Trump. Sehr viele erste Gedanken

Es folgen weitgehend unsortierte Gedanken, lose verknüpft. Was folgt, ist lang, roh und unbehauen. Und auch nicht erschöpfend. Aber ich musste das alles einmal aufschreiben, um mich zu sortieren.

1 Historisch ohne Beispiel

So oft habe ich gelesen und gesagt bekommen, jetzt solle man nicht überreagieren. Vielleicht werde alles halb so schlimm. Ja, möglich.

Doch diese Wahl ist einzigartig. Es gibt in der Geschichte kein Beispiel, nichts Vergleichbares, um daraus irgendetwas abzuleiten für die kommenden vier Jahre.

Ein bisschen mehr als 200 Jahre hat die moderne Demokratie jetzt hinter sich. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wirkt sie sehr stabil, getragen von den USA und Europa. Seitdem wurde keine der großen Demokratien jemals von einem autoritären (also: anti-demokratischen) offen minderheitenfeindlichen Mann regiert und keine von einem Narzissten.

Reagan war nicht Trump. George W. Bush war schon gar nicht Trump. Nicht einmal Nixon war Trump.

Und die USA sind nicht irgendein Staat dieser Welt. Sie sind politisch, wirtschaftlich und militärisch so weit vor allen anderen Staaten der Erde, dass ein Flügelschlag dort weltweit Chaos auslösen kann.

Kein Staat und keine Allianz dieser Welt, kann ernsthaft Einfluss nehmen. (Die einzigen, die etwas tun können, sind die Menschen in den USA – aber nur organisiert. Nur in Massen. Nur als, ja: das Volk. Aber Organisation ist schwierig und kann durch Gegenorganisation gekontert werden.)

Natürlich können die kommenden vier Jahre weitgehend ereignislos verstreichen. Vielleicht geht alles gut. Das muss nicht das Ende des demokratischen Zeitalters sein, an das wir uns gewöhnt hatten.

Aber niemand sollte sich etwas vormachen: Das kann das Ende des demokratischen Zeitalters sein, an das wir uns gewöhnt hatten.

2 Wir kennen Trump – deshalb müssen wir alles für möglich halten

Anders gesagt: Wir haben keine Ahnung, was passieren wird. Aber wir müssen fast alles für möglich halten. Das ist keine Apokalyptik oder Lust am Untergang, sondern ehrliche Analyse der Wirklichkeit.

Nach allem, was wir wissen, giert Trump nicht nach zusätzlichem Lebensraum für sein Volk oder nach Krieg. Doch für ihn spielt all das keine Rolle spielt, was internationale Politik ausmacht: Beziehungen, Verbindlichkeiten, Vertrauen, Berechenbarkeit. Seinen ganzen Status hat er erworben, indem er den eigenen Nutzen auf Kosten aller anderen mehrte.

Er arbeitete mit der Mafia zusammen, beutete Arbeiter aus, zahlte Rechnungen nicht, zahlte vermutlich fast keine Steuern, griff sich Steuernachlässe, wo es ging, log, drohte und klagte, wenn ihm jemand gefährlich wurde.

Die Nato will er in eine Art Schutzgeldsystem umbauen. Schutz gibt es nur gegen Geld, nicht, weil es gut, richtig, notwendig oder strategisch klug ist. Japan und Südkorea sollen sich selbst um ihre Sicherheit kümmern. Den Iran-Deal will er zurücknehmen.

Allein dadurch ergeben sich mindestens drei brandgefährliche Szenarien:

Russland bedroht Nato-Staaten wie das Baltikum.
Was passieren könnte?
Grüne Männchen tauchen in Estland auf. Andere Staaten wie Polen reagieren panisch, schicken Militär. Es kommt zu Scharmützeln. Trump droht, vergeblich. Fühlt sich von Putin verraten und muss eingreifen, um sein Gesicht zu wahren.

Das nationalistisch regierte Japan rüstet, wie einmal von Trump gefordert, atomar auf, um sich gegen Nordkorea zu schützen.
Was passieren könnte?
China fühlt sich bedroht, zieht Truppen zusammen. Irgendwann kommt es zu einem Zwischenfall in den umstrittenen Inselgebieten.

Nach dem Ende eines Atomdeals treibt Iran seine nukleare Aufrüstung wieder voran.
Was passieren könnte?
Israel greift an. Es kommt zum Krieg im Nahen Osten, während der Syrien-Konflikt noch nicht vorbei ist. Dort sind immer noch iranische, russische und amerikanische Truppen aktiv. Die USA wollen einen Angriff von Revolutionsgarden aus dem syrischen Norden auf Israel verhindern und bombardieren versehentlich russische Truppen.

Ja, all das sind Szenarien. Sie sind nicht sehr wahrscheinlich. Aber sie sind plausibel.

Und man muss, um sie plausibel zu halten, Trump nichts unterstellen. Keine Kriegslüsterneheit, keine Vernichtungsfantasien, keine verborgenen Charakterzüge. Man muss nur ernst nehmen, wer er ist und immer war.

Wir wissen nämlich sehr gut, wer Trump ist. Er ist 70 Jahre alt und seit Jahrzehnten in der Öffentlichkeit. Er hat aus seinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht. Seine programmatischen Aussagen mögen widersprüchlich und konfus gewesen sein, seine Charakterzüge sind bemerkenswert stabil.

Er liebt sich selbst, er fürchtet und verachtet Schwäche, er ordnet dem “Gewinnen” alles unter, er hat kein Verständnis für das Allgemeinwohl und keine Empathie für die Bedürfnisse anderer, er liest nicht und hat wenig historisches Verständnis, wenig Ahnung von praktischer Politik und Konzentrationsprobleme, er lechzt nach Aufmerksamkeit, er scheut keine Beleidigung und keine Schmähung, wenn er sich angegriffen fühlt, sondern schlägt so hart zurück wie möglich.

Seine Minderheitenfeindlichkeit war früher weniger deutlich, zugegeben. Im Wahlkampf war sie aber die einzige inhaltliche Konstante.

Nichts, gar nichts deutet darauf hin, dass sich daran etwas ändert wird.

3 Ja, jetzt kann die Welt aus den Fugen geraten

Oh, ja, das heißt auch: Jetzt kann die Welt wirklich aus den Fugen geraten. Genau genommen ist sie das schon. Ist das ein Widerspruch zu meiner Analyse aus dem Sommer? Nein.

All das gilt immer noch.

Aber Trump ändert potentiell alles.

4 No such thing as teleology

Und wieder einmal müssen wir verstehen: Geschichte hat kein Ziel. Sie wird nie an ihr Ende kommen. Es gibt keine Teleologie.

5 Wo sind die Anfänge?

Wenn es kein Ende gibt, gibt es dann Anfänge?

Es ist schon erstaunlich. Ich bin aufgewachsen umgeben vom Mantra: Nie wieder, es darf nie wieder geschehen, wehret den Anfängen! Man muss ja gar nicht vom historisch ebenfalls beispiellosen Vernichtungswahn der Nazis sprechen, es reicht zu sagen, nie wieder soll es Diktatur und Verfolgung von Minderheiten geben.

Alles schien stabil, ordentlich, fast langweilig. Wir eine Generation, die für nichts von Bedeutung kämpfen können wird.

Ich bin Journalist geworden mit dem Gefühl, weder ein Held zu sein noch einer sein zu wollen, aber Teil eines Systems, das dazu beitragen wird, autoritäre Exzesse zu verhindern.

Vor anderthalb Jahren habe ich noch Freund_innen darauf hingewiesen, dass es gar keinen kontinuierlichen Aufstieg der extremen Rechten gibt und dass auch die Wirtschaftskrise nicht dazu geführt habe. Das war damals auch richtig.

Und jetzt?

Plötzlich war da Trump, plötzlich war er Frontrunner in den Vorwahlen, plötzlich Kandidat, plötzlich Präsident.

Wo sind die Anfänge, denen man wehren könnte? Wo war die kontinuierliche Entwicklung in den USA, die man hätte stoppen können?

Was hätte man tun können? Ich bin sehr ratlos.

6 Schuld sind die Medien! Ritualisierte Medienkritik

Ich frage das ehrlich und ratlos als Beobachter und als Journalist: Was hätte man tun sollen?

Trumps Wähler_innen ernst nehmen, die Großstädte verlassen und aufs Land gehen, sagen viele. Nur ist das passiert. Es gab unheimlich viele großartige Geschichten, vor allem in US-Medien. Viele Spurensuchen, Gespräche, Kampagnenbesuche. Viele geschrieben von Menschen, die offen und ehrlich auf der Suche waren.

Die Forderungen Trumps mehr repräsentieren, sagen manche. Nur wie soll ein demokratisch gesinnte Medienöffentlichkeit das tun? Wie soll sie Forderungen repräsentieren, die entweder vollkommen unrealistisch sind (Mexiko wird die Mauer bezahlen!), minderheitenfeindlich (wir dürfen keine Muslime ins Land lassen!), ungerichtet (die Elite muss – ja, was?) oder widersprüchlich (Japan braucht Atomwaffen / Japan braucht keine Atomwaffen)?

Ich kann nur noch einmal auf die Transkripte von Trump bei Washington Post und New York Times verweisen. Zweimal eine Stunde im Gespräch mit kundigen, klugen, kritischen Fragesteller_innern. Zweimal vollkommen inhaltsleeres Gerede.

Trump weniger harsch kritisieren, sage manche. Denn jede Kritik habe seine Anhänger_innen bestätigt – was die verhassten Medien geißeln, müsse ja richtig sein!
Aber glaubt jemand wirklich, ihn nicht zu kritisieren, hätte einen gegenteiligen Effekt? Wenn die verhassten Medien ihn loben, dann muss er falsch liegen? Ich halte das für absurd.

Trump weniger Öffentlichkeit geben, sagen viele. Das ist die einzige Position, die einige Überzeugungskraft hat. Je präsenter ein Kandidat ist und je präsenter Themen sind, desto eher bewerten die Wähler_innen sie als wichtig. Je mehr man also darüber spricht, dass er darüber spricht, dass Einwanderer ein Problem sein, desto eher machen Menschen Einwanderung zu ihrem wahlentscheidenden Thema.

Leider ist unklar, was daraus folgt. Welche Äußerungen eines relevanten Politikers soll man dann ignorieren? Trump wie alle extrem Rechten derzeit schlägt die demokratische (Medien-)Öffentlichkeit hier mit den eigenen Waffen,

7 Von wegen zwangloser Zwang des besseren Arguments

Es tut mir weh, das zu schreiben, aber wenn dieser Wahlkampf eines gezeigt hat, dann, dass Politik nicht mit der Kraft des besseren Arguments zu machen ist. Oder jedenfalls nicht vor allem.

Fast war es ein sozialwissenschaftliches Experiment: Was passiert, wenn ein Kandidat in etwa drei Viertel seiner Aussagen lügt, Versprechen macht, die überwiegend nicht zu halten sind, und wenn die andere Kandidatin so gut wie jedes einzelne gute, schlüssige, widerspruchsfreie und zutreffende Argument auf ihrer Seite hat?

Was passiert, wenn bis auf sechs Ausnahmen alle großen Zeitungen und Zeitschriften eine Kandidatin unterstützen, wenn selbst Fox News nicht bedingungslos hinter dem rechten Kandidaten steht, wenn New York Times, Washington Post, New Yorker, Atlantic, Politico, Mother Jones und andere eigene Rechercheteams zusammenstellen, wenn ein Reporter wochenlang hunderte NGOs abklappert, um eine Aussage Trumps zu überprüfen, wenn Factchecker ihn wieder und wieder der Lüge überführen, wenn, anders gesagt, der Journalismus alles tut, was in seiner Macht steht, mit grandioser, engagierter, minutiöser, aufreibender Arbeit und flammenden Appellen, wenn er alle Pfeile abschießt, die er hat und den Bogen und Köcher hinterherwirft?

Nun, wir haben das Ergebnis gesehen. Der Lügner hat gewonnen.

(Trump hatte freilich ein nicht zu widerlegendes Argument: Ich mag keine Menschen, die anders sind. Das ist nämlich nicht begründbar und deshalb nicht argumentativ angreifbar. Nur: Die Mehrzahl der Wähler bestreitet ja, dass sie einfach keine andersartigen Menschen mögen. Damit geht auch dieses Argument flöten.)

Vor allem hat Trump zwar die erwarteten 60 Millionen + Stimmen bekommen. Clinton aber noch einmal ein gutes Stück weniger als Obama, trotz recht ähnlicher Politik. Sie hat in den Staaten, die Obama noch gewann, zu wenig mobilisiert.

Was sagt uns das?

Mehrheiten werden nicht mit Fakten gewonnen, sondern mit Geschichten. Oder mit Stimmungen.

(Und: Wir müssen getrennt analysieren, warum Trump so viele Stimmen bekommen konnte und warum Clinton so wenig Stimmen bekommen hat, nicht in erster Linie absolut, sondern vor allem in den Schlüsselstaaten.)

8 Stimmungen als politische Kategorie

Zum ersten Mal habe ich Heinz Bude den Begriff der Stimmungen systematisch verwenden hören. Mir scheint, da ist etwas dran.

Ich habe das noch nicht wirklich durchdacht, aber es gibt da irgendetwas, das nicht rational ist, nicht gut begründet, aber wirkungsvoll.

Ist die Welt aus den Fugen? Gibt es mehr Terrorismus und mehr Krieg? Nein, aber es fühlt sich so an.
Leben wir in ganz und gar krisenhaften Zeiten? Nein, aber es fühlt sich so an, und deshalb reden wir seit Jahren über Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Schuldenkrise, Eurokrise, Ukraine-Krise, Krise der Repräsentation, Krise der Institutionen.
Sind “die Medien” heute sensationalistischer und nicht mehr verlässlich? Ignorieren sie Trump-Wähler? Nein, aber es fühlt sich so an.
Darf man heute nichts mehr sagen? Nein, aber es fühlt sich so an.

Gibt es einen guten Grund, gerade jetzt den Großangriff auf das Establishment für notwendig zu halten, dass überall im Westen auf diesem Ticket Bewegungen Erfolge haben? Gibt es eine greifbare Erklärung, warum plötzlich immer mehr zuvor Unsagbares sagbar wird? Warum sich so viel Hass und Zorn entladen? Warum Fremdenhass wieder gesellschaftsfähig wird? Teilweise, aber teilweise ist das alles gar nicht greifbar. Nicht verstehbar. Nicht erklärbar. Nicht verhinderbar?

Es gibt solche Stimmungen auch in anderen Zusammenhängen: Wenn sich Proteste zu Massenprotesten zu Revolutionen auswachsen. Als im Sommer 2013 die Welt fiebrig auf Obamas Intervention in Syrien wartete.

Wahrscheinlich auch im Jahr 1914, als auch Künstler wie Franz Marc den großen Krieg herbeisehnten. Ich habe die Beschreibung dieses Kriegsfiebers nie wirklich verstanden. Ich glaube, ich verstehe es heute besser.

9 Die Bewegung hat gerade erst begonnen

In seiner insgesamt recht zurückhaltenden Sieges-Rede[1. Interessant: Trump sprach sehr langsam, sehr bemüht, klang anders als bei seinen Wahlkampfreden. Außer in dem kurzen Nebensatz, als er sagt: auch die, die mich nicht unterstützt haben – “und davon gab es einige”. Da blitze der normale Trump auf.] sagte Trump: Das sei mehr gewesen als eine normale Kampagne, mehr als ein Wahlkampf. Es sei eine Bewegung!

Am Ende fügte er hinzu: Die Bewegung hat gerade erst begonnen. Jetzt heißt es, er wolle auch künftig weiter große Kundgebungen veranstalten und sein Team überlege, wie das machbar sei.

Trump hat ja recht: Seine Unterstützer waren in Teilen wie eine Bewegung. Bedingungslos loyal, dem Führer in Liebe ergeben, egal was er sagt. Rotmützen, könnte man sie nennen. Dass er diese Bewegung offenbar am Leben halten will, muss beunruhigen.

Üblicherweise sind Parteien in Demokratien keine Bewegungen. Parteien sind stabil, uneinig, ringend um Positionen, sie funktionieren unabhängig von Führungsfiguren und vor allem organisieren sie Alltag. Bewegungen dagegen sind dynamisch, einig, auf ein Ziel fokussiert, sie bewegen sich hin zur Lösung eines Problems. Welches Problem soll das in einem demokratischen Alltag sein? Nicht fehlende Größe Amerikas?

Bewegungsparteien machen Sinn, wenn sie als Nischenparteien entstehen: Wie die Grünen, wie Podemos aktuell. Aber eine Bewegung der Mehrheit? Das gab es als dezidierte Selbstbezeichnung vor allem in Form von faschistischen Parteien.

10 Cholera, White Trash, Skandale: Die Zeit der Mythen

Nein, Hillary Clinton war nicht immer schon historisch unbeliebt. Nein, es gab keine “Skandale”. Nein, der Journalismus hat die Trump-Wähler_innen nicht ignoriert.

Nein, nein, nein.
Schluss damit!

Es kursieren jetzt einige Mythen über diese Wahl, die keine Begründung in der Wirklichkeit haben.

Es heißt, Clinton sei schon immer unbeliebt gewesen. Jeder habe das wissen können. Man hätte es kommen sehen müssen. Clinton sei eben roboterhaft, zwielichtig, eine Karikatur der Establishment-Politikwelt. Man hätte Sanders aufstellen müssen. Der hätte gewonnen, ganz klar.

Tatsächlich war Clinton lange eine der beliebtesten Politiker_innen der USA. Sie schied aus dem Amt als Außenministerin mit historischen Zustimmungsraten: Drei Viertel der Amerikaner bewerteten sie als gut.

Erstmals sanken ihre Beliebtheitswerte etwa im Juni 2013. Es war die Zeit der Benghazi-Anhörungen. Da gaben die Republikaner ihr die Schuld am Anschlag auf die Botschaft in Benghazi und sie übernahm politische Verantwortung. Inhaltlich war der Vorwurf natürlich unsinnig, aber er wirkte.

Dann brachen ihre Beliebtheitswerte Ende März 2015 erstmals wahrnehmbar ein: Da wurde bekannt, dass sie die Mails auf ihrem privaten Mailserver gelöscht hatte. Mehr als 30 000 Mails mit Bezug zu ihrer Arbeit hatte sie da den Ermittlungsbehörden schon zukommen lassen. Aber natürlich konnte jetzt niemand mehr überprüfen, ob da vielleicht noch mehr Mails waren.

Den letzten Einbruch, an dem sich nie wieder etwas änderte, gab es um den 1. September 2015 herum. Da hatte das Außenministerium ihre Mails veröffentlicht und die Medien berichteten detailliert über amüsante Details – wirklich Belastendes fand sich nicht.

Derselbe Skandal hat Clinton zweimal bei zehn Prozent der Bevölkerung in Ungnade fallen lassen. Obwohl es nichts Neues gab. Gut möglich deshalb, dass die Comey-Ankündigung, es gebe neue Mails, wirklich wahlentscheidend war, wie Clinton heute behauptet.

Aber: Es ist derselbe Skandal. Ein, übrigens, vergleichsweise geringer. Das Problem war zu diesem Zeitpunkt längst erkannt und behoben. Eine Präsidentin Clinton hätte den selben Fehler wohl nicht noch einmal gemacht. Das FBI hat keinen Hinweis auf strafbares Verhalten gefunden (dass geheime Dokumente über nicht sichere Kanäle laufen, ist untersagt, aber üblich und wohl unvermeidlich).

Ein relativ harmloser Vorwurf hat einer historisch beliebten Politikerin dreimal massiv geschadet. Obwohl es nichts Neues gab.

Das hätte man wissen sollen? Vorhersehen sollen?

Und man hätte angesichts dessen sicher sein sollen, dass einem nicht historisch beliebten Politiker wie Sanders, der sich selbst als Sozialist bezeichnet, nicht auch noch Anwürfe dazwischen gekommen wären?

Möglich, aber absolut nicht bewertbar.

Jenseits davon gab es keine “Skandale” – im Plural -, so oft man es auch las.

Es gab Vorwürfe gegen ihre Stiftung, die schlecht belegt waren und inhaltlich verpufften.

Es gab erneuerte Vorwürfe gegen Bill Clinton wegen sexueller Gewalt. Bill Clinton, nicht Hillary.

Es gab die Reden vor Wall-Street-Bankern, die derart unspektakulär waren, dass es lachhaft ist. Sie findet Freihandel gut? Das kann man ja falsch finden, aber es ist doch so sehr Mainstream wie nur irgendetwas. Sie findet, Banker sollten sich mehr einbringen? Anderswo heißt das Stakeholder-Ansatz. Oder auch einfach nur: Interessenvertretung. Sie habe eine öffentliche und eine private Meinung: So wie jede_r Poltiker_in jemals. Wie gesagt: Es war lachhaft.

Die hundertfach wiederholte Aussage, Clinton sei “wegen ihrer Skandale” historisch unbeliebt, ist deshalb nur als Meta-Kommentar wahr. Sie war historisch unbeliebt, weil die Trump-Kampagne es schaffte, alle Welt glauben zu machen, es gebe viele Skandale.

Dazu kommt die merkwürdige Metapher von der Wahl zwischen “zwei schlechten KandidatInnen” oder “zwischen Pest und Cholera”. Wie oft ich das gehört habe! Niemand, der nicht sagte: Aber Clinton ist auch nicht gut!

Da hat sich die Welt in einen Wahn geredet, Wahrheiten erzeugt, die mit der Wirklichkeit wenig gemein haben.

Und in der Nachwahlanalyse geht das weiter.

Die Medien hätten sich zu wenig bemüht, Trumps Wähler_innen zu verstehen. Auch das: lachhaft. Ich habe so viele ellenlange Texte über Trumps Wähler gelesen, Besuche, Analysen, Reisen, dass ich oft das Gefühl hatte, ich sollte auch mal wieder etwas anderes tun.

11 It’s just not the economy – und sie war es nie

Das zeigt: Es kursieren sehr viele Behauptungen, die von informierten, reflektierten Menschen für wahr gehalten werden.

Eine andere solche, nicht tot zu bekommende Wahrheit ist: Trump wurde von der weißen Unterschicht gewählt, die abgehängt ist und wirtschaftlich prekär lebt. Dasselbe wird seit Jahren über die extreme Rechte in Europa erzählt.

Studien zeigen: Das stimmt nicht. In Europa hatten Rechsextreme in der Nachkriegszeit während Wirtschaftskrisen und bei hoher Arbeitslosigkeit nicht besonders viel Erfolg. Richtig ist, dass Arbeitslose und Geringverdiener häufiger extrem rechts wählen als Besserverdiener. Vor allem aber ist es die untere Mittelschicht, das Kleinbürgertum.

Nachwahlbefragungen belegen: Wenn man für andere Faktoren kontrolliert, hat Einkommen keinen nennenswerten Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, Trump zu wählen. Mehr noch. Trump hatte eine Mehrheit in der reicheren Hälfte der Bevölkerung, Clinton hatte eine Mehrheit in der ärmeren Hälfte der Bevölkerung.

Richtig ist: Trump hat in der weißen Unter- und Mittelschicht in einigen wahlentscheidenden Rust-Belt-Staaten stark gewonnen; es gibt einen Trend hin zum rechten Rand in der klassischen Arbeiterschaft. Und diesem Trend wird die Linke mit Wirtschaftspolitik und Wahrnehmung der Klassen begegnen müssen, das glaube ich auch.

Nur war Wirtschaftspolitik für die meisten Trump-Wähler_innen nachrangig. Das sagen die Menschen, wenn man sie fragt. Ihnen ging es eher im Einwanderung und Identitätsfragen – und einen Angriff auf das als feindselig verstandene System. Ja, aber, entgegnet da ein marxistisch geschulter Analytiker, die Ursache für die Hinwendung zu Minderheitenfeindlichkeit und zu Identitätsfragen folge aus der wirtschaftlichen Prekarität!

Das Sein bestimmt ja bekanntlich das Bewusstsein!

Nur müssten sich dann ja entsprechende Muster zeigen. Sie zeigen sich aber nicht. Das belegen die Wählerprofile, wie sie aus Nachwahlbefragungen hervorgehen. Das war auch beim Brexit nicht anders.

Man könnte das zur Kenntnis nehmen. Und erst danach gerne noch einmal fragen, wo Ökonomie und Armut eine Rolle spielen und was dagegen zu tun ist.

12 Es gibt keine weibliche Coolness

Ich glaube, der Wahlkampf zeigte eines: Es gibt keine weibliche Coolness. Inhaltlich sind sich Obama und Clinton ähnlich. Doch Obama hatte Clinton eines voraus: Er wirkt cool und lässig. Allerdings sind das männliche Konzepte. Clinton wurde wahlweise als eiskalt und künstlich wahrgenommen, oder als zu emotional.

Frauen können keck-cool sein wie etwa Emma Watson, oder kokett-lässig, wie viele kluge und schlagfertige Popstars und Schauspielerinnen – aber abgebrüht, ruhig, eigenständig, ohne als entweder flirtend oder eisig abweisend verstanden zu werden? War nie vorgesehen. Gibt es dafür ein Beispiel? (Nein, Michelle Obama ist es nicht. Sie gibt dafür viel zu sehr die First Lady und First Mom).

13 Eine weiße Identität entsteht

Weiße Männer wie Frauen haben mehrheitlich Trump gewählt. Alle Nicht-Weißen haben deutlich mehrheitlich Clinton gewählt. Einen klugen Gedanken habe ich noch in der Wahlnacht aufgeschnappt: Es entstehe, so die These, eine weiße Identität.

Nachdem sich Weiße lange als Norm und als nicht-markiert verstanden haben, was zu recht problematisiert wurde, entwickeln sie in den USA zunehmend eine Wahrnehmung ihrer selbst als Gruppe. Als solche reagieren sie auf die wahrgenommende Zumutung einer Welt, in der sie nicht mehr die Norm sind, mit aggressiver Verfolgung der eigenen Interessen.

Sie verstehen sich zunehmend als Mehrheit in der Minderheit. Und sie handeln als Minderheit. Nur dass das in diesem Fall bedeutet, die eigene Stellung in der Gesellschaft zu verteidigen.

Ob das wirklich so ist, weiß ich nicht. Es kommt mir aber zunächst schlüssig vor.

14 Die Methode Richard: den Vorwurf vorwegnehmen

Ich habe dieser Tage Richard III. in der Schaubühne gesehen. Und ich habe mich die ganze Zeit an Trump erinnert gefühlt.

Hier ist jemand, der schamlos lügt, nur auf den eigenen Vorteil schaut und damit durchkommt. Vor allem die Methode, mit der Richard sich auf den Königsthron intrigiert, ist erhellend: Wann immer er einen Mord begangen, angeordnet oder eine Verleumdung verbreitet hat, wirft er sich als Reaktion auf einen Vorwurf, noch besser aber präventiv in die Pose des Angegriffenen. Er schleudert den Vorwurf zurück, er ist dabei schneller als die anderen, er ist schamlos dabei, sich als Opfer zu behaupten.

Damit erreicht er, dass die Gegenseite keine Argumente mehr hat, die nicht klingen wie: selber! Er delegitimiert Kritik im Vorfeld.

Das ist Trumps Methode, aber auch die aller rechter Bewegungen. Ich bin ein Opfer! Ihr unterdrückt, zensiert, diktiert eure “Political Correctness”! Ihr seid intolerant, verlogen, schlechte Verlierer!

Wer sagt da schon ja?

Dort ist die Elite, dort sind die Abgehobenen, sie haben das Volk vergessen! (Um nicht zu sagen: verraten. Auch so ein Wort aus der Ideenwelt Richards).

Dann aber muss man den Beweis antreten, dass man es wirklich nicht ist. Dann will man Trump eine Chance geben, dann mahnt man zur Fairness, dann fragt man, ob man zu wenig über die Trump-Anhänger_innen geschrieben hat.

Trump hat dabei zusätzlich einen schwachen Punkt der Linken ausgenutzt. Weil sie überwiegend wirklich an Fairness, Rationalität, Ausgewogenheit glaubt, daran, sich nicht bedingungslos gemein zu machen, auch die eigenen Vertreter_innen zu kritisieren, immer skeptisch zu sein und nie apologetisch, nicht voreingenommen und unfair, weil sie all das glaubt, ist sie anfällig für Selbstkritik.

Ist Clinton nicht wirklich schlecht? Was, wenn sie wirklich korrupt ist? Was unterscheidet uns dann von denen? War wirklich alles sauber mit der Foundation?

Es ist das Spiel eines Bullys.

Und er kommt damit durch. Wieder einmal. Am Ende sitzt Richard übrigens auf dem Thron. Und bis zu seinem Tod auf dem Schlachtfeld tut er, was vorher alle wissen konnten – obwohl sie sich vorgemacht haben, sie könnten ihn einhegen.

15 Der beleidigte Narziss: Hürden für die Diplomatie

Frank-Walter Steinmeier hat Trump als “Hassredner” bezeichnet. Er wird jetzt mit ihm zusammenarbeiten müssen. Und so geht es vielen anderen auch[2. Dasselbe gilt natürlich für US-Journalist_innen. Aber zwischen ihnen und Trump darf die Stimmung düster sein. In der internationalen Politik ist das problematischer.]. Sie haben im nachvollziehbaren Bemühen, eine Katastrophe zu verhindern, sich klar positioniert; aber sie haben damit auch einen Narzissten beleidigt. Das wird diplomatisch noch eine Herausforderung.

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