Köhler und ich: Eine Klarstellung
Mittwoch, 2. Juni 2010 13:44
Einige Worte zum Rücktritt von Horst Köhler – weil mein Name ja jetzt in diesem Zusammenhang kursiert. Weil ich in eine Rolle gedrängt werde, die nicht der Realität entspricht. Weil ich immer noch Interviewanfragen bekomme. Ich hatte gedacht, das Interesse würde nach einem Tag erlahmen. Da dem nicht so zu sein scheint, möchte ich einiges klarstellen.
Um das gleich eingangs zu betonen: Nein, ich habe Horst Köhler nicht gestürzt. Natürlich nicht. Ich glaube nicht, dass ich relevanten Einfluss auf das Geschehen genommen habe – zumal nicht in meiner „Funktion“ als Blogger. Immerhin hatten bis gestern gerade einmal ein paar Dutzend Menschen meine Artikel zu Köhler auf diesem Blog gelesen. Ich war nur einer von vielen, die über Köhlers Äußerungen berichtet haben, und dabei bei Weitem nicht der Erste und nicht der meist Gelesene. Unpolitik hat zum Beispiel schon am Samstag darüber berichtet, fefes blog, der ungleich mehr Leser erreicht als ich, hatte das Thema am Sonntag. Eine ganze Reihe von Blogs war schon an der Sache dran. Ich selbst habe erst aus dem Bildblog, der in 6vor9 auf den Blog Tastendrescher verlinkt hatte, davon erfahren.
Außerdem: Auch alle Blogger Deutschlands zusammen haben Horst Köhler nicht gestürzt. Dazu fehlt es der so genannten Blogosphäre nach wie vor an Reichweite und an Relevanz. Nicht umsonst kamen Reaktionen aus der Politik erst, als die großen Nachrichtenmedien berichteten.
Was die Gesamtheit der Blogs wohl getan hat, war, zu verhindern, dass das Thema gänzlich in der Versenkung verschwindet; die Gesamtheit der Blogs konnte den etablierten Medien signalisieren: Hier interessieren sich Menschen für das Deutschlandradio-Interview. Das ist ein Faktum, das man aus medientheoretischer Sicht durchaus bemerkenswert finden kann.
Das einzige, was ich offenbar vor anderen getan habe, war, große Nachrichtenmedien gezielt anzuschreiben und nachzufragen, wieso nicht berichtet wird, in dem festen Glauben, das Thema sei bekannt. Dass es einige Medien, namentlich zeit-online und die Frankfurter Rundschau, gab, für die meine Anfrage ein Hinweis war, war Zufall.
Der im Übrigen mit meinen Artikel hier im Blog nichts zu tun hatte – auf den hatte ich gar nicht hingewiesen. Ich hatte nicht damit gerechnet, etwas in Rollen zu bringen und das war auch nicht mein Ziel. Im Prinzip habe ich nichts weiter getan, als einen Leserbrief zu schreiben.
Den großen Knall gab es ohnehin erst deutlich später. Wie der Deutschlandfunk selbst im Interview mit Ruprecht Polenz betont, haben dort viele Hörer kritisch nachgefragt (Ich gehöre nicht dazu; dem Deutschlandradio habe ich nicht geschrieben). Das habe die Redaktion dazu bewogen, Köhlers Äußerungen noch einmal aufzugreifen – und eben Polenz zu interviewen.
Und erst nach diesem zweiten Deutschlandfunk-Interview stieg mit Spiegel-Online das deutsche Leitmedium im Netz, stiegen auch viele andere Nachrichtenseiten ein. Erst Spiegel-Online bewegte die Opposition zu Kritik. Damit war der Damm gebrochen. Auch die Redaktion von zeit.de, die nach eigener Aussage vor meiner Anfrage keine Kenntnis des Interviews hatte, berichtete mit Verweis auf den dortigen Artikel erst nach Spiegel-Online. Dabei gibt es kein Anzeichen dafür, dass Spiegel-Online meine E-Mail-Anfrage auch nur gelesen hat. Eine Antwort habe ich nicht erhalten. Eher scheint es so, als habe der Deutschlandfunk hier die wesentliche Rolle gespielt – denn Spiegel-Online bezieht sich ausdrücklich auf das Polenz-Interview.
Nachdem Spiegel-Online berichtet hatte und daran anschließend die Tagesschau, wurde das Thema endgültig ein Massenthema.
Irgendwelche Kausalitäten zwischen meinen Anfragen oder gar meinen Blogartikeln und den später massiven Medienberichten zu Horst Köhler zu vermuten, ist also reine Spekulation – und unseriös.
Warum Köhler letztlich zurücktrat, wissen wohl nur er und seine Frau. Auch hier gilt: Spekulationen darüber anzustellen, halte ich für müßig und für unredlich. Anhaltspunkte dafür, dass es nicht nur an der Kritik und der Berichterstattung lag, scheint es indes zu geben. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert: Im Laufe der ganzen Diskussion habe ich in keinem Medium und auch von keinem Oppositionspolitiker eine Rücktrittsforderung vernommen.
Ich habe den Fall von Anfang an hier im Blog publizistisch begleitet, weil ich das Thema für relevant hielt und halte. Warum, das habe ich hier mehrfach beschrieben, zuletzt in meinem Kommentar zum Rücktritt. Inhaltlich stehe ich voll und ganz hinter allem, was ich zum Thema veröffentlicht habe. Das Bundespräsidialamt habe ich um Stellungnahme gebeten, die ich gerne veröffentlicht hätte; leider habe ich keine Antwort erhalten. Ich habe bewusst auf jeden persönlichen Angriff verzichtet und mich nicht an Spekulationen beteiligt.
Ich bin nicht stolz auf mich, wie mir zahlreiche Kommentatoren unterstellen und ich wollte auch keine Macht ausüben; ich wollte berichten, das habe ich getan. Um Aufmerksamkeit geht es mir nicht und ging es mir nie. Ja, ich wollte gelesen werden, als Autor, als berichtendes Subjekt. Sollten meine Artikel inhaltlich gefallen haben, freut mich das. Daran, Objekt der Berichterstattung zu werden, habe ich nicht das geringste Interesse.
Einen großen Fehler habe ich aber gemacht: Ich habe der dpa vorgestern ein Kurzinterview gegeben, das dann als Meldung Furore machte. Ich habe gedacht, eine derart banale Meldung würde niemanden interessieren, vielleicht abgesehen von der hiesigen Lokalzeitung. Ich hätte mich gleich darauf besinnen müssen, dass ich nichts Relevantes zu sagen habe.
Ich habe unterschätzt, dass viele Medien auf jede Geschichte anspringen, die gute Klickraten und Zuschauerzahlen verspricht. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass die Kombination aus Köhler, dem vielen immer noch fremden Internet und aufmüpfigen Bloggern, personalisiert durch einen 20-jährigen Studenten, genau eine solche gute (und schnelle) Geschichte ist. Ob sie nun relevant ist oder richtig, ist da nur Nebensache.
Ich soll nun zum Gesicht der gesamten Blogosphäre gemacht werden. Dabei geht es nicht darum, was ich geschrieben habe, sondern darum, dass ich ein greifbares Gesicht bin, weil die dpa meinen Namen durch den Äther schickte. Das mag reizvoll sein als Kunstgriff, um das abstrakte Thema zu personalisieren – in der Sache ist es völlig übertrieben. Darauf, dass ich als Blogger eine besondere Rolle gespielt habe, gibt es keinen Hinweis. Meine Beiträge wurden in großen Medien inhaltlich nie aufgegriffen, ich nie zitiert. Dass ich als Leserbriefschreiber eine Art Hinweisgeber war, mag in Einzelfällen stimmen, ist aber banal und trivial: Natürlich nehmen Medien Reaktionen und Anregungen des Publikums auf. Das ist nun wirklich Alltag in Redaktionen.
Was Anfragen der Medien angeht: Hier soll über den Weg der Personalisierung Emotionalisierung betrieben und damit Auflage oder Quote gemacht werden; das ist aus Sicht der Medien rational und verständlich, doch dabei, schient mir, geht ein wenig der Blick für das rechte Maß verloren: Ein Blogger mit gut 1000 Lesern im Monat hat den Bundespräsidenten gestürzt? Klingt gut, ja, aber bitte – wer glaubt denn das?
Es ist an vielen Stellen im Netz nachzulesen, wer wann worüber berichtet hat, man kann ziemlich deutlich erkennen, dass die entscheidenden Impulse vom deutschlandfunk und Spiegel-Online ausgingen, wenn man das denn möchte; und immerhin die Süddeutsche Zeitung ordnet meine Rolle und die Rolle der Blogs ja auch relativ nüchtern ein, ohne unbelegte Kausalitäten zu suggerieren (genauso der standard.at und Johannes Boie, Redakteur der SZ, in seinem Blog schaltzentrale). Genau das erwarte ich von seriösem Journalismus. Ich hoffe, dass sich andere daran ein Beispiel nehmen.
Warum die großen Medien zum Zeitpunkt t berichteten und warum vorher nicht, muss man die jeweiligen Redaktionen fragen. Ich jedenfalls habe zu Köhlers Aussagen nichts mehr zu sagen, die Geschichte ist vorbei; zur Berichterstattung habe ich sowieso nichts Erhellendes zu sagen. Und abgesehen von diesem Beitrag hier möchte ich das auch nicht mehr tun.
Deshalb habe ich allen Medien, die angefragt haben, kein Interview gegeben und deswegen werde ich auch in Zukunft keine Interviews geben.
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Update: Weil man das heute journal kaum ignorieren kann, auch dazu einige (hoffentlich letzte) Worte. Ja, richtig, ich habe “Antworten” gefordert in meinem Tweet mit den 138 Zeichen – Antworten auf meine E-Mails, die in den meisten Fällen ausblieben. Nicht etwa Antworten auf die Äußerungen Köhlers, wie der Beitrag suggeriert.
Und dann: Ich habe in meinem Beitrag vor allem die Medien angegriffen? Das jedenfalls behauptet das heute journal.
Nach mehr als drei Vierteln meines Artikels, nach der ausführlichen Analyse von Köhlers Äußerungen leite ich mit “Bliebe noch die Frage” auf die Berichterstattung über, schildere wertfrei die Situation, wundere mich, frage danach, ob ich etwas übersehe, erwähne noch, dass ich die obligatorischen Verschwörungstheorien zur Zensur nicht teile – und greife so “vor allem” die Medien an? Ich schreibe etwas von “sie sollen berichten”? Ehrlich?
Herrje.
Thema: Standpunkt | Kommentare (46) | Autor: Jonas Schaible