Ein Satz Deutschland – wie der Bundestag deutsche Geschichte erzählt

Mit einer Lichtshow erzählt der Bundestag seit Jahren die deutsche Geschichte. Auf welchen Satz läuft alles zu?

Als die Vereinigten Staaten von Amerika sich ihrer selbst noch sicher waren, also vor der Wahl Donald Trumps, da konnte man den Kern dieses Staates in einer Textzeile erzählen, so sehr ist die US-Geschichte verdichtet und bekannt. Im Musical “Hamilton” singt der Held über die Schlacht von Yorktown, in der die Revolutionäre die britische Armee zur Kapitulation zwangen. Die Soldaten fragen sich, ob das wirklich Frieden bedeutet. Es wird verhandelt, dann fällt dieser lakonische Satz: “Ich sehe George Washington lächeln.”

In diesem Moment hat man verstanden: Es ist vorbei. Alles wird gut. Washington ist über Jahrhunderte der Mythenbildung und Selbstvergewisserung zum Symbol geworden. Der erste Gründungsvater unter Gründungsvätern, weise, stark, mild, getrieben vom Drang nach Freiheit. Wenn Washington lächelt, lächeln die USA.

Wie aber erzählt sich ein Land, das mit Brüchen lebt statt mit Kontinuität? Dass keine geronnenes Selbstbild hat?
Wer müsste lächeln, damit Deutschland lächelt? Kann man auch deutsche Geschichte in einem Satz erzählen?

Ein nicht mehr wirklich lauer Augustabend in Berlin. Tagesschau-Zeit, auf den Stufen am Reichstagsufer versammeln sich mehrere dutzend Menschen. Um 20.30 schallt die Stimme von Bundestagspräsident Norbert Lammert durch die Nacht: “Hier schlägt das Herz der Demokratie – oder es schlägt nicht”.

Seit dem 23. Mai und noch bis zum Tag der deutschen Einheit bietet der Bundestag hier eine Licht-Ton-Show: Projiziert auf das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Bundestags. Dieselbe Präsentation läuft seit Jahren, immer abends, zweimal 30 Minuten, fast ein halbes Jahr lang. Es ist so etwas wie die offizielle Selbsterzählung Deutschlands. Mit englischen Untertiteln.

Unfreiwillig schaudern lassen “Wir sind das Volk”-Rufe. Schreie nach Freiheit des Volkes sind von solchen nach Reinheit des Volkes heute nicht mehr zu unterscheiden. Die eigentliche Show beginnt mit Kalenderspruch-Pop: Hier will ich bleiben, Hier will ich sein, Weil ich zu Hause bin, Weil ich zu Hause bin, Weil ich zu Hause bin. Es folgen die großen Wegmarken der deutschen Geschichte.

Reichsgründung 1871, Erster Weltkriegs, Ausrufung der Republik, Hindenburg, Goldene Zwanziger, Straßenkämpfe, Hitlers Aufstieg, Hitlers Wahn, dazu Flammen aus Licht auf Lüders-Haus. Die Eroberung Berlins durch die Alliierten.

Die Irritation: Kein Wort über die Shoah. Lange war der Holocaust die Grundlage deutscher Weltorientierung. Nie wieder, nie wieder, nie wieder, nie wieder. Weil es nie wieder passieren darf.

Jetzt aber geht es weiter. “Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!”, ruft Ernst Reuters, Berlins Oberbürgermeister. Rosinenbomber aus Licht fliegen über das Gebäude. “Erkennt, daß ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft”. Eine große Bitte, drei Jahre nach Kriegsende. Die Völker schauten. Ohne sie wäre Deutschland verloren.

Viel Raum bekommt die DDR: Deutschlands Geschichte ist die Geschichte zweier Staaten. Alles läuft auf die Wiedervereinigung zu. Sie wird hier zum neuen Zentrum des deutschen Selbstverständnis.

“General Secretary Gorbachev, if you seek peace, if you seek prosperity for the Soviet Union and Eastern Europe, if you seek liberalization, come here to this gate.
Mr. Gorbachev, open this gate.
Mr. Gorbachev, tear down this wall!”

Die größte Rede in dieser deutschen Geschichte hat nicht Adenauer gehalten, nicht Brandt oder Schmidt oder Kohl, sondern ein US-Präsident. Weil Reagan spricht, wird Deutschland.

Der Mauerfall wird zur zentralen Wegmarke. Feiernde, fassungslose Menschen. “An Tagen wie diesen wünscht man sich Unendlichkeit”, singen die Toten Hosen. Der CDU haben sie untersagt, den Song im Wahlkampf zu verwenden. Aber als Hymne der deutschen Geschichte? Das Lüders-Haus erstrahlt in Regenbogenfarben.

Nach dem Taumel kehrt Nüchternheit ein. Nein: Vernunft.

Frank-Walter Steinmeier spricht bei seiner Vereidigung als Bundespräsident: “Wir machen anderen Mut –(…) weil wir gezeigt haben, (…) dass nach der Raserei der Ideologien so etwas einkehren kann wie politische Vernunft.”

Nur kurz blitzt etwas anderes auf: “Mal kurz die Welt retten”, singt Tim Bendzko. Neues Selbstvertrauen in Kalenderspruchlyrik. Ein Stück weit sei die Zeit vorbei, hat Merkel kürzlich gesagt, in der Deutschland sich auf andere verlassen könne. Wenn Washington fällt, steht Deutschland bereit?

Das letzte Wort aber bekommt Norbert Lammert. Er wird nichts dagegen haben. Ihm fällt die Rolle zu, in die Nacht zu verabschieden wie einst Uli Wickert. “Ich wünsche allen einen guten und wenn es geht auch gemütlichen Tag.”

Vielleicht kann man auch die Essenz des heutigen Deutschlands in einer Zeile erzählen.

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