Geschichte vom arbeitslosen, aber findigen Akademiker, der trotz der Hürden, die ihm ein korruptes, die Wünsche der Menschen nach Arbeit, Freiheit und Sinn ignorierendes repressives System auferlegt hat, nicht aufsteckt, der seine Familie zu ernähren versteht – und der am Ende im Angesicht der Ungerechtigkeit des verhassten Systems seine eigene Würde und Unabhängigkeit behält und im Tod noch Sinn und Hoffnung auf eine bessere Welt stiftet, ja die Welt wirklich besser macht – diese Geschichte weist etliche Parallelen auf mit der Erzählung des Sterbens Jesu Christi, der für den Westen wohl wirkmächtigsten, mit am meisten Bedeutung aufgeladenen Befreiungserzählung.
Sie passte nebenbei auch noch wunderbar ins westliche Narrativ der Arabellionen als Demokratiebewegungen. Das dürfte auch ein wichtiger Grund sein dafür, dass die Geschichte sehr schnell genau so erzählt, dass genau die Verbrennung als Startpunkt der politischen Bewegung gewählt wurde und nicht ein beliebiges Ereignis vorher oder nachher.

Es existieren natürlich durchaus andere Deutungen – aber hegemonial ist die eben skizzierte. Nun ist ebendiese in höchstem Maße romantisierend, idealisierend und heroisierend; viel stärker, als es die Autoren der obigen Richtlinien für Suizidberichterstattung wohl im Sinn hatten. Sie schildert genau Ort und Art der Selbsttötung, die Familien- und Lebensgeschichte Bouazizis wurde detailliert rekonstruiert, Angehörige ausgefragt.

Nachahmer in der arabischen Welt und Serie an Selbstverbrennungen in Tibet

Schon kurz danach registrierte die Öffentlichkeit zahlreiche weitere Selbstverbrennungen überall in der arabischen Welt, von mindestens vierzehn war schon vor Monaten die Rede. Seit März – also nach Bouazizi – verbrannten sich außerdem in Tibet bereits elf Menschen, um gegen die chinesische Herrschaft zu protestieren, vermeldet die Tibet-Initiative. Die tibetische Exilregierung wählt die Verbrennungen bereits als Argument, um politische Unterstützung zu erbitten.

Nun ist die Selbst-Verbrennung als politische Handlung nicht erst jetzt entstanden. Das Time-Magazine liefert eine kurze Geschichte der politischen Selbst-Verbrennung, auch die englische Wikipedia mag einen ersten Eindruck vermitteln.

Ich habe ad hoc keine Angaben darüber gefunden, wie häufig Selbst-Verbrennungen weltweit durchschnittlich sind; aber fernab von jeder Statistik, von Häufungen und Signifikanzen, die ich nicht prüfen kann, scheint es belegt, dass die Verbrennung Bouazizis, die Konstruktion dieser Tat als heroische Freiheitsgeste und das damit einhergehende Medieninteresse einige Menschen animiert haben, es dem Freiheitskämpfer Bouazizi gleichzutun.

Wofür sind wir bereit, Nachahmungstaten in Kauf zu nehmen?

Trotzdem wurde sogar die Ehrung Bouazizis mit dem Sacharow-Preis kaum kritisch thematisiert. Rechtfertigt das hohe Ideal der Freiheit und der Demokratie, als dessen Fackelträger wir Bouazizi zeichnen – die (makabren) Metaphern bieten sich geradezu an, und vielleicht sind sie auch ein Grund dafür, dass gerade die Suizidmethode der Selbstverbrennung so mit Bedeutung aufgeladen werden konnte –, die Berichterstattung und die ihr folgenden Toten? Fast scheint es, als transzendiere die politische Bedeutung den Suizid, als würde er durch sie den profanen Sphären der Verzweiflung und der Depression entrissen, in denen man die Selbsttötungen hierzulande meist verortet. Anders gesagt: Während der Tod hier als unnötig, vermeidbar, unsinnig, schadhaft verstanden wird, gilt er dort, wenn nicht als nötig und unvermeidbar, so doch als verständlich und folgerichtig, als sinnhaft und nützlich.

Ich finde die geschilderten Beobachtungen, die Erzählung von Bouazizis Tod allein aus analytischer Perspektive hoch interessant. Aber müssen wir uns nicht darüber hinaus auch ganz praktisch fragen: Hat der Journalismus im Fall Bouazizi versagt? Hätte er anders berichten müssen, sensibler, zurückhaltender, weniger heroisierend? Lässt sich das in einem solchen Kontext überhaupt vermeiden? Bei Bouazizi, aber auch bei den tibetischen Nonnen oder beim Hungerstreik des kubanischen Gefangenen? Was ist noch von öffentlichem Interesse an so einem Fall, wenn man die politische Dimension ignoriert? Aber kann man andererseits etwa die Geschichte der Revolution in Tunesien vollständig erzählen ohne Bouazizi?
Wie ist der Balanceakt am besten anzugehen, wenn zu entscheiden ist zwischen der Berichterstattung über klassisch als relevant geltende (und, das antizipierend, natürlich nur deshalb als politische Handlung ausführbaren) politisch motivierte Selbsttötungen – und weiteren Toten durch Nachahmungen? Brauchen und wollen wir Richtlinien für die Berichterstattung über politische Selbsttötungen und wenn, können wir so etwas ersinnen?

Oder nehmen wir eine Häufung an Suiziden nach der Berichterstattung, nehmen wir Nachahmer hin, wenn die Chance zu bestehen scheint, dass ihre Selbsttötung einem höheren Zweck dient? Dann sollten wir darüber reden, welche Werte und Ideale wir dergestalt überhöhen. Das Problem des Zielkonflikts zwischen Information und Schutz wird sich nicht lösen oder aufheben lassen. Wohl aber reflektieren und debattieren.

Umso erstaunlicher und problematischer, dass das im Fall Bouazizi kaum geschehen ist.

Thema: Journalismus, Standpunkt | Kommentare (11) | Autor:

Terror-, Finanz- und Wissenschaftsexperten: Mehr Präzision!

Samstag, 23. Juli 2011 18:57

Und wo ich gerade dabei bin, gleich noch eine Medienkritik hinterher.
Karim el-Gawhary, unter anderem Nahost-Korrespondent der taz, befasst sich mit so genannten Terror-Experten, die sich gestern teilweise sehr früh (wohl fälschlich) auf islamistische Terroristen festgelegt hatten. Er fordert: weg mit den Terror-Experten, die wie alle anderen auch nur im Trüben fischen können.

Ich möchte, das brennt mir schon lange unter den Nägeln, sogar noch weitergehen und fordern: Weg mit den Experten. Weg mit ihnen, allesamt weg.
Allerdings nicht unbedingt mit denjenigen, die sich als Experten bezeichnen oder als solche bezeichnet werden. Nein, was verschwinden muss, ist der Begriff des „Experten“ an sich. Der Experte ist nämlich schon lange keine Einordnungshilfe mehr, so er es denn je war.
So sehr ich verstehe, warum Journalisten verdichten und ihren Lesern Informationen vereinfacht vermitteln wollen, so sehr halte ich den Experten für ungeeignet, das zu erreichen.

[...Weiterlesen...]

Thema: Journalismus | Kommentare (0) | Autor:

Ein lauter Schrei nach? – Einfach nur ein lauter Schrei

Dienstag, 19. Juli 2011 23:24

Michael Stepper hat bei Philibuster den offenen Brief von Daniel Stahl an die Verleger kommentiert – in Form eines offenen Briefs an die lieben jungen Journalisten. Ich bin vermutlich einer der Angesprochenen, denn ich habe den offenen Brief neulich unterzeichnet. Obwohl ich manches anders formuliert hätte, übrigens.
Mittlerweile habe ich Steppers Brief dreimal gelesen und bin unverändert überzeugt, dass er sich in zwei Fehlschlüssen verheddert und damit am Ende nichts sagt, zumindest nichts mit Substanz. Eigentlich hatte ich keine Lust auf so ein Replikduell, weil es erfahrungsgemäß ziemlich anstrengend werden kann. Aber der Text wird so fleißig verbreitet1, dass ich nicht anders konnte. Wenn offenbar alle gut finden, was dort steht, muss ja irgendwer den Kritiker mimen.

[...Weiterlesen...]

  1. unter anderem von Thomas Knüwer, Bildblog, Mario Sixtus und von Online-Journalismus.de verlinkt, vom DJV Mecklenburg-Vorpormmern für „lesenswert“ befunden, gefällt Jens Weinreich wie 125 anderen bei Facebook

Thema: Journalismus, Standpunkt | Kommentare (0) | Autor:

“Nie wieder Malaria” – Tagesschau.de über Homöopathen in Afrika

Donnerstag, 2. Juni 2011 15:16

Keine chemischen Keulen, ein ganzheitlicher Ansatz, sehr gute Arbeit, und ein Mann, der von Malaria geheilt wird: Ein Artikel auf tagesschau.de erzählt von der Arbeit der Homöopathen ohne Grenzen in Sierra Leone. Vergeblich sucht man nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

[... Den Artikel lesen ...]

Thema: Journalismus, Medienkritik, Standpunkt | Kommentare (73) | Autor:

Ein Talent verselbstständigt sich

Donnerstag, 3. März 2011 13:47

Karl Theodor zu Guttenberg ist zurückgetreten. Dieser Schritt war nötig. Doch schon fordert die Union vielstimmig seine (baldige) Rückkehr, bei Facebook wollen zum Zeitpunkt mehr als 500 000 User „Guttenberg zurück“. Sogar Demonstrationen sind geplant.
Auffallend ist die Einigkeit, mit der Unterstützer wie Kritiker anmerken, zu Guttenberg sei ohne Frage ein politisches Talent1 . Nur: Was genau ist das eigentlich, ein politisches Talent?

Mit einem deskriptiven Politikbegriff kommt man dabei nicht weiter, denn die Bezeichnung “Talent” enthält ja immer eine Wertung.
Also ein normativer Politikbegriff? Das politische Talent als jemand, der/die geeignet ist, eine gute Ordnung herzustellen – trifft das auf zu Guttenberg zu?

Fassade neben Fassade neben Fassade

Als demütig wurde er beschrieben, und doch posierte er am Time Square und doch inszenierte er sich mit Frau und Talkmaster Johannes B. Kerner in Afghanistan.
Als unabhängig von der Politik wurde er beschrieben, und doch klammerte er sich über Tage an sein Amt, auch dann noch, als die Faktenlage schon überwältigend war.
Als konsequent und Mann der Tat wurde er beschrieben, und doch blieb seine Rücktrittsdrohung während der Opel-Verhandlungen folgenlos, und doch versuchte er jetzt, sich mit weitschweifigen Erklärungen und durch Aussitzen aus der Affäre zu stehlen.
Als fähiger Akademiker wurde er beschrieben, und doch kopierte er seine Dissertation, zu der er erst mit Ausnahmegenehmigung zugelassen worden war, ungeniert aus zahlreichen Quellen zusammen.
Als nachdenklich wurde er beschrieben, und doch handelte er sprunghaft, als er Schneiderhahn, Wichert und Schulz (vorübergehend) ihres Amtes enthob und als er mitteilte, das Bombardement von Kundus sei erst angemessen, dann nicht angemessen gewesen.
Als aufrichtig und glaubwürdig wurde er beschrieben, und doch informierte er in Sachen Kundus den Bundestag unzureichend, und doch plagiierte er bei seiner Dissertation im großen Stil, um dann die Öffentlichkeit über Tage ungeniert anzulügen.
Als guter Bundeswehrchef wurde er beschrieben, und doch verschanzte er sich noch bei seiner Rücktrittsrede hinter den Särgen von getöteten Soldaten.
Als selbstkritisch wurde er beschrieben, und doch ließ er in seiner Abschiedsrede mit keinem Wort erkennen, er habe verstanden, worum es eigentlich ging.
Als Macher wurde er beschrieben, und doch hat er bislang allenfalls eine große Reform angestoßen, deren Finanzierung gleichwohl noch nicht gesichert ist.

Ein großes potemkinsches Dorf

Die ganze Figur Guttenberg entpuppte sich nach und nach als politisches potemkinsches Dorf. Jede dieser Zuschreibungen war eine glänzende Fassade. Nun kennt man die Rückseite jeder dieser Fassaden, jede für sich barg eine Illusion.

Jetzt noch auf Guttenbergs politisches Talent zu verweisen, ist gleichbedeutend damit, das potemkinsche Dorf als Ganzes zu trennen von seinen einzelnen Fassaden: Ja, kein Haus hier ist echt, mag sein, aber das Dorf ist es! Seht doch seine Pracht! Ein normativer Politikbegriff kann diese Argumentation nicht tragen, auf jeden Fall nicht, solange man Politik im Kontext der Demokratie denkt. Auch für den Frieden, Kern vieler normativer Politikvorstellungen, hat sich zu Guttenberg nicht wirklich stark gemacht; im Gegenteil hat er die Aussagen, die zu Horst Köhlers Rücktritt geführt haben, unterstützt.

Das politische Talent als machtpolitisches Talent

Ihm politisches Talent zuzuschreiben funktionierte allenfalls, legte man einen instrumentellen Politikbegriff zugrunde. Wer Politik als bloßes Mittel sieht, Macht zu erlangen und zu halten, um der Macht selbst willen, für den ist egal, was hinter der Fassade steckt, solange sich genug Menschen von ihnen blenden lassen. Und vielleicht ist zu Guttenberg ja wirklich ein fähiger, ein talentierter Machtpolitiker; immerhin stieg er schnell vom einfachen MdB zum Bundesminister, zum Abgeordneten mit dem besten Erststimmenergebnis und zum beliebtesten Politiker auf. 500 000 Facebook-Fans kommen nicht von ungefähr. Andererseits: Jetzt ist er sämtliche Ämter los.

Und: Der instrumentelle Politikbegriff taugt gerade nicht für eine Forderung nach Guttenbergs Rückkehr. Denn die ist ja explizit normativ: Guttenberg soll zurückkommen, man könnte hinzufügen, er soll wiederkommen, weil er gut ist. Instrumentell zu argumentieren hieße aber: Wenn er gut ist, kommt er auch zurück. Wenn nicht, ist er wohl nicht gut genug.

Guttenberg profitiert davon, dass das Narrativ des Talents gehegt und gepflegt wurde – vor allem von Journalisten, die es unbedarft übernommen haben; selbst Kritiker reproduzierten es. Es hat sich so verfestigt, dass es ihn auch jetzt zu tragen scheint. Das lag aber nicht an ihm, sondern primär an den Massenmedien, am Journalismus.
Das „politische Talent zu Guttenberg“ hat sich verselbstständigt. Wenn dem Politiker zu Guttenberg eines Tages eine Rückkehr in höchste Ämter gelingen sollte, dann deswegen. Für Journalisten sollte der Fall einmal mehr eine Lehre sein. Nicht immer hat das, was alle sagen oder schreiben, auch Substanz.

  1. Willkürlich gewählte Beispiele: dlf, Michel Friedman, n-tv, Matthias Heider (MdB CDU), Angela Merkel, FR, Cicero

Thema: Innenpolitik, Journalismus | Kommentare (4) | Autor:

Was hat den Focus denn da geritten?

Freitag, 29. Oktober 2010 11:24

Vielleicht fanden die zuständigen Personen beim Focus, es sei jetzt mal genug mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg. Ein anderer müsse her, oder eine andere, auf Dauer werden die immergleichen Lobeshymnen ja langweilig. Aber vielleicht ist es auch viel einfacher, und einige beim Focus finden Ursula von der Leyen schlicht toll.

„Die Kult-Mutti“ titelt die aktuelle Ausgabe des Wochenmagazins nämlich, während die Kult-Mutti selbst hoch zu Rosse vom Cover blickt, trotz der Abendstimmung hell erleuchtet, die Zügel fest in der Hand. Und während Kult-Mutti noch als neckisches Wortspiel durchgehen könnte (das zweite Cover ziert Renate Künast als „Multi-Kulti“ und im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte ist das ja auch total, nun, neckisch), wird die Botschaft schnell klarer: „Warum der Super-Ministerin 1 beinahe alles gelingt.“
Immerhin eines muss man diesem Titel lassen: Er weckt beim Leser keine falschen Vorstellungen. Wenn eine schon Kult ist und Mutti und super und ihr (beinahe) alles gelingt, dann sind die Fronten klar abgesteckt. Der zugehörige Artikel setzt fort, was der Titel versprach: Er ist eine einzige Lobrede auf die Bundesarbeitsministerin. 2

Und so wird der Artikel mit einem weiteren ganzseitigen Foto eröffnet. Von der Leyen trägt eine fliederfarbene, glänzende, kurzärmelige Bluse, eine weiße Hose und lehnt lässig-entspannt an einem schlichten schwarzen Sofa vor einem warm-beigen Hintergrund. In der Hand hat sie einen Latte Macchiato. Und sie lächelt. Für den Fall, dass die Botschaft noch nicht angekommen sein sollte, erklärt der Infotext: „Mit Stil“. Wer weiterliest, erfährt, dass von der Leyen „16-Stunden-Tage“ und „letztes Detailwissen“ hat, außerdem ein „atemberaubendes Arbeitstempo“ vorlegt und „bei allem […] ein freundliches Lächeln“ trägt. Das Wochenende dagegen gehöre ganz ihrer Familie – Kinder, Ehemann, kranker Vater.

Dann beginnt der Text, der „Powerblümchen“ heißt, was vermutliche eine Anspielung auf ihren Spitznamen „Röschen“ sein soll, den ihr einst ihr Vater gab, und der „für einen ganz engen Familien- und Freundeskreis vorbehalten“ ist, wie der Text erklärt, was die Autoren gleichwohl nicht daran hinderte, ihn dreimal zu verwenden (und „Mauerblümchen“ unter ein Foto zu texten). Wie auch immer: Im Lead erfährt der Leser, dass von der Leyen die „stärkste Frau in Angela Merkels Kabinett“ ist. Es wird nicht ganz klar, ob die vorher aufgezählten Eigenschaften („Tochter eines Landesvaters, Mutter von sieben Kindern, Bundesministerin und Präsidentschaftsanwärterin“) diese Aussage begründen oder nur Zierde sind. Und es bleibt die Frage, ob die Spitze gegen Merkel beabsichtigt ist oder nicht – denn auch die Kanzlerin ist ja Teil des Kabinetts; und immerhin folgt die Frage: „Bald ist sie die Nummer zwei in der CDU – was kommt dann?“

Nun, um es vorweg zu nehmen, der Artikel erklärt weder, was dann kommt, noch, warum von der Leyen beinahe alles gelingt. Aber es ist nicht allzu weit hergeholt zu vermuten, dass es darum auch nie ging. Dafür erfährt man, dass „fast alle“ ihr den „Präsidentenjob“ [sic] zutrauen und „die Öffentlichkeit“ sogar „eigentlich alles“. Was nur teilweise mit der auch drei Seiten weiter gedruckten Umfrage zusammenpasst, der zufolge sich 69 Prozent der Befragten von der Leyen nicht als Kanzlerin vorstellen könnten. Es passt allerdings schon besser, wenn man es umformuliert: „Ein Viertel der Deutschen glaubt, dass von der Leyen selbst in dieser Rolle brillieren könnte“. 3

Und in diesem Ton geht es weiter. Die Frau, „der alles zu gelingen scheint“, stehe schon „wieder mit einer Erfolgsmeldung im Rampenlicht“, jetzt, weil die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen liegt, was sie aber nicht als eigenen Erfolg verkauft, und zwar, weil sie „zu vorsichtig“ ist (nicht etwa, weil es nicht ihr Verdienst ist – oder, weil es nur stimmt, wenn man nicht alle Arbeitslosen auch als arbeitslos definiert). „Politisch geschickt und öffentlichkeitswirksam agierend“ sei sie schon als Familienministerin „ein Glanzlicht im Kabinett“ gewesen, ein „Engel für Angie“. Als „beharrlich und mit Finesse“ wird sie beschrieben, als eine, die beweisen habe, dass sie „Kritikern die hohe Stirn bieten kann, die sie ihrem Vater […] so ähnlich scheinen lässt.“
Das „strahlende Lächeln“ taucht erneut auf und dass sie bei „hohem Arbeitstempo“ (und „mit durchgedrücktem Rücken“!) eine „fast militaristische Härte“ gegen sich und andere walten lässt, ist der kritischste Satz, den die Autoren nicht als Aussage von Kritikern darstellen (und meist postwendend entkräften), sondern einfach stehen lassen.
Dass sie arrogant sei, sagen Kritiker, sagt der Focus, aber dann darf der kritisierende „CDU-Stratege“ auch wieder loben, dass sie „harte Ergebnisse in schönster Leichtigkeit präsentiere.“
Andere sagen, sie versuche immer nur, ihre eigene Beliebtheit aufzupolieren, sagt der Focus, aber dann darf ein anderer klarstellen, „dass von der Leyens Engagement echt ist“.

Bevor eine halbe Seite von der Leyens Familienleben gewidmet ist, konstatieren ihr die Autoren noch: „Auf Menschen zugehen, zugewandt sein – kaum ein deutscher Politiker beherrscht das so wie die zierliche 52-Jährige“. Allerdings sagt eine Kritikerin, von der Leyen habe „null emotionale Verwurzelung in der Partei“. Und die Autoren legen nach: „Dass jemand die Ministerin ‘Uschi’ oder ‘Ulla’ nennen könnte, scheint ausgeschlossen.“ In einem Anflug von kritischem Übermut registieren die Autoren sogar einen „Zickenkrieg“ im Sommer zwischen von der Leyen und ihrer Nachfolgerin Schröder. Allerdings, die Schuldige ist schnell ausgemacht: „Während von der Leyen öffentlich eine Chipkarte zur Lösung der Bildungsprobleme benachteiligter Kinder feierte, grätschte die Familienministerin per Interview rein“. Man beachte: Von der Leyen feierte die Karte nicht „als Lösung der Bildungsprobleme“, denn das hätte ja bedeutet, dass gar nicht klar ist, ob die Karte eine Lösung ist; nein, sie feierte eine „Chipkarte zur Lösung von Bildungsproblemen“. Wer da grätscht, ist natürlich unfair; aber Schröder war eben „einfach die Galle übergelaufen.”

Der Schlusssatz wirft dann noch einmal die Frage auf, die der Vorspann zu beantworten versprochen hatte. Scheinbar lautet von der Leyens Motto „Jeder wird gebraucht“, jedenfalls behauptet das der Text, und die Autoren schließen mit der Aussage: „Das gilt auch für sie selbst – wofür auch immer.“

Natürlich steht es jedem frei, Ursula von der Leyen toll zu finden. Ich persönlich sehe das anders. Das liegt daran, dass von der Leyen andere politische Positionen vertritt als ich, aber vor allem daran, dass es für mich, normativ, das größte Vergehen eines Politikers an der Öffentlichkeit ist, sie wissentlich zu belügen, um die eigene Agenda durchzudrücken – und es gibt starke Indizien dafür, dass von der Leyen genau das getan hat, als sie Internetsperren verfocht und etwa Indien öffentlich bezichtigte, nicht gegen Kinderpornographie vorzugehen. Aber unabhängig davon: Man kann das anders sehen, das haben normative Aussagen so an sich.
Man muss auch nicht fordern dass Politikjournalisten kritisch sind; dass sie versuchen, Distanz zu wahren; dass sie sich der Öffentlichkeit, also allen Lesern verpflichtet fühlen, und nicht einzelnen Politikern oder Themen. Auch das ist eine persönliche normative Positionierung.
Aber eigentlich hat sich eine Unterscheidung eingebürgert und im Alltag bewährt, weil sie hilft, Aussagen einzuordnen: Den Versuch, Vermittler zu sein zwischen politischem System (im Sinne von Entscheidungsträger) und Bürgern, den Versuch, dem Leser nicht eine normative Position als wahr und richtig zu verkaufen, nennt man Journalismus. Den gegenteiligen Versuch, nämlich den, dem Leser eben genau eine normative Position (einer Person) als wahr und richtig zu verkaufen, nennt man PR.

An einer Stelle im Text steht, von der Leyen wolle „Herrin ihres eigenes Images“ sein, sie lasse sich daher von PR-Fachleuten beraten. Oder sie wendet sich künftig einfach an den Focus. Journalismus hin oder her.
——————-

  1. Ja, es gibt diesen Begriff als nicht-wertende Bezeichnung und ja, Wolfgang Clement als Arbeitsminister wurde auch so genannt. Er war eber außerdem Wirtschaftsminister – und hatte damit quasi zwei klassische Ressorts inne. Von der Leyen nicht, das am Rande.
  2. Sogar der Auftritt bei Wetten, dass…?, bei dem sie sich schmachtend (“Hugh!”) vom Sexiest Man alive, Hugh Jackman, aus einer Mülltonne heben ließ, wird positiv gedeutet. Aus einem Auftritt, den man amüsant finden kann, unaffektiert, aber auch pubertierend und peinlich, wird hier ein “perfektes Spiel”. Das ist nur ein winziges Detail, ich weiß. Aber ich fand es bemerkenswert.
  3. Zur Ehrenrettung soll erwähnt sein, dass es auf der nächsten Seite dann doch heißt: „Lob ohne Grenzen? Lob mit Grenzen. Denn die Frage, ob Ursula von der Leyen auch als Kanzlerin tauge, verneinen 69% der Bürger.“)

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (0) | Autor:

Sarrazins 18 Prozent: Und, was können Sie sich so vorstellen?

Montag, 6. September 2010 17:00

Der Bildblog hat sich verdienstvollerweise schon um die Umfrage gekümmert, der zufolge sich 18 Prozent der Deutschen vorstellen könnten, eine Partei mit Thilo Sarrazin zu wählen. Ich möchte dazu noch einige Worte mehr verlieren.

Um es kurz zu sagen: Die Fragebögen – und damit die Ergebnisse – sind das Papier nicht wert, auf dem sie möglicherweise gedruckt wurden. Möglicherweise, schreibe ich, und hier beginnen bereits die Probleme.
Denn weder auf der Emnid-Seite noch auf Bild.de finde ich detaillierte Angaben zur Ausarbeitung der Studie. Es fehlen sämtliche Hintergrundinformationen, es fehlt alles, das Ergebnisse einer Studie eigentlich überprüfbar macht, das erlaubt, eine Studie einzuschätzen. Ich kann zum Beispiel nicht wissen, ob die Befragung telefonisch durchgeführt wurde oder schriftlich oder vis–à–vis. Das mag noch zu verschmerzen sein, weitaus problematischer ist, dass unklar bleibt, wie viele Personen befragt wurden und wie sie ausgewählt wurden. Wer auch nur ein wenig Ahnung davon hat, wie eine Befragung bewertet werden kann, wird an dieser Stelle schon extrem vorsichtig. Zum Beispiel macht es einen extrem großen Unterschied, ob die Probanden zufällig oder eben nicht zufällig ausgewählt wurden. Auch die Größe der Stichprobe ist relevant – zumindest, wenn es sich um eine Zufallsauswahl handelt. Aber eben: Nichts.

Gut. Oder eben: Nicht gut. Aber glücklicherweise findet sich auf Bild.de eine Klickstrecke, die die Fragen und Ergebnisse detailliert auflistet. 1 Ein Blick auf die Fragen lohnt sich definitiv.

Und, was können Sie sich so vorstellen?

Zunächst die zentrale Frage: “Könnten Sie sich vorstellen, eine neue Partei zu wählen, wenn Thilo Sarrazin Vorsitzender dieser Partei wäre?”
Dazu hat, wie erwähnt, Stefan Sichermann im Bildblog schon einiges geschrieben. Trotzdem noch einmal: Der Witz an dieser Frage ist ihre Unbestimmtheit. Könnten Sie sich vorstellen, wird da gefragt, und vorstellen kann man sich zunächst einmal vieles. Die Beispiele Linkspartei und Horst Schlämmer sind im Bildblog ja aufgeführt und illustrieren das Problem ganz anschaulich. Also, wenn man die Frage aufschlüsselt, steht da:

1) Es gibt eine hypothetische neue Partei.
2) Deren Vorsitzender ist Thilo Sarrazin.
3) Es gibt keine Angabe zum Zeitpunkt.
4) Es gibt keine Angabe zu den Inhalten, die diese Partei vertritt. Noch nicht einmal eine Einordnung ins Parteiensystem nach dem klassischen Rechts-Links-Schema.
5) Es gibt keine Angabe zur Art der Wahl. (Kommunalwahl? Landtagswahl? Bundestagswahl? Europawahl?).

Punkt 4) ist dabei der wichtigste. In der Frage steht nicht, dass diese Partei eine rechte, rechts-populistische oder rechts-extreme, jedenfalls eine rechts der Union wäre. Ich für meinen Teil könnte mir zum Beispiel schon eine Konstellation vorstellen, in der ich eine neue Partei, deren Vorsitzender Thilo Sarrazin ist, wählen würde. Es fällt mir schwer, aber ich könnte. Wie ich mir so vieles möglicherweise vorstellen könnte.
Zum Beispiel, wenn diese Partei Positioonen verträte, die ich selbst teile und die ich so in keiner anderen Partei repräsentiert sehe. Eine solche Partei könnte keinesfalls die Inhalte vertreten, die Sarrazin in der, nennen wir sie: Integrationsdebatte vertritt – aber in der Frage steht mit keinem Wort, dass sie das tut. Der Vorsitzende Sarrazin müsste sich vermutlich auch persönlich ändern, damit die Partei für mich wählbar wäre – das glaube ich nicht, aber thereotisch vorstellen kann ich es mir.
Doch selbst wenn Sarrazin weiter ein Rassist mit kruden Thesen bliebe, könnte ich mir möglicherweise eine Konstellation vorstellen – vielleicht auf kommunaler Ebene -, in der ich seine Partei doch wählte, solange er der einzige Rassist mit kruden Thesen in der Partei wäre (und möglicherweise schon massiv an seinem Stuhl gesägt würde).
Was ich mit alldem sagen möchte: Die Frage ist höllisch unpräzise formuliert. Hätte ich sie beantworten müssen, ich hätte wohl eigentlich antworten müssen “Ja, zumindest theoretisch könnte ich mir das in bestimmten Konstellationen vorstellen”; trotzdem hätte ich wohl “Nein” angekreuzt, weil ich zu glauben weiß, wie die Antwort interpretiert wird. Wenn eine Frage derart unpräzise formuliert ist2, kann man das Ergebniss in die Tonne treten. Es ist nicht belastbar, weil das Antwortverhalten der Befragten nicht einschätzbar ist.

Dazu kommt noch, dass ich bei dieser Frage ja theoretisch unendlich viele Stimmen habe. Jeder der Befragten könnte etwa auf die Frage “Könnten Sie sich vorstellen CDU/SPD/GRÜNE/FDP/LINKE/Eine-neue-Sarrazin-Partei zu wählen” sechsmal Ja antworten. Die Aussage: Sarrazin würde bei einer Wahl wohl 100% bekommen, kann man daraus trotzdem nicht ableiten. Wollte man eine halbwegs verlässliche Aussage in diese Richtung treffen, müsste man vielleicht eine Art Sonntags-Frage stellen und zusätzlich zu den etablierten Parteien eine neue – inhaltlich definierte – Sarrazin-Partei aufführen.
Aus der schon extrem unpräzisen Aussage “18 Prozent könnten sich vorstellen, eine Partei mit Sarrazin an der Spitze zu wählen” die Aussage “18 Prozent würden Sarrazin ihre Stimme geben” zu machen, ist nicht einmal mehr nur unzulässig verkürzt.

Wie sähe die Zukunft im Vergleich zu einer anderen Zukunft aus, wenn die Vergangenheit anders ausgesehen hätte?

Aber es geht ja noch weiter, der Bogen beinhaltet noch mehr Fragen, von denen es mir zwei andere besonders angetan haben.
Diese hier ist zum Beispiel hübsch: “Glauben Sie, es wäre für die Zukunft Deutschlands besser, wenn diese [= die bisherige. Anm. bwg] Zuwanderung rückgängig gemacht werden könnte?”
Ob ich glaube, dass eine andere Zukunft als die wirkliche – die ich ja auch nicht kennen kann, immerhin ist es die Zukunft – besser wäre, wenn ich die Vergangenheit ändern könnte, was ich nicht kann – auch wenn ich nicht weiß, wie die Vergangenheit ansonsten ausgesehen hätte. Ich muss als Befragter, bevor ich antworte, also erst einmal die Vergangenheit einschätzen, dann die Zukunft, dann die geänderte Vergangenheit und die geänderte Zukunft, sage aber niemanden, wovon ich ausgehe: Und dann möchte aus meiner Antwort jemand irgendetwas ableiten? Auch wenn ich mir legitimerweise als Alternativ-Vergangenheit eine ausmalen kann, in der es keine Einwanderung gab, aber eine höhere Geburtenrate, oder eine mit wenig Einwanderung, aber niedriger Geburtenrate, oder eine, in der die Wiedervereinigung nie stattgefunden hat?
Wer meint, aus solchen Antworten etwas ablesen zu können, sollte sich einmal als Astrologe versuchen. Er könnte Talent haben.

Ist mangelnde Präzision ein Problem?

Und noch eine schöne Frage: “Thilo Sarrazin fordert, bei mangelndem Integrationswillen von Einwanderern Sozialleistungen zu kürzen. Stimmen Sie dem zu?”
Ein Grundprinzip bei der Fragebogenkonstruktion ist es, den Befragten nicht zu lenken. Suggestivfragen oder stark wertbesetze Begriffe sind zu vermeiden. Eine andere Grundregel besagt, man solle hinreichend präzise Begriffe verwenden. Integration ist aber kein präziser Begriff. Der eine stellt sich darunter vor, dass Einwanderer Deutsch lernen; der andere versteht unter Integration, dass Einwanderer ihr Muslim-Sein aufgeben (falls sie Msulime sind); der Dritte versteht unter Integration nur, dass das Grundgesetz oder Strafgesetze anerkannt werden. Es kann sich also jeder heraussuchen, welchen Integrationsbegriff er anlegt, wenn er die Frage beantwortet. Wie sollen da vergleichbare, aggregierbare Ergebnisse zustande kommen?
Außerdem ist Integration, würde ich zumindest behaupten, ein hochgradig positiv besetzer Begriff. Egal ob rechts oder links, dass sich Ausländer irgendwie integrieren sollen, da ist man sich einig. Integration – ja, gelungene Integration – ist ein anerkanntes Ziel von Einwanderungspolitik. Und zwar auch, weil der Begriff so unscharf ist: Für die einen meint er völlig Anpassung an eine nebulöse Leitkultur, für die anderen nur Bereitschaft zum harmonischen Miteinander, bei allen kulturellen Unterschieden.
Und dann noch: Mangelnd. Mangelnde Integration. Alleine das Wort mangeln drückt ja schon aus, dass der Zustand unerwünscht ist. Mangelernährung, eine Mangelhaft in der Deutsch-Arbeit, das möchten wir nicht. Es mangelt in der Frage also, leider, an etwas, das doch für alle wünschenswert ist.
Und, finden Sie das jetzt schlecht? Wirklich? Erstaunlich. 3

Sarrazin würde von Menschen gewählt!

Zusammengefasst sagt der Artikel hier, was schon am Anfang stand: Die Umfrage, die Emnid für die Bild am Sonntag durchgführt hat, taugt nichts. Sie ist nichts wert. Man kann ihre Ergebnisse getrost ignorieren. Nun ist das an sich noch nicht verwerflich.
Ich vermute, dass bei Emnid durchaus fähige Meinungsforscher arbeiten, die wissen, dass ihre Umfrage handwerklich schlecht ist. Ich vermute aber auch, dass die BAMS bei solchen Auftragsstudien nicht viel Wert auf eine methodisch saubere Arbeit legt, sondern für möglichst wenig Geld Ergebnisse möchte, die sich publizistisch irgendwie verwerten lassen. Emnid liefert und solange die Informationen zur Studie unter Verschluss bleiben, ist das für alle Seiten in Ordnung. Solange, ja solange nicht andere Medien die verkürzten und unzulässig uminterpretierten Ergebnisse einer handwerklich völlig untauglichen Studien verbreiten.

RP-Online: Angst vor der Sarrazin-Partei.
“Nach einer in der Zeitung “Bild am Sonntag” veröffentlichten Emnid-Umfrage würden 18 Prozent einer von Thilo Sarrazin angeführten Partei ihre Stimme geben.”

Die Welt: “Sarrazin-Partei” wäre ein Erfolg.
“Fast jeder fünfte Deutsche würde Thilo Sarrazin wählen. Sollte er eine eigene Partei gründen, könnte er mit großem Zuspruch rechnen. Für 18 Prozent der Bürger ist es nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der “Bild am Sonntag” vorstellbar, eine “Sarrazin-Partei” zu wählen.”

Frankfurter Rundschau: Zulauf für die Sarrazin-Partei
“Eins hat Thilo Sarrazin geschafft: Laut einer Emnid-Umfrage würden 18 Prozent der Deutschen eine von ihm geführte Partei wählen.”

Kleine Zeitung: Deutschland streitet über Integrationspolitik.
“Kanzlerin Merkel und SPD-Chef Gabriel versuchen, eine Debatte über Migration zu versachlichen. 18 Prozent würden eine Partei von Sarrazin wählen.”

Stern: Bestwerte für Sarrazin: Fast jeder Fünfte würde Thilo wählen
“Noch will Sarrazin keine Partei gründen, aber er könnte. Eine Umfrage sieht ihn bei 18 Prozent.”
Immerhin schreibt der Autor richtigerweise: “Ob Sarrazin bei einer kommenden Wahl tatsächlich 18 Prozent der Stimmen erhalten würde, sagt die Umfrage nicht.” Vielleicht gehen Überschrift und Lead ja nicht auf das Konto des Autors.

Spiegel-Online: Umfrage sieht großes Potential für Protestpartei.
“Der Unmut vieler Bürger über die etablierten Parteien wächst – und das Potential für eine bürgerliche Protestpartei in Deutschland ist zurzeit enorm: Wie eine repräsentative Emnid-Umfrage für “Bild am Sonntag” ergab, würden 18 Prozent aller Deutschen eine neue Partei wählen – wenn ihr Chef der Migrationskritiker Thilo Sarrazin wäre. Damit stellt sich fast jeder fünfte Deutsche eindeutig hinter dessen umstrittene Thesen.”

Zeit-Online und Tagesspiegel: Die Nicht-Partei der Grummeldeutschen
“Siebzehn Prozent würden ihn also wählen, genauer gesagt eine Partei, die von Thilo Sarrazin geführt würde. Das hat das Demoskopie-Institut Emnid im Auftrag der Bild am Sonntag herausgefunden.”

Herrje. Und das sind nicht alle – selbst wenn man die automatisiert übernommenen Agenturmeldungen gar nicht betrachtet4

Dass über so viele Studien ungeprüft und ohne Blick in die Umsetzung berichtet wird, halte ich für eines der größten Ärgernisse im Journalismus. Nicht nur hier. Aber auch hier.

  1. Zumindest nehme ich an, dass in der Klickstrecke auch die wirklichen Fragen zu finden sind. Sollte Bild.de da selber herumformuliert haben, gehen meine Ausführungen natürlich am Thema vorbei, sind aber allgemein und losgelöst vom konkreten Fall immer noch gültig.
  2. - einmal abgesehen davon, dass hypothetische Fragen ohnehin vermieden werden sollten –
  3. Kleine inhaltliche Randbemerkung. Man erkläre mir mal, wo diese ganzen Einwanderer herkommen sollen, die Sozialleistungen beziehen. Und ich meine wirkliche Einwanderer. Also ausländische Staatsbürger, nicht in Deutschland geboren, ohne deutsche Staatsbügerschaft. Deutsche mit etwa türkischen Wurzeln sind nämlich auch Deutsche. Und Deutsche, die zum Islam konvertieren oder muslimisch erzogen werden, sind auch Deutsche. Sollen die sich integrieren? Wie denn jetzt genau? Die Ausländer, die es sich im deutschen Sozialstaat bequem machen, mag es, das kann ich nicht beurteilen, früher einmal gegeben haben; heute halte ich sie für eine Schimäre. Ein Blick in das seit 2005 gültige Aufenthaltsgesetz zeigt nämlich, dass Bedingung für einen längerfristigen – oder gar unbefristeten – Aufenthaltstitel ist, dass eine Person ihren Lebenshalt selbst finanzieren kann. Davon ausgenommen sind selbstverständlich politische Flüchtlinge.
  4. Die taz machts ganz unautomatisiert.

Thema: Innenpolitik, Journalismus, Medienkritik | Kommentare (9) | Autor:

Schreiben auf Transparenzpapier

Sonntag, 18. Juli 2010 14:26

Michalis Pantelouris (print-würgt.de) wagt etwas Neues. Der freie Journalist und Blogger wird sich nach Athen begeben und dort versuchen, eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von einer jungen Frau, die vergangenes Jahr unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Er wird dabei jeden Schritt seiner Recherchen dokumentieren; jedes Gespräch, jeden Kontaktversuch per Telefon, jede Aktenstudie. Pantelouris hat in seinem Blog ausführlich geschildert, wie es zu diesem Projekt kam, wie es genau aussieht und warum er glaubt, dass der (Online-)Journalismus mehr Transparenz braucht.

Stefan Niggemeier, bei dem ich davon erfahren habe, kommentiert das Projekt und spricht wichtige Fragen an: Ist es vertretbar, vom Tod einer Frau so detailliert zu berichten? Die Eltern zu besuchen, zum Tatort zu reisen, mit Bekannten zu sprechen, die Akten zu studieren, die Umstände zu schildern – und das alles in einem „live-blog“ auf neon.de? Wird hier nicht menschliches Leid zu einer Inszenierung, mit der vor allem Voyeurismus befriedigt wird?

Ich weiß es nicht. Wohl ist mir dabei auch nicht.

Aber das Unwohlsein liegt am Thema. Grundsätzlich finde ich das Projekt toll. Deshalb: Bitte alle die Texte von Pantelouris und Niggemeier lesen und ein eigenes Urteil bilden.

Im Übrigen erinnert mich das Projekt an einen Text, den ich vor fast drei Monaten geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe; der Text blieb im Ordner, weil ich das darin angesprochene „Warum ich argumentiere, wie ich argumentiere“ noch nicht fertig hatte. (Und auch noch nicht habe: Aber es ist schon begonnen und hiermit erhöhe ich offiziell den Druck auf mich selbst, es endlich einmal zu Ende zu schreiben).

Ich nutze hiermit die Gelegenheit, den Text endlich online zu stellen. Zeit wird es. Weil ich finde, dass Pantelouris Recht hat, wenn er mehr Transparenz fordert. Und weil es im Internet so einfach ist, diese Forderung zu erfüllen.

Text vom 28.04.10:
———-

„Internetpublizistik ist vom Prinzip her lustgetrieben: Wer Spaß hat, über ein Thema zu schreiben, tut das, wenn er keine Lust mehr hat, hört er auf. Und wenn gerade andere Dinge wichtiger sind, sind andere Dinge eben wichtiger.“ Habe ich eben gelesen – und mich ein bisschen schlecht gefühlt. Recht hat sie ja, die Eva-Marie Schnurr: Lustgetrieben das alles. Andererseits hat sie auch Recht, und andere Dinge sind gerade nun mal wichtiger.
Wie dem auch sei: Ich dachte, der lesenswerte Text „Wie der Blauflossenthunfisch“, aus dem obiges Zitat entnommen ist, könnte Anlass sein, den Blog hier zu beleben – und eine Idee umzusetzen, die mir schon länger im Kopf herumschwirrt.

„In den USA gehen Journalismusprojekte inzwischen diesen Weg: Sie legen offen, was eine Recherche kostet. Warum nicht auch Transparenz darüber, wie lange der Journalist recherchiert hat, ob er vor Ort war oder nur telefonieren konnte? Wer die Reise bezahlt hat. Ob ein Profi am Werk war oder ein Hobbyautor.“

Schon länger denke ich mir, dass es möglich sein müsste, die viel beschworene Transparenz im Netz Wirklichkeit werden zu lassen. Denn, mal ehrlich, bis heute ist es damit nicht so wirklich weit her. Ja, Quellen werden verlinkt, sicher. Manche Autoren versehen manche ihrer Beiträge mit einem „Disclosure“, wenn sie etwa über ehemalige oder aktuelle Arbeitgeber schreiben. Alles gut und wichtig. Das alles ändert aber nichts daran, dass ich häufig auf mir bisher unbekannten Blogs lande, mich umschaue – und nichts finde, das mir helfen könnte, den Autor besser einzuschätzen. Der erste Klick geht immer ins Impressum, lieber zu einem „About“. Doch meistens hilft auch das nicht wirklich weiter. Dabei will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Rechtsradikaler, Linksradikaler, Kirchengläubiger, Kirchenhasser, Kulturpessimist, Konstruktivist, Kriegsbefürworter oder Pazifist, hü oder hott? Denn wenn ich weiß, wo jemand politisch oder generell weltanschaulich zu verorten ist, kann ich seine Texte besser einordnen.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass sich die Lage auf beim-wort-genommen nicht anders darstellt: Viel erfährt der Leser schließlich nicht über mich. Bisher steht da auf „Über diese Seite“: „Beim-wort-genommen steht keiner Partei, keinem Unternehmen, keiner Kirche, keinem Verein und keiner wie auch immer gearteten Vereinigung nahe. Der Autor fühlt sich allenfalls der Wahrheit, gutem Journalismus und den universellen Menschenrechten verpflichtet.“
Klingt ja ganz nett 1, aber: Kann dadurch jemand einschätzen, warum ich für X und gegen Y argumentiere, oder warum ich A ablehne und B nicht? Welchen Wahrheitsbegriff habe ich, was verstehe ich unter gutem Journalismus und wie eigentlich begründe ich meine Unterstützung für die Menschenrechte? Mit Gott? Rechtspositivistisch? Gar nicht – es ist halt so?
Auch mein About versucht noch, eine Art Objektivität zu suggerieren. Aber bedeutet die Tatsache, dass ich keiner Partei nahe stehe, etwa auch, dass ich nicht Grundüberzeugungen habe, die mit den Ideen der einen besser zu vereinbaren sind als mit denen der anderen? Die Information, dass beim-wort-genommen kein Parteiblog ist, ist notwendig, aber keineswegs hinreichend.

Irgendwie ist das so kein zufriedenstellender Zustand. Ich möchte, dass ein neuer Leser auf meiner Seite einschätzen kann, wie ich zu meinen Aussagen komme. Ich möchte, dass er dann entscheiden kann, ob er meine Positionen teilt oder ob er meine Haltung ablehnt und mich deshalb nie wieder lesen wird. Ich möchte, dass er die Chance hat, meine Argumentation zu analysieren und gegebenenfalls logische Fehler zu entdecken (und mich dann in den Kommentaren darauf hinzuweisen).

In der Wissenschaft gehört es zum Fundament einer jeden Arbeit, dass Quellen und Prämissen offengelegt werden. Nur so wird Wissenschaft nachvollziehbar und damit sinnvoll kommunizierbar. Im Journalismus der Knappheit, in dem Zeitungsseiten genauso rar waren wie Sendeminuten, konnte man dieses Prinzip nicht sinnvoll umsetzen – obwohl es genauso hilfreich wäre wie in der Wissenschaft.
Und vielleicht können noch nicht einmal Internet-Zeitungen so vorgehen, weil so viele Autoren involviert sind. Aber: Ich kann hier meine Prämissen und Quellen offenlegen. Jeder Blogger kann das tun – und, wenn man mich fragt: Jeder Blogger sollte es.

Deshalb habe ich jetzt eine Seite „Warum ich argumentiere, wie ich argumentiere“ 2 eingerichtet. Darin versuche ich zu erklären, von welchen +Annahmen ich ausgehe, welches Menschenbild ich habe, von welcher Realität ich ausgehe.
Um auch hier transparent zu sein: Vieles davon ist Stückwerk. In vielen Punkten muss ich selbst noch innere Widersprüche auflösen, bevor ich eine klare Haltung formulieren kann. Oft werde ich in Artikeln meine Prämissen weiter spezifizieren müssen. Das Ganze ist ein Versuch, Transparenz herzustellen, nicht mehr. Es erhebt nicht den Anspruch, vollständig kohärent und umfassend zu sein. Und, ganz wichtig: Diese Seite kann immer und jederzeit bearbeitet werden – so wie sich auch Einstellungen mit der Zeit verändern können.

Außerdem werde ich versuchen, zu jedem Beitrag anzugeben, auf welche Quellen ich mich stütze. Ein bisschen wie in einer wissenschaftlichen Arbeit. Im Journalismus ist die Versuchung groß, so zu tun, als sei man völlig informiert. Man schreibt eine Geschichte, suggeriert dem Leser völlige Selbstsicherheit – und hofft danach fingernägelkauend, dass sich kein Fehler eingeschlichen hat und wenn doch, dass es keinem auffallen möge. 3 Und bitte bitte, es möge doch niemand bemerken, dass man hier und da noch tiefer hätte recherchieren können.

Man mag von Jeff Jarvis halten, was man will; im Interview mit der Berliner Zeitung hat er neulich etwas sehr Kluges gesagt: „Die Schlüsselqualifikation für Journalisten wird in Zukunft eher sein, zu sagen, was wir nicht wissen, als was wir wissen. Wir müssen zugeben, dass wir nicht allwissend und allmächtig sind. Hier ist die ganze Geschichte, hieß es früher. Bullshit, es war nie die ganze Geschichte, konnte es gar nicht sein, schließlich entwickelt sich die Geschichte weiter, während die Zeitung gedruckt wird. Muss ich deswegen meinen Artikel hundertmal umschreiben? Nein. Im Blog kann man den Prozess verfolgen, in den Links stecken die Fußnoten und die Quellen.“

Bullshit, es ist nie die ganze Geschichte. Wie Recht er hat. Und zum Thema Fehler führt Jarvis aus: „Als ich ein Reporter war, habe ich mich immer geschämt, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Ich wollte mich verstecken und hoffte, dass niemand es entdeckt und wir keine Korrektur drucken müssen. In der Blogwelt habe ich gelernt, dass seine Fehler zu korrigieren, die eigene Glaubwürdigkeit vergrößert. Man beseitigt den Fehler nicht, man streicht ihn durch und zeigt, dass man es nun besser macht.“
Vielleicht geht es nur mir so, aber ich kenne diese Angst vor dem Fehler; eine Angst, die auch entsteht, weil ein gedruckter Fehler nun mal ein gedruckter Fehler ist. Zunächst einmal nicht mehr veränderbar. Eine Angst, die verstärkt wird durch die Fassade der Fehlerfreiheit. Dabei ist Freiheit vor Fehlern eine Uropie. „Wir machen alle welche! […] Wir sind Menschen. Überraschung!“, sagt Jarvis. Eben. Deshalb: Unter jedem Text wird sich künftig eine Liste mit Quellen finden.

Wenn es keine gibt, weil ich aus dem Kopf geschrieben habe, wird da stehen, dass es keine gibt. Wenn es Internetseiten sind, werde ich darauf verlinken. Wenn es Mails gibt, werde ich sie, so es erlaubt ist, hochladen (und darauf hinweisen, wenn ich es nicht darf). Wenn es – was für den Blog selten vorkommt – Telefonate sind, werde ich es vermerken. 4

Oft genug frage ich mich selber, woher Autor X seine Informationen hat. Klingt überzeugend und informiert – aber verkauft er mir gerade Wikipedia-Halb-Wissen 5 oder hat er stundenlang in der Bibliothek wissenschaftliche Aufsätze gewälzt und mit Experten telefoniert?

Mit einer ordentlichen Auflistung aller Quellen wird eine möglicherweise dünne Recherche nicht weniger dünn und angreifbar als vorher – aber es behauptet dann auch keiner, mehr oder gar alles wissen. Das nimmt Druck vom Autor und ist vor allem fair dem Leser gegenüber.

Über Meinungen, Kritik und Verbesserungsvorschläge 6 freue ich mich genauso wie über Blogger, die dem Beispiel möglicherweise folgen.

——–

  1. Darf man so eigene (langweilige) Selbstbeschreibungen beschreiben?
  2. Mein Blog heißt beim-wort-genommen.de – ich darf sperrige Titel wählen.
  3. In Zeiten, da Medienblogs Hochkonjunktur haben und Kommentarfunktionen Webstandard sind, ist diese Hoffnung allerdings oft vergebens.
  4. Bei Links, die ich ja normalerweise auch jetzt schon im Text setze, muss ich mir noch überlegen, ob ich eine andere Linkfarbe für Quellenlinks und solche, die für den Leser ergänzend eingebaut wurden, wähle (z.B. Wikipedia-Links, die ich für den konkreten Text nicht genutzt habe). Denn die Links nur am Ende aufzuführen, wäre wohl dem Textverständnis nicht dienlich. Bis auch Weiteres werde ich es wohl mit folgendem Muster versuchen: Gefettete Links sind Recherchequellen, nicht-gefettete sind ergänzend.
  5. Nicht missverstehen: Ich liebe Wikipedia, ich nutze Wikipedia und ich halte Wikipedia für eine meistens sehr verlässliche Quelle, sofern man grundlegende Spielregeln beachtet (Diskussionsseite checken, Versionenseite checken, Quellenlage checken, eventuell Weblinks lesen).
  6. Bitte bitte: Wie kann ich ordentliche Fußnoten erstellen, so wie z.B. bei coffee-and-tv? Hilfe?!

Thema: In eigener Sache, Journalismus | Kommentare (6) | Autor:

Wutmäander zur Köhler-Kritik

Freitag, 28. Mai 2010 17:50

Über Horst Köhler ist vor allem gestern doch noch viel geschrieben worden. Und so lese ich mich zunehmend frustrierter durch den Blätterwald, durch Blogs, Foren und Kommentare und muss gestehen: Ich verstehe nicht.
Eine Wutrede.

Ich verstehe nicht, wieso Horst Köhlers Aussagen häufig direkt und nur auf Afghanistan bezogen werden. Ja, Köhler hat dieses Interview nach seinem Besuch in Masar-i-Sharif gegeben, aber er hat doch nicht ausdrücklich gesagt, dass es Ziel des Afghanistan-Einsatzes sei, Handel, Arbeit und Sozialprodukt zu sichern. Um den Afghanistan-Einsatz und dessen Legitimität ging es bei der Kritik am Militär-Interview nie – oder sollte es nie gehen.
Die Kritik ist eine viel grundsätzlichere.

Köhler hat nämlich gesagt, dass er den Eindruck habe, nun sei auch die Bevölkerung auf dem Weg, zu verstehen, dass Militäreinsatz zur Sicherung von Arbeit und Einkommen notwendig sei – wohl gemerkt: Jetzt versteht langsam auch die Bevölkerung. Bis jetzt verstanden, das klingt hier an, nur die Entscheider. Köhler erkennt einen Prozess, den er als notwendig ansieht, weil die Situationen auch in Zukunft auftreten können.

Gerade weil er sich nicht nur auf Afghanistan bezieht, sondern eine generelle Aussage trifft, lässt sich auch eine generelle Kritik formulieren: Köhlers Verständnis von Militäreinsätzen ist nicht grundgesetzkonform.

Ich verstehe die sich selbst für weitsichtig haltenden Zyniker nicht, die jetzt erklären, wer das wolle, wisse doch schon längst, dass Wirtschaftsinteressen hinter allen Militäreinsätzen stünden – wozu also die Aufregung? Nun rede mal einer Klartext und dann kritisiere man noch. Und noch weniger verstehe ich diejenigen, die meinen, so wirklich falsch seien die Aussagen ja an sich nicht oder Köhler habe sich nur im falschen Rahmen oder zum falschen Zeitpunkt geäußert.

Ja, vermutlich standen bisher hinter vielen Kriegen der Menschheitsgeschichte wirtschaftliche Interessen. Sicher gibt es Unternehmen und Einzelpersonen, die an jedem Militäreinsatz verdienen. Aber nein: Bisher wussten nicht alle, dass Deutschlands oberste Staatsmänner Militäreinsätze zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes für legitim halten.

Bisher galt das Grundgesetz, das man individuell kritisieren kann, das natürlich von Menschen gemacht ist, das dessen ungeachtet trotzdem Fundament dieses Staates ist – bis zu dem Zeitpunkt, an dem eine neue Verfassung in Kraft tritt. Und dieses Grundgesetz, dieses normative Wertefundament, erlaubt nun einmal keine Militäreinsätze zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes.
Solange das Grundgesetz in diesem Land akzeptiert wird und in Kraft ist, hat sich auch die Politik daran zu halten. Tut sie es nicht, muss sie kritisiert werden. Handelt ein Vertreter, der sich qua Amt sogar explizit zum Grundgesetz bekannt hat, den darin enthaltenen Grundsätzen zuwider, hat er seinen Amtseid gebrochen: „Ich schwöre, dass ich [...] das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen [...] werde“.

Das ist keine Lappalie. Wer, getrieben von einem fatalistischen Schein-Realismus, jede normative Kritik daran abblitzen lässt mit dem Verweis auf die Empirie, der muss bedenken, welche Implikationen so eine Haltung mit sich bringt: Die logisch zwingende völlige Lossagung von all jenen normativen Werten, die eingeführt wurden, um rein zweckrationales politisches Handeln einzudämmen.

Selbst wenn Köhlers Aussagen inhaltlich von allen politischen Entscheidungsträgern unterstützt würden, nähme das der normativen Kritik überhaupt nicht die Grundlage.
Wer kein Problem damit hat, zu fordern, dass vorgebliche Realpolitik zu jedem Mittel greifen kann, um bestimmte Zwecke zu erreichen, der kann Köhlers Aussagen gerne weiterhin als alltäglich abtun und die Kritik als unnötige Aufregung abkanzeln. Wer sich dazu bekennt, was legitim ist, möge aber in Zukunft nicht Eingriffe in die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit oder die Versammlungsfreiheit monieren, sich über den Überwachungsstaat mokieren oder auf seine im Grundgesetz verbrieften Persönlichkeitsrechte pochen. Entweder Realpolitik soll ihre Schranken im Grundgesetz finden oder sie soll es nicht. Wofür man sich entscheidet, ist jedem überlassen, aber die Entscheidung ist eine dichotome. Es gibt keine Mitte.
Alle, die keinen schrankenlosen Staat wollen, sollten sich einmal über die Tragweite ihrer Relativierungen klar werden.

Ich verstehe nicht, wieso Köhlers nachgeschobene Erklärung weitgehend als nachvollziehbare Relativierung seiner Aussagen hingenommen wird.
Das konnte freilich nur passieren, weil sich Kritiker zu sehr auf den Fall Afghanistan eingeschossen hatten. Denn was sagte der Sprecher des Bundespräsidenten laut welt.de eigentlich? Köhler sehe nur das UN-Mandat als Begründung für den Afghanistan-Einsatz, keine Wirtschaftsinteressen.
Und Köhler habe lediglich als Beispiele für die Begründung militärischer Einsätze – abgesehen von UN-Mandaten – auch die Verhinderung regionaler Instabilität und den Schutz freier Handelswege genannt. Diese Äußerungen bezögen sich auf die vom Deutschen Bundestag beschlossenen Einsätze der Bundeswehr wie die Operation Atalanta gegen Piraterie.

Eben. Genau das hat Horst Köhler gesagt und genau deswegen sollte er kritisiert werden. Nicht der Afghanistan-Einsatz steht zur Debatte – Köhlers Verständnis des Grundgesetzes steht zur Debatte.
Der Pressesprecher wiederholte hier fast exakt Köhlers Aussagen, meint, damit sei irgendetwas erklärt, weil ja der Aspekt Afghanistan relativiert wurde – und scheint mit dieser Strategie Erfolg zu haben.

Warum die Erklärung nur fast exakt Köhlers Aussagen wiedergibt? Weil Köhler die Verhinderung regionaler Instabilitäten nicht als Selbstzweck genannt hat, wie es mehr oder weniger die UN tun: Er nannte die Verhinderung von Instabilitäten als Unterziel, um so zu verhindern, das Handel, Arbeit und Einkommen in Deutschland negativ beeinflusst werden.

Das Bundespräsidialamt setzt sich mit seiner Erklärung endgültig in die Nesseln und bestätigt genau den inkriminierten Punkt: Köhler hält die Sicherung des Handels für einen hinreichenden Grund für einen Militäreinsatz. Das ist, ich wiederhole mich, vom Grundgesetz nicht gedeckt.

Im Übrigen geht es bei der Atalanta-Mission zumindest den UN zufolge primär um den Schutz von humanitären Hilfslieferungen und die Stabilisierung einer Krisenregion – zum Schutze weltweiten Sicherheit, nicht zur Sicherung des Handels. Zudem agiert die Bundeswehr hier vornehmlich in internationalen Gewässern, also auf neutralem Boden, und nur reaktiv, das heißt nur dann, wenn ein Angriff durch Piraten erfolgt. Dass auch rein wirtschaftliche Interessen bei Atalanta eine Rolle spielen, kann vermutet werden, doch lassen sich fraglos Argumente für den Einsatz formulieren, die mit Grundgesetz und Völkerrecht vereinbar sind – egal, wie überzeugend sie letztlich sind.
Nicht so bei Köhlers Aussagen.

Ich verstehe nicht, wieso es die Handelswege sind, die in den Medien zitiert werden, und nicht Arbeit und Einkommen – das waren doch die Punkte, die Köhler als eigentliches Oberziel genannt hat. Regionale Instabilitäten gelte es zu beseitigen, hat Köhler gesagt, weil die negative Auswirkungen auf Handel, Arbeit und Einkommen haben können. Genau diesen letzten Teil hat die Tagesschau gestern nicht zitiert.
Wie aber sollen Menschen die Tragweite begreifen, wenn sie den entscheidenden Part nicht zu hören bekommen?

Ich verstehe nicht, wieso sich die Medien, die nun langsam in die Berichterstattung eingestiegen sind, sich so sehr auf die Opposition beziehen. Die Opposition kritisiert, heißt es da, einen Wirbel gebe es um Horst Köhler. Und wenn nicht die Kritik dargestellt wird, werden die Kritiker selbst kritisiert. Thomas Opperman sagt dieses, dabei hat Thomas Opperman doch selbst jenes gemacht. Klar, für die Linkspartei ist die causa ein gefundenes Fressen, die Union sieht das ganz anders. Die Opposition übertreibt und stellt falsche Bezüge her. Und in diesem Ton fort geht die Litanei.

Warum beschränkt sich der hiesige Journalismus auf das bloße Abbilden der Kritik – oder die ungefährliche Kritik der Kritiker? Warum wird über Kritik berichtet, anstatt selbst zu kritisieren?

Warum lese ich nichts davon, dass Militäreinsätze zur Aufrechterhaltung des Wohlstandes nicht vom Grundgesetz gedeckt sind? Warum lese ich keine ausführlichen Analysen der rechtlichen Situation?

Warum ist die Würde des Amtes offenbar ein Kriterium, aber nicht die Verantwortung, die damit einhergeht? Wer die Würde des Amtes respektiert, kann das konsistent nur tun, wenn er auch den Staat, der durch den Bundespräsidenten repräsentiert wird, anerkennt – und mit ihm sein Wertefundament. Die Würde des Amtes genießt demnach nur solange Schutz, wie sich der Amtsinhaber innerhalb des Werterahmens bewegt, der als richtig anerkannt wurde – und genau das ist nicht der Fall. Wieso gewinne ich den Eindruck, dass nicht das Gedankenkonstrukt der Bundesrepublik den größten Schutz verdient, sondern seine Vertreter?

Warum kommen Verfassungs- und Staatsrechtler nur sehr spärlich zu Wort?
Warum finde ich keine ausgiebige Analyse des Gesagten und der nachträglichen Rechtfertigung?

Ist das vielleicht ein zeitgenössisches Verständnis von journalistischer Objektivität und Neutralität? Von Distanzierung? Meta-Kritik als aufklärerischer Akt? Natürlich sind alle hier verlinkten Artikel an sich guter Journalismus – guter abbildender Journalismus, der alle Seiten zu Wort kommen lässt. Keine Frage.
Aber mit der reinen Deskription erschöpfen sich doch die Aufgaben des Journalismus nicht. Wird nicht allenthalben davon gesprochen, der Qualitätsjournalismus müsse einordnen helfen? Wie sollen die Menschen denn einordnen können, wenn die Medien umfangreiche Information über Hintergründe und Implikationen nicht bieten?

Ich verstehe nicht, wie sich, wie in den letzten zwei Tagen geschehen, eine Welle der Berichterstattung erheben kann, die gleichwohl jetzt schon wieder zu verebben oder in von der Politik angelegte Kanäle auszulaufen scheint. Die sich nicht in einem Mal und mit Furor bricht und mehr Kraft hat, als nur an die Deiche zu klopfen, sondern die in immer und immer kleinere Wellen zerfällt, die allenfalls noch die Kraft haben, selbst gebaute Sandburgen aus Oppositionskritik wegzuschwemmen.
Als die großen Medien anfingen, zu berichten, hatte ich gehofft, dass die Kritik nachhaltig sein wird. Das ist jetzt genau zwei Tage her – und ich habe jetzt schon den Eindruck, dass nichts bleiben wird.

Ich glaube zu verstehen, dass die Mechanismen der Medien und der Politik dafür sorgen werden, dass Köhlers Fauxpas in Kürze kein Thema mehr sein wird. Andere Themen werden die Schlagzeilen beherrschen. Manche werden von einer Präsidentenjagd schreiben. Köhler wird es aussitzen und schweigen und gelegentlich relativieren und irgendwann wieder eine größere Ansprache halten. Er wird Bundespräsident bleiben und die Kritik wird noch nicht einmal groß an seinem Image gekratzt haben.

„Ich schwöre, dass ich […] das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen [...] werde“.
Entschuldigung? Ich glaube, ich verstehe nicht.

Thema: Außenpolitik, Innenpolitik, Journalismus, Medienkritik | Kommentare (15) | Autor:

Horst Köhler und der Krieg für Arbeit und Einkommen

Dienstag, 25. Mai 2010 18:48

Horst Köhler hat am Wochenende die deutschen Soldaten in Afghanistan besucht. Zu diesem Anlass gab er am Samstag Christopher Ricke vom Deutschlandradio ein Interview. Darin spricht er über den Afghanistan-Einsatz, über Ziele, Probleme, Beweggründe. Und eine Passage ist es wert, genauer betrachtet zu werden:

„Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe, mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit, auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall, auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen – negativ, durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen.“

Quelle (audio)/ Transkript der gekürzten Version des Deutschlandradios/ Transkript der hier zitierten Passagen beim “tastendrescher” (Richtigkeit des Transkripts von mir geprüft)

Bricht man das Zitat einmal auf und bringt es in eine sinnvolle Reihenfolge, sagt Köhler in etwa Folgendes:

Deutschland muss seine Interessen wahren.
Dazu ist im Notfall auch Einsatz des Militärs notwendig.
Zu den zu wahrenden Interessen gehören ein hohes Einkommen, ein hoher Beschäftigungsstand und freier Handel [1], der durch freie Handelswege gewährleistet wird.
Speziell vom Handel ist Deutschland als Exportland stark abhängig, er muss besonders geschützt werden.
Der freie Handel wird unter anderem gefährdet durch regionale Instabilitäten.

Daraus folgt: Zur Sicherung des freien Handels (Unterziel) bzw. zur Sicherung der wirtschaftlichen Situation (Oberziel in Form von Beschäftigung, Einkommen) kann ein Militäreinsatz nötig sein, etwa um Regionen zu stabilisieren.

Die Sprengkraft, die diesem Zitat innewohnt, ist riesig. Ich bin kein Verfassungsjurist, lasse mich also gerne korrigieren, aber meines Wissens definiert das Grundgesetz die Aufgaben des Militärs, also der Bundeswehr, im Art. 87a GG so: Verteidigung des Staatsgebiets gegen einen Angriff mit Waffengewalt bzw. Verteidigung der FDGO (Art. 91 GG) sowie Aufgaben, die das GG ausdrücklich erlaubt. Das können nur solche sein, die sich aus Bündnissen ergeben, an die der Bund Hoheitsrechte abtritt (Art. 24 GG).
Militärische Einsätze dürfen also nur erfolgen, wenn sie dazu dienen, das Existenzrecht Deutschlands zu verteidigen.

Wirtschaftliche Prosperität rechtfertigt militärische Gewalt

Nun nimmt Deutschland auch an UN-Missionen teil, die nicht der Selbstverteidigung dienen, und die das Ziel haben, Regionen zu stabilisieren – aber diesen Missionen ist das Ziel der Stabilisation mehr oder minder Selbstzweck. Auch Einsätze dieser Art und auch wenn sie durch eine UN-Resolution gedeckt sind, kann man kritisieren, zumindest auf dem Papier geht es bei UN-Einsätzen aber immer darum, den „Frieden in der Welt“ zu sichern. Instabile Regionen sollen stabilisiert werden, weil Stabilität gleichgesetzt wird mit Sicherheit – für die Menschen vor Ort und für die Weltgemeinschaft.
In Köhlers Argumentation wird die Stabilisation von Krisenherden dagegen zum Mittel, um einen rein nationalen Zweck zu erreichen: wirtschaftliche Prosperität. Das hat eine völlig andere Qualität.

Frappierend ist die Beiläufigkeit, mit der Köhler, als Bundespräsident ja Verfassungsorgan, mit dem bei der Staatsgründung zentralen Gedanken bricht: Von deutschem Boden soll nie wieder Krieg ausgehen. Erschreckend ist der Verweis auf Deutschlands Größe; ganz klar wird nicht, wieso er überhaupt erwähnt, dass Deutschland „ein so großes Land“ ist, aber man bekommt zumindest den Eindruck, als rechtfertige eine gewisse Machtposition militärische Gewalt – als gelte das Recht des Stärkeren. Das ist ein Gedanke, der im anarchischen internationalen System vielleicht empirisch zu beobachten ist, der mit dem normativen Fundament, auf dem die Bundesrepublik steht, aber nicht vereinbar ist.
Natürlich hat Köhler weder das Wort Krieg in den Mund genommen, noch haben seine Aussagen unmittelbare Konsequenzen. Natürlich ist nicht zu erwarten, dass Deutschland in naher Zukunft weltweit militärisch aktiv wird. Natürlich ist Köhler nur wegen dieser Aussagen kein Kriegstreiber.
Und dennoch: Dass ein deutscher Bundespräsident derart unverhohlen Militäreinsätzen das Wort redet, dass er derart deutlich mit der bisherigen, zumindest offiziellen, Staatsräson bricht, dass er ungeniert wirtschaftliche nationale Interessen mit Waffengewalt zu sichern erwägt, ist ein Skandal.

Gewandeltes Selbstbild

Wirklich überraschen kann es indes nicht. Köhlers Aussagen reihen sich ein in die Forderungen nach Respekt vor deutschen Soldaten, in zu Guttenbergs Rede davon, dass man stolz sein dürfe auf die toten Soldaten, in die Rede vom Krieg in Afghanistan, in die Wiederkehr des Verbs „fallen“; sie sind Ausdruck eines neuen bundesrepublikanischen Selbstverständnisses, das sich in Einsätzen im Kosovo, in Afghanistan, vor Somalia manifestiert. Militäreinsätzen, dem Krieg haftet nicht mehr der Ruch an wie früher. Die demütige Täternation von einst versteht sich heute als legitimen Global Player mit legitimen, auch nationalen Zielen und den gängigen politischen Mitteln zu ihrer Durchsetzung.

Die Medien schweigen

Bliebe noch die Frage, warum die Medien nicht auf Köhlers Aussagen reagieren. Von den großen überregionalen Medien (online) erwähnt bisher nur die Süddeutsche Zeitung Köhlers Zitat, ohne es aber einzuordnen oder zu kommentieren. Die gedruckte SZ bringt heute eine dpa-Meldung, wonach Köhler bei seinem Besuch die Soldaten „irritiert“ habe mit dem Vorwurf, ihnen fehle es an Überzeugung: kein Wort zu Köhlers Interview. Ich finde online keine Meldung der dpa, keine des ddp, keine von afp. Einzig eine Handvoll Blogs, darunter mit fefe nur ein einigermaßen bekannter, nahmen Notiz.

Die Frage ist: warum? Mir scheint, inhaltlich wäre die Nachricht sogar Stoff für einen Aufmacher – doch findet sie noch nicht einmal eine Erwähnung als Meldung. Ist Köhlers Meinung in relevanten politischen Kreisen etwa viel gehörter Konsens? Ist sie Politikjournalisten also so bekannt, dass sie keiner Erwähnung für wert befunden wird? Dürfen Journalisten nicht berichten [2]? Übersehe ich etwas fundamental Wichtiges?

Ich habe gestern Abend den Redaktionen der Online-Auftritte von SZ, FAZ, taz, FR und Zeit eine Mail geschrieben und gefragt, warum die Aussagen Köhlers nicht behandelt wurden, ob das Thema redaktionsintern diskutiert wurde, warum es eventuell für nicht berichtenswert befunden wurde.
Bisher habe ich keine Antwort erhalten.

Update, 25.10.2010, 14.30 Uhr: Im Laufe des Tages werde ich eine äquivalente Anfrage noch an die gedruckten Zeitungen und die Agenturen schicken. Anfragen an dpa, ddp, spiegel-online und welt.de sind verschickt, zusätzlich habe ich via Twitter angefragt. Sollte ich Antworten erhalten, werde ich sie hier im Blog zur Verfügung stellen.

Update, 26.05.2010, 16.16 Uhr: Eben hat mich “monoh” in den Kommentaren darauf hingewiesen, dass wohl morgen in der neuen Ausgabe des Freitags ein Artikel zu diesem Thema erscheinen wird (siehe dort die Kommentare).

———-
[1] Am Rande erwähnt: Man könnte ergänzen, dass die Interessen, die Köhler hier nennt, stark in die Richtung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts gehen, das in Art. 109 GG als ein Staatsziel Deutschlands festgelegt und im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz konkretisiert ist: ein hoher Beschäftigungsstand, ein hohes Sozialprodukt (= Einkommen) als Maß für Wirtschaftskraft, Handel im Sinne von Außenhandel. Ja, es fehlt die Preisniveaustabilität, statt Wirtschaftswachstums wird nur das Einkommen genannt und das außenwirtschaftliche Gleichgewicht weicht dem Außenhandelsüberschuss, der als maßgeblich für Deutschlands wirtschaftliche Situation eingeschätzt wird. Die Tendenz aber ist eindeutig.

[2] Diese These mag dadurch gestützt scheinen, dass das dradio das Originalinterview um die hier behandelte Passage kürzte; allerdings ist das ursprüngliche Interview wie oben verlinkt online nach wie vor abrufbar – und das Deutschlandradio hat eine eigene Meldung zum Thema gebracht. Außerdem halte ich von solcherlei Verschwörungstheorien nichts. Auf die Existenz gleichgeschalteter Mainstream-Medien, die einschlägige Blogs häufig beklagen, gibt es keinerlei Hinweise. Ich halte die Mehrzahl der Journalisten für kritisch und unabhängig. Ich halte den deutschen Journalismus für so gut, dass von der Politik verordnete Maulkörbe keine Wirkung hätten.
Die Gründe für das Nicht-Berichten müssen redaktionsinterner Natur sein – und ich hoffe immer noch, die ein oder andere Antwort zu erhalten.

Thema: Außenpolitik, Journalismus | Kommentare (19) | Autor: