Der Stolz des Journalisten, kein Held zu sein

Hand aufs Herz: Sind sie denn nun Helden, die ermordeten Satiriker_innen von Charlie Hebdo?

Gestern erst habe ich wieder eine Diskussion dazu verfolgt. Habe ich wieder gehört, wie jemand mit großer Überzeugung erklärt hat: Nein. Ihr Tod sei furchtbar – aber Nationalhelden, das seien sie wirklich nicht gewesen. Denn sie hätten ja respektlos auf jeden Glauben geschissen.

Der immer besonnene Nils Minkmar dagegen räumt ein – „ich hätte nicht angenommen, diesen Begriff einmal angemessen zu finden, aber heute ist er es: Die Zeichner und Autoren von „Charlie Hebdo“, Könige unserer Kindheit, starben einen Heldentod.“

Es hat sich nach den Morden von Paris eine größere Debatte entwickelt über das hohe Gut der Meinungsfreiheit (das auch die Presse einschließt), und an ihrem Rand eine kleine darüber, ob man eigentlich Stolz darauf sein solle, könne und wolle, Journalist_in zu sein.

Es geht um die Fragen, was genau es bedeutet, zu sagen: Je suis Charlie. Ob es überhaupt angemessen sei, sich mit Schmierfinken gemein zu machen. Es geht dabei aber auch um die Frage, wer das Recht hat, sich solidarisch zu erklären und wer nur heuchelt. Dahinter steht oft auch die Frage, wie er denn so ist, der gemeine deutsche Journalist? Ein Held der Meinungsfreiheit? Oder ein feiger Büttel des Systems, ein Bückling der Lügenpresse?

Kämpfe! Oder?

Natürlich hat Wolfgang Michal Recht, wenn er Bernd Ulrich („Der Stolz, Journalist zu sein“) entgegenhält, dass die Medien keineswegs immer „Aggression in Argumente, Feinde in Gegner, Vorurteile in Urteile, Entfremdung in Bekanntschaft“ verwandeln. Und dass sie oft sogar das Gegenteil bewirken.

Dann aber beklagt er, dass sich nun…

„Kollegen für Charlie Hebdo hielten, denen die Pressefreiheit nie so wichtig war, dass sie – unter äußerer Bedrohung oder auch bloß in Erwartung beruflicher Nachteile – rückhaltlos für sie gekämpft hätten. Ich kann mich jedenfalls nicht an Demonstrationen der Chefredakteure für die Pressefreiheit erinnern, als Edward Snowden nachwies, dass ein zentrales Element der Pressefreiheit, der Informantenschutz, von staatlichen Geheimdiensten ausgehebelt wird. Es gab keine gemeinsamen Aufrufe, keine Proteste vor dem Kanzleramt oder den Berliner Botschaften. Und ausgerechnet diese notorisch phlegmatischen Nicht-Kämpfer stilisierten sich nun zu Charlie Hebdo, zu Journalisten, die selbst nach massiven Morddrohungen und Brandanschlägen nicht einknickten.“

Man muss sich nur einmal die Vokabeln anschauen, mit denen hier gearbeitet wird: Kampf, Nicht-Kampf, rückhaltlos kämpfen, äußere Bedrohung einknicken.

Wer so an die genannten Fragen herangeht – wer sozusagen die Helden-Frage stellt –, wird kaum weit kommen. Kein Wunder, dass die Welt nicht ist wie von Michal beschrieben. Denn: Die Welt ist so nicht.

Alltag ist nicht heroisch

Sie ist, meistens jedenfalls, nicht heroisch, nicht pathetisch, nicht groß und bedeutungsschwanger. Meistens ist sie ziemlich gewöhnlich. Im besten Fall jedenfalls.

Ein großer Teil der Arbeit eines Arztes besteht im Wälzen von Papierkram und im Kurieren von Kleinigkeiten. Wissenschaft bringt nur bahnbrechende Ergebnisse, wenn man monatelang Fleißarbeit leistet, Daten einträgt, Bücher liest, exzerpiert – und auch dann oft nicht. Über die triste Realität des ach so glamourösen Show-Geschäfts ist viel geschrieben worden. Zuletzt etwa von einem ehemaligen Teenager-Model.

Und dann der Journalismus. Klar, in den Filmen, da schnoddern sich draufgängerische Einzelkämpfer mit Hartnäckigkeit, Sturheit und unerschrockener Liebe zur Wahrheit durch ein finsteres Netz an Verschwörungen, manisch fast, bestens vernetzt und unter Einsatz ihres Lebens. Am Ende ändern sie die Welt.

So etwas mag mal vorkommen. Aber wie oft?

Kärnerarbeit von Greenwald bis Wallraff

Nehmen wir Glenn Greenwald und die Snowden-Leaks. Viel mehr Hollywood geht kaum in eine Geschichte. Wie viele Stunden er sich wohl in den vergangenen anderthalb Jahren alleine durch sterbenslangweilige Akten geackert hat?

Die Macher von Charlie Hebdo, deren Todesverachtung jetzt gefeiert und deren Heldentod betrauert wird, haben die meiste Zeit des Jahres Karikaturen gezeichnet, für die sich kaum jemand interessierte und die viele ziemlich mittelmäßig fanden.

Der Guardian-Chefredakteur Alan Rusbridger, der (in einer sinnlosen Groteske) filmreif von Geheimagenten dazu genötigt wurde, im Keller der Redaktion eine Festplatte zu zertrümmern und der daraufhin beschrieben wurde als jemand, der sich schützend vor seine Redaktion wirft: Wie viele Telefonkonferenzen er am Tag wohl abarbeiten muss?

Schon mal bei einer Telefonkonferenz dabei gewesen? Eben.

Man könnte endlos fortfahren. Mit dem großen Enthüller Günter Wallraff zum Beispiel, nach dem, dieser Hinweis ist obligatorisch, in Schweden gar ein Wort geschaffen wurde, und der sich vor laufender Kamera verdutzt vom Ex-Wikileaks-Mitfrontmann Daniel Domscheidt-Berg seine aus der Zeit gefallene Naivität erklären lassen muss, weil er noch zu Telefonzellen läuft, um sich der Überwachung zu entziehen.

Wenn man nur genau genug hinsieht, schrumpfen alle Heroen schnell zu ziemlich gewöhnlichen Menschen. Vielleicht ein klein wenig klüger, couragierter, verbissener oder selbstloser als andere. Vielleicht aber nicht einmal das.

(Dass Aushöhlung des Informantenschutzes keine Heerscharen von Journalist_innen auf die Barrikaden treibt, liegt, glaube ich, auch daran, dass die wichtigsten Informant_innen im Alltag nicht als Deep Throat auftreten, sondern als Pressesprecher_in. Weil die Mehrzahl der Journalist_innen auch im Alltag nicht aufdeckt, weil Alltag eben kein Politthriller ist.)

Es sind die Umstände, die Helden machen

Trotzdem hätte ich mir, wie Wolfgang Michal, auch aus den Reihen der Medienmacher_innen mehr Protest gegen staatliche Überwachung gewünscht. Viel mehr. Aber ich frage mich auch, was denn jemand getan haben könnte, das tatsächlich beschrieben worden wäre als: Nicht-Einknicken, als Kampf, als Inkaufnahme beruflicher oder gar persönlicher Risiken?

Hätten sich Giovanni di Lorenzo, Leo Fischer, Wolfgang Büchner, Wolfgang Michal oder Bernd Ulrich ans Kanzleramt gekettet – hätten wir das wirklich als Heldenmut aufgefasst oder doch eher als narzisstischen PR-Stunt?

Alltag ist alltäglich, Heroismus ist es nicht. Selbst Berufsweltenretter im Comic haben tagsüber eine bürgerliche Existenz (Clark Kent ist sogar, na? Genau: Journalist).

Nicht in erster Linie Taten machen Menschen zu Helden. Die Umstände sind es. Umstände übrigens, die meist ziemlich unerfreulich sind.

So wie Opposition hierzulande Oppositionelle sind und keine Dissidenten, so sind Journalist_innen hier keine todesmutigen Freiheitskämpfer. Das sollte man erst einmal akzeptieren. Dann sollte man sich darüber freuen.

Symbolik beschreibt nicht

Die Heldenehrung der Ermordeten bedient, glaube ich, vor allem ein Bedürfnis, der Symbolik des Grauens eine andere Symbolik entgegenzusetzen. Aus demselben Grund wurde #jesuischarlie zu einem der meist benutzten Twitter-Hastags, aus demselben Grund standen am Sonntag mehrere Millionen auf der Straße. Nur bleibt das Etikett „Held“ eben ein symbolisches. Der Versuch, damit irgendetwas akkurat beschreiben oder erklären zu wollen, muss scheitern. Die Umstände von Alltag und Schrecken sind zu verschieden. Das Grauen reißt Bedeutung aus ihrem Kontext. In diesem Sinne (und nur in diesem) sind die Ereignisse wirklich eine Zäsur.

Wer aufrechten Heldenmut von Journalist_innen erwartet, wird hierzulande enttäuscht werden. Trotzdem ist dies vielleicht ein guter Zeitpunkt, um vom Journalismus zu sprechen. Und vom Stolz, ein Teil davon zu sein.

Wir machen allerdings einen Fehler, wenn wir nur von einzelnen Journalist_innen reden und nicht vom System, dessen Teil sie sind. Eine freie Presse wirkt nur dann wirklich als Kontrollinstanz, als Mediator des großen Gesellschaftsgesprächs, wenn sie, wie Ulrich richtig sagt, Pluralismus lebt und aushält; sie wirkt aber vor allem auch nur dann, wenn sie überall ist.

Berichterstattung aus dem Parlament oder gar: aus dem Gemeinderat, über den staatlichen Haushalt und all das, was eben tagtäglich geschieht, wenn Menschen zusammenleben und versuchen, das irgendwie zu gestalten, ist oft sehr sehr langweilig. Für die, die sie machen und die, die sie lesen.

In Gesamtsystem Journalismus muss ziemlich viel routinierte Kärnerarbeit getan werden. Pflicht vor Kür, sozusagen, auch wenn es abgeschmackt klingt. (Auch wenn diejenigen, die über vermeintlich Bedeutungsvolles schreiben, herabsehen auf die, die allabendlich in Gemeinderatssitzungen ausharren).

Je besser das System, desto weniger heroisch wirkt es

Große heroische Enthüllung von Skandalen funktioniert am besten, wenn im Alltag vieles im Dunkeln bleibt. Aber nur wenn und gerade weil Medien dauerhaft da sind und alles ständig ausleuchten, wenn alle jederzeit wissen, dass jemand da ist, der im Zweifel Öffentlichkeit schafft, erst dann erfüllt der Journalismus als System seine Kontrollaufgabe. Je besser ihm das gelingt, desto weniger heldenhaft wirkt er die meiste Zeit.

Dass das in einigen europäischen Ländern ganz gut gelingt, ist kein Grund, sich zu schämen. (Auch wenn es ach so chic ist, den Journalismus für langweilig und angepasst zu halten: Ich halte das, im Großen und Ganzen jedenfalls, für ziemlich falsch und ebenso bequem.)

All das soll nicht heißen, dass hierzulande alles gut wäre, oder dass eine keine Skandale aufzudecken und keine Schweinereien anzuprangern gäbe. Die gibt es und da ist viel zu tun. Es soll auch keine Entschuldigung für Bräsigkeit und faule Selbstgenügsamkeit sein. Anspruch an sich selbst schadet meist nicht. Jede investigative Leidenschaft ist erst einmal zu gebrauchen.

Aber, eben im Großen und Ganzen, läuft es doch alles irgendwie ganz ordentlich. Oder, wie Michal schreibt: „Der Journalismus mag im Kern ganz okay sein, aber ein Heiland ist er nicht.“

Stimmt. Aber schon das ist mehr, als fast überall sonst.

Dass der Journalismus oft so wenig heldenhaft wirkt, ist eine Folge davon – aber auch ein bisschen die Ursache. Darauf kann man dieser Tage auch gerne einmal stolz sein. Man sollte sich nur selbst nicht allzu wichtig dabei nehmen.

14. Januar 2015 von Jonas Schaible
Kategorien: Gedanken, Journalismus | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Lieber Jonas,
    heute macht die Zeit blutrot mit dem Titel „Wofür wir kämpfen müssen“ auf. Mit einem Leitartikel von Giovanni di Lorenzo. Da ist es wieder, das Heldentum – wobei es sich vermutlich um Maulheldentum handeln dürfte (denn kämpfen sollen bei Leitartiklern ja immer die anderen).
    Da ist mir deine klare Absage ans Heldentum lieber.
    Herzliche Grüße
    Wolfgang

  2. Hallo Wolfgang,
    den Titel finde ich auch nicht ideal. Das ist mir zu viel Kampfes-Pathos. Zumal es inhaltlich, ich habe es jetzt gelesen, mehr so ein “wir alle als Gesellschaft” denn ein “wir Journalist_innen” ist und ein “das müssen wir erreichen” denn ein echtes “kämpfen”. Finde ich, bis auf wenige Helden-Anspielungen, alles ziemlich ausgewogen und richtig. Da kann ich wiederum nichts dran finden.
    Viele Grüße

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