Beiträge vom 12. Juli 2010

Differenzieren? Nur in homöopathischen Dosen!

Montag, 12. Juli 2010 15:23

Man mag geteilter Meinung sein über Karl Lauterbachs (SPD) Vorschlag, gesetzlichen Krankenkassen künftig zu verbieten, homöopathische Behandlungen zu bezahlen. Der Vorstoß ist gewiss kontrovers, vor allem, weil Homöopathie in Deutschland weithin anerkannt ist; zumindest unter den Patienten.

Wissenschaftlich spricht ziemlich wenig für und ziemlich viel gegen Homöopathie. Anders gesagt: Eine über den Placebo-Effekt hinausgehende Wirkung, ein kausaler Wirkmechanismus konnte bisher nicht verlässlich gezeigt werden. Im Gegenteil: Eine Meta-Studie aus dem Jahr 2005 gab keinen Anlass dazu, die Hypothese „Homöopathie wirkt nicht über den Placebo-Effekt hinaus“ zu verwerfen.
Alle anderen vermeintlichen Belege, vor allem persönliche Erfahrungen, erlauben keine hinreichende Kontrolle von Drittvariablen und sind demnach kein gültiges Argument.

Was Pflanzenheilkunde von Homöopathie unterscheidet

Ein häufiges Problem in dieser oft emotionalen Debatte mit zwei verhärteten Fronten ist, dass Verfechter von Homöopathie diese gerne mit so genannten weichen, natürlichen Medikamenten gleichsetzen. Im Prinzip wird dabei ein Gegensatz „pflanzliche Wirkstoffe vs. Im Labor erzeugte „chemische“[2] Wirkstoffe“ aufgebaut. Das ist allerdings Unsinn. Klassische Homöopathie, zurückgehend auf Samuel Hahnemann, ist nicht gleichzusetzen mit Naturheilkunde. Auch Teile der Naturheilkunde, die Pflanzenheilkunde vor allem, arbeiten mit (eben pflanzlichen) Stoffen, die eine normalerweise (empirisch evidente) Wirkung haben. Im Grunde gilt dabei: Je mehr X (Wirkstoff), desto größer ist Y (die Wirkung). Auch wenn es da natürlich Grenzen gibt und Nebenwirkungen bedacht werden müssen und auch wenn es etliche naturheilkundliche Verfahren gibt, auf deren Wirksamkeit es keine verlässlichen Hinweise gibt.

Homöopathie dagegen arbeitet neben dem (empirisch nicht evidenten) Prinzip, das Gleiches mit Gleichem zu behandeln sei [3] mit dem Potenzierungsprinzip. Heißt: Je höher der Wirkstoff, den es auch hier gibt, verdünnt ist, desto stärker wirkt er. Im Prinzip ist das noch eine logische je-desto-Beziehung. Je weniger X, desto mehr y (hier: Wirkung). Aber: Bleibt X aus, bleibt auch Y aus. Das widerspricht allerdings allen bekannten Gesetzmäßigkeiten. Neben dem Problem der empirischen Evidenz hakt es hier auch logisch.
Zumal bei gebräuchlichen Potenzierungen wie D30 und mehr (also eine Einheit Wirkstoff in 10 hoch 30 Trägereinheiten [4]) oft gar kein Wirkstoffmolekül mehr nachgewiesen werden kann.
Um den Unterschied von der oben beschriebenen Naturheilkunde und Homöopathie zu illustrieren: Natürlich lindert ein Pfefferminztee kurzzeitig Halsschmerzen. Aber er erzeugt dennoch keine, wenn man ihn schmerzfrei trinkt, und er lindert die Schmerzen nicht stärker, wenn man einen Tropen in einem Fass Wasser oder dem Bodensee verdünnt.

All das bedeutet, es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass Homöopathie jenseits des Placebo-Effekts wirkt. Nicht bestreitbar ist allerdings, dass sie in diesem Rahmen (wie jedes Medikament) wirkt, dass intensive Arzt-Patienten-Gespräche extrem starke Placebos sind und dass bei kleinen Erkrankungen ein bewusstes Kalkulieren mit dem Placebo-Effekt durch den Arzt vielleicht sinnvoll sein kann. Es gibt also durchaus gute Argumente gegen Lauterbachs Vorschlag. Hier muss man abwägen. Ich würde hier ad hoc keine Entscheidung treffen wollen.

Künast: Naturheilverfahren nicht herausnehmen

Was allerdings extrem ärgerlich ist, und damit der abermalige Schwenk weg von der Wissenschaft hin zur Politik: Wenn Politiker eben die Trennung von Homöopathie und Naturheilkunde aufheben. Sven Geyer schreibt in der Berliner Zeitung (und der Frankfurter Rundschau):

Die Grünen lehnen eine generelle Herausnahme von Naturheilverfahren aus der gesetzlichen Krankenversicherung dagegen ab. Fraktionschefin Renate Künast sagte der Berliner Zeitung: “Die pauschale Kritik verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung vieler Heilmittel zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt.”

Ich kenne nun Lauterbachs Vorschlag im Wortlaut nicht, traue dem promovierten Mediziner aber eine differenzierte Sichtweise zu, als Renate Künast. Und ich weiß auch nicht, wer Künast wie davon unterrichtet hat. Man korrigiere mich, wenn ich falsch liege und es Lauterbach oder ein Journalist gewesen sein sollte, der Naturheilkunde und Homöopathie als erster unzulässig vermengt hat. Ich habe allerdings keine Zeit, das alles nachzurecherchieren.

Unabhängig davon ist aber: Es wäre angebracht, diese Debatte schon jetzt noch einmal auf ein solides Fundament zu stellen. Wie eingangs gesagt: Der Vorschlag ist streitbar. Aber bitte sachlich und nicht in einem ideologischen Grabenkampf.

Das schreiben andere:

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[1] die die Ergebnisse von 110 placebo-kontrollierten Studien zur Homöopathie mit der gleichen Zahl ähnlicher placebo-kontrollierter Studien zur Schulmedizin verglichen hat; Näheres dazu etwa hier. Hier die summary und für registrierte User der Volltext.

[2] Ich schreibe hier chemisch in Anführungszeichen, weil streng genommen natürlich alle Wirkstoffe chemische Zusammensetzungen sind und der Begriff „chemisch“ – wie übrigens auch der Begriff „Gen-Food“ – ein Kampfbegriff ist, der einen Gegensatz zwischen natürlich und gut und künstlich und schlecht aufbaut. Dem liegt entweder rationales Kalkül oder ein essentialistisches Missverständnis zugrunde.

[3] Wenn X bei einem gesunden Menschen Y hervorruft, dann lindert X bei einem an Y leidenden Menschen eben Y.

[4] z.B. bei d30: 1 Tropen Wirkstoffessenz in 1 000 000 000 000 000 000 000 000 000 000 Tropfen Wasser.

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