Das Elend der Antisemitismus-Debatte um Jakob Augstein

Seit Tagen debattiert Deutschland darüber, ob Jakob Augstein ein Antisemit ist. Dabei ist das die völlig falsche Frage – zumindest wenn man gegen Antisemitismus vorgehen will. Sinnvoller ist es, von antisemitischen Handlungen zu sprechen.

Jakob AugsteinJakob Augstein, Herausgeber des Freitag und Kolumnist bei Spiegel-Online; Bild: Janericloebe, CC-by-2.0

Ziemlich viel ist jetzt über Augstein und den Antisemitismus-Vorwurf geschrieben worden. Sehr viel. Das meiste davon allerdings am Kern vorbei, meine ich – an jenem Kern, zu dem vorzustoßen aus dieser unheimlich leidigen Debatte vielleicht doch eine interessante und wichtige machen könnte. Vielleicht.

Der Bildblog hat jetzt bereits zweimal darauf hingewiesen: Auch wenn es die meisten Medien penetrant behaupten, hat das Simon-Wiesenthal-Center (SWC) keine Liste der zehn schlimmsten Antisemiten 2012 herausgebracht, sondern der schlimmsten antisemitischen Verunglimpfungen. Ich gebe zu, dass die Präsentationsform mit Porträt und der Rekurs auf Artikel von Henryk M. Broder durchaus auch die Person Augstein in den Fokus gerückt haben, wie dem Bildblog entgegengehalten wird; das mag schon sein. Trotzdem leistet der Bildblog hier sehr verdienstvolle Arbeit, weil dieser Unterschied, ob ihn das SWC nun wirklich deutlich gemacht hat oder nicht, der wirklich spannende Unterschied ist. Ein Unterschied, auf den man nicht oft genug hinweisen kann.

Man kann Antisemitisches sagen, ohne Antisemit zu sein

Denn es ist natürlich möglich, dass jemand kein Antisemit ist und trotzdem Antisemitisches denkt oder sagt. Genauso wie es möglich ist, dass jemand kein Rassist oder Sexist ist und trotzdem Rassistisches oder Sexistisches tut oder sagt. Das gilt für alle solcher -ismen, für Ableismus, Antiziganismus und so weiter und so fort. 1

Mit den hier häufig erwähnten Studien zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder jüngst zum Rechtsextremismus kann man das, denke ich, gut zeigen.

Darin wird die Zustimmung zu bestimmten Aussagen abgefragt, etwa: “Juden haben in diesem Land zu viel Einfluss”. Das ist eine antisemitische Aussage. Man kann sie denken, man kann sie aussprechen – und womöglich dennoch die anderen Aussagen zum Thema Antisemitismus eher ablehnen. Dann hat man kein geschlossen antisemitisches Weltbild.

Diese Unterscheidung treffen die Autoren in Bezug auf Rechtsextremismus: Jemand kann einigen rechstextremen Äußerungen zustimmen, auch ganzen Komplexen wie etwa Antisemitismus – aber er muss dennoch kein geschlossen rechtsextremes Weltbild (Bezeichnung in der Terminologie der Studie) haben, also das sein, was man im Alltag einen echten Rechtsextremen nennen würde. Ich halte es für sinnvoll, die Bezeichnung „Antisemit“ in diesem Sinne zu verwenden.

Ich plädiere deshalb dafür, diese Personenbeschreibung zu vermeiden, wann immer es möglich ist. Es sei denn, eine_r hat wirklich ein erkennbar geschlossenes Weltbild, gibt es offen zu oder, womöglich, handelt offen (und vor allem gewalttätig) danach. Dann kann es Fälle geben, in denen die klare Markierung als jemand, der in seiner ganzen Weltanschauung gegen herrschende Vorstellungen des eigentlich Guten verstößt, sinnvoll ist.

Der als persönlich empfundene Vorwurf macht politisch handlungsunfähig

Aber in vielen Fällen, sogar wenn die Bezeichnung auch in anderen Fällen analytisch durchaus treffend sein könnten, halte ich sie politisch für schädlich. Sie suggeriert nämlich, Antisemitismus sei eine Wesenseigenschaft, etwas, das zur Identität eines Menschen gehört; sie mitprägt. In unserer allgemeinen (und keineswegs postmodernen) Alltagsvorstellung, in der jede_r eine feste und geschlossene Identität hat, bedeutet der Vorwurf dann immer auch: Du bist Antisemit, du bist also böse und weil wir uns als kontinuierlich denken, bist du auch grundsätzlich so.

Dieser Vorwurf verletzt nun viele Menschen. Weil die meisten nicht böse sein wollen. Und weil die meisten von ihnen im Alltag auch das Gefühl haben, dass sie es nicht sind. Leben sie nicht mit einem behinderten Partner zusammen, lieben sie nicht ihren schwulen Sohn, kommen sie nicht gut klar mit dem schwarzen Arbeitskollegen, haben sie nicht für Afrika gespendet, haben sie nicht das Holocaust-Mahnmal besucht und waren sie nicht auf einer Demo gegen Nazis?

Die Mehrheit der Menschen äußert irgendwann mal etwas Antisemitisches. Aber die Mehrheit der Menschen ist nicht immer und überall antisemitisch. Und, denke ich, weil die Menschen das so erleben, bewerten sie den Vorwurf „Du bist antisemitisch“, den sie als persönlichen Angriff deuten müssen, auch noch als ungerechtfertigt. Umso mehr, wenn bisweilen gar nicht allen klar ist, woher bestimmte Begriffe kommen und warum sie problematisch sind – ein Beispiel wäre vielleicht das „Gängelband“, an dem Augstein zufolge Israel die Weltpolitik führe, das das Bild der jüdischen Strippenzieher reproduziert.

Wer die -ismen der gesellschaftlichen Mitte diskutieren will, muss ihre abwehrende Reaktionen ernst nehmen

Es stimmt natürlich, dass eine Aussage auch dann antisemitisch sein kann, wenn sie nicht so gemeint ist; die böse Absicht ist kein Kriterium. Aber man muss sie (oft auch explizit) anerkennen, um einen Reflexionsprozess in Gang bringen und politisch wirken zu können.

Man kann den oftmals diagnostizierten Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus der Mitte nicht diskutieren und ihm entsprechend begegnen, wenn man diese Bedenken nicht ernst nimmt. Wer von sich (zu Recht) annimmt, diese Mitte zu repräsentieren, der kann nicht verstehen und nicht akzeptieren, wenn ihm oder ihr vorgeworfen wird, Antisemit zu sein – ein Begriff, der nach wie vor als Markierung des völlig Inakzeptblen funktioniert.

Das ist auch das durchaus ernstzunehmende Problem, das man in der Formulierung “Rassismus-Keule” sehen kann; wenn Augstein schreibt, heute sei es nicht mehr ernst zu nehmen, wenn man als Antisemit bezeichnet würde, so alltäglich ist der Begriff, dann ist das ärgerlich polemisch, trifft aber insofern, als es zeigt, wie groß die Abwehrreaktionen gegen den Vorwurf sind. Weil er gefühlt zu Unrecht erhoben wird, wird er entwertet.

Vermutlich ist auch Jakob Augstein kein Antisemit im Sinne einer Wesenseigenschaft. Eventuell hat er aber Antisemitisches gesagt. Das soll hier nicht Thema sein. Darüber ließe sich aber in jedem Fall ganz anders reden, wäre der Angriff klar und präzise: „Deine Äußerung, deine Handlung war antisemitisch“.

Man könnte, man kann im persönlichen Gespräch durchaus ergänzen, dass das wahrscheinlich jedem von uns mal passiert, in Bezug auf den ein oder anderen -ismus. Das kann ein blöder Frauenandenherd-Witz sein, die Werbekampagne mit nackten Frauen, der Witz über Judennasen – all das natürlich augenzwinkernd und ironisch -, die Ablehnung einer Moschee oder die Empörung über einen Verlag, der das Wort “N***r” aus einem Kinderbuch streicht. 2.

Dass es fast jeder tut, macht es nicht besser – aber diskutierbarer

Man darf diesen Einwand, das passiere jedem ab und an, nicht als entschuldigend denken; er macht den antisemitischen Spruch oder Gedanken nicht besser. Aber er macht sie gewöhnlicher, er kann verhindern, dass wir uns in einem selbstgewissen “Ich bin kein Antisemit” einrichten, selbstgerecht und blind gegenüber den eigenen Fehlern werden, dabei aber aggressiv abwehrend gegenüber den Vorwürfen anderer.

Ich habe auch privat schon häufig die Erfahrung gemacht, dass mit einem kurzen “das war -istisch” wenig zu gewinnen ist; der Abwehrreflex greift. Erkläre ich dagegen das Problem der jeweiligen Handlung oder Äußerung, ohne die Person als -ist_in zu bezeichnen, ist oft durchaus Interesse da – und Wille zur Selbstreflexion.

Entkoppelt man die Kritik an -istischen Akten von der Kritik an der Identität einer Person, kann man auch umso engagierter und häufiger kritisieren – ohne verletzend zu werden; so wird auch Kritik an Freund_innen leichter: Kritik ist plötzlich möglich, ohne die ganze Beziehung in Frage zu stellen.

Hätte etwa das mehrseitige Streitgespräch im aktuellen Spiegel zwischen Augstein und Dieter Graumann, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, diesen Punkt debattiert, es hätte hochinteressant werden können; man hätte Augstein auch viel schärfer in die Mangel nehmen, die Fähigkeit, die Perspektive der anderen (hier: der Angegriffenen) einzunehmen ausloten können.

Vergeudete Gelegenheit

Man hätte, nicht nur im Spiegel, sondern so ganz allgemein, diskutieren können, welche Vorstellungen von Juden und Judentum Augsteins Aussagen (re)produzieren und was daran problematisch ist; wie weit verbreitet diese Vorstellungen doch sind; man hätte die immer mal wieder aufkommenden Hinweis, der neue Antisemitismus unterscheide sich von dem des 20. Jahrhunderts, genauer beleuchten können. In einem Satz: Man hätte die Debatte fruchtbar machen können.

So aber igeln sich beide Seiten ein in Angriff und Gegenangriff, die Argumente des anderen als gar nicht bedenkenswert abwehrend. Das kann nicht das sein, was wir wollen. Wie ermüdend, enervierend, politisch wirkungslos.

Dabei sollen, dabei müssen wir den Alltagsrassismus, Alltagsantisemitismus, Alltagssexismus, Alltags…ismus auch in unseren westlichen Gesellschaften intensiver diskutieren. Wir tun das jenseits mancher Blogs als zu selten, zu wenig offen, mit zu wenig Selbstkritik.

Das sollten wir ändern.

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tl;dr: Vorsicht mit dem Vorwurf, jemand sei ein Antisemit oder Sexist, weil er empörte Abwehr hervorruft. Umso engagierter sollte (und im besten Fall: kann) man damit sein, -istische Aussagen und Handlungen zu kritisieren.

  1. Im Folgenden bleibe ich, der Augstein-Diskussion wegen; die Argumente gelten aber für alle dieser -ismen.
  2. Dazu hoffentlich bald noch ein paar eigene Gedanken.

15. Januar 2013 von Jonas Schaible
Kategorien: Standpunkt | Schlagwörter: , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. Hallo,

    bildblog irrt. Das SWC spicht in seiner Ankündigung der Liste sinngemäß von Antisemiten, die den Weltfrieden bedrohen. Der Direktor des SWC in Jerusalem spricht von einer Liste der schlimmsten Antisemiten in einem Interview mit der Jüdischen Allgemeine und äußert großes Verständnis für die Nazi-Vergleiche von Broder. Nicht nur deutsche, sondern auch jüdische und israelische Medien wie die Jerusalem Post sprechen von einer Liste der schlimmsten Antisemiten.

    Es reicht nicht aus, den Titel alleine zu verwenden, um eine Liste zu beschreiben. Das wäre so, als ob man die Medien anprangert, weil sie fälschlicherweise behaupten, dass Messi zum besten Fußballer der Welt gewählt wurde. Im Duktus von BILDblog gibt es diesen Titel gar nicht. Messi gewann lediglich den „goldenen Ball der FIFA“.

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