Schreiben auf Transparenzpapier

Michalis Pantelouris (print-würgt.de) wagt etwas Neues. Der freie Journalist und Blogger wird sich nach Athen begeben und dort versuchen, eine Geschichte zu erzählen. Die Geschichte von einer jungen Frau, die vergangenes Jahr unter ungeklärten Umständen gestorben ist. Er wird dabei jeden Schritt seiner Recherchen dokumentieren; jedes Gespräch, jeden Kontaktversuch per Telefon, jede Aktenstudie. Pantelouris hat in seinem Blog ausführlich geschildert, wie es zu diesem Projekt kam, wie es genau aussieht und warum er glaubt, dass der (Online-)Journalismus mehr Transparenz braucht.

Stefan Niggemeier, bei dem ich davon erfahren habe, kommentiert das Projekt und spricht wichtige Fragen an: Ist es vertretbar, vom Tod einer Frau so detailliert zu berichten? Die Eltern zu besuchen, zum Tatort zu reisen, mit Bekannten zu sprechen, die Akten zu studieren, die Umstände zu schildern – und das alles in einem „live-blog“ auf neon.de? Wird hier nicht menschliches Leid zu einer Inszenierung, mit der vor allem Voyeurismus befriedigt wird?

Ich weiß es nicht. Wohl ist mir dabei auch nicht.

Aber das Unwohlsein liegt am Thema. Grundsätzlich finde ich das Projekt toll. Deshalb: Bitte alle die Texte von Pantelouris und Niggemeier lesen und ein eigenes Urteil bilden.

Im Übrigen erinnert mich das Projekt an einen Text, den ich vor fast drei Monaten geschrieben, aber nicht veröffentlicht habe; der Text blieb im Ordner, weil ich das darin angesprochene „Warum ich argumentiere, wie ich argumentiere“ noch nicht fertig hatte. (Und auch noch nicht habe: Aber es ist schon begonnen und hiermit erhöhe ich offiziell den Druck auf mich selbst, es endlich einmal zu Ende zu schreiben).

Ich nutze hiermit die Gelegenheit, den Text endlich online zu stellen. Zeit wird es. Weil ich finde, dass Pantelouris Recht hat, wenn er mehr Transparenz fordert. Und weil es im Internet so einfach ist, diese Forderung zu erfüllen.

Text vom 28.04.10:
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„Internetpublizistik ist vom Prinzip her lustgetrieben: Wer Spaß hat, über ein Thema zu schreiben, tut das, wenn er keine Lust mehr hat, hört er auf. Und wenn gerade andere Dinge wichtiger sind, sind andere Dinge eben wichtiger.“ Habe ich eben gelesen – und mich ein bisschen schlecht gefühlt. Recht hat sie ja, die Eva-Marie Schnurr: Lustgetrieben das alles. Andererseits hat sie auch Recht, und andere Dinge sind gerade nun mal wichtiger.
Wie dem auch sei: Ich dachte, der lesenswerte Text „Wie der Blauflossenthunfisch“, aus dem obiges Zitat entnommen ist, könnte Anlass sein, den Blog hier zu beleben – und eine Idee umzusetzen, die mir schon länger im Kopf herumschwirrt.

„In den USA gehen Journalismusprojekte inzwischen diesen Weg: Sie legen offen, was eine Recherche kostet. Warum nicht auch Transparenz darüber, wie lange der Journalist recherchiert hat, ob er vor Ort war oder nur telefonieren konnte? Wer die Reise bezahlt hat. Ob ein Profi am Werk war oder ein Hobbyautor.“

Schon länger denke ich mir, dass es möglich sein müsste, die viel beschworene Transparenz im Netz Wirklichkeit werden zu lassen. Denn, mal ehrlich, bis heute ist es damit nicht so wirklich weit her. Ja, Quellen werden verlinkt, sicher. Manche Autoren versehen manche ihrer Beiträge mit einem „Disclosure“, wenn sie etwa über ehemalige oder aktuelle Arbeitgeber schreiben. Alles gut und wichtig. Das alles ändert aber nichts daran, dass ich häufig auf mir bisher unbekannten Blogs lande, mich umschaue – und nichts finde, das mir helfen könnte, den Autor besser einzuschätzen. Der erste Klick geht immer ins Impressum, lieber zu einem „About“. Doch meistens hilft auch das nicht wirklich weiter. Dabei will ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Rechtsradikaler, Linksradikaler, Kirchengläubiger, Kirchenhasser, Kulturpessimist, Konstruktivist, Kriegsbefürworter oder Pazifist, hü oder hott? Denn wenn ich weiß, wo jemand politisch oder generell weltanschaulich zu verorten ist, kann ich seine Texte besser einordnen.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass sich die Lage auf beim-wort-genommen nicht anders darstellt: Viel erfährt der Leser schließlich nicht über mich. Bisher steht da auf „Über diese Seite“: „Beim-wort-genommen steht keiner Partei, keinem Unternehmen, keiner Kirche, keinem Verein und keiner wie auch immer gearteten Vereinigung nahe. Der Autor fühlt sich allenfalls der Wahrheit, gutem Journalismus und den universellen Menschenrechten verpflichtet.“
Klingt ja ganz nett 1, aber: Kann dadurch jemand einschätzen, warum ich für X und gegen Y argumentiere, oder warum ich A ablehne und B nicht? Welchen Wahrheitsbegriff habe ich, was verstehe ich unter gutem Journalismus und wie eigentlich begründe ich meine Unterstützung für die Menschenrechte? Mit Gott? Rechtspositivistisch? Gar nicht – es ist halt so?
Auch mein About versucht noch, eine Art Objektivität zu suggerieren. Aber bedeutet die Tatsache, dass ich keiner Partei nahe stehe, etwa auch, dass ich nicht Grundüberzeugungen habe, die mit den Ideen der einen besser zu vereinbaren sind als mit denen der anderen? Die Information, dass beim-wort-genommen kein Parteiblog ist, ist notwendig, aber keineswegs hinreichend.

Irgendwie ist das so kein zufriedenstellender Zustand. Ich möchte, dass ein neuer Leser auf meiner Seite einschätzen kann, wie ich zu meinen Aussagen komme. Ich möchte, dass er dann entscheiden kann, ob er meine Positionen teilt oder ob er meine Haltung ablehnt und mich deshalb nie wieder lesen wird. Ich möchte, dass er die Chance hat, meine Argumentation zu analysieren und gegebenenfalls logische Fehler zu entdecken (und mich dann in den Kommentaren darauf hinzuweisen).

In der Wissenschaft gehört es zum Fundament einer jeden Arbeit, dass Quellen und Prämissen offengelegt werden. Nur so wird Wissenschaft nachvollziehbar und damit sinnvoll kommunizierbar. Im Journalismus der Knappheit, in dem Zeitungsseiten genauso rar waren wie Sendeminuten, konnte man dieses Prinzip nicht sinnvoll umsetzen – obwohl es genauso hilfreich wäre wie in der Wissenschaft.
Und vielleicht können noch nicht einmal Internet-Zeitungen so vorgehen, weil so viele Autoren involviert sind. Aber: Ich kann hier meine Prämissen und Quellen offenlegen. Jeder Blogger kann das tun – und, wenn man mich fragt: Jeder Blogger sollte es.

Deshalb habe ich jetzt eine Seite „Warum ich argumentiere, wie ich argumentiere“ 2 eingerichtet. Darin versuche ich zu erklären, von welchen +Annahmen ich ausgehe, welches Menschenbild ich habe, von welcher Realität ich ausgehe.
Um auch hier transparent zu sein: Vieles davon ist Stückwerk. In vielen Punkten muss ich selbst noch innere Widersprüche auflösen, bevor ich eine klare Haltung formulieren kann. Oft werde ich in Artikeln meine Prämissen weiter spezifizieren müssen. Das Ganze ist ein Versuch, Transparenz herzustellen, nicht mehr. Es erhebt nicht den Anspruch, vollständig kohärent und umfassend zu sein. Und, ganz wichtig: Diese Seite kann immer und jederzeit bearbeitet werden – so wie sich auch Einstellungen mit der Zeit verändern können.

Außerdem werde ich versuchen, zu jedem Beitrag anzugeben, auf welche Quellen ich mich stütze. Ein bisschen wie in einer wissenschaftlichen Arbeit. Im Journalismus ist die Versuchung groß, so zu tun, als sei man völlig informiert. Man schreibt eine Geschichte, suggeriert dem Leser völlige Selbstsicherheit – und hofft danach fingernägelkauend, dass sich kein Fehler eingeschlichen hat und wenn doch, dass es keinem auffallen möge. 3 Und bitte bitte, es möge doch niemand bemerken, dass man hier und da noch tiefer hätte recherchieren können.

Man mag von Jeff Jarvis halten, was man will; im Interview mit der Berliner Zeitung hat er neulich etwas sehr Kluges gesagt: „Die Schlüsselqualifikation für Journalisten wird in Zukunft eher sein, zu sagen, was wir nicht wissen, als was wir wissen. Wir müssen zugeben, dass wir nicht allwissend und allmächtig sind. Hier ist die ganze Geschichte, hieß es früher. Bullshit, es war nie die ganze Geschichte, konnte es gar nicht sein, schließlich entwickelt sich die Geschichte weiter, während die Zeitung gedruckt wird. Muss ich deswegen meinen Artikel hundertmal umschreiben? Nein. Im Blog kann man den Prozess verfolgen, in den Links stecken die Fußnoten und die Quellen.“

Bullshit, es ist nie die ganze Geschichte. Wie Recht er hat. Und zum Thema Fehler führt Jarvis aus: „Als ich ein Reporter war, habe ich mich immer geschämt, wenn ich einen Fehler gemacht habe. Ich wollte mich verstecken und hoffte, dass niemand es entdeckt und wir keine Korrektur drucken müssen. In der Blogwelt habe ich gelernt, dass seine Fehler zu korrigieren, die eigene Glaubwürdigkeit vergrößert. Man beseitigt den Fehler nicht, man streicht ihn durch und zeigt, dass man es nun besser macht.“
Vielleicht geht es nur mir so, aber ich kenne diese Angst vor dem Fehler; eine Angst, die auch entsteht, weil ein gedruckter Fehler nun mal ein gedruckter Fehler ist. Zunächst einmal nicht mehr veränderbar. Eine Angst, die verstärkt wird durch die Fassade der Fehlerfreiheit. Dabei ist Freiheit vor Fehlern eine Uropie. „Wir machen alle welche! […] Wir sind Menschen. Überraschung!“, sagt Jarvis. Eben. Deshalb: Unter jedem Text wird sich künftig eine Liste mit Quellen finden.

Wenn es keine gibt, weil ich aus dem Kopf geschrieben habe, wird da stehen, dass es keine gibt. Wenn es Internetseiten sind, werde ich darauf verlinken. Wenn es Mails gibt, werde ich sie, so es erlaubt ist, hochladen (und darauf hinweisen, wenn ich es nicht darf). Wenn es – was für den Blog selten vorkommt – Telefonate sind, werde ich es vermerken. 4

Oft genug frage ich mich selber, woher Autor X seine Informationen hat. Klingt überzeugend und informiert – aber verkauft er mir gerade Wikipedia-Halb-Wissen 5 oder hat er stundenlang in der Bibliothek wissenschaftliche Aufsätze gewälzt und mit Experten telefoniert?

Mit einer ordentlichen Auflistung aller Quellen wird eine möglicherweise dünne Recherche nicht weniger dünn und angreifbar als vorher – aber es behauptet dann auch keiner, mehr oder gar alles wissen. Das nimmt Druck vom Autor und ist vor allem fair dem Leser gegenüber.

Über Meinungen, Kritik und Verbesserungsvorschläge 6 freue ich mich genauso wie über Blogger, die dem Beispiel möglicherweise folgen.

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  1. Darf man so eigene (langweilige) Selbstbeschreibungen beschreiben?
  2. Mein Blog heißt beim-wort-genommen.de – ich darf sperrige Titel wählen.
  3. In Zeiten, da Medienblogs Hochkonjunktur haben und Kommentarfunktionen Webstandard sind, ist diese Hoffnung allerdings oft vergebens.
  4. Bei Links, die ich ja normalerweise auch jetzt schon im Text setze, muss ich mir noch überlegen, ob ich eine andere Linkfarbe für Quellenlinks und solche, die für den Leser ergänzend eingebaut wurden, wähle (z.B. Wikipedia-Links, die ich für den konkreten Text nicht genutzt habe). Denn die Links nur am Ende aufzuführen, wäre wohl dem Textverständnis nicht dienlich. Bis auch Weiteres werde ich es wohl mit folgendem Muster versuchen: Gefettete Links sind Recherchequellen, nicht-gefettete sind ergänzend.
  5. Nicht missverstehen: Ich liebe Wikipedia, ich nutze Wikipedia und ich halte Wikipedia für eine meistens sehr verlässliche Quelle, sofern man grundlegende Spielregeln beachtet (Diskussionsseite checken, Versionenseite checken, Quellenlage checken, eventuell Weblinks lesen).
  6. Bitte bitte: Wie kann ich ordentliche Fußnoten erstellen, so wie z.B. bei coffee-and-tv? Hilfe?!

18. Juli 2010 von Jonas Schaible
Kategorien: In eigener Sache, Journalismus | Schlagwörter: , , , | 6 Kommentare

Kommentare (6)

  1. „[6] Bitte bitte: Wie kann ich ordentliche Fußnoten erstellen, so wie z.B. bei coffee-and-tv? Hilfe?! “

    Tipp: Schreib eine Mail an coffee-and-tv und frag sie…

  2. Um mal die banale Frage in Fußnote 6 zu beantworten: http://www.elvery.net/drzax/wordpress-footnotes-plugin

  3. Ja, ok. WordPress-Blog. WordPress-Plugin. Hätte man eigentlich drauf kommen können… Ohje.
    Danke.

  4. Pingback: VAGGI DE/EU/ORG

  5. „[…] Deshalb habe ich jetzt eine Seite „Warum ich argumentiere, wie ich argumentiere“ eingerichtet. […]“

    Wo ist denn die Seite? Bin ich mit Blindheit geschlagen, oder gibt es sie (hoffentlich nur ’noch‘) nicht? Täte mich nämlich interessieren…

  6. Ich zitiere mich selbst: „der Text [also dieser Blogbeitrag hier] blieb im Ordner, weil ich das darin angesprochene „Warum ich argumentiere, wie ich argumentiere“ noch nicht fertig hatte. (Und auch noch nicht habe: Aber es ist schon begonnen und hiermit erhöhe ich offiziell den Druck auf mich selbst, es endlich einmal zu Ende zu schreiben).“

    Ich habe wenig Zeit, sollte das aber in der Tat endlich einmal richtig angehen. Die Seite gibt es also noch nicht.

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