Was hat den Focus denn da geritten?
Freitag, 29. Oktober 2010 11:24
Vielleicht fanden die zuständigen Personen beim Focus, es sei jetzt mal genug mit dem Karl-Theodor zu Guttenberg. Ein anderer müsse her, oder eine andere, auf Dauer werden die immergleichen Lobeshymnen ja langweilig. Aber vielleicht ist es auch viel einfacher, und einige beim Focus finden Ursula von der Leyen schlicht toll.
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„Die Kult-Mutti“ titelt die aktuelle Ausgabe des Wochenmagazins nämlich, während die Kult-Mutti selbst hoch zu Rosse vom Cover blickt, trotz der Abendstimmung hell erleuchtet, die Zügel fest in der Hand. Und während Kult-Mutti noch als neckisches Wortspiel durchgehen könnte (das zweite Cover ziert Renate Künast als „Multi-Kulti“ und im Zusammenhang mit der aktuellen Debatte ist das ja auch total, nun, neckisch), wird die Botschaft schnell klarer: „Warum der Super-Ministerin 1 beinahe alles gelingt.“
Immerhin eines muss man diesem Titel lassen: Er weckt beim Leser keine falschen Vorstellungen. Wenn eine schon Kult ist und Mutti und super und ihr (beinahe) alles gelingt, dann sind die Fronten klar abgesteckt. Der zugehörige Artikel setzt fort, was der Titel versprach: Er ist eine einzige Lobrede auf die Bundesarbeitsministerin. 2
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Und so wird der Artikel mit einem weiteren ganzseitigen Foto eröffnet. Von der Leyen trägt eine fliederfarbene, glänzende, kurzärmelige Bluse, eine weiße Hose und lehnt lässig-entspannt an einem schlichten schwarzen Sofa vor einem warm-beigen Hintergrund. In der Hand hat sie einen Latte Macchiato. Und sie lächelt. Für den Fall, dass die Botschaft noch nicht angekommen sein sollte, erklärt der Infotext: „Mit Stil“. Wer weiterliest, erfährt, dass von der Leyen „16-Stunden-Tage“ und „letztes Detailwissen“ hat, außerdem ein „atemberaubendes Arbeitstempo“ vorlegt und „bei allem […] ein freundliches Lächeln“ trägt. Das Wochenende dagegen gehöre ganz ihrer Familie – Kinder, Ehemann, kranker Vater.
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Dann beginnt der Text, der „Powerblümchen“ heißt, was vermutliche eine Anspielung auf ihren Spitznamen „Röschen“ sein soll, den ihr einst ihr Vater gab, und der „für einen ganz engen Familien- und Freundeskreis vorbehalten“ ist, wie der Text erklärt, was die Autoren gleichwohl nicht daran hinderte, ihn dreimal zu verwenden (und „Mauerblümchen“ unter ein Foto zu texten). Wie auch immer: Im Lead erfährt der Leser, dass von der Leyen die „stärkste Frau in Angela Merkels Kabinett“ ist. Es wird nicht ganz klar, ob die vorher aufgezählten Eigenschaften („Tochter eines Landesvaters, Mutter von sieben Kindern, Bundesministerin und Präsidentschaftsanwärterin“) diese Aussage begründen oder nur Zierde sind. Und es bleibt die Frage, ob die Spitze gegen Merkel beabsichtigt ist oder nicht – denn auch die Kanzlerin ist ja Teil des Kabinetts; und immerhin folgt die Frage: „Bald ist sie die Nummer zwei in der CDU – was kommt dann?“
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Nun, um es vorweg zu nehmen, der Artikel erklärt weder, was dann kommt, noch, warum von der Leyen beinahe alles gelingt. Aber es ist nicht allzu weit hergeholt zu vermuten, dass es darum auch nie ging. Dafür erfährt man, dass „fast alle“ ihr den „Präsidentenjob“ [sic] zutrauen und „die Öffentlichkeit“ sogar „eigentlich alles“. Was nur teilweise mit der auch drei Seiten weiter gedruckten Umfrage zusammenpasst, der zufolge sich 69 Prozent der Befragten von der Leyen nicht als Kanzlerin vorstellen könnten. Es passt allerdings schon besser, wenn man es umformuliert: „Ein Viertel der Deutschen glaubt, dass von der Leyen selbst in dieser Rolle brillieren könnte“. 3
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Und in diesem Ton geht es weiter. Die Frau, „der alles zu gelingen scheint“, stehe schon „wieder mit einer Erfolgsmeldung im Rampenlicht“, jetzt, weil die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen liegt, was sie aber nicht als eigenen Erfolg verkauft, und zwar, weil sie „zu vorsichtig“ ist (nicht etwa, weil es nicht ihr Verdienst ist – oder, weil es nur stimmt, wenn man nicht alle Arbeitslosen auch als arbeitslos definiert). „Politisch geschickt und öffentlichkeitswirksam agierend“ sei sie schon als Familienministerin „ein Glanzlicht im Kabinett“ gewesen, ein „Engel für Angie“. Als „beharrlich und mit Finesse“ wird sie beschrieben, als eine, die beweisen habe, dass sie „Kritikern die hohe Stirn bieten kann, die sie ihrem Vater […] so ähnlich scheinen lässt.“
Das „strahlende Lächeln“ taucht erneut auf und dass sie bei „hohem Arbeitstempo“ (und „mit durchgedrücktem Rücken“!) eine „fast militaristische Härte“ gegen sich und andere walten lässt, ist der kritischste Satz, den die Autoren nicht als Aussage von Kritikern darstellen (und meist postwendend entkräften), sondern einfach stehen lassen.
Dass sie arrogant sei, sagen Kritiker, sagt der Focus, aber dann darf der kritisierende „CDU-Stratege“ auch wieder loben, dass sie „harte Ergebnisse in schönster Leichtigkeit präsentiere.“
Andere sagen, sie versuche immer nur, ihre eigene Beliebtheit aufzupolieren, sagt der Focus, aber dann darf ein anderer klarstellen, „dass von der Leyens Engagement echt ist“.
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Bevor eine halbe Seite von der Leyens Familienleben gewidmet ist, konstatieren ihr die Autoren noch: „Auf Menschen zugehen, zugewandt sein – kaum ein deutscher Politiker beherrscht das so wie die zierliche 52-Jährige“. Allerdings sagt eine Kritikerin, von der Leyen habe „null emotionale Verwurzelung in der Partei“. Und die Autoren legen nach: „Dass jemand die Ministerin ‘Uschi’ oder ‘Ulla’ nennen könnte, scheint ausgeschlossen.“ In einem Anflug von kritischem Übermut registieren die Autoren sogar einen „Zickenkrieg“ im Sommer zwischen von der Leyen und ihrer Nachfolgerin Schröder. Allerdings, die Schuldige ist schnell ausgemacht: „Während von der Leyen öffentlich eine Chipkarte zur Lösung der Bildungsprobleme benachteiligter Kinder feierte, grätschte die Familienministerin per Interview rein“. Man beachte: Von der Leyen feierte die Karte nicht „als Lösung der Bildungsprobleme“, denn das hätte ja bedeutet, dass gar nicht klar ist, ob die Karte eine Lösung ist; nein, sie feierte eine „Chipkarte zur Lösung von Bildungsproblemen“. Wer da grätscht, ist natürlich unfair; aber Schröder war eben „einfach die Galle übergelaufen.”
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Der Schlusssatz wirft dann noch einmal die Frage auf, die der Vorspann zu beantworten versprochen hatte. Scheinbar lautet von der Leyens Motto „Jeder wird gebraucht“, jedenfalls behauptet das der Text, und die Autoren schließen mit der Aussage: „Das gilt auch für sie selbst – wofür auch immer.“
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Natürlich steht es jedem frei, Ursula von der Leyen toll zu finden. Ich persönlich sehe das anders. Das liegt daran, dass von der Leyen andere politische Positionen vertritt als ich, aber vor allem daran, dass es für mich, normativ, das größte Vergehen eines Politikers an der Öffentlichkeit ist, sie wissentlich zu belügen, um die eigene Agenda durchzudrücken – und es gibt starke Indizien dafür, dass von der Leyen genau das getan hat, als sie Internetsperren verfocht und etwa Indien öffentlich bezichtigte, nicht gegen Kinderpornographie vorzugehen. Aber unabhängig davon: Man kann das anders sehen, das haben normative Aussagen so an sich.
Man muss auch nicht fordern dass Politikjournalisten kritisch sind; dass sie versuchen, Distanz zu wahren; dass sie sich der Öffentlichkeit, also allen Lesern verpflichtet fühlen, und nicht einzelnen Politikern oder Themen. Auch das ist eine persönliche normative Positionierung.
Aber eigentlich hat sich eine Unterscheidung eingebürgert und im Alltag bewährt, weil sie hilft, Aussagen einzuordnen: Den Versuch, Vermittler zu sein zwischen politischem System (im Sinne von Entscheidungsträger) und Bürgern, den Versuch, dem Leser nicht eine normative Position als wahr und richtig zu verkaufen, nennt man Journalismus. Den gegenteiligen Versuch, nämlich den, dem Leser eben genau eine normative Position (einer Person) als wahr und richtig zu verkaufen, nennt man PR.
An einer Stelle im Text steht, von der Leyen wolle „Herrin ihres eigenes Images“ sein, sie lasse sich daher von PR-Fachleuten beraten. Oder sie wendet sich künftig einfach an den Focus. Journalismus hin oder her.
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- Ja, es gibt diesen Begriff als nicht-wertende Bezeichnung und ja, Wolfgang Clement als Arbeitsminister wurde auch so genannt. Er war eber außerdem Wirtschaftsminister – und hatte damit quasi zwei klassische Ressorts inne. Von der Leyen nicht, das am Rande. ↩
- Sogar der Auftritt bei Wetten, dass…?, bei dem sie sich schmachtend (“Hugh!”) vom Sexiest Man alive, Hugh Jackman, aus einer Mülltonne heben ließ, wird positiv gedeutet. Aus einem Auftritt, den man amüsant finden kann, unaffektiert, aber auch pubertierend und peinlich, wird hier ein “perfektes Spiel”. Das ist nur ein winziges Detail, ich weiß. Aber ich fand es bemerkenswert. ↩
- Zur Ehrenrettung soll erwähnt sein, dass es auf der nächsten Seite dann doch heißt: „Lob ohne Grenzen? Lob mit Grenzen. Denn die Frage, ob Ursula von der Leyen auch als Kanzlerin tauge, verneinen 69% der Bürger.“) ↩
Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (0) | Autor: Jonas Schaible