Montag, 6. September 2010 17:00
Der Bildblog hat sich verdienstvollerweise schon um die Umfrage gekümmert, der zufolge sich 18 Prozent der Deutschen vorstellen könnten, eine Partei mit Thilo Sarrazin zu wählen. Ich möchte dazu noch einige Worte mehr verlieren.
Um es kurz zu sagen: Die Fragebögen – und damit die Ergebnisse – sind das Papier nicht wert, auf dem sie möglicherweise gedruckt wurden. Möglicherweise, schreibe ich, und hier beginnen bereits die Probleme.
Denn weder auf der Emnid-Seite noch auf Bild.de finde ich detaillierte Angaben zur Ausarbeitung der Studie. Es fehlen sämtliche Hintergrundinformationen, es fehlt alles, das Ergebnisse einer Studie eigentlich überprüfbar macht, das erlaubt, eine Studie einzuschätzen. Ich kann zum Beispiel nicht wissen, ob die Befragung telefonisch durchgeführt wurde oder schriftlich oder vis–à–vis. Das mag noch zu verschmerzen sein, weitaus problematischer ist, dass unklar bleibt, wie viele Personen befragt wurden und wie sie ausgewählt wurden. Wer auch nur ein wenig Ahnung davon hat, wie eine Befragung bewertet werden kann, wird an dieser Stelle schon extrem vorsichtig. Zum Beispiel macht es einen extrem großen Unterschied, ob die Probanden zufällig oder eben nicht zufällig ausgewählt wurden. Auch die Größe der Stichprobe ist relevant – zumindest, wenn es sich um eine Zufallsauswahl handelt. Aber eben: Nichts.
Gut. Oder eben: Nicht gut. Aber glücklicherweise findet sich auf Bild.de eine Klickstrecke, die die Fragen und Ergebnisse detailliert auflistet. Ein Blick auf die Fragen lohnt sich definitiv.
Und, was können Sie sich so vorstellen?
Zunächst die zentrale Frage: “Könnten Sie sich vorstellen, eine neue Partei zu wählen, wenn Thilo Sarrazin Vorsitzender dieser Partei wäre?”
Dazu hat, wie erwähnt, Stefan Sichermann im Bildblog schon einiges geschrieben. Trotzdem noch einmal: Der Witz an dieser Frage ist ihre Unbestimmtheit. Könnten Sie sich vorstellen, wird da gefragt, und vorstellen kann man sich zunächst einmal vieles. Die Beispiele Linkspartei und Horst Schlämmer sind im Bildblog ja aufgeführt und illustrieren das Problem ganz anschaulich. Also, wenn man die Frage aufschlüsselt, steht da:
1) Es gibt eine hypothetische neue Partei.
2) Deren Vorsitzender ist Thilo Sarrazin.
3) Es gibt keine Angabe zum Zeitpunkt.
4) Es gibt keine Angabe zu den Inhalten, die diese Partei vertritt. Noch nicht einmal eine Einordnung ins Parteiensystem nach dem klassischen Rechts-Links-Schema.
5) Es gibt keine Angabe zur Art der Wahl. (Kommunalwahl? Landtagswahl? Bundestagswahl? Europawahl?).
Punkt 4) ist dabei der wichtigste. In der Frage steht nicht, dass diese Partei eine rechte, rechts-populistische oder rechts-extreme, jedenfalls eine rechts der Union wäre. Ich für meinen Teil könnte mir zum Beispiel schon eine Konstellation vorstellen, in der ich eine neue Partei, deren Vorsitzender Thilo Sarrazin ist, wählen würde. Es fällt mir schwer, aber ich könnte. Wie ich mir so vieles möglicherweise vorstellen könnte.
Zum Beispiel, wenn diese Partei Positioonen verträte, die ich selbst teile und die ich so in keiner anderen Partei repräsentiert sehe. Eine solche Partei könnte keinesfalls die Inhalte vertreten, die Sarrazin in der, nennen wir sie: Integrationsdebatte vertritt – aber in der Frage steht mit keinem Wort, dass sie das tut. Der Vorsitzende Sarrazin müsste sich vermutlich auch persönlich ändern, damit die Partei für mich wählbar wäre – das glaube ich nicht, aber thereotisch vorstellen kann ich es mir.
Doch selbst wenn Sarrazin weiter ein Rassist mit kruden Thesen bliebe, könnte ich mir möglicherweise eine Konstellation vorstellen – vielleicht auf kommunaler Ebene -, in der ich seine Partei doch wählte, solange er der einzige Rassist mit kruden Thesen in der Partei wäre (und möglicherweise schon massiv an seinem Stuhl gesägt würde).
Was ich mit alldem sagen möchte: Die Frage ist höllisch unpräzise formuliert. Hätte ich sie beantworten müssen, ich hätte wohl eigentlich antworten müssen “Ja, zumindest theoretisch könnte ich mir das in bestimmten Konstellationen vorstellen”; trotzdem hätte ich wohl “Nein” angekreuzt, weil ich zu glauben weiß, wie die Antwort interpretiert wird. Wenn eine Frage derart unpräzise formuliert ist, kann man das Ergebniss in die Tonne treten. Es ist nicht belastbar, weil das Antwortverhalten der Befragten nicht einschätzbar ist.
Dazu kommt noch, dass ich bei dieser Frage ja theoretisch unendlich viele Stimmen habe. Jeder der Befragten könnte etwa auf die Frage “Könnten Sie sich vorstellen CDU/SPD/GRÜNE/FDP/LINKE/Eine-neue-Sarrazin-Partei zu wählen” sechsmal Ja antworten. Die Aussage: Sarrazin würde bei einer Wahl wohl 100% bekommen, kann man daraus trotzdem nicht ableiten. Wollte man eine halbwegs verlässliche Aussage in diese Richtung treffen, müsste man vielleicht eine Art Sonntags-Frage stellen und zusätzlich zu den etablierten Parteien eine neue – inhaltlich definierte – Sarrazin-Partei aufführen.
Aus der schon extrem unpräzisen Aussage “18 Prozent könnten sich vorstellen, eine Partei mit Sarrazin an der Spitze zu wählen” die Aussage “18 Prozent würden Sarrazin ihre Stimme geben” zu machen, ist nicht einmal mehr nur unzulässig verkürzt.
Wie sähe die Zukunft im Vergleich zu einer anderen Zukunft aus, wenn die Vergangenheit anders ausgesehen hätte?
Aber es geht ja noch weiter, der Bogen beinhaltet noch mehr Fragen, von denen es mir zwei andere besonders angetan haben.
Diese hier ist zum Beispiel hübsch: “Glauben Sie, es wäre für die Zukunft Deutschlands besser, wenn diese [= die bisherige. Anm. bwg] Zuwanderung rückgängig gemacht werden könnte?”
Ob ich glaube, dass eine andere Zukunft als die wirkliche – die ich ja auch nicht kennen kann, immerhin ist es die Zukunft – besser wäre, wenn ich die Vergangenheit ändern könnte, was ich nicht kann – auch wenn ich nicht weiß, wie die Vergangenheit ansonsten ausgesehen hätte. Ich muss als Befragter, bevor ich antworte, also erst einmal die Vergangenheit einschätzen, dann die Zukunft, dann die geänderte Vergangenheit und die geänderte Zukunft, sage aber niemanden, wovon ich ausgehe: Und dann möchte aus meiner Antwort jemand irgendetwas ableiten? Auch wenn ich mir legitimerweise als Alternativ-Vergangenheit eine ausmalen kann, in der es keine Einwanderung gab, aber eine höhere Geburtenrate, oder eine mit wenig Einwanderung, aber niedriger Geburtenrate, oder eine, in der die Wiedervereinigung nie stattgefunden hat?
Wer meint, aus solchen Antworten etwas ablesen zu können, sollte sich einmal als Astrologe versuchen. Er könnte Talent haben.
Ist mangelnde Präzision ein Problem?
Und noch eine schöne Frage: “Thilo Sarrazin fordert, bei mangelndem Integrationswillen von Einwanderern Sozialleistungen zu kürzen. Stimmen Sie dem zu?”
Ein Grundprinzip bei der Fragebogenkonstruktion ist es, den Befragten nicht zu lenken. Suggestivfragen oder stark wertbesetze Begriffe sind zu vermeiden. Eine andere Grundregel besagt, man solle hinreichend präzise Begriffe verwenden. Integration ist aber kein präziser Begriff. Der eine stellt sich darunter vor, dass Einwanderer Deutsch lernen; der andere versteht unter Integration, dass Einwanderer ihr Muslim-Sein aufgeben (falls sie Msulime sind); der Dritte versteht unter Integration nur, dass das Grundgesetz oder Strafgesetze anerkannt werden. Es kann sich also jeder heraussuchen, welchen Integrationsbegriff er anlegt, wenn er die Frage beantwortet. Wie sollen da vergleichbare, aggregierbare Ergebnisse zustande kommen?
Außerdem ist Integration, würde ich zumindest behaupten, ein hochgradig positiv besetzer Begriff. Egal ob rechts oder links, dass sich Ausländer irgendwie integrieren sollen, da ist man sich einig. Integration – ja, gelungene Integration – ist ein anerkanntes Ziel von Einwanderungspolitik. Und zwar auch, weil der Begriff so unscharf ist: Für die einen meint er völlig Anpassung an eine nebulöse Leitkultur, für die anderen nur Bereitschaft zum harmonischen Miteinander, bei allen kulturellen Unterschieden.
Und dann noch: Mangelnd. Mangelnde Integration. Alleine das Wort mangeln drückt ja schon aus, dass der Zustand unerwünscht ist. Mangelernährung, eine Mangelhaft in der Deutsch-Arbeit, das möchten wir nicht. Es mangelt in der Frage also, leider, an etwas, das doch für alle wünschenswert ist.
Und, finden Sie das jetzt schlecht? Wirklich? Erstaunlich.
Sarrazin würde von Menschen gewählt!
Zusammengefasst sagt der Artikel hier, was schon am Anfang stand: Die Umfrage, die Emnid für die Bild am Sonntag durchgführt hat, taugt nichts. Sie ist nichts wert. Man kann ihre Ergebnisse getrost ignorieren. Nun ist das an sich noch nicht verwerflich.
Ich vermute, dass bei Emnid durchaus fähige Meinungsforscher arbeiten, die wissen, dass ihre Umfrage handwerklich schlecht ist. Ich vermute aber auch, dass die BAMS bei solchen Auftragsstudien nicht viel Wert auf eine methodisch saubere Arbeit legt, sondern für möglichst wenig Geld Ergebnisse möchte, die sich publizistisch irgendwie verwerten lassen. Emnid liefert und solange die Informationen zur Studie unter Verschluss bleiben, ist das für alle Seiten in Ordnung. Solange, ja solange nicht andere Medien die verkürzten und unzulässig uminterpretierten Ergebnisse einer handwerklich völlig untauglichen Studien verbreiten.
…
RP-Online: Angst vor der Sarrazin-Partei.
“Nach einer in der Zeitung “Bild am Sonntag” veröffentlichten Emnid-Umfrage würden 18 Prozent einer von Thilo Sarrazin angeführten Partei ihre Stimme geben.”
Die Welt: “Sarrazin-Partei” wäre ein Erfolg.
“Fast jeder fünfte Deutsche würde Thilo Sarrazin wählen. Sollte er eine eigene Partei gründen, könnte er mit großem Zuspruch rechnen. Für 18 Prozent der Bürger ist es nach einer Emnid-Umfrage im Auftrag der “Bild am Sonntag” vorstellbar, eine “Sarrazin-Partei” zu wählen.”
Frankfurter Rundschau: Zulauf für die Sarrazin-Partei
“Eins hat Thilo Sarrazin geschafft: Laut einer Emnid-Umfrage würden 18 Prozent der Deutschen eine von ihm geführte Partei wählen.”
Kleine Zeitung: Deutschland streitet über Integrationspolitik.
“Kanzlerin Merkel und SPD-Chef Gabriel versuchen, eine Debatte über Migration zu versachlichen. 18 Prozent würden eine Partei von Sarrazin wählen.”
Stern: Bestwerte für Sarrazin: Fast jeder Fünfte würde Thilo wählen
“Noch will Sarrazin keine Partei gründen, aber er könnte. Eine Umfrage sieht ihn bei 18 Prozent.”
Immerhin schreibt der Autor richtigerweise: “Ob Sarrazin bei einer kommenden Wahl tatsächlich 18 Prozent der Stimmen erhalten würde, sagt die Umfrage nicht.” Vielleicht gehen Überschrift und Lead ja nicht auf das Konto des Autors.
Spiegel-Online: Umfrage sieht großes Potential für Protestpartei.
“Der Unmut vieler Bürger über die etablierten Parteien wächst – und das Potential für eine bürgerliche Protestpartei in Deutschland ist zurzeit enorm: Wie eine repräsentative Emnid-Umfrage für “Bild am Sonntag” ergab, würden 18 Prozent aller Deutschen eine neue Partei wählen – wenn ihr Chef der Migrationskritiker Thilo Sarrazin wäre. Damit stellt sich fast jeder fünfte Deutsche eindeutig hinter dessen umstrittene Thesen.”
Zeit-Online und Tagesspiegel: Die Nicht-Partei der Grummeldeutschen
“Siebzehn Prozent würden ihn also wählen, genauer gesagt eine Partei, die von Thilo Sarrazin geführt würde. Das hat das Demoskopie-Institut Emnid im Auftrag der Bild am Sonntag herausgefunden.”
…
Herrje. Und das sind nicht alle – selbst wenn man die automatisiert übernommenen Agenturmeldungen gar nicht betrachtet
Dass über so viele Studien ungeprüft und ohne Blick in die Umsetzung berichtet wird, halte ich für eines der größten Ärgernisse im Journalismus. Nicht nur hier. Aber auch hier.