Differenzieren? Nur in homöopathischen Dosen!
Man mag geteilter Meinung sein über Karl Lauterbachs (SPD) Vorschlag, gesetzlichen Krankenkassen künftig zu verbieten, homöopathische Behandlungen zu bezahlen. Der Vorstoß ist gewiss kontrovers, vor allem, weil Homöopathie in Deutschland weithin anerkannt ist; zumindest unter den Patienten.
Wissenschaftlich spricht ziemlich wenig für und ziemlich viel gegen Homöopathie. Anders gesagt: Eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung, ein kausaler Wirkmechanismus konnte bisher nicht verlässlich gezeigt werden. Im Gegenteil: Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2005 gab keinen Anlass dazu, die Hypothese „Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus“ zu verwerfen.
Alle anderen vermeintlichen Belege, vor allem persönliche Erfahrungen, erlauben keine hinreichende Kontrolle von Drittvariablen und sind demnach kein gültiges Argument.
Was Pflanzenheilkunde von Homöopathie unterscheidet
Ein häufiges Problem in dieser oft emotionalen Debatte mit zwei verhärteten Fronten ist, dass Verfechter von Homöopathie diese gerne mit so genannten weichen, natürlichen Medikamenten gleichsetzen. Im Prinzip wird dabei ein Gegensatz „pflanzliche Wirkstoffe vs. Im Labor erzeugte „chemische“[2] Wirkstoffe“ aufgebaut. Das ist allerdings Unsinn. Klassische Homöopathie, zurückgehend auf Samuel Hahnemann, ist nicht gleichzusetzen mit Naturheilkunde. Auch Teile der Naturheilkunde, die Pflanzenheilkunde vor allem, arbeiten mit (eben pflanzlichen) Stoffen, die eine normalerweise (empirisch evidente) Wirkung haben. Im Grunde gilt dabei: Je mehr X (Wirkstoff), desto größer ist Y (die Wirkung). Auch wenn es da natürlich Grenzen gibt und Nebenwirkungen bedacht werden müssen und auch wenn es etliche naturheilkundliche Verfahren gibt, auf deren Wirksamkeit es keine verlässlichen Hinweise gibt.
Homöopathie dagegen arbeitet neben dem (empirisch nicht evidenten) Prinzip, das Gleiches mit Gleichem zu behandeln sei [3] mit dem Potenzierungsprinzip. Heißt: Je höher der Wirkstoff, den es auch hier gibt, verdünnt ist, desto stärker wirkt er. Im Prinzip ist das noch eine logische je-desto-Beziehung. Je weniger X, desto mehr y (hier: Wirkung). Aber: Bleibt X aus, bleibt auch Y aus. Das widerspricht allerdings allen bekannten Gesetzmäßigkeiten. Neben dem Problem der empirischen Evidenz hakt es hier auch logisch.
Zumal bei gebräuchlichen Potenzierungen wie D30 und mehr (also eine Einheit Wirkstoff in 10 hoch 30 Trägereinheiten [4]) oft gar kein Wirkstoffmolekül mehr nachgewiesen werden kann.
Um den Unterschied von der oben beschriebenen Naturheilkunde und Homöopathie zu illustrieren: Natürlich lindert ein Pfefferminztee kurzzeitig Halsschmerzen. Aber er erzeugt dennoch keine, wenn man ihn schmerzfrei trinkt, und er lindert die Schmerzen nicht stärker, wenn man einen Tropen in einem Fass Wasser oder dem Bodensee verdünnt.
All das bedeutet, es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Homöopathie jenseits des Placebo-Effekts wirkt. Nicht bestreitbar ist allerdings, dass sie in diesem Rahmen (wie jedes Medikament) wirkt, dass intensive Arzt-Patienten-Gespräche extrem starke Placebos sind und dass bei kleinen Erkrankungen ein bewusstes Kalkulieren mit dem Placebo-Effekt durch den Arzt vielleicht sinnvoll sein kann. Es gibt also durchaus gute Argumente gegen Lauterbachs Vorschlag. Hier muss man abwägen. Ich würde hier ad hoc keine Entscheidung treffen wollen.
Künast: Naturheilverfahren nicht herausnehmen
Was allerdings extrem ärgerlich ist, und damit der abermalige Schwenk weg von der Wissenschaft hin zur Politik: Wenn Politiker eben die Trennung von Homöopathie und Naturheilkunde aufheben. Sven Geyer schreibt in der Berliner Zeitung (und der Frankfurter Rundschau):
Die Grünen lehnen eine generelle Herausnahme von Naturheilverfahren aus der gesetzlichen Krankenversicherung dagegen ab. Fraktionschefin Renate Künast sagte der Berliner Zeitung: “Die pauschale Kritik verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung vieler Heilmittel zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt.”
Ich kenne nun Lauterbachs Vorschlag im Wortlaut nicht, traue dem promovierten Mediziner aber eine differenzierte Sichtweise zu, als Renate Künast. Und ich weiß auch nicht, wer Künast wie davon unterrichtet hat. Man korrigiere mich, wenn ich falsch liege und es Lauterbach oder ein Journalist gewesen sein sollte, der Naturheilkunde und Homöopathie als erster unzulässig vermengt hat. Ich habe allerdings keine Zeit, das alles nachzurecherchieren.
Unabhängig davon ist aber: Es wäre angebracht, diese Debatte schon jetzt noch einmal auf ein solides Fundament zu stellen. Wie eingangs gesagt: Der Vorschlag ist streitbar. Aber bitte sachlich und nicht in einem ideologischen Grabenkampf.
Das schreiben andere:
- Piratenleben kündigt eine Artikelserie zur Homöopathie an
- Ruhrbarone: Sparen, wo es gut tut
- Der Spiegel-Blog kritisiert einseitige Kritik des Spiegels an so genannten alernativen Heilmethoden
- Marcus Anhäuser in Plazeboalarm über den aktuellen, homöopathie-kritischen Spiegel-Titel
———-
[1] die die Ergebnisse von 110 placebo-kontrollierten Studien zur Homöopathie mit der gleichen Zahl ähnlicher placebo-kontrollierter Studien zur Schulmedizin verglichen hat; Näheres dazu etwa hier. Hier die summary und für registrierte User der Volltext.
[2] Ich schreibe hier chemisch in Anführungszeichen, weil streng genommen natürlich alle Wirkstoffe chemische Zusammensetzungen sind und der Begriff „chemisch“ – wie übrigens auch der Begriff „Gen-Food“ – ein Kampfbegriff ist, der einen Gegensatz zwischen natürlich und gut und künstlich und schlecht aufbaut. Dem liegt entweder rationales Kalkül oder ein essentialistisches Missverständnis zugrunde.
[3] Wenn X bei einem gesunden Menschen Y hervorruft, dann lindert X bei einem an Y leidenden Menschen eben Y.
[4] z.B. bei d30: 1 Tropen Wirkstoffessenz in 1 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 Tropfen Wasser.
Dienstag, 13. Juli 2010 11:41
Word. Danke dafür.
Freitag, 6. August 2010 2:13
A propos Differenzierung:
Ein häufiges Problem in dieser oft emotionalen Debatte mit zwei verhärteten Fronten ist, dass Verfechter von Homöopathie diese gerne mit so genannten weichen, natürlichen Medikamenten gleichsetzen.
Welche Verfechter sind das denn konkret? Gibt es da Zitate von Homöopathen, einen Link zu einem Verband…?
Diverse Skeptiker behaupten ja ständig, dass die Verfechter der Homöopathie die Mittel der Homöopathie als pflanzlich ausgeben. Sieht ja fast so aus, als ob das einer vom anderen ungeprüft abschreibt…?
Ich habe allerdings schon etliche Laien sagen hören, dass sie “was Homöopathisches” einnehmen. Und wenn ich dann nachhake, ist es oft ein Mittel aus der Pflanzenheilkunde, und der Unterschied ist nicht bekannt.
Homöopathie scheint für viele Menschen ein Oberbegriff für alle Arten von Tropfen und Tabletten zu sein, die als alternativ oder sanft gelten. Und das kann ich ja nicht den Homöopathen anlasten. Andere Begriffe werden von schlecht informierten Laien auch ständig verwechselt (z.B. Psychiater, Psychologe, Psychotherapeut), das ist wirklich nichts Besonderes.
Freitag, 6. August 2010 9:11
Mir geht es um genau die Laien. Um Anwender, um Menschen, die glauben, sie nähmen gerade etwas zu sich, das heilt.
Diese Aussage basiert auf eigenen Erfahrungen im realen Leben und im Netz. Ich weiß, das ist nicht vollends belastbar, aber deswegen habe ich ja geschrieben: “Ein häufiges Problem” – und nicht “das Problem” oder “das wichtigste Problem”.
Und: Ich laste das ja nicht den Homöopathen an.
Wo also ist das Problem?
Freitag, 6. August 2010 12:40
Vielleicht verwendet Künast auch bewusst einen falschen Oberbegriff. Sie kann gegenüber bei den Grünen sicherlich durchaus vertretenen eher esoterisch angehauchten Menschen darauf verweisen, dass sie sich ja gegen das verbieten solcher Verfahren ausgesprochen hat und sich bei wissenschaftlicheren Anfragen darauf zurückziehen, dass sie ja von Naturheilmitteln gesprochen hat und da dann zu Not ausweichend anführen “dass das ja ein weites Feld sei, dass man jetzt nicht im Einzelnen eingrenzen sollte” oder so.Würde politisch Sinn ergeben.
Freitag, 6. August 2010 13:01
Das Problem ist, dass nicht klar ist, wer mit “Verfechter der Homöopathie” überhaupt gemeint ist. Hätten ja auch irgendwelche Lobbys sein können.
Ich nehme die Leute, die sich bei Schnupfen oder leichten Schlafstörungen irgendwas aus der Apotheke holen, wovon sie schon mal bei Bekannten gehört haben (und dann nur den Markennamen kennen und nicht wissen, ob es ein homöopathisches Komplexmittel ist oder eine Kräutermischung), nicht als Verfechter der Homöopathie oder irgendwelcher Interessen wahr. Sonst würden sie sich doch z.B. auch an solchen Diskussionen in Blogs beteiligen.
Ein Konsument ist kein Verfechter. Ich bin jedenfalls kein Verfechter von Aldi, nur weil ich da schon mal gekauft habe.
Freitag, 6. August 2010 13:09
Ich halte übrigens viele sich so nennende Skeptiker für Fanatiker, die wild auf einen Kulturkampf sind. Dazu passt dann auch die Unterstellung, jeder Mensch, der mal was anderes ausprobiert, sei ein Verfechter aus einem gegnerischen Lager.
Freitag, 6. August 2010 14:24
Würden Sie fruendlicherweise aufhören, mir Aussagen unterjubeln zu wollen? Danke.
Ein Konsument ist nicht zwingend ein Verfechter. Das Lagerdenken haben Sie erwähnt. Von einer Unterstelung kann keine Rede sein.
Ich sage, dass es Menschen gibt, die Homoöpathie verwenden, die es bewusst verwenden, die damit ihre Kinder behandeln, die sich gegen Kritik wehren, die Homöopathie verteidigen. Das sind Verfechter. Dass es auch Menschen gibt, die irgendwann mal homöopathische Mittel nehmen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, solche, die zu differenzieren wissen, und viele andere mehr, habe ich doch nie bestritten.
Und ich frage mal nicht nach, welche Skeptiker Sie meinen, ob Sie Zitate haben und so weiter. In Ordnung?
Herrje.
Freitag, 6. August 2010 15:19
Ich sage, dass es Menschen gibt, die Homoöpathie verwenden, die es bewusst verwenden, die damit ihre Kinder behandeln, die sich gegen Kritik wehren, die Homöopathie verteidigen. Das sind Verfechter.
Und Laien, die Homöopathie so bewusst verwenden, geben die Homöopathie als Pflanzenheilkunde aus, um von deren guten Ruf zu profiteren? Oder wie jetzt?
Skeptiker und Fanatismus: Das Esowatch-Blog zum Beispiel.
Freitag, 6. August 2010 15:20
P.S. Warum eigentlich so bärbeißig?
Freitag, 6. August 2010 15:27
Nö. Laien verwechseln Homöopathie mit Pflanzenheilkunde und reagieren deshalb oft ungläubig bis unwirsch, wenn man ihnen erklärt, dass Homöopathie nach bisherigem Kenntnisstand nicht wirkt und nicht wirken kann. Deswegen verhärtete Fronten in einer oft emotionalen (Altags-)Debatte.
Bärbeißig? Ein bisschen vielleicht. Weil ich das Gefühl habe, mich ständig zu Behauptungen äußern zu müssen, die ich nicht getätigt habe. Ich werde versuchen, das zu ändern.
Freitag, 6. August 2010 15:45
Nö. Laien verwechseln Homöopathie mit Pflanzenheilkunde und reagieren deshalb oft ungläubig bis unwirsch, wenn man ihnen erklärt, dass Homöopathie nach bisherigem Kenntnisstand nicht wirkt und nicht wirken kann. Deswegen verhärtete Fronten in einer oft emotionalen (Altags-)Debatte.
Ah so. Ich führe solche Alltagsdebatten nicht, ich frage nur gern nach, wovon eigentlich die Rede ist.
Verfechter der Homöopathie wären für mich Leute, die aktiv und von sich aus für die Homöopathie eintreten und nicht nur in defensiver Weise, wenn man ihnen eine Diskussion aufzwingt. Und da ich das selbst nicht tue, treffe ich natürlich nie derartige “Verfechter”.
Freitag, 6. August 2010 15:57
Anders gesagt: Wenn man diese ominösen Verfechter der Homöopathie treffen will, muss man sie sich erst züchten ;o)
Mittwoch, 8. September 2010 14:46
Ich finde es absolut nicht verwunderlich, dass es kaum wissenschaftliche Studien für, aber viele gegen Homöopathie gibt. Das liegt einfach an den Untersuchngsmethoden. Man könnte genauso gut gegen Götter argumentieren, dass es wenig wissenschafltiche Studien für und viele gegen ihre Existenz gibt.
Eines der besten Werke, die es zum Thema Krankheit und Gesundheit meines Erachtens nach überhaupt gibt, ist von G. Canguilhem “Das Normale und das Pathologische” (von 1943!). Man könnte sagen, das Leben ist normativ, Gesundheit bedeutet, normativ sein zu können und Pathologie bedeutet es entweder nicht mehr oder anders zu können. Krankheit ist nicht weniger Gesundheit oder schlechtere, sondern ein ganz anderer körperlicher Zustand (kein qualitativer oder quantitativer Unterschied, sondern ein substanzieller): “Der Mensch, der krank ist, lebt wirklich ein anderes Leben.”
Man darf bei der wissenschaftlichen und medizinischen Forschung auch nicht vergessen, dass das interessengeleitete Forschung ist.
Ebenso, wie man sagen kann, die Homöopathie (deren Anhänger ich übrigens nicht bin) heilt nicht, kann man fragen, wieso es die Medizin nicht hinbekommt, die Menschen zu ihren eigenen Ärzten zu machen, auf das sie sich selbst heilen können. Dass die Menschen das nämlich nicht können und für jedes Leiden zu einem anderen gehen müssen, hat schon Immanuel Kant als ein fundamentales Merkmal der (selbstverschuldeten) Unmündigkeit postuliert. In dieser Perspektive denke ich, dass Homöopathie jedenfalls näher am “sein eigener Arzt sein können” ist, als das mit der Schulmedizin der Fall ist.
Man darf bei der Schulmedizin, wenn man sie mit Alternativmedizin vergleicht, auch nicht außer acht lassen, dass kaum eine Medizin soviele “Nebenwirkungen” und daraus folgende Schäden und sogar Tode bewirkt, wie eben die Schulmedizin. Den Nutzen muss man hier schon gegen den Schaden aufrechnen und ich schätze, dass Homöopathie etc. Schaden verursacht, weil ein Medikament nicht ausreichend ist (also indirekt schädigend), aber nie direkt schädigt oder tötet, während die Schulmedizin oft genug bewiesen hat, dass sie direkt schädlich (zb Contergan) und tödlich (zb AZT) sein kann. Allein schon dieses Risiko nicht eingehen zu wollen, kann ein Grund für eine Entscheidung für Alternativmedizin sein und der ist insoweit wichtig, als die Angst, an einem Medikament zu leiden oder zu sterben (der Stress) jedenfalls sicher nicht gesundheitsfördernd ist. Dieses Bedenken kann man bei der Geschichte der Fehlschläge der wissenschaftlichen Schulmedizin nicht als irgendwas esoterisches ausgeben oder mit einem Placebo-Effekt aushebeln. Nur weil ich nicht weiß, wieso etwas wirkt, heißt es nicht, dass es keine Wirkung gibt; es heißt einfach nur, dass meine Methode nicht ausreicht, um herauszufinden, wieso das, was man “PlaceboEffekt” nennt, wirkt.
Mittwoch, 8. September 2010 15:54
Äh, puh, so viel Text, also, zum letzten (Ab-)Satz: Nein. Es ist richtig: Dass ich eine Wirkung nicht erklären kann, heißt nicht, dass es keine gibt. Ich weiß bei Homöopathie aber eben, dass sie nicht nur theoretisch völlig unsinnig ist, sondern ich weiß auch (ziemlich sicher), dass es (empirisch überprüfbar) keine Wirkung jenseits des Placeboeffekts gibt, die ich erklären müsste.
Homöopathie wirkt jedenfalls nicht mehr als definitiv wirkstofffreier Zucker oder wirkstofffreies Wasser. Gute Studien sind immer placebokontrolliert, damit man das prüfen kann. Das ist sogar eine ziemlich gute Methode.
Im Übrigen, auf den anderen Wust will ich nicht eingehen: Wie kommen Sie zu der seltsamen Aussage, wissenschaftliche Forschung sei immer interessengeleitet? (Das ist sie allenfalls, wenn Sie mit “Interesse” meinen: Interesse an Wissenszuwachs).
Mittwoch, 8. September 2010 17:20
Wenn ich beweisen will, das irgend etwas viel schlechter ist als eine andere Sache, dann kann ich meine Studie durchaus auch so aufbauen, dass das rauskommt, was ich will.
Ein aktuelles Beispiel wären diverse “Expertisen” und “Studien” der Bundesregierung zu solchen Fragen wie Internetsicherheit (Studie ergibt, Internet muss viel mehr kontrolliert werden) oder Strom aus Kernenergie (Studie ergibt, Atomstrom ist völlig kostengünstig und super).
Manchmal habe ich den Eindruck, man denkt heute noch, wir würden forschen wie vor 100 oder 50 Jahren, so ganz idealistisch. Die Privatisierung der Universitäten und der Forschung ist vielen nicht aufgefallen, aber sie war eine Katastrophe.
Und was ist denn ein “Wust” an der Tatsache, dass Schulmedizinmedikamente mehr Menschen schädigen und töten als alle anderen zusammen?
Ich verstehe nicht ganz, wie man heute noch meinen kann, die Dinge wären nicht ein “Wust”. Wir leben in komplexen Zeiten, so muss man auch denken: komplex.
Mittwoch, 8. September 2010 17:26
Wenn Sie den Placeboeffekt für eine Erklärung halten, müssen sie tatsächlich nichts weiter erklären; aber dann ist es falsch zu sagen, dass Homöpathie theoretisch unsinnig ist, nur weil ihre praktische Wirkung (“Placebo-Effekt”) nicht weiter erklärt werden kann. Der Placebo-Effekt IST eine praktisch Wirkung, die Menschen gesund machen kann, weitaus weniger Kohle kostet als andere Medizin und darüberhinaus wohl keine Nebenwirkungen hat.
Es kommt ganz darauf an, wie man den Placebo-Effekt bewertet, also als irgendwas, was es gibt, aber was nicht so interessant ist oder als ein Art der Heilung. Wenn man meint, Gesundung ginge nur durch Arzt und Tabletten und Labor, dann ist das eine subjektive Meinung.
Siehe das, was ich von Immanuel Kant geschrieben habe…bezeichnen Sie den nur als “Wust” wenn Sie wollen… :)
Freitag, 10. September 2010 10:39
Der Wust ist: Dank “Schulmedizin” (man könnte auch sagen: wirklicher, evidenzbasierter Medizin), dank Antibiotika, Kortison, Strahlenbehandlung, Röntgendiagnostik und Impfungen werden wir (in den Industrieländern) heute im Schnitt fast 80 Jahre – Tendenz steigend -, sterben nicht mehr an einem Schnupfen oder an Tuberkulose, kennen Kindbettfieber quasi nicht mehr, haben die Masern und die Pest so gut wie ausgerottet, können Krebs und Aids teilweise bekämpfen, können Asthma behandeln, Bluthochdruck zumindest kontrollieren und Lungenentzündungen kurieren, uns gegen Kinderkrankheiten impfen und so weiter und so weiter. Wir können gerne versuchen, unser eigener Arzt zu sein, aber ich garantiere ihnen: Dann wird die durchschnittliche Lebenserwartung nicht mehr steigen, dann wird die Mortalität sprunghaft ansteigen, Lungenentzündungen sind dann keine Kleinigkeit mehr und Krebs ist wieder das fast sichere Todesurteil. Super Idee, bitte. Ich bleibe lieber bei einer Medizin, die ernsthaft versucht, Wirkstoffe zu finden, die bestimmte krankheiten bekämpfen können; durch nachprüfbare Methoden, theoretisch und empirisch fundiert; als Unterstützung zu den Sebstheilungskräften, die in vielen Fällen einfach nicht ausreichen.
Da irgendwelche Nebenwirkungen und Falschbehandlungen, die es immer gibt, gegen die evidentbasierte Medizin an sich ins Feld zu führen, ist doch hanebüchen.
Ansonsten: Natürlich ist die Frage, wie der Placeboeffekt genau zustande kommt, eine spannende. Ebenso die Frage, wie man ihn sich zunutze machen kann.
Das hat aber nichts mit Homöopathie zu tun. Deren Wirkung (aufgrund des Placeboeffekts) ist nicht höher als bei Zuckerkugeln oder Wasser ohne jeden Wirkstoff. Wo sollte nun also der Sinn eines dutzendfachen Verdünnends oder Schüttelns, der Sinn von – im Verglich zu Zucker teuren – vorgeblichen Medikamenten liegen, wenn am Ende doch nicht mehr herausspringt als bei gewöhnlichem Zucker? Homöopathie, das Simile-Prinzip und die Idee der Potenzierung, sind theoretischer Unsinn und empirisch wirkungslos. Der Placeboeffekt kommt überall zum tragen, auch bei (wirklicher) Medizin mit Wirkstoffen, alleine durch den Anblick des Arztes im Kenntniss verheißenden Kittel, durch Pflege in der Familie et cetera.
Freitag, 10. September 2010 23:25
Haben Sie sich mal gefragt, wie Menschen auf die Idee kamen, zb. dieses Bild http://cache2.allpostersimages.com/LRG/8/817/OBFY000Z.jpg
oder dieses Bild
http://www.the-eveolution.de/kunst/giraffe.jpg
zu zeichnen?
Wegen den Methoden der “wirklichen, evidenzbasierten Medizin” zu ihren Evidenzen zu kommen. Mit einem Wort Anna Bergmanns gesprochen, den Menschen “chemisch und anatomisch aufulösen und wie eine von der Umwelt abegschinttene, autonome Maschine zu rekonstruieren”, statt ihn “in seinem leiblichen Zusammenhang zu lassen”.
Die “wirkliche” Medizin hat so viel Schaden durch “Nebenwirkungen” verursacht wie keine andere vor ihr. Sie hat so viele ethische Abschuelichkeiten hervorgebracht (und tut das immer noch) wie keine andere vorher, und um das zu verstehen muss man sich nicht nur die Akten der Nürnberger Ärzteprozesse anschauen, sondern auch und vor allem, was davor und was danach geschehen ist. Wenn man, wie vor kanpp 10 Jahren ein “Arzt und Forscher” in Großbritannien auf die Vorstellung kommt, man könne ja kopflose Menschenbabys züchten und sie als quasi-lebende Organbank benutzen und das damit rechtfertigen, dass Menschen ohne Gehirn oder hirntote Menschen ja nur menschliches Gemüse seien, dann hört es auf, dass sich alles nur noch mit einem vermeintlichen Nutzen der Medikamente und der Heilverfahren begründen ließe, weil es einfach nur noch unmenschlich und abstoßend ist. Und dieser “Arzt und Forscher” steht nicht etwa außerhalb der “normalen, wirklichen, evidenzbasierten” Medizin, sondern er wäre ohne ihre Hilfe und ihre Methoden niemals zu dieser Vorstellung gelangt und auch niemals dazu, dass ernsthaft als ethisch vertretbares Heilverfahren zu denken.
Die homöpahtische Methode mag tatsächlich skurril wirken, aber sie hat es dafür nicht nötig, millionen an Tieren in Tests zu malträtieren, zu quälen und zu töten, um zu Heilungen – und seien sie nur durch Zuckerkugeln erreicht – zu kommen. Wenn sie BLOS Zuckerkugeln braucht, umso besser! Im übrigen ist weder TBC und die Pest nicht ausgerottet, sie findet nur gerade in UNSEREN Breitengraden nicht statt, wobei das für die TBC nicht mehr gilt (u.a. dank der Resistenzbildung der “wirklichen, evidenzbasierten” Medikamente), die möglicher Weise nun noch härter zurückkommt, als sie jemals war. Die Homöopathie hat es dank ihrer Methode auch nicht nötig, massenhaft Menschexperimente durchzuführen, bei denen man auch gerne ausblendet, dass Leute da zu schaden kommen, frei nach dem Motto: “Wenn einer stirbt und 5 krank werden, aber 100 oder 1000 oder dadurch gerettet werden, dann ist das schon okay und eine Supermedizin!”. Sowas muss die Homöpahtie gar nicht erst behaupten oder denken, weil sie es einfach nicht machen muss und es gar ihrer Methode widerspricht.
Ich kann es noch mit René Char verdeutlichen (und überhören Sie nicht die Ironie!): “Unser Lebenskörper im Zwangshemd seiner Nacht, aufgeteilt in eine Unzahl kostspieliger Lichtparzellen. Ah, welch ein Serail!”
Das Buch der Anna Bergmann (500 Jahre Geschichte der Medizin!), dass ich ihnen mal empfehlen will, heißt übrigens: “Der entseelte Patient: die moderne Medizin und der Tod.”
Das surrelae Bild des schubkastenartig geöffneten Menschen ist übrigens auf dem Cover dieses Buches und nicht ohne Grund…
In der “wirklichen, evidenzbasierten” Medizin ist der menschliche Körper nichts als ein Objekt, in der Homöpathie lässt man ihn ein ganzes, zusammenhängenedes, lebendes Wesen sein. Hätten wir statt der “wirklichen, evidenzbasierten” Medizin in unserer abendländischen Gesellschaft die homöopathische Medizin gehabt, so kann man sicher sein, dass die Nünrberger Ärzteprozesse nie hätten stattfinden müssen, das Robert Koch nie grausamste Menschenexperimente im ehemaligen Deutsch-Ostafrika in eigens dafür errichteten Konzentrationslagern durchgeführt (auf Gehieß der Mediziner der “wirklichen, evidenzbasierrten” Medizin, um Evidenzen zu bekommen mittels Experimenten, die man, so Koch selbst “in Deutschland so nie durchführen könnte”…) und es wäre auch nie jemand auf die Vorstellung gekommen, dass mittels der künstlichen Erzeugung kopfloser, mesnschlicher Babys irgend eine Form von Medizin begangen werden könnte.
Und zu sagen, wir würden ohne die “wirkliche, evidenzbasierte” Medizin keine Gesundheit mehr erreichen können folgt derselben Heilsdenke wie zu sagen, wir könnten ohne die Kirchen keine spirituellen oder religiösen Erfahrungen mehr machen. Es ist genau die Unmündigkeit, die Sie aussprechen, die Immanuel Kant als selbstverschuldet bezeichnet hat und die in Unmündigkeit lässt, solange wie man sich nicht um sich selbst sorgt und seine Sorge anderen überlässt, zb der “wirklichen, evidenzbasierten” Medizin.
Samstag, 11. September 2010 0:51
Das ist jetzt nicht mehr nur ein Wust, das ist ein äußerst wirrer Wust. Ich mag nicht mehr. Und das liegt nur teilweise am verkappten Godwin. Hilfe.
Dienstag, 14. September 2010 18:13
Ich könnte meine Aussage auf diesen Satz hier reduzieren: Hätten wir statt der “wirklichen, evidenzbasierten” Medizin in unserer abendländischen Gesellschaft die homöopathische Medizin (als Leitmedizin) gehabt, so kann man sicher sein, dass die Nürnberger Ärzteprozesse nie hätten stattfinden müssen.