Über das Wesen des Mannes
Am gestrigen Montag, dem Weltfrauentag, beschäftigte sich die taz in einer Sonderausgabe ausführlich mit – dem Mann. Chefredakteurin Ines Pohl schrieb dazu im Editorial: „2010 widmet sich die Frauen-taz also den Männern. Wir tragen damit dem erfreulichen Umstand Rechnung, dass ein zentrales feministisches Ziel erreicht ist: Die Frage nach Geschlechterverhältnissen, nach einer neuen Männlichkeit hat sich aus feministischen Kreisen hinausbewegt und ist bei vielen Männern selbst angekommen.“
Das klingt zunächst nach einer guten Idee. Wieso nicht einmal etwas anderes machen? Wieso sich am Weltfrauentag nicht generell mit Geschlechterfragen auseinandersetzen? Die gesamte Gender-Thematik ist eine wichtige und eine, die viele Fragen aufwirft: danach zum Beispiel, wie wir aktuell Geschlecht definieren und wie wir Geschlecht definieren wollen. Der Fall Caster Semenya vor einem halben Jahr hätte Anlass sein können für eine Debatte darüber, ob die Dichotomie Mann/Frau nicht ein Anachronismus ist. Was nämlich tun, wenn der Blick auf die Geschlechtschromosomen eben keine klare Einordnung in eines der beiden Geschlechter erlaubt?
Spannend ist auch die Frage, wie diese Gesellschaft mit der Sexualität von Menschen umgeht: Sind von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualitäten mittlerweile anerkannt? Ist etwa die Tatsache, dass der deutsche Außenminister einen Lebensgefährten und keine Lebensgefährtin hat, ein Beweis dafür, dass hierzulande Homosexualität voll anerkannt ist oder spricht die Tatsache, dass dieser Umstand überhaupt Beachtung findet, dafür, dass Homosexualität noch immer als etwas Unnormales betrachtet wird?
Ich habe die Zeitung am Bahnhofskiosk in der Hand gehalten, dann aber wieder weggelegt, und ich habe mir auch online nicht alle Texte durchgelesen, so dass ich zu der Umsetzung des Konzepts nichts sagen kann. Mag sein, dass die gesamte Ausgabe in sich eine geniale Komposition darstellte, zusammengefügt aus einzelnen, für sich genommen unverständlichen, Mosaiksteinchen, deren Gehalt sich erst im komplexen Zusammenspiel erschließt; mag sein, dass der Artikel „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ eines dieser Mosaiksteinchen ist. Für diesen Fall entschuldige ich mich vorab für die folgende Kritik.
Bis dahin gehe ich allerdings davon aus, dass der Text ist, was er zu sein scheint: Ein für sich selbst sprechender Artikel. Keine Satire. Ein Text mit dem Ziel zu ergründen „was Migrantinnen über den deutschen Mann denken“, wie Ines Pohl schreibt.
Nun gehört auch die Frage nach Geschlechter- und Rollenverständnissen in verschiedenen Ländern und Weltregionen zum Gegenstand der Gender-Forschung und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine Analyse des vorherrschenden Männerbildes erhellend hätte sein können: Welche Forderungen stellen Recht und Gesetz, stellen tradierte Familienverständnisse oder ökonomische Faktoren an Männer in Deutschland, Brasilien, China, Russland, Ghana (oder in Deutschland, Polen, Kuba und Griechenland)? Wer ist in diesen Ländern Mann, was versteht man in den jeweiligen Ländern als männlich – und gibt bereits hier Unterschiede innerhalb eines Landes? Welche Folgen haben die jeweiligen Verständnisse für Männer, die sich diesen wie auch immer gearteten Zwängen zu entziehen versuchen?
All das sind Fragen, die mir spontan in den Kopf kommen; die eigentlich naheliegend sind und von der Gender-Forschung auch untersucht werden. Es sind nur einige der Fragen rund um das Thema Gender und rund um das Thema Mann und es gäbe noch dutzende, hunderte, tausende mehr, derer man sich in einer Sonderausgabe annehmen könnte. Und weil ich die anderen Artikel nicht gelesen habe, möchte ich kein Urteil darüber abgeben, ob die taz-Ausgabe genau das vielleicht getan hat.
Aber wieso es der Text „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ in die Ausgabe geschafft hat, weiß die Chefredaktion allein. Darin beschreiben drei Frauen, eine 35-jährige Kubanerin, eine 37-jährige Polin und eine 21-jährige Griechin*, die allesamt seit längerem in Deutschland leben, wie sie deutsche Männer sehen.
So findet die aus Kuba stammende Lisbet Espendru, deutsche Männer „arbeiten zum Beispiel nicht, um sich von ihrem Geld eine schöne Zeit zu machen, sondern für die Rente, für ein Haus, für ihre soziale Sicherheit. Das nervt ein wenig!“ Die Designerin schreibt weiter, deutsche Männer erschienen ihr „manchmal ein wenig asexuell“, weil sie, anders als kubanische Männer, Frauen auf der Straße nicht hinterherpfeifen.
Die aus Polen stammende Malgorzata Lewandowska bescheinigt den deutschen Männern, keine Muttersöhnchen zu sein und beschreibt, dass einmal die Mutter eines polnischen Jungen, mit dem sie in einer WG gelebt hat, die Wohnung für ihn schrubbte, als er Putzdienst hatte. Sie konstatiert:„So etwas würde ein deutscher Mann wahrscheinlich nie tun. Zumindest kenne ich keinen, der so drauf ist.“
Weil deutsche Männer aber so partnerschaftlich dächten, bemerkten sie nicht, wenn Frauen Hilfe brauchen; schließlich hätten ihr einmal drei Deutsche im Zug nicht geholfen, den Koffern auf die Gepäckablage zu heben.
Und die aus Griechenland stammende Dalia Reuben-Shemia schreibt: „Der deutsche Mann ist ruhig, rational, vernünftig und verlässlich. Er hilft im Haushalt und kümmert sich um die Kinder.
Der deutsche Mann trägt Hemden und die Haare zurückgekämmt. Aber er inszeniert sich weniger äußerlich, sondern eher durch sein Wesen: Er trägt seine Vernunft zur Schau und will mit seinem Wissen jemanden für sich gewinnen. Er möchte gern tolerant und fortschrittlich sein, aber das gelingt ihm nicht so richtig. Er erträgt es nämlich nicht, wenn seine Frau mehr verdient als er selbst und wenn sie auf der Karriereleiter über ihm steht. Aber das sagt der deutsche Mann nicht laut, er würde ja sonst als Chauvi gelten.“
Es erübrigt sich eigentlich, zu erklären, dass es natürlich weder den deutschen Mann an sich gibt noch den polnischen oder kubanischen oder griechischen; dass es auch deutsche Männer gibt, die Frauen mit schweren Koffern beim Tragen helfen und deren Mutter ihre Studentenbude scheuert; dass es auch Polen gibt, die Frauen nicht die Koffer in die Gepäckablage hieven und die ihre Wohnung selber putzen; dass es Kubaner gibt, die Frauen nicht hinterherpfeifen und deutsche Männer, die das tun; dass es also für jedes genannte Beispiel bestätigende und widersprüchliche Einzelfälle in jedem genannten Land gibt.
Ich weiß nicht, ob der Vorwurf eher den drei schreibenden Frauen zu machen ist, die vermutlich gebeten worden sind, doch einfach einmal aufzuschreiben, was sie denn für Eigenarten deutscher Männer ausgemacht hätten, ob der Vorwurf eher an die zuständige Redakteurin Simone Schmollack zu richten ist, an den verantwortlichen CvD oder die Chefredaktion: Aber dieser Artikel bietet nicht nur keine neuen, in irgendeiner Weise für irgendjemanden relevanten Erkenntnisse, sondern bedient darüber hinaus unreflektiert Klischees und zementiert, auf seine Weise, das Denken, wonach charakterliche Eigenarten auf die Biologie eines Menschen zurückzuführen sind. Und er führt diese Eigenarten nicht nur geschlechtsspezifisch auf das Mann-Sein zurück, sondern dazu auch noch auf das Deutsch-Sein oder Kubanisch-Sein. Er postuliert also eine kausale Verbindung zwischen Geschlecht und Ethnie sowie dem Charakter von Menschen.
Nun ist das nicht verboten: ich habe in einer Debatte über Geschlechterdifferenzen selbst schon gefordert, biodeterministische Argumentationen nicht per se abzukanzeln, solange die Wissenschaft sie nicht gut begründet widerlegt – auch wenn ich den Biodeterminismus nicht für plausibel halte. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Standpunkt weiter ausgeführt wird, dass der Rekurs auf die Biologie reflektiert und bewusst erfolgt und dass von diesen Annahmen ausgehend stringent argumentiert wird, unter Berücksichtigung aller Implikationen und Konsequenzen.
Allein: Der vorliegende Artikel lässt nichts davon erkennen. Vielmehr wiederholt er oft gehörte Stereotypen und ist auf eine so plumpe Weise unreflektiert, dass man ihn kaum als unnötig, aber harmlos ad acta legen kann.
Die vorliegenden Pauschalisierungen helfen nicht, die Rolle des Mannes hierzulande oder in einem der anderen Länder zu verstehen, weil sie, selbst wenn die Beschreibungen zuträfen, nicht wirklich nach dem warum fragen, und sie sind noch nicht einmal originell, überraschend, lustig oder brillant formuliert. Sie lassen jede kritische Distanzierung vermissen. Lewandowska formuliert zwar lapidar: „Das klingt jetzt sicher sehr klischeehaft und es sind auch nicht alle Männer gleich – weder die polnischen noch die deutschen“, doch geht auch diese Relativierung von der Annahme aus, dass zumindest Deutsche Deutsche und Polen Polen und Kubaner Kubaner und Männer Männer sind. Das ist freilich Unsinn. Was zum Beispiel ist ein in Polen geborener Hermaphrodit mit einem kubanischen Vater und einer griechischen Mutter, der/die seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland lebt?
Dass dem im Artikel transportierten unzeitgemäßen und simplifizierten Bild von klar abgrenzbaren Geschlechtern und Ethnien nicht widersprochen wird, ist nicht nur, aber auch in einer Sonderausgabe zum Thema Mann und nicht nur, aber auch für eine in Sachen Gender eigentlich profilierten Zeitung wie die taz enttäuschend.
Offenlegung: Ich habe schon in der taz veröffentlicht und halte sie generell für eine sehr lesenswerte Zeitung.
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*Ich gehe aufgrund des Textes einmal davon aus, dass die Frauen auch die Staatsbürgerschaft ihrer jeweiligen Herkunftsländern haben; möglich aber, dass es sich jeweils um kubanisch-, polnisch- und/oder griechischstämmige Deutsche handelt. Das spielt aber für die Bewertung des Artikels auch keine Rolle.
Mittwoch, 10. März 2010 9:19
Wieso sollte es einen feministischen FRAUEN-Tag geben….
- solange Männer Zwangsdienste BW und Zivildienst verrichten müssen. Frauen nicht.
- solange die Berufsunfalltoten zu 94% Männer sind
- solange die Lebenserwartung der Männer weit unter der der Frauen liegt (6,16 Jahre)
- solange es ausschließlich einen FRAUEN-GESUNDHEITSBERICHT gibt
- solange die Selbstmordrate der Männer weit über der der Frauen liegt
- solange die Obdachlosen-Zahlen der Männer (90%) so weit über den Zahlen der Frauen liegen
- solange die Afghanistan-Gefallenen ausschließlich männliche Vornamen haben
- solange die Haushalts-Unfall-Toten zu 80% Männer sind.
- solange Jungs nur 40% der Abiturienten stellen
- aber über 2/3 der Sonderschüler mit Retalin ruhig gestellt werden
- riesige Summen jährlich 200 000 Millionen Euro per Gesetz von dem Mann zur Frau geschoben werden.
Das alles hat nichts mit Geschlechter-Gerechtigkeit zu tun!