Beiträge vom Oktober, 2011

Wenn du arm bist, bist du selber schuld!

Samstag, 15. Oktober 2011 11:59

Wenn du arm bist, bist du selber schuld!

Oder, im Vollzitat:

“I don’t have facts to back this up, but I happen to believe that these demonstrations are planned and orchestrated to distract from the failed policies of the Obama administration. Don’t blame Wall Street, don’t blame the big banks, if you don’t have a job and you’re not rich, blame yourself! … It is not a person’s fault if they succeeded, it is a person’s fault if they failed.”

Sagt Herman Cain, republikanischer Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur, dessen Beliebtheitswerte seit Ende September rapide gestiegen sind und der aktuell etwa gleichauf mit Mitt Romney liegt.

Ach ja, ich höre gerade die Dradio-Kultur-Reportage “Armut macht krank” (hier das Manuskript als pdf) – über ein mobiles Krankenhaus in Feldlazarett und Hühnerstall, das im Bundestaat Virgina mitten im reichsten Land der Welt Menschen medizinisch versorgt, die es sich andernfalls nicht leisten könnten, zum Arzt zu gehen.

Aber vermutlich sind die Proteste inszeniert. But I don’t have facts to back this up (etwa ab Minute 7.40).

Hierzulande übrigens auch.

Thema: Kommentar | Kommentare (1) | Autor:

Diktatoren im Sommerschlussverkauf

Samstag, 15. Oktober 2011 11:36

Toll, diese Überschrift, die ich heute Morgen bei dradio.de las: “IWF: Arabischer Frühling kostete Länder 55 Milliarden Dollar“.

Was für ein schönes Fundstück, das kurz und bündig illustriert, wieso es eben nicht immer zielführend ist, in ökonomi(sti)schen Begriffen zu denken. Politische Themen des gesellschaftlichen Zusammenlebens lassen sich nämlich nur unzureichend in Begriffen von Kosten und Investitionen ausdrücken.
Müsste der IWF nicht eigentlich auch ausrechnen, wie viel die Aufstände und Regierungswechsel (von einem Regimewechsel wollen wir einmal noch nicht sprechen) etwa Tunesien und Ägypten an Ertrag eingebracht haben – oder noch einbringen werden, falls der Regimewechsel gelingen sollte?
Viel Erfolg dabei. 1

Ich kann Frank Lübberding schon verstehen.

  1. Wobei, 55 Milliarden, um drei Diktatoren loszuwerden. Das sind gerade einmal etwas mehr als 18 Milliarden pro Diktator – ein Schnäppchen. Man rechne nur einmal: 750 Milliarden garantierte Kredite kann der EFSF derzeit zur Verfügung stellen. Das sind 40 Diktatoren. Noch einmal: toll! Und wie viel kostet es eigentlich, zu verhindern, dass eine Demokratie abgleitet?

Thema: Standpunkt | Kommentare (0) | Autor:

Chaos Computer Club seziert Bundestrojaner: Programm mit illegalen Funktionen

Sonntag, 9. Oktober 2011 1:33

Oha, da liegt ein handfester politischer Skandal in der Luft: Der Chaos Computer Club (CCC) hat Festplatten mit (unzureichend gelöschten) Trojanern in die fachkundigen Hände bekommen und seziert, bei denen es sich nach Aussage des CCC um Bundestrojaner handeln soll. Die Untersuchung ergab unter anderem, dass diese Trojaner mehr konnten, als Bundestrojaner dürfen, zum Beispiel per Keylogger die Tatstatureingaben mitschreiben oder in regelmäßigen Abständen Screenshots anfertigen.

Gespannt, wie es weitergeht. Wie man liest, wird die morgige (heutige) FAS dem Thema einiges an Platz widmen.
Online finden sich bei der FAZ schon mal eine ausführliche Darstellung von CCC-Sprecher Frank Rieger und eine Analyse von Frank Schirrmacher; dazu ein Frage-Antwort-Stück von Kai Biermann bei Zeit-Online.
Den Untersuchungsbericht des CCC, der für den Normalnutzer wenig verständlich sein dürfte, gibt es hier als pdf.

Thema: Schnell verlinkt | Kommentare (1) | Autor:

Zögern bei Staaten, kein Zögern bei Banken

Freitag, 7. Oktober 2011 0:21

„Nicht zögern“ will Angela Merkel damit, Banken zu rekapitalisieren – im Jargon der letzten Monate: zu retten –, sollten sie sich nicht mehr selbst am Kapitalmarkt versorgen können. Und zwar deshalb, weil die Schäden, täte es die von ihr regierte Bundesrepublik nicht, noch größer wären.

Es ist mir eigentlich zu einfach, immer nur auf die Banken zu schimpfen, wie heute in der von mir geschätzten Sendung Quer im BR einmal mehr geschehen; obwohl viel richtig ist an der Kritik: sich nicht mehr finanzierende Banken jetzt einfach pleite gehen zu lassen, mutet nicht an wie eine wirklich durchdachte Lösung. Und klar, man kann schon ins Grübeln geraten und zu zweifeln beginnen, ob es eine für die Mehrheit der Menschen akzeptable Lösung gibt für die Probleme einer Währungsunion, die keine koordinierte Wirtschafts- und Finanzpolitik macht und auf absehbare Zeit auch nicht in der Lage dazu sein wird, deren Mitglieder hohe Staatsschulden haben, weshalb eine weitere Verschuldung weder vermittelbar noch nachhaltig wäre, die gleichzeitig aber mit Austeritätsprogrammen sich selber zugrunde zu richten drohen.

Aber: Warum, bitte, hat Angela Merkel noch nie verkündet, sie werde keine Sekunde zögern, einen Eurostaat zu unterstützen, falls er in Zahlungsschwierigkeiten geraten sollte? Warum wurde die erste Garantie für Griechenland herausgezögert, warum denken Teile der Koalition nach wie vor öffentlich über Insolvenzen oder neuerdings auch Resolvenzen von Mitgliedern nach oder über einen Austritt aus der Eurozone? Warum heißt es immer nur, gut, wir garantieren noch diese Summe, dann werden sich die Märkte sicher beruhigt haben und wir müssen nicht weiter darüber nachdenken, was passiert, wenn nicht?

Ich weiß nicht, was passierte, würden die Staats- und Regierungschefs, ihre Finanz- und Wirtschaftsminister und Zentralbanker des EZBS deklamieren: Wir werden es nicht hinnehmen, dass einer unserer Mitgliedsstaaten zahlungsunfähig wird; dieser Fall ist nicht denkbar, er wird nicht eintreten, weil wir ihn ohne zu zögern und ohne Kompromisse verhindern werden.

Vielleicht würde es nichts nützen. Vielleicht nützt es jetzt nichts mehr, wäre aber vor einigen Monaten noch der Königsweg gewesen. Keine Ahnung.

Nur: Wenn sie versuchen, Banken um jeden Preis zu retten, auch im Falle einer Zahlungsunfähigkeit eines Staates, da scheint mir Mark Schieritz’ Argumentation überzeugend und seine Metapher treffend, schießen die Staaten auf ein bewegliches Ziel und gehen den falschen Weg. Anders und wie bei FT Alphaville gelesen gesagt 1: „Put bluntly there’s no amount of capital that will protect the region’s banks against a multi sovereign default. In fact, they probably wouldn’t survive an Italian default, reckons Gary Jenkins of Evolution Securities.“

Ich glaube zu verstehen, warum, gegeben das existierende Wirtschafts- und Finanzsystem mit seiner Funktionslogik, Banken gerettet werden mussten und eventuell künftig wieder müssen, will man den Status Quo weitgehend erhalten.
Ich verstehe aber absolut nicht mehr, warum jetzt Banken eine bedingungslose Garantie bekommen, während die wichtigsten politischen Akteure der Euro-Staaten nicht in der Lage sind, sich ebenso demonstrativ couragiert voreinander zu stellen.

  1. via Mark Schieritz im Herdentrieb

Thema: Innenpolitik, Standpunkt | Kommentare (1) | Autor:

r.i.p @romelu

Mittwoch, 5. Oktober 2011 15:27

Robin Meyer-Luchts letzter Artikel auf Carta schickte das Projekt in eine Sommerpause. Leider bringt mich das dazu, die Sommerpause hier mit einem Nachruf zu beenden.

Schon vor etwa zwei Wochen ist Robin Meyer-Lucht überraschend gestorben.

Ich kannte ihn aus dem Netz, persönlich getroffen habe ich ihn nur einmal kurz, am Rande der Konferenz The Future Face Of Media in Frankfurt. Einige Male häufiger haben wir Mails ausgetauscht. In diesem Rahmen wirkte er immer erfrischend unprätentiös, außerdem offen, interessiert an Ideen und Texten. Beim-wort-genommen war gerade einen Monat online, da meldete er sich schon: Ob ich mir vorstellen könne, dass Carta Texte von mir crosspostet? Bis es soweit war, dauerte dann zwar deutlich länger, aber wir mailten in der Zwischenzeit hin und wieder. Er schlug sogar selber Themen vor. Und nachdem Horst Köhler zurückgetreten und ich von dem sich anschließenden Medienrummel noch etwas überfordert war, schrieb er, ich solle ihn einfach anrufen, wenn ich Fragen oder Zweifel hätte. Ich habe es dann nicht getan, mich aber sehr über das Angebot gefreut.

Carta sammelt Nachrufe, zumeist von Menschen, die ihn besser kannten. Lange habe ich überlegt, ob ich genug zu sagen habe, um auch einen zu schreiben. Dann fand ich: Ja. Obwohl wir eher wenig Kontakt hatten, finde ich es wirklich traurig, dass er tot ist.

Auf Twitterformat gebracht: R.I.P @romelu. Aber, du weißt, das Netz vergisst nicht: Du und deine Texte, ihr seid zumindest #iminternetnochnichtgestorben.

Thema: In eigener Sache | Kommentare (0) | Autor: