Separatismius-Auspizien: Deuten die Autonomiebewegungen auf einen EU-Staat hin?

Drüben bei wiesaussieht hat Frank Lübberding einen interessanten Artikel veröffentlicht, in dem er den derzeit an verschiedenen Orten in Europa stärker werdenden Separatismus als Indikator für eine Staatenwerdung Europas deutet.

So habe ich das noch nie gesehen.

Dass es in Flandern, Katalonien, Südtirol oder Schottland gerade reiche Regionen sind, die sich gerne vom jeweiligen Nationalstaat lossagen würden, und dass Wohlstandssicherung und nicht mehr wie früher und in anderen Teilen der Welt auch heute noch die Befreiung von Fremdbestimmung die Motivation dieser Bewegungen ist, ist bekannt.

Lübberding vermutet nun aber, dass die genannten Regionen die EU eben nicht als fremdbestimmenden und ebenfalls abzulehnenden Herrscher sehen, sondern als Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Abspaltung von den ärmeren Nationalstaaten, die nur kosten, aber nicht zu nützen scheinen. Im Angesicht eines Europäischen Staates würden die Staaten so zu „leeren Hüllen“, einfach überflüssig.

Ich bin noch am Überlegen, ob ich dem zustimme und vor allem, ob das meiner Deutung, dass diese Bewegungen Teil eines europaweiten Renationalisierungsdiskurses sind, widersprechen würde.

Ich glaube eigentlich nicht, wenn man Renationalisierung als Prozess denkt, in dem es darum geht, Strukturen des klassischen Nationalstaats zu schaffen. Das heißt: klare Grenzen, ein klar bestimmbares Volk, das sich auch als solche Einheit empfindet (und nicht als Vielfalt in einem Gebilde, wie in der EU), womit oft eine Ethnisierung einhergeht, mit einheitlicher Staatsgewalt und Autonomie/Souveränität in den eigenen Entscheidungen zur Wahrung eigener Interessen.

Dann wäre im Gegenteil auch der fortschreitende Staatenwerdungsprozess der EU Teil dieses Diskurses. In der Krise sind die skizzierten bekannten Strukturen, die versprechen, Gemeinschaft störungsfrei zu organisieren, und die eine Sehnsucht nach Souveränität stillen können.

Sicher bin ich mir da aber nicht. Aber ich glaube es lohnt sich, an dieser Stelle weiterzudenken.

23. Oktober 2012 von Jonas Schaible
Kategorien: Allgemein | Schlagwörter: , , , | 2 Kommentare

Kommentare (2)

  1. hoffentlich keine doppelpost, aber manchmal verhindert ja ein angeschaltetes js, daß die post wirklich gesendet wird. also löschen, wenn es doppelt ist.
    ……………………….

    ich lese es mit freude ;-)

    die frage, die sich mir stellte, war die, ob das, was du einen prozess der renationalisierung nennst, auch zu gesteigertem nationalbewusstsein und zu größeren streitereien zwischen diesen nationen führt – und meine antwort darauf: kann ich nicht feststellen – im gegenteil.

    seit dem beginn der krise haben sich diese nationalstaaten nach aussen und nach innen (mein beispiel wäre hier das abstimmungsverhalten von spd/grünen in europafragen) _zusammengerauft_ und eben „das große ganze“ über den nationalen dünnpfiff gestellt.

    statt wie ein hühnerhaufen auseinanderzudriften (das war meine angst) haben die das – bislang – doch ganz gut hinbekommen.

    soweit ich das sehe, dränge alle diese nationalen bewegungen nach der abspaltung _in_ die Union und nicht von ihr weg.

    ich hoffe, du hast meine letzten beiträge bei carta gelesen und sandra schulze gehört.

    hier könnten wir zu einander finden: es ist keine frage einer „anderen“ narrative, die eine alte, abgenagte zunehmend ersetzt, es ist die frage, wer uns diese vermittelt, ob er dazu kompetent ist oder eben nur „mickey mouse“ kann – wo moebius angesagt wäre,

  2. ps: offensichtlich war das thema gestern auch für den drw akut, mehrere beiträge auf meiner podcastseite …

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