Trump – zweite Gedanken – es ist alles so schlimm, wie gedacht

1 A Trump is a Trump is a Trump is a Trump
2 Er lügt. Ohne Unterlass
3 I won – you lost: das manichäische Weltbild
4 Loyalität nur für Loyale (solange sie loyal sind)
5 Öffentliche Kommunikation: immer aggressiv
6 Twitter-Diplomatie
7 Trump entzieht sich der Kontrolle: die demokratische Todsünde
8 Narzissmus
9 Interessenkonflikte und Transition
10 Das Positive: Trump ist nicht Hitler
11 Die Rückkehr der Machtpolitik
12 Ursachen für den Wahlerfolg: vor allem weiße Identität und Fremdenfeindlichkeit
13 Prognosen
14 Persönliches: Es zehrt aus

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In zwei Wochen wird Donald Trump als US-Präsident vereidigt werden. Seit fast zwei Monaten ist er gewählt – und Dutzende Tweets und einige künftige Minister_innen später ist es Zeit für einen weiteren Überblick:

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1 A Trump is a Trump is a Trump is a Trump

Manche hofften, Trump werde sich mäßigen, verändern, präsidentieller und staatstragender werden. Das war immer schon arg optimistisch, denn Trump hat, wie gesagt, aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht.

Doch wir wissen jetzt: Trump hat sich nicht verändert. Und er sieht keinen Grund, es zu tun. Er macht genauso weiter wie vorher. Nicht ein bisschen konzilianter, nicht selbstkritischer, nicht transparenter, nicht vorsichtiger, nicht bescheidener.

Warum auch? Sein Trump-Sein hat ihn zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gemacht.

Alle Hoffnung auf einen normalen Präsidenten waren vergebens. Um jetzt noch Optimismus zu rechtfertigen, muss man die Wirklichkeit als pessimistisches Zerrbild missbilligen.

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2 Er lügt. Ohne Unterlass

Trump verdreht weiter die Wirklichkeit, wie es ihm passt. Mal verzerrt er nur, oft genug lügt er klar.

Beispiele?

Er sagte auf seiner “Thank You”-Tour, er habe noch am Wahlabend zu seiner Frau gesagt, er werde verlieren. Später twitterte er[1. Ich werde seine Tweets nicht alle verlinken. Wer mag, schaut auf @realDonaldTrump nach oder sucht bei Factba.se], die Medien hätten fälschlicherweise berichtet, er habe an eine Niederlage geglaubt.

Er twitterte, seine Stiftung gebe 100 Prozent ihres Geldes an wohltätige Zwecke. Tatsächlich hat seine Stiftung unter anderem schon einmal ein riesiges Gemälde seiner selbst gekauft.

Und sie hat 25 000 Dollar an Pamela Bondi gespendet, als sie Generalstaatsanwältin in Florida war und Berichten zufolge erwog, gegen Trump University vorzugehen. Jetzt soll sie angeblich einen Posten in der Regierung bekommen.

Er behauptete, er habe Informationen über das Hacking der Demokratischen Partei, die sonst keiner habe. Auf Nachfrage sagte er, das werde die Öffentlichkeit in den nächsten zwei Tagen erfahren. Es kam: nichts.

Er behauptete, die Geheimdienste hätten sein Briefing zum Hacking verschoben, raunend, sie hätten wohl noch nicht genug beisammen; das Treffen ist aber allen Berichten zufolge nicht verschoben worden.

Er sagte wiederholt, er habe die Wahl mit einem historisch großen Vorsprung gewonnen. Tatsächlich war sein Ergebnis im entscheidenden Electoral College nur auf Platz 46 von 58. Mit anderen Worten: In 77.6 Prozent aller Wahlen hatte der Präsident einen größere Vorsprung als Trump.

Nur viermal hat der Präsident nicht die absolute Stimmenmehrheit bekommen, also den so genannten Popular Vote gewonnen. Und noch nie hat ein Präsident dabei so weit hinten gelegen – nämlich fast 3 Millionen Stimmen oder 2,0 Prozent.

Er behauptete, er hätte auch den Popular Vote gewonnen, würde man all die illegal abgegebenen Stimmen abziehen. Es gibt aber keine Hinweise darauf, dass viele illegal abgestimmt haben.

So geht es in einem fort. Lügen, Lügen, Lügen. Keine Scham. Keine Entschuldigung. Keine Verhaltensänderung.

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3 I won – you lost: das manichäische Weltbild

Seit der Wahl hat Trump wieder und wieder und wieder betont, er habe gewonnen.

Er habe sogar in a landslide gewonnen (wie gesagt: das ist falsch). Er hat, das ist kein Scherz, zustimmend Wladimir Putin zitiert, er sei enttäuscht von Clinton, man müsse doch mit Würde verlieren können. Er, der vor der Wahl immer wieder davon sprach, die Abstimmung sei manipuliert und er werde das Ergebnis akzeptieren (Kunstpause) – wenn er gewinne.

Seine Beraterin und vielleicht wichtigste PR-Strategin Kellyann Conway sagte kürzlich in einem Interview: “No, I don’t want to relitigate the election. We won, and that says a lot. That finishes many sentences.” (Nein, ich will die Wahl nicht schon wieder anfechten. Wir haben gewonnen und das sagt viel. Das beendet viele Diskussionen (wörtlich: Sätze)).

That finishes many sentences.

Oder auch: Damit ist alles gesagt.

Für Trump und viele seiner Anhänger_innen ist Politik nicht das Aushandeln von Kompromissen unter Zuhilfenahmen von Mehrheitsentscheidungen als notwendige Krücke, nicht das In-Einklang-Bringen von unterschiedlichen Vorstellungen von Gesellschaft, sondern Sieg oder Niederlage. Eine Wahl ist für sie nicht der Beginn von Politik, die Entscheidung über diejenigen, die künftig den Prozess kontrollieren, sondern das Ende. Eine Präsidentschaftswahl als Referendum.

So erklärt sich auch, warum er Demonstranten kurz nach der Wahl als “sehr unfair” bezeichnet hat.

Wer gewinnt, darf triumphieren.

Wer verliert, hat das Maul zu halten.

An Silvester twitterte Trump: Happy New Year to all, including to my many enemies and those who have fought me and lost so badly they just don’t know what to do. Love!

Seine Unterstützer_innen tragen die Idee begeistert weiter und ergötzen sich an den “liberal tears”, für die man eine eigene Tasse kaufen kann – der Renner in sozialen Netzwerken.

In diesem Zusammenhang muss man auch Trumps vermeintliche Fähigkeit zum „Deal making“ sehen. Nicht nur ist sie überwiegend ein Marketing-Gag, die auf seinen Ghostwriter von „The Art of the Deal“ zurückgeht. Selbst wenn Trump eine solche Fähigkeit hat: „Deals“ in einem von Sieg/Niederlage geprägten Business-Umfeld sind etwas ganz anderes als politische Kompromisse, in denen man womöglich sogar einmal zurücksteckt, um andere Türen offen zu halten. In Trumps Welt gibt es so etwas nicht. Dort ist selbst die Nato ohne Nutzen, wenn sie viel Geld kostet.

Trumps Leitfrage ist nicht: Ist das gut für die Gesellschaft?
Sondern: Gewinne ich materiell?

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4 Loyalität nur für Loyale (solange sie loyal sind)

Trump leugnet rundheraus jede Möglichkeit, dass Russland versucht haben könnte, die Wahl zu manipulieren, indem es Hacker auf E-Mails aus Clintons Umfeld ansetzt. Dabei sind sich alle US-Geheimdienste einig, dass alles dafür spricht. Dabei hat Trump selbst vorab geraunt, Clintons Wahlkampfmanager John Podesta könne sich auf etwas gefasst machen, zwei Tage bevor Wikileaks die Mails aus seinem Postfach leakte.

Nun muss man US-Geheimdiensten nicht alles glauben – aber man muss schon sehr an Verschwörungen glauben wollen, um einen russischen Hack nicht zumindest für plausibel zu halten.

Aber das könnte einen Schatten auf Trumps Sieg werfen. Deshalb darf es nicht sein. Deshalb bringt er lieber Wladimir Putin und Julian Assange als Gewährsleute ins Spiel als die US-Geheimdienste, die für ihn als Präsidenten Informationen sammeln werden.

Man muss sich das vor Augen halten: Ein (baldiger) US-Präsident wirft der CIA vor, unglaubwürdig zu sein, weil sie geglaubt habe, der Irak habe Massenvernichtungswaffen; er zitiert als bessere Quelle [2. Auch wenn er das mittlerweile bestreitet und sagt, er habe Assange nicht zugestimmt. Das ist allerdings vollkommen unglaubwürdig: Erstens twittert Trump sonst nie so, dass er einfach Positionen verbreitet, denen er nicht zustimmt, ohne sie zu kommentieren. Zweitens zitiert er Assange, ein 14-Jähriger hätte angeblich den DNC hacken können und schiebt dann die Frage nach: “Why was DNC so careless”, also: Warum war DNC so sorglos? Natürlich setzt das voraus, dass Assange die Wahrheit sagt.] ausgerechnet Julian Assange; er nennt den Diktator Wladimir Putin einen “smart man”, weil er auf Sanktionen der USA nicht reagiert, greift damit implizit die US-Regierung an; er nennt den demokratischen Minderheitsführer im Senat einen “head clown”.

Selbst wenn man skeptisch ist gegenüber der Neigung, hinter allem Russland zu vermuten[3. Etwa, auch das gibt es, hinter den Panama Papers!] und auch wenn einem blinder Gehorsam fern ist: Dass sich ein President Elect in Bezug auf mögliche Wahlmanipulationen in den USA durch Russland ohne gute Argumente gegen seine Geheimdienste und weite Teile seiner Partei und die aktuelle Regierung stellt und an die Seite eines lupenreinen Autokraten und eines zunehmend lunatischeren Medienmannes, dessen Exekution er noch vor Jahren selbst gefordert hat (als der noch weniger offensichtlich lunatisch war), das ist atemberaubend und vollkommen untragbar.

Und wie gesagt: Es ist ja nicht so, als hätte Trump irgendwelche guten Argumente. Seine Argumente sind: Die Demokratische Partei hat sich nicht ordentlich geschützt (sagt Assange), wir müssen irgendwann auch mal darüber hinwegkommen, vielleicht hat auch ein dicker Junge gehackt.

Aber es macht Sinn. Putin schmeichelt Trump und Assange verkauft über den Wikileaks-Shop unter anderem dieses T-Shirt – ein geschmackloser Witz auf Kosten der Clintons, der nur verständlich wird, wenn man Assanges Hass auf Clinton ernst nimmt. Und der Assange zum Feind von Trumps Feind macht. Gleichzeitig scheint die Kritik der Geheimdienste Trumps Sieg in ein schlechtes Licht zu rücken – das macht sie illoyal und zu Gegnern.

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5 Öffentliche Kommunikation: immer aggressiv

Diese schöne Analyse seiner Tweets in der New York Times zeigt ein klares Bild: Trump greift immer an. Er sucht sich seine Ziele, seine Gegner, seine Feinde; dann konzentriert er sich auf ein oder zwei Punchlines: “Lying Ted” Cruz sei verlogen, “Low Energie Jeb” Bush sei schwach,Hillary Clinton sei “crooked”, also betrügerisch, die Medien “dishonest”, also unehrlich, die New York Times “failing”, also scheiternd.

Dann wiederholt er sie. Er wiederholt sie. Dann wiederholt er sie. Nur um sie wieder zu wiederholen. Das ist infantil, Schulhof-Denunziation, aber es wirkt, offenkundig.

Einige Attribute aus seinen jüngeren Tweets: “dumme Leute” und “Idioten” (wollen eine schlechte Beziehung zu Russland), Demokraten seien “komplett beschämt” (wegen der Wahlniederlage), die Medien seien “unehrlich”, Chuck Schumer von den Demokraten sei ein “Ober-Clown”, die Fernsehsender CNN und NBC würden von Russland “wie Idioten” benutzt und hätten “keinen Schimmer”.

Und, auch das ganz ernsthaft: Arnold Schwarzenegger, der Trump in der Reality-TV-Show “The Apprentice” als Star nachfolgte, habe viel schlechtere Einschaltquoten als er selbst, der “rating machine” (die Einschaltquoten-Maschine) – er, Trump, habe Schwarzenegger “zerstört”.

Trump hat kein Interesse daran, seinen Gegnern gegenüber nicht herablassend und triumphierend aufzutreten. Und Gegner sind für ihn alle, die ihn nicht bedingungslos unterstützen.

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6 Twitter-Diplomatie

Twitter ist das ideale Medium dafür, weil er dort sofort Reaktionen bekommt. Und weil seine Anhänger_innen ihn dort bedingungslos verteidigen.

Aber Twitter hat noch einen anderen, viel größeren Vorteil für Trump: Er muss dort keine Rückfragen beantworten. Twitter ist Einweg-Kommunikation. Trump steht nicht Rede und Antwort, er verkündet.

Seine letzte Pressekonferenz hat er im Juli abgehalten. Seitdem hat er nur immer wieder angekündigt, bald werde eine kommen. Als sei eine Pressekonferenz eines (künftigen) US-Präsidenten ein ganz besonderes, rares, kostbares Gut und nicht seine alltägliche Pflicht.

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7 Trump entzieht sich der Kontrolle: die demokratische Todsünde

Seine ständigen Lügen, seine Angriffe auf die Presse, seine Einweg-Kommunikation und sein manichäisches Weltbild führen an einem Punkt zusammen. Sie ergeben die größte Gefahr, die Trump darstellt.

Er entzieht sich auf diese Weisen komplett der demokratischen Kontrolle. Rechenschaftspflicht, im Englischen Accountability heißt das, und ist zentraler Teil von Demokratie. Repräsentative Demokratie ohne Accountability ist nicht denkbar.

Sie funktioniert unabhängig vom genauen Modell immer so, dass Menschen andere Menschen damit beauftragen, in ihrem Sinne nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln und sich dafür zu verantworten. Man spricht hier von einer Legitimationskette. Wer denen, die ihn_sie wählen, offen belügt und wer sich ihnen nicht verantwortet, zerschlägt diese Kette.

Und damit die Idee der Demokratie.

Wer im Auftrag der Menschen Politik macht, muss sich erklären, muss Dinge versprechen und sich daran messen lassen, kann zwar seine eigene Agenda verfolgen, sofern er sie in etwa so zur Wahl gestellt hat, aber er muss sie dann immer wieder zur Disposition stellen.

Deshalb ist die Lüge die demokratische Todsünde – und deshalb muss gehen, wer der Lüge überführt wird.

Natürlich ist das idealtypisch, nicht jede_r Politiker_in sagt immer die volle Wahrheit, aber im Kern bleibt der Grundsatz – und ganz sicher darf sich niemand systematisch der Rechenschaftspflicht entledigen.

Deshalb greift auch der Ratschlag zu kurz, man müsse Trumps Aussagen ignorieren und seine Handlungen beurteilen. Obwohl das im Grunde stimmt. Ja, künftig wird man noch viel mehr auf Policies schauen müssen, schon, um sich irgendwie vor den permanenten Lügen zu schützen. Policies in den Mittelpunkt zu stellen, ist sowieso immer eine gute Idee.

Nur ist das Problem an Trump, dass man seine Policies an nichts messen kann. Nicht an seinen Versprechen, denn sie haben keinerlei Bindungskraft. Nicht an der Wirklichkeit, denn er wird diese Wirklichkeit rundheraus bestreiten. Sobald er die Legitimationskette durchtrennt und sich jeder Rechenschaftspflicht entledigt hat, kommt man mit der Analyse von Handlungen nicht mehr weit.

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8 Narzissmus

Das ist auch nicht neu, aber es wurde jetzt in US-Medien noch einmal diskutiert, angestoßen von Psycholog_innen: Ob Trump ein Narziss im pathologischen Sinne sei. Eigentlich gehört es sich nicht – und eigentlich ist es nicht möglich – eine Person zu diagnostizieren, ohne sie wirklich zu untersuchen. Und tatsächlich hat, zu meinem Erstaunen, Allen Frances, der die aktuelle Revision des Kriterienkatalogs für psychische Krankheiten (DSM) geleitet hat, getwittert, er halte Trump nicht für einen Narzissten. (weil er nicht daran zu leiden scheine).

Trotzdem scheint mir nach Jahrzehnten von Trump in der Öffentlichkeit offensichtlich, dass das zutrifft. Dass Trump also eine narzisstische Persönlichkeitsstörung hat, nicht im alltagssprachlichen Sinne (“narzisstisch ist doch jede_r Politiker_in, Journalist_in, Entertainer_in…” [4. Ich halte aber auch das immer schon für eine Ausrede von Egomanen, die anmaßen, sich zur Norm zu erklären, um sich zu entschuldigen. Aber das nur am Rande.], sondern im pathologischen.

Oder, um es mit Keith Olberman zu sagen: „He is not… well“.

(Er twitterte zum Beispiel: “The world was gloomy before I won – there was no hope. Now the market is up nearly 10% and Christmas spending is over a trillion dollars!”)

Es ist aber vielleicht gar nicht so wichtig. Es würde erklären, warum Trump handelt, wie er handelt (und Möglichkeiten zur Manipulation bieten); letztlich muss uns aber nur interessieren, dass er handelt, wie er handelt. Siehe oben: Vermeiden jeder Accountability. Oder siehe im Folgenden: Interessenkonflikte.

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9 Interessenkonflikte und Transition

Die konzertierten Bemühungen, jede Accountability zu untergraben, sind das eigentlich, das große, das ernsthaft demokratiegefährdende Problem mit Trump. Seine Interessenkonflikte und sein Kabinett von Milliardären machen alles nur noch schlimmer.

Er bestreitet, dass er Interessenkonflikte haben könnte. Dabei ist er über sein Unternehmen in so vielen Ländern auf so vielfältige Weise involviert, dass er in extrem vielen politischen Fragen wirtschaftliche Interesse hat.

Seine Antwort? Seine zwei älteren Söhne, die Teil seines Übergangsteams und enge BeraterInnen sind, sollen die Firma übernehmen. Das löst aber gar nichts.

Schon gibt es Berichte, dass ausländische Diplomat_innen bewusst in Trump Hotels übernachten. Und sogar, dass ihnen das nahegelegt wird.

Das ist Bereicherung und das schafft gewiss Konflikte.

Ein Gesetz verbietet es dem US-Präsidenten, materielle Werte von ausländischen Regierungen zu erhalten – hier, wenn überhaupt, liegt wahrscheinlich der Schlüssel zu einem möglichen Impeachment.

Dass seine Regierung die mit weitem Abstand reichste aller Zeiten ist, hilft da nicht weiter.

Kurze Notizen zum Kabinett, zu dem viel zu sagen wäre: Erstens ist Trump Berichten zufolge außerordentlich langsam und es ist unwahrscheinlich, dass die wichtigen Posten kurz nach Amtsantritt berufen sind, sofern die normalen Prüf-Prozesse durch den Kongress und Sicherheitsbehörden gelten. Zweitens, eine bizarre Anekdote, habe er Kandidat_innen Berichten zufolge wegen ihres Aussehens (nicht) berufen – nicht, weil sie einen Schnurrbart haben oder klein sind, oder doch, weil sie groß und beeindruckend aussehen.

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10 Das Positive: Trump ist nicht Hitler

Was ich eben beschrieben habe, fügt sich relativ nahtlos zusammen zu einem Bild. So gesehen ist Trump durchaus berechenbar und konsistent. Problematisch ist nur: Das bedeutet keinerlei inhaltliche Konsistenz.

Trotzdem, da in den USA immer noch von Faschismus die Rede ist, eines ist klar: Donald J. Trump ist nicht Adolf Hitler. Er war es nicht und er wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nie sein.

Ja, man muss bei Trump mit fast allem rechnen. Aber er hat in seinen 70 Jahren zwar autoritäre, rassistische und gewalttätige Züge erkennen lassen, aber keinerlei Welteroberungs- oder Vernichtungsfantasien. (Und er hat zwar Rassisten und White Supremacists um sich geschart, aber nicht nur und nicht die radikalsten).

Hitler hat das alles schon weit vor seiner Herrschaft getan.

Überhaupt ist der Nationalsozialismus kein guter Referenzpunkt für die modernen autoritären Bewegungen im Westen (und der Türkei). Man spricht nicht umsonst von der Singularität des Holocausts. Konzentrationslager gab es zu vielen Zeiten an vielen Orten; die Vernichtungslager Hitler waren noch einmal gnadenloser; dort hatte niemand eine Chance, weder durch Komplizenschaft noch durch Widerstand; man sieht das, wenn man in Birkenau steht. Das gab es so systematisch noch nie. Und auch andere Genozide gab es vergleichsweise selten.

Selbst das ausgesprochen brutale faschistische Regime Mussolinis, dessen Name von seinen mordenden Schlägertrupps abgeleitet ist, war nicht derart systematisch vernichtend. Die meisten anderen rechten Diktaturen der 30er waren es nicht.

Was das bedeutet: Autoritäre Systeme waren in der Menschheitsgeschichte die Regel. Der Nationalsozialismus war die brutale Ausnahme von dieser Regel, zusammen mit einigen anderen Gewaltexzessen.

Der Nationalsozialismus als Referenz für ein überzeugtes Nie Wieder! im Nachkriegsdeutschland, als Mahnung, wohin Diktatur im schlimmsten Fall führen kann, ist unbeschreiblich wichtig. Er muss moralisch der Fixpunkt bleiben.

Das heißt ganz klar nicht, dass andere Diktaturen gut sind oder gar nicht so schlimm. Es heißt nur, dass man auch zwischen verdammenswerten Systemen noch Unterschiede feststellen kann.

Um analytisch und politisch mit Diktaturen und autoritären Tendenzen umzugehen, müssen wir uns von diesem Referenzpunkt lösen. Wir machen uns selbst das verstehen schwer und auch den Widerstand: denn korrekterweise bestreiten, dass man ist wie Hitler, das fällt eigentlich allen leicht. Damit kommt man nicht weit.

Um zu verstehen, was auf die USA zukommt, um Ähnlichkeiten zu Entwicklungen anderswo zu begreifen, um Handlungsmöglichkeiten zu ersinnen, hilft es nichts, am Hitler-Vergleich festzuhalten. Im Gegenteil, es schadet nur.

(Interessanter fand ich schon den Turkmenbashi-Vergleich von Sarah Kendzior).

(Wenn ich dazu komme, schreibe ich demnächst mal noch über die Notwendigkeit, uns genauer mit Autoritarismen zu beschäftigen und zwischen Autoritären, Nationalisten, Rassisten, Rechtsextremen und Populisten zu unterscheiden).

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11 Die Rückkehr der Machtpolitik

Trump nimmt einen Anruf aus Taiwan entgegen und verärgert damit China. Trump wanzt sich an Wladimir Putin ran und lobt ihn für seine Reaktion auf US-Sanktionen. Trump greift Obama öffentlich scharf für die Enthaltung im UN-Sicherheitsrat an, als dort Israels Siedlungspolitik verurteilt wurde (14 Stimmen ja, eine Enthaltung, die der USA). Trump verspricht daraufhin, Israel müsse nur noch bis zum 20. Januar durchhalten.

Daraufhin wirft Israel Obama vor, die USA hätten sich nicht nur enthalten, sondern hinter den Kulissen die Resolution eingefädelt. Mehr noch, man habe Beweise und werde sie – mit Trumps Regierung teilen. Nicht mit der Öffentlichkeit, nein, mit Trump.

Trump twittert, Nordkorea sei kurz davor, neue Atomwaffen zu entwickeln, die die USA erreichen könnten: “Wird nicht passieren!”.

Trump twittert, China helfe nicht dabei, Nordkorea einzudämmen, aber kassiere in der Handelspolitik ab.

Trump twittert, die USA müssten ihr Nukleararsenal verstärken und erweitern und sagt im TV, wenn es zu einem Wettrüsten mit Russland komme, dann sei das eben so.

Zusammen mit der aggressiven Kommunikation ist dieser barsche Ton ein Vorgeschmack auf das, was kommen wird. Klassische Machtpolitik wird nach vorne drängen. Also das Verfolgen von Interessen mit Kabalen, Ränkespielen, Drohungen. Aus strategischen Partnern werden wieder Gegner. Das passt zu Trumps Weltbild. Win or lose, tertium non datur.

Zyniker werden sagen, so sei Politik. Ja, zumindest ist sie in Teilen auch immer so. Nur wie sehr, das ändert sich.

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12 Ursachen für den Wahlerfolg: vor allem weiße Identität und Fremdenfeindlichkeit

Ich habe ja neulich schon geschrieben, dass Trump seine Wahl wohl nicht so sehr Wirtschaftsfragen zu verdanken hat. Und dass es mehr um Identität ging. Das hat sich erhärtet.

Sehr lesenswerte Auseinandersetzungen zeigen, dass die Demokraten vor allem dort scheitern, wo Weiße die Mehrheit stellen und unterdurchschnittlich wenige Weiße einen Hochschulabschluss haben. Die Republikaner gewannen in Mittelschichts-Bezirken dazu.

Außerdem zeigt sich, dass es ein so großes Education Gap gab wie nie – dass also Menschen mit Hochschulabschluss auffällig stark zu Clinton neigten und Menschen ohne Hochschulabschluss zu Trump. Damit ist erst einmal noch wenig über den Mechanismus gesagt. Menschen ohne Hochschulabschluss haben im Durchschnitt andere Jobs als Menschen mit Hochschulabschluss, sie verdienen weniger, leben an anderen Orten und lehnen Einwanderer stärker ab.

Nun stellen wir fest: Wenn man sich beispielsweise ansieht, wie viel die Menschen verdienen, findet man immer noch einen starken Unterschied abhängig vom Bildungsgrad. Wenn man aber für die Haltung gegenüber Einwanderern kontrolliert, dann (und nur dann!) verschwindet der Effekt von Bildung vollständig.

Das deutet ziemlich klar darauf hin, dass Menschen ohne College-Abschluss deshalb auffällig häufig Trump gewählt haben, die auch klar Einwanderung ablehnen und Vorurteile gegenüber Schwarzen haben.

Man könnte auch sagen: Es ging um Race, um Weiße Identität, um Einwanderung, um rassistische Einstellungen, mehr, ja viel mehr als um Wirtschaft. Diese Entwicklung ist nicht neu, sie begann schon vor einigen Jahren und hat sich unter Obama beschleunigt. Aber diesmal war Race entscheidender für GOP-Wähler_innen als noch 2008, als erstmals ein Schwarzer Präsident werden konnte.

Und warum könnte das so sein, gerade bei Menschen ohne Hochschulabschluss?

Weil ihnen vor einigen Jahren noch nicht bewusst war, wie GOP und Demokraten tendenziell zu Minderheiten stehen, anders als Menschen mit College-Abschluss. Heute aber ist das allen Menschen einigermaßen klar – die Folge ist eine Zuwendung zu den Republikanern.

Das ist eine These. Aber sie ist gut belegt – und plausibel.

All passt zu meiner Normalitarismus-These, die besagt, dass rechte/autoritäre/populistische/nationalistische Bewegungen unabhängig von ihrem konkreten Programm, vor allem in Wirtschaftsfragen, gerade massiv Zulauf haben, weil viele (weiße, v.a. Männer) in den vergangenen Jahren erstmals wirklich begriffen haben, wie sehr sich Gesellschaft ändert – und dass ihr Norm-Sein und Normal-Sein in Gefahr ist. Zum Beispiel, weil es einen schwarzen Präsidenten gab.

Weil ich dazu oft Diskussionen führe und es den Eindruck haben könnte, ich wolle meine eigene These um jeden Preis bestätigt sehen: ganz und gar nicht.

Ich wünschte mir sogar, es wäre anders und ich hätte Unrecht. Ich wünschte mir, es ginge nur um die wirtschaftliche Basis. Ökonomische Ungleichheit lässt sich nämlich viel besser politisch bekämpfen als die echte Ablehnung der Anderern.

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13 Prognosen

Ein neues Jahr ist angebrochen, Zeit für zwei Prognosen:

Ich sage hiermit voraus, dass in 10-15 Jahren ein Buch erscheinen wird von einem russischen Agenten, der verkündet, er habe Trump durch Hacking und Wahlmanipulation zum Sieg verholfen. Ich sage ausdrücklich nicht, dass das stimmt. Aber jemand wird sich damit nach vorne spielen wollen.

Ich sage außerdem voraus, dass wir in den nächsten Monaten mindestens Debatten darüber bekommen werden, ob in den USA ein Straftatbestand ähnlich dem Hooliganismus in Russland nötig ist.

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14 Persönliches: Es zehrt aus

Zum Schluss eine persönliche Notiz: Ich bin froh, dass alles hier endlich noch einmal aufgeschrieben zu haben, auch wenn vieles nicht neu ist. Ich stelle jetzt schon fest, wie sehr Trump Aufmerksamkeit bindet. Und wie frustrierend das ist; nicht nur, weil es politisch natürlich folgenlos bleibt, was ich hier lese oder schreibe, sondern auch, weil all die Auseinandersetzungen mit ihm so sehr abprallen.

Weil es alles so egal zu sein scheint. Und weil vor allem vernünftige Argumente, Widerspruchsfreiheit, Wahrheit so wahnsinnig egal sind.

Geht das nur mir so?

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