Beiträge vom November, 2011

Mohamed Bouazizi und der Werther-Effekt

Mittwoch, 30. November 2011 0:41

Zeit-Online hat aufgrund der Berichterstattung über den Selbsttötungsversuch eines Schiedsrichters kürzlich ein Interview zum Werther-Effekt veröffentlicht. Darin ruft der Medienpsychologe Benedikt Till Journalisten auf, gemäß schon lange existierender Richtlinien allenfalls zurückhaltend über Suizide zu berichten. Denn schon seit einigen Jahrzehnten ist der so genannte Werther-Effekt empirisch sehr robust belegt: Wird viel und grell über einen Suizid berichtet, steigt danach die Zahl der Selbsttötungen überzufällig an.
Daraus wird verantwortungsethisch der Appell an den Journalismus abgeleitet, eben sehr vorsichtig zu sein, wenn es um Selbsttötung geht.

Die Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention besagen konkret:

In der Berichterstattung sollte alles vermieden werden, was zur Identifikation mit den Suizidenten führen kann, z.B.

  • [...] den Suizid als besonders „spektakulär“ hervorzuheben [...]
  • ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.
  • den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).
  • den Suizid romantisierend oder idealisierend darzustellen (”Im Tod mit seiner Liebsten vereint“).
  • die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden (z.B. ein bestimmtes Hochhaus, eine bestimmte Brücke) oder Orte zu erwähnen, an denen Suizide gehäuft vorkommen. [...]

Man darf diesen Hinweis sehr ernst nehmen, auch wenn Tills These, wonach es sich dabei „nicht nur um Menschen, die sich im Laufe des Jahres sowieso getötet hätten, sondern um zusätzliche Suizide“ handelt, nicht überprüft werden kann. Im Grunde spielt das Argument auch keine Rolle. Was zählt, ist der nicht zu leugnende statistische Zusammenhang: große Berichte, mehr Suizide.

Nun wirft diese Argumentation einige ganz grundsätzliche Fragen auf in Bezug auf die Anwendung des verantwortungsethischen Imperativs im journalistischen Alltag, auf die Möglichkeit der Kalkulation von Folgen, auf die Legitimität von klassischerweise als manipulativ bewerteten Techniken. Darum soll es hier aber nicht gehen. Zumal fürs erste das Vorgehen, bei Suiziden vorsichtiger zu berichten, auch mit dem gängigen Journalismusverständnis problemlos in Einklang zu bringen ist.

Auch Stefan Niggemeier hat sich gerade einmal mehr mit dem Werther-Effekt beschäftigt. Was mich in Bezug auf den Werther-Effekt schon seit einiger Zeit umtreibt – seit ich den Gedanken bei Stefan Niggemeier in den Kommentaren das erste Mal formuliert habe – ist ein ganz anderer prominenter Fall und die Frage, wie mit vergleichbaren Fällen umzugehen ist, wenn wir die Hinweise zur Suizidberichterstattung ernst nehmen wollen: Mohamed Bouazizi.

Bouazizi als Märtyrer der Freiheit

Dessen Selbstverbrennung wird nämlich im Grunde seit Beginn der Arabellionen als Beginn dieser Aufstände der Selbstermächtigung erzählt, als, um ein makaberes Bild zu wählen, der Funke, der die Proteste entzündete. Bouazizi wird in dieser Geschichte zum klassischen, sich selbst für ein höheres Ziel opfernden Helden, zum Märtyrer der Freiheit, dessen Selbstlosigkeit direkt zum Sturz der Diktatoren Ben Ali, Mubarak und Gaddafi führte. Vor einigen Wochen fand diese Erzählung ihren vorläufigen Höhepunkt in der Verleihung des Sacharow-Preises für geistige Freiheit, der jährlich vom Europäischen Parlament verliehen wird. Bouazizi wird damit eingeschrieben in eine Riege der großen und friedlichen Kämpfer für eine bessere, weil freiere Welt.

Die Geschichte vom arbeitslosen, aber findigen Akademiker, der trotz der Hürden, die ihm ein korruptes, die Wünsche der Menschen nach Arbeit, Freiheit und Sinn ignorierendes repressives System auferlegt hat, nicht aufsteckt, der seine Familie zu ernähren versteht – und der am Ende im Angesicht der Ungerechtigkeit des verhassten Systems seine eigene Würde und Unabhängigkeit behält und im Tod noch Sinn und Hoffnung auf eine bessere Welt stiftet, ja die Welt wirklich besser macht – diese Geschichte weist etliche Parallelen auf mit der Erzählung des Sterbens Jesu Christi, der für den Westen wohl wirkmächtigsten, mit am meisten Bedeutung aufgeladenen Befreiungserzählung.
Sie passte nebenbei auch noch wunderbar ins westliche Narrativ der Arabellionen als Demokratiebewegungen. Das dürfte auch ein wichtiger Grund sein dafür, dass die Geschichte sehr schnell genau so erzählt, dass genau die Verbrennung als Startpunkt der politischen Bewegung gewählt wurde und nicht ein beliebiges Ereignis vorher oder nachher.

Es existieren natürlich durchaus andere Deutungen – aber hegemonial ist die eben skizzierte. Nun ist ebendiese in höchstem Maße romantisierend, idealisierend und heroisierend; viel stärker, als es die Autoren der obigen Richtlinien für Suizidberichterstattung wohl im Sinn hatten. Sie schildert genau Ort und Art der Selbsttötung, die Familien- und Lebensgeschichte Bouazizis wurde detailliert rekonstruiert, Angehörige ausgefragt.

Nachahmer in der arabischen Welt und Serie an Selbstverbrennungen in Tibet

Schon kurz danach registrierte die Öffentlichkeit zahlreiche weitere Selbstverbrennungen überall in der arabischen Welt, von mindestens vierzehn war schon vor Monaten die Rede. Seit März – also nach Bouazizi – verbrannten sich außerdem in Tibet bereits elf Menschen, um gegen die chinesische Herrschaft zu protestieren, vermeldet die Tibet-Initiative. Die tibetische Exilregierung wählt die Verbrennungen bereits als Argument, um politische Unterstützung zu erbitten.

Nun ist die Selbst-Verbrennung als politische Handlung nicht erst jetzt entstanden. Das Time-Magazine liefert eine kurze Geschichte der politischen Selbst-Verbrennung, auch die englische Wikipedia mag einen ersten Eindruck vermitteln.

Ich habe ad hoc keine Angaben darüber gefunden, wie häufig Selbst-Verbrennungen weltweit durchschnittlich sind; aber fernab von jeder Statistik, von Häufungen und Signifikanzen, die ich nicht prüfen kann, scheint es belegt, dass die Verbrennung Bouazizis, die Konstruktion dieser Tat als heroische Freiheitsgeste und das damit einhergehende Medieninteresse einige Menschen animiert haben, es dem Freiheitskämpfer Bouazizi gleichzutun.

Wofür sind wir bereit, Nachahmungstaten in Kauf zu nehmen?

Trotzdem wurde sogar die Ehrung Bouazizis mit dem Sacharow-Preis kaum kritisch thematisiert. Rechtfertigt das hohe Ideal der Freiheit und der Demokratie, als dessen Fackelträger wir Bouazizi zeichnen – die (makabren) Metaphern bieten sich geradezu an, und vielleicht sind sie auch ein Grund dafür, dass gerade die Suizidmethode der Selbstverbrennung so mit Bedeutung aufgeladen werden konnte –, die Berichterstattung und die ihr folgenden Toten? Fast scheint es, als transzendiere die politische Bedeutung den Suizid, als würde er durch sie den profanen Sphären der Verzweiflung und der Depression entrissen, in denen man die Selbsttötungen hierzulande meist verortet. Anders gesagt: Während der Tod hier als unnötig, vermeidbar, unsinnig, schadhaft verstanden wird, gilt er dort, wenn nicht als nötig und unvermeidbar, so doch als verständlich und folgerichtig, als sinnhaft und nützlich.

Ich finde die geschilderten Beobachtungen, die Erzählung von Bouazizis Tod allein aus analytischer Perspektive hoch interessant. Aber müssen wir uns nicht darüber hinaus auch ganz praktisch fragen: Hat der Journalismus im Fall Bouazizi versagt? Hätte er anders berichten müssen, sensibler, zurückhaltender, weniger heroisierend? Lässt sich das in einem solchen Kontext überhaupt vermeiden? Bei Bouazizi, aber auch bei den tibetischen Nonnen oder beim Hungerstreik des kubanischen Gefangenen? Was ist noch von öffentlichem Interesse an so einem Fall, wenn man die politische Dimension ignoriert? Aber kann man andererseits etwa die Geschichte der Revolution in Tunesien vollständig erzählen ohne Bouazizi?
Wie ist der Balanceakt am besten anzugehen, wenn zu entscheiden ist zwischen der Berichterstattung über klassisch als relevant geltende (und, das antizipierend, natürlich nur deshalb als politische Handlung ausführbaren) politisch motivierte Selbsttötungen – und weiteren Toten durch Nachahmungen? Brauchen und wollen wir Richtlinien für die Berichterstattung über politische Selbsttötungen und wenn, können wir so etwas ersinnen?

Oder nehmen wir eine Häufung an Suiziden nach der Berichterstattung, nehmen wir Nachahmer hin, wenn die Chance zu bestehen scheint, dass ihre Selbsttötung einem höheren Zweck dient? Dann sollten wir darüber reden, welche Werte und Ideale wir dergestalt überhöhen. Das Problem des Zielkonflikts zwischen Information und Schutz wird sich nicht lösen oder aufheben lassen. Wohl aber reflektieren und debattieren.

Umso erstaunlicher und problematischer, dass das im Fall Bouazizi kaum geschehen ist.

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Leseempfehlung: die EU als Familie

Freitag, 25. November 2011 14:37

In der aktuellen Zeit findet man nicht nur ein Interview mit einem ehemaligen Verteidigungsminister, sondern auch einen wunderbaren Text von Jan Ross mit dem nicht nicht gerade originellen, dafür aber inhaltlich durchaus treffenden Titel: “Eine schrecklich nette Familie”.

Während in anderen Erdteilen um die Wette gerüstet wird, fühlen sich die Deutschen von Frankreichs Atomwaffen nicht etwa bedroht, sondern geschützt. Auch wenn man es mit einer “hochgradig avantgardistische[n] politische[n] Lebensform”, einem “postmodernen Gebilde” zu tun habe, hält Ross das scheinbar biedere, “gewissermaßen helmutkohlhafte” Bild der Familie für treffend.
In diesem Sinne deutet er den manchmal harschen Führungsstil von Merkel und Sarkozy als Ausdruck einer tough love, und auch der manchmal aggressive und vorwurfsvolle Ton – hier die faulen Griechen, dort die größenwahnsinnigen Deutschen, hier die Geld-Verschleuderer, dort die Export-Profiteure – gilt ihm nicht zwingend als Alarmsignal; vielmehr sieht Ross ihn diesem Umgang eine saloppe Art, täglich jenseits von Höflich- und Förmlichkeiten zu kommunizieren. Man unterhalte sich innerhalb der Familie ja auch nicht so diplomatisch wie auf dem Wiener Opernball.

Aus dieser Perspektive gelesen, wirkt auch Ross’ Text, der ohne den sonst oft mitschwingenden Übelegenheitsdünkel auf die Vorteile dieser kooperativen Lebensform hinweist, uns klar machen will, was wir da eigentlich Wertvolles besitzen, auch wenn wir es im Alltag nicht immer zu schätzen wissen, wie der Appell eines sich sorgenden Vaters: Kinder, ihr müsst nicht immer Meinung sein, aber vergesst nicht, was ihr aneinander habt!

Schon im Lead heißt es: In Europa herrscht eine historisch beispiellose Kultur der Solidarität. Sie in der Krise zu verteidigen, lohnt jede Anstregung.

Der Text ein gelungener und erholsamer Versuch, die Euro-Krise erstens nicht ökonomisch, sondern politisch zu denken, und das zweitens auf eine nicht negative, nicht nur Probleme aufzeigende Weise, sondern ihr ein positives Denkmodell entgegenzustellen, zwar auf die Gefahren hinzuweisen, ohne sich gleichzeitig am Gedanken des Untergangs zu weiden. Ich habe ihn gerne gelesen.

Sobald/falls er online verfügbar ist (wohl am Sonntag, sagt man mir bei Zeit-Online via Twitter), reiche ich den Link nach. Ansonsten mögen alle, die eine Zeit besitzen, oder jemanden kennen, der eine besitzt, lesen: S.3, Jan Ross, eine schrecklich nette Familie. Jetz online.

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Guttenberg will nicht gelogen haben – und handelt damit strategisch richtig

Donnerstag, 24. November 2011 1:55

“Wenn ich die Absicht gehabt hätte zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist. [...] Ich habe den Blödsinn wirklich selber verfasst, und ich stehe auch dazu.”

Quelle

“Ich war ein hektischer und unkoordinierter Sammler. Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas zu meinem Thema passt, habe ich es ausgeschnitten oder kopiert oder auf Datenträgern sofort gespeichert oder direkt übersetzt.” Auch aus dem Internet habe er Textstellen herausgezogen und abgespeichert. “Eigentlich war das eine Patchworkarbeit, die sich am Ende auf mindestens 80 Datenträger verteilt hat.”

Quelle

Eines schafft zu Guttenberg nach wie vor: Im Gespräch zu bleiben. Die Massenmedien beleuchten jeden Lidschlag. Die Anschlusskommunikatoren im Netz springen darauf an. Und unabhängig davon, wie viel von dem Rummel orchestriert ist und wie viel der Funktionslogik des Systems Massenmedien geschuldet: Guttenbergs Vorgehen ist in all seiner Plumpheit doch strategisch klug.

Er liebäugelt für jedermann erkennbar mit einem Comeback, aber der Skandal liegt noch nicht lange zurück. Was also muss er tun, um irgendwann zurückkehren zu können?

Drei Gruppen von Wählern

Wir können die Wählerschaft in drei Gruppen teilen.

Die erste, zahlenmäßig vermutlich größte, Gruppe wollte nie, dass Guttenberg zurücktritt. Ihr gegenüber hat er, Stand heute, wenig zu gewinnen, weil er wenig verloren hat. Sie wird ihm, bleibt er bei seiner Darstellung, im Falle einer versuchten Rückkehr allenfalls aus allgemeinen politisch-weltanschaulichen Gründen, nicht aber wegen der Plagiatsaffäre feindlich gesinnt sein. Mit dem Beharren auf der Torheit gibt er dieser Gruppe Argumente zur Verteidigung an die Hand: Fehler macht jeder, eine zweite Chance verdient jeder! Das Geständnis, gelogen zu haben, könnte ihm dagegen schaden.

Die zweite Gruppe wollte den Rücktritt, weil sie ihm das Plagiat selbst, die Grenzüberschreitung erster Ordnung übel genommen hat. Bei ihr könnte er nicht gewinnen, nur verlieren, würde er das Plagiat gestehen: Wer das Plagiat an sich verurteilt, nicht den Umgang damit – ein akademischer Fälscher kann kein Minister sein! –, wird durch ein Eingeständnis der Reue nicht milde gestimmt.

Die dritte, zu der ich gehöre, wollte den Rücktritt, weil zu Guttenberg durch das für sie feststehende Belügen der Öffentlichkeit untragbar geworden war. Diese Gruppe hätte zwar einer zweiten Chance nach einem Bekenntnis zur Lüge (und damit zum Plagiat als Bedingung der Lüge) und einer sich anschließenden Entschuldigung wenig entgegenzusetzen1, aber sie ist kaum relevant. Die Lüge, diese Grenzüberschreitung zweiter Ordnung also, war nach meiner Wahrnehmung im öffentlichen Diskurs kein häufig gemachtes Argument; ich wage zu behaupten, dass diese dritte die kleinste Gruppe ist

Ein Schuldgeständnis und eine Bitte um Entschuldigung ist für mich ein für eine Rückkehr zu Guttenbergs in höchste Ämter zwingend notwendiger Schritt, weshalb ich eine Rückkehr aktuell auch ablehne – gleichwohl würde ihm ein solcher Schritt in der entscheidenden großen ersten Gruppe wohl mehr schaden als nützen. Die Einstellung des Verfahrens ohne strafrechtliche Verurteilung (trotz strafwürdiger Verfehlungen) kommt zu Guttenberg da nicht nur zeitlich gelegen. Denn welche Instanz sollte jetzt noch mit Autorität seiner Darstellung widersprechen? So kann er weiter insistieren: Alles nur bedauerlicher Mist.

Fraglich allerdings, ob das Beharren auf dem Fehler zu Guttenberg nicht innerhalb der ebenfalls maßgeblichen Eliten des politischen Systems endgültig unglaubwürdig macht. Aber wenn es denn klappen soll mit hohen Ämtern, dann so. Machtpolitisch handelt er klug. Jemand anderes, jemand mit einem instrumentellen Politikverständnis könnte glatt versucht sein, ihm doch noch irgendwie Talent zu unterstellen. Wie gesagt: jemand anderes.

  1. Auch wenn die Lüge gegenüber dem Selektorat die demokratische Todsünde ist, lässt sich ein lebenslanges Verbot der politischen Betätigung für Lügner kaum begründen; zumal eine Grenze gezogen werden müsste, auf welcher Ebene Mitgestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens noch akzeptablen wäre und ab wann nicht. Allerdings: Ohne Entschuldigung geht es nicht.

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Möchte Gott, dass Kinder mit Gummischläuchen geschlagen werden?

Donnerstag, 17. November 2011 1:54

Drüben bei den Scienceblogs bin ich auf einen Artikel von Jürgen Schönstein gestoßen, der ein augenscheinlich gar nicht so exotisches Phänomen behandelt: Menschen, die im Glauben, Gottes Anleitung zur Kindeserziehung zu folgen, ihre Kinder mit Gummischläuchen, Linealen, Ruten und allerlei ähnlichem prügeln.

“Chastisement” – Züchtigung – nennt das Ehepaar Pearl diesen Angriff auf die körperliche Unversehrtheit. Die beiden haben auch ein Buch geschrieben – “to train up a child” -, das bereits 1994 erschienen ist. Was das Ehepaar Pearl predigt, ist also nicht neu. Jüngst hat aber die Frankfurter Rundschau darüber berichtet und in den USA wurde das Buch wohl von Eltern gelesen, deren Kinder durch elterliche Gewalt gestorben sind. Siehe dazu etwa die New York Times.

Den Angaben der Pearls zufolge hat sich ihr Buch bisher über 600 000 Mal verlauft. Die FR nennt diese Zahlen ebenfalls. Zusätzlich wählt Schönstein den Amazon-Verkaufsrang als durchaus interessante Heuristik, um die Relevanz des Buches abzuschätzen. Stand heute, 17.11.11, liegt es bei amazon.com auf dem Verkaufsrang 7261 unter allen Büchern. Zum Vergleich, Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab” liegt aktuell auf dem Rang 1 259 741, die englische Version von Jussi Adler-Olsons Bestseller “Erbarmen” (“Mercy”) auf 84 905, “Snuff”, der vor wenigen Wochen erschienene aktuelle Scheibenweltroman des großartigen Terry Pratchett1 auf 437.
Es ist also nicht so, als läse niemand die Empfehlungen der Pearls für eine gute Erziehung.

Und welche Positionen vertreten die Pearls nun genau?
Ich zitiere aus einem Artikel, den die beiden wohl bereits 2001 geschrieben und den sie auf ihrer Website veröffentlicht haben. Titel “In Defence of Biblical Chastisement” – Zur Verteidigung der biblischen Züchtigung.

What instrument would I use?

As a rule, do not use your hand. Hands are for loving and helping. If an adult swings his or her hand fast enough to cause pain to the surface of the skin, there is a danger of damaging bones and joints. The most painful nerves are just under the surface of the skin. A swift swat with a light, flexible instrument will sting without bruising or causing internal damage. Many people are using a section of ¼ inch plumber’s supply line as a spanking instrument. It will fit in your purse or hang around you neck. You can buy them for under $1.00 at Home Depot or any hardware store. They come cheaper by the dozen and can be widely distributed in every room and vehicle. Just the high profile of their accessibility keeps the kids in line.

Und nicht nur wird geklärt, womit zu prügeln ist, auch, wann und warum:

When are they too young?

As soon as they are old enough to exercise a stubborn will or throw a fit of anger, they need to be lightly spanked. The younger children should not be punished, and the very young will not need chastisement. But from the time they are old enough to resist your will, they will need the little swats of training. Remember that we are not punishing the small child. We are just giving authority to our words. In most cases the child will not even cry.

2

  1. So viel Positionierung muss sein.
  2. Sie sehen: Ratloses Schweigen.

Thema: Allgemein | Kommentare (6) | Autor:

Lasst uns über die Krise reden – Entwurf einer Systematik der Krisen-Erzählungen

Freitag, 4. November 2011 17:15

Frank Schirrmacher scheint, einmal mehr, einen Nerv getroffen zu haben mit seiner Darstellung des angekündigten griechischen Referendums 1, die in dem Wunsch nach einer Volksabstimmung ein Aufbäumen des anthropomorphisierten Politischen erkennt, einen emanzipativen Akt des Widerstands gegen den herrschenden Ökonomismus. Schirrmachers Text dient als Diskursbrennstoff, befeuert ihn, ermöglicht ihn 2. Einen Machtkampf zwischen dem Politischen und dem Ökonomischen sieht er am Werk und erzählt die Krise damit entlang zweier klassischer Darstellungs- und Deutungsmuster.

Überforderung als Antrieb: Wie können wir über die Krise reden?

Seit Beginn dieser als Euro-Krise apostrophierten Geschehnisse versuche ich nun schon, zu verstehen, was eigentlich passiert. Ich habe meiner Überforderung mit dieser Aufgabe hier auch schon Ausdruck verliehen. Nun scheint mir der Wunsch, die Krise als reales Phänomen in all seinen Bestandteilen und in Gänze begreifen zu wollen, als mindestens überambitioniertes Unterfangen.

Dieser Tage erzählte mir eine Freundin, sie lese seit Wochen gar keine Nachrichten mehr, weil sie sich überfordert fühle von einer Welt, die nur noch mit dem Untergang ringe. Ich verstehe diesen Impuls. Aber ich vermute mittlerweile – und irgendwie hoffe ich es auch –, dass die Überforderung durch die Krise auch daraus resultiert, dass sich in der Diskussion der Krise verschiedene Krisen-Erzählungen vermischen, verweben, dass sie verschiedene Sinn-Angebote zur Verfügung stellen, die nicht oder nur teilweise miteinander in Einklang zu bringen sind.
Wer also die eine wahre Krisen-Deutung sucht, der muss in seinem Streben scheitern. Weil es nicht die eine Erzählung gibt, sondern mehrere, sich teilweise überlappende, teilweise ausschließende, teilweise quer zueinander liegende Erzählungen, aus denen unser Verständnis der Krise Sinn schöpft.

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  1. Dass es jetzt schon wieder vom Tisch zu sein scheint, ist interessant, aber für die folgenden Gedanken unerheblich.
  2. Man muss nicht immer einer Meinung mit ihm sein, um anzuerkennen, dass Frank Schirrmacher im FAZ-Feuilleton genau das virtuos und oft gewinnbringend beherrscht.

Thema: Standpunkt | Kommentare (3) | Autor: