Seymour Hersh, die Türkei und das Giftgas: Es geht um Verantwortung

Es sind ungeheuerliche Vorwürfe, die Seymour Hersh im Magazin London Review of Books erhebt: Die Türkei habe vermutlich nicht nur ganz allgemein islamistische Rebellen der al-Nusra-Front in Syrien unterstützt, sondern auch konkret bei der Herstellung von Giftgas. Der berüchtigte große Giftgasangriff in der Nähe von Damaskus vom 21. August vergangenen Jahres sei wahrscheinlich von Rebellen verübt worden – mit Billigung der Türkei, um dadurch die USA zu einem militärischen Eingreifen zu bewegen.

„Aber Ihre Rote Linie ist überschritten worden“, habe Erdoğan nach der verhinderten Intervention bei einem Treffen Barack Obama zugerufen.

Schon die ersten mutmaßlichen Giftgasattacken im März seien vermutlich von den Rebellen verübt worden. Das hätten UN-Inspekteure festgestellt – allerdings hatten sie eigentlich kein Mandat, die Verantwortlichen zu bestimmen oder gar öffentlich zu benennen. Das habe Hersh wiederum von eine_r/m Informant_in.

Hershs Text ist in jedem Fall bemerkenswert. Ob nun stimmt, was er behauptet, oder nicht (es ist übrigens nicht das erste Mal, dass er Zweifel an der offiziellen Lesart anmeldet. Schon damals erntete er viel Widerspruch). Einige kluge Überlegungen zu politischen Deutungen hat Frank Lübberding bei wiesaussieht gebloggt. (So kam ich auch auf Hershs Artikel).

Ich möchte dazu noch ein paar grundsätzliche Gedanken loswerden, weil uns dieser Text mehr lehren kann, als dass die Weltpolitik schmutzig ist: nämlich ein wenig mehr Sensibilität im Umgang mit politisch folgenreichen Informationen.

Wir bekommen hier nämlich einmal mehr vor Augen geführt, wie unsicher die Grundlagen sind, auf denen wir politisch entscheiden.

Ein Youtube-Video verändert alles

Die Quellenlage Hershs, so weit nachvollziehbar, ist tatsächlich sehr dünn (auch wenn der Hinweis, er nenne seine Quelle nicht beim Namen, ins Leere läuft. Das ist bei Enthüllungen die Regel). Natürlich spricht einiges für Assads Armee als Angreifer. Und natürlich haben die USA und die Türkei bereits scharf dementiert. Die Verwicklung in eine so grausame False-Flag-Aktion könnte die Türkei allerdings auch niemals zugeben. (Hersh selbst fügt immer wieder die offiziellen Dementis bei. Seine Informant_innen erzählen ihm von einem Bericht. Die Pressestelle leugnet dessen Existenz.)

Kann es dann trotzdem sein, dass die Türkei zu solchen Mitteln greift, um ihre Ziele – welche auch immer das im Detail sein mögen – in Syrien zu verfolgen? Sprechen nicht außerdem allerhand Indizien – Flugbahnanalysen, Raketentypen oder das Vorrücken der syrischen Armee kurz nach den Angriffen vom August – für Assads Truppen als Angreifer?

Welche Rolle der Kontext bei der Beantwortung solcher Fragen spielt, zeigt dieser Artikel sehr gut. Er fällt nämlich gerade auf fruchtbaren Boden. Erst kürzlich war bekanntlich ein Gespräch auf Youtube aufgetaucht, in dem angeblich ebenjener Geheimdienstchef die Möglichkeit von fingierten syrischen Raketenangriffen auf die Türkei erwähnt, um einen Militärschlag öffentlich zu rechtfertigen. Kurz darauf sperrte die Regierung Youtube. Man hält seitdem vieles für möglich.

Eine Ikone des Journalismus

Außerdem ist Hersh eben kein Namenloser, sondern einer der renommiertesten Journalisten dieses Planeten. Er hat unter anderem das My-Lai-Massaker aufgedeckt und war maßgeblich an den Abu-Ghraib-Enthüllungen beteiligt. Er ist seit fast 50 Jahren eine journalistische Instanz. Tatsächlich fehlt der Hinweis darauf auch in keinem Text, der sich mit Hershs Analyse beschäftigt.

Das heißt freilich nicht, dass er Recht hat, dass er sich nicht irren oder in die Irre geführt werden kann. Wer die Möglichkeit von fingierten Giftgasmorden akzeptiert, der sollte tunlichst auch strategisch handelnde (Falsch-)Informanten für denkbar halten. Allerdings haben wir in der Vergangenheit gelernt, dass Hersh integer ist, dass er gute Quellen hat und grundsätzlich in der Lage ist, ihre Glaubwürdigkeit einzuschätzen; wir können außerdem annehmen, dass er sich der Tragweite seiner Anschuldigungen bewusst ist und vermuten, dass er die Informationen seiner wichtigsten Quelle so weit möglich überprüft und für belastbar befunden und nicht einfach abgetippt hat. Man nennt das Recherche. Wissen können wir es freilich nicht.

Fiebrige Erregung

Am Ende tut Hersh dasselbe wie wir, wenn wir uns entscheiden, dem vielfach ausgezeichneten Enthüller zu glauben oder eher den gewählten Repräsentanten der jeweiligen Staaten respektive denjenigen, die ebenfalls nicht unschlüssige Indizien für einen Angriff Assads zusammentragen. Er wägt die Glaubwürdigkeit seiner Quellen – Wer sagt was? Wer verbürgt sich für wen? Wie vertrauenswürdig war er_sie in der Vergangenheit? Wie wahrscheinlich ist diese Version? Welche anderen Quellen decken diese Aussage? – und die möglichen Folgen seiner Entscheidung ab.

Glauben, Vertrauen und Für-wahr-Halten funktionieren immer auf diese Weise.

Das galt also natürlich auch im Spätsommer, als die Plädoyers für eine Intervention glauben machen wollten, es gebe keine Zweifel an Assads Schuld. Als sich mindestens die journalistische und politische Filterblase in einen fiebrigen Interventions-Wahn zu steigern schien. Immer hitziger wurde über jede Äußerung gesprochen, über mögliche Angriffsszenarien, über Folgen für die Region, über Bewegungen von Kampfflugzeugen und U-Booten, die schon in Stellung gebracht wurden. Die womöglich von der Türkei gewünschte Eskalationsdynamik hatte die politischen Kommentatoren ergriffen.

Dann plötzlich brachte der Kongressvorbehalt Obamas Abkühlung. (Womöglich aus guten Gründen, wie Hersh behauptet.) Ich habe diese Tage jedenfalls so empfunden; nicht ohne Beklemmung.

Ad-hoc-Erklärungen

Schlüssig wurde seinerzeit hergeleitet, warum Assad befohlen haben könnte, das Sarin einzusetzen. Er habe militärische Vorteile durch den Anschlag – das Vorrücken kurz darauf beweise es –, er teste eben kühl kalkulierend aus, wie weit er gehen könne (er habe es ja schon einmal in kleinerem Stile getestet), wisse, dass er mit konventionellen Waffen mittelfristig nicht völlig gewinnen könne und suche sein Heil in dieser riskanten, aber potentiell siegbringenden Waffe, er habe außerdem in Ägypten und Tunesien gesehen, was es bedeute, die Proteste nicht völlig niederzuschlagen. Und so weiter.

Was wirkte wie eine echte Erklärung, erweist sich im Lichte von Hershs Artikel als reine ad-hoc-Hypothese. Dazu muss Hersh gar nicht Recht haben mit seinen Thesen. Es genügt, dass wir ernsthaft in Erwägung ziehen müssen, dass es so ist und die so plausible Deutung also falsch sein könnte.

Wie wohltuend und entschleunigend wäre es in solchen Situationen, würden Politiker_innen, Journalist_innen und Alltags-Diskutant_innen ihrem Gegenüber (und vielleicht auch sich selbst) klar machen, dass ihre Schlüsse nur unter extremer Unsicherheit gezogen werden. Dass sie alle nur mehr oder minder begründet vermuten und nicht wissen.

Verantwortung übernehmen

Das ist zunächst unproblematisch, es geht ja gar nicht anders. Und selbstverständlich steht und stand es jede_r/m frei, eine Militärintervention zu unterstützen. Aus vielen, teils guten Gründen; die Giftgasangriffe sind nur einer davon. Aber am Ende, und das ist der Kern, ist jede dieser Entscheidungen, eine bestimmte Erzählung für wahr zu halten, eben das: eine Entscheidung, die nicht notwendig ist, und die Konsequenzen hat, für die jede_r auf die eine oder andere Weise dann auch verantwortlich ist. Mindestens moralisch.

Weil es eben ganz reale Folgen hat, Raketen auf Syrien zu feuern oder es zu lassen. In beiden Fällen sterben Menschen, aber vermutlich je andere. Die eigene Positionsnahme nicht hinter vermeintlicher Evidenz zu verstecken, würde immerhin bedeuten, diese unerfreuliche Tatsache anzuerkennen.1

„Menschen, die handeln können, sind sowohl für die Folgen ihres Tuns verantwortlich also auch für die Folgen ihres Nichtstuns. Eine rote Linie zu ziehen, wenn Massenvernichtungswaffen zum Einsatz kommen, ist das Mindeste, was die globale Mitmenschlichkeit gebietet.“

Das schrieb damals Malte Lehming in Cicero. Ein willkürlich ausgewähltes Beispiel. Er sagt, paraphrasiert: Ich bin für einen Militärschlag, auch wenn dessen Folgen unabsehbar sind, weil ein Giftgaseinsatz nicht hingenommen werden darf.

Er geht nicht den ganzen Weg. Niemand wusste, ob wirklich Assad das Gas eingesetzt hat. Ehrlich und verantwortlich wäre gewesen, zu sagen:

Ich bin für einen Militärschlag, auch wenn dessen Folgen unabsehbar sind, weil ich überzeugt bin, dass Assad das Giftgas eingesetzt hat, und das Risiko, dass er es doch nicht war, sollten wir in Kauf nehmen, (weil…)2

(Oder etwa: Ich bin gegen einen Militärschlag, weil ich nicht überzeugt bin, dass es Assad war, und das Risiko, dass er es doch war und entsprechend jetzt… sollten wir in Kauf nehmen, (weil…))

Alles andere ist anmaßend, weil es Wissen behauptet, das gar nicht vorliegen kann. Und es ist bequem. Denn am Ende kann man sich immer darauf zurückziehen, von falschen Voraussetzungen ausgegangen zu sein – und sich so aus der Verantwortung stehlen.

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P.S.: Der Text ist auch anderweitig erhellend. Er beschreibt nämlich nicht nur die Red Line Obamas, sondern auch die Rat Line – einen Kanal, auf dem libysche Waffen nach Syrien gebracht worden sein sollen. Und er beschreibt den regen Goldhandel zwischen der Türkei und Iran als ein Schlupfloch, um Sanktionen gegen Iran zu umgehen und als ein Quell der Korruption, die vor einigen Monaten die Regierung Erdoğan in eine Krise stürzte.

  1. Natürlich gilt das auch für Anschuldigungen, ein Staat habe den Tod von dutzenden Menschen durch Giftgas mindestens billigend in Kauf genommen. Hersh steht dafür aber auch mit seinem Namen ein. Er wird sich dafür verantworten (müssen), sollten seine Thesen widerlegt werden.
  2. Begründungen sind gemeinhin erwünscht, am Ende kann man sich aber auch ohne Begründung entscheiden. Deshalb die Klammern. Man muss sich aber eben auch dafür verantworten.

10. April 2014 von Jonas Schaible
Kategorien: Außenpolitik, Gedanken, Journalismus | Schlagwörter: , , , , | 1 Kommentar

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