Beiträge vom März, 2010

Auch Blogger brauchen Urlaub

Montag, 22. März 2010 21:20

Ein Hinweis: Ich bin für knapp zwei Wochen außer Landes. Erholung und so.
Kommentare werden bis dahin in die Warteschleife geschickt, auch sonst wird der Blog ruhen. Es kann sich ja nicht jeder eine Urlaubsvertretung leisten…
Ich melde mich dann wieder mit neuen Texten zurück. Bis dahin empfiehlt es sich, hier im Blog oder auf anderen lesenswerten Seiten zu schmökern.

Auf hoffentlich wiedersehen!

Thema: In eigener Sache | Kommentare (0) | Autor:

Studenten, hört meinen Rat! – Replik auf Klaus Werle

Donnerstag, 11. März 2010 19:36

Junge Studentengeneration: Volle Kraft in die Optimierungsfalle“, so betitelt Zeit-Online einen Artikel von Klaus Werle, Redakteur des manager magazins, der erklärt, dass das Streben nach einem perfekten Lebenslauf Studenten eher schaden als nützen könne. Als Lösung empfiehlt er, den Teufel mit den Beelzebub auszutreiben.

Freilich, Werle sinniert in dem Artikel: „Pragmatisch bis in die Knochen arbeiten sich die Post-Bologna-Studenten so effizient und fokussiert durch ihr Pensum wie kaum eine Generation vor ihnen. Die Antennen stets auf die vermeintlichen Erwartungen der Wirtschaft, die Tipps der Karriere-Ratgeber und die eigene employability ausgerichtet.“ Und er hat ein „apokalyptischen Trommelfeuer von Wirtschaftsverbänden, Politikern und Jobexperten“ ausgemacht, das Studenten einschärfe: „Du kannst alles schaffen, aber es wird verdammt hart!“
Das führe dazu, dass Studenten „mit ihrem Ehrgeiz, sich möglichst schnell möglichst perfekt aufzustellen, [...] mit voller Kraft in die Perfektionierungsfalle“ liefen.
Eine Diagnose, die nicht unplausibel scheint, sicher.

Plausibler jedenfalls als die kühne These, die Proteste aus den vergangenen beiden Jahren hätten sich nicht gegen die „Grundideen der Bachelorreform“ gewandt, sondern seien von der Angst getrieben gewesen „im neuen System nicht mehr mithalten zu können“.
Diese Aussage kann berechtigt angezweifelt werden. Doch, und das ist das eigentlich entscheidende, selbst wenn Werle mit seiner Kritik recht hätte – welche Schlüsse zieht er daraus? Etwa, dass Studenten sich dem Trommelfeuer der Jobexperten widersetzen müssten, dass sie weniger auf Jobprognosen und Anforderungsprofile schielen, denn ihre Interessen vertiefen, kurz: dass sie sich wieder bilden statt ausbilden sollten?

Nein. Studenten sollten, so ist zu lesen, zwar keinen „normierten Ausbildungskanon“ absolvieren und schon gar nicht „in Rekordtempo“; sie sollten am Ende nicht vergessen haben, „was sie wollen“, aber vor allem nicht, „worin sie wirklich gut sind“ – denn, wie ironisch, solche „Passepartout-Absolventen, die für alles und gar nichts stehen“, brauche in der Wirtschaft niemand. Ein eigenes Profil, die Fähigkeit zum selbstständigen Arbeiten und Kreativität, das seien die Eigenschaften, die in der Wirtschaft wirklich rar und gefragt seien.

So orakelt ein die Ratgeber geißelnder Ratgeber; einer, der empfiehlt, sich nicht an den Anforderungen der Unternehmen zu orientieren, und stattdessen Eigenschaften zu entwickeln, die, natürlich, den Anforderungen von Unternehmen entsprechen; einer, der klagt, vom Perfektionierungsstreben der Studenten profitierten „erst einmal andere“, etwa private Hochschulen, und der ein 19,90 Euro teures Buch geschrieben hat, auf das unter dem Text hingewiesen wird.
Einer also, der die Studenten animiert, genau das zu tun, was sie seiner Ansicht nach schon jetzt tun – sich anpassen, Ratgebern gehorchen, sich vermarktbar machen -, nur auf eine neue, eine von ihm selbst empfohlene Art und Weise nämlich.
Gemeinhin nennt man so etwas, den (hier die Apokalypse beschwörenden) Ratgeber-Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

(Dass neben dem Artikel das neue „Che-Hochschulranking“ verlinkt ist, das „Gewinner und Verlierer“ unter den deutschen Hochschulen zu ermitteln verspricht, ist angesichts der inhaltlichen Widersprüche dann nur noch ein weiterer ironischer Nebenaspekt.)

Thema: Hochschulpolitik, Replik | Kommentare (0) | Autor:

Über das Wesen des Mannes

Dienstag, 9. März 2010 22:41

Am gestrigen Montag, dem Weltfrauentag, beschäftigte sich die taz in einer Sonderausgabe ausführlich mit – dem Mann. Chefredakteurin Ines Pohl schrieb dazu im Editorial: „2010 widmet sich die Frauen-taz also den Männern. Wir tragen damit dem erfreulichen Umstand Rechnung, dass ein zentrales feministisches Ziel erreicht ist: Die Frage nach Geschlechterverhältnissen, nach einer neuen Männlichkeit hat sich aus feministischen Kreisen hinausbewegt und ist bei vielen Männern selbst angekommen.“

Das klingt zunächst nach einer guten Idee. Wieso nicht einmal etwas anderes machen? Wieso sich am Weltfrauentag nicht generell mit Geschlechterfragen auseinandersetzen? Die gesamte Gender-Thematik ist eine wichtige und eine, die viele Fragen aufwirft: danach zum Beispiel, wie wir aktuell Geschlecht definieren und wie wir Geschlecht definieren wollen. Der Fall Caster Semenya vor einem halben Jahr hätte Anlass sein können für eine Debatte darüber, ob die Dichotomie Mann/Frau nicht ein Anachronismus ist. Was nämlich tun, wenn der Blick auf die Geschlechtschromosomen eben keine klare Einordnung in eines der beiden Geschlechter erlaubt?
Spannend ist auch die Frage, wie diese Gesellschaft mit der Sexualität von Menschen umgeht: Sind von der heterosexuellen Norm abweichende Sexualitäten mittlerweile anerkannt? Ist etwa die Tatsache, dass der deutsche Außenminister einen Lebensgefährten und keine Lebensgefährtin hat, ein Beweis dafür, dass hierzulande Homosexualität voll anerkannt ist oder spricht die Tatsache, dass dieser Umstand überhaupt Beachtung findet, dafür, dass Homosexualität noch immer als etwas Unnormales betrachtet wird?

Ich habe die Zeitung am Bahnhofskiosk in der Hand gehalten, dann aber wieder weggelegt, und ich habe mir auch online nicht alle Texte durchgelesen, so dass ich zu der Umsetzung des Konzepts nichts sagen kann. Mag sein, dass die gesamte Ausgabe in sich eine geniale Komposition darstellte, zusammengefügt aus einzelnen, für sich genommen unverständlichen, Mosaiksteinchen, deren Gehalt sich erst im komplexen Zusammenspiel erschließt; mag sein, dass der Artikel „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ eines dieser Mosaiksteinchen ist. Für diesen Fall entschuldige ich mich vorab für die folgende Kritik.

Bis dahin gehe ich allerdings davon aus, dass der Text ist, was er zu sein scheint: Ein für sich selbst sprechender Artikel. Keine Satire. Ein Text mit dem Ziel zu ergründen „was Migrantinnen über den deutschen Mann denken“, wie Ines Pohl schreibt.
Nun gehört auch die Frage nach Geschlechter- und Rollenverständnissen in verschiedenen Ländern und Weltregionen zum Gegenstand der Gender-Forschung und ich könnte mir durchaus vorstellen, dass eine Analyse des vorherrschenden Männerbildes erhellend hätte sein können: Welche Forderungen stellen Recht und Gesetz, stellen tradierte Familienverständnisse oder ökonomische Faktoren an Männer in Deutschland, Brasilien, China, Russland, Ghana (oder in Deutschland, Polen, Kuba und Griechenland)? Wer ist in diesen Ländern Mann, was versteht man in den jeweiligen Ländern als männlich – und gibt bereits hier Unterschiede innerhalb eines Landes? Welche Folgen haben die jeweiligen Verständnisse für Männer, die sich diesen wie auch immer gearteten Zwängen zu entziehen versuchen?

All das sind Fragen, die mir spontan in den Kopf kommen; die eigentlich naheliegend sind und von der Gender-Forschung auch untersucht werden. Es sind nur einige der Fragen rund um das Thema Gender und rund um das Thema Mann und es gäbe noch dutzende, hunderte, tausende mehr, derer man sich in einer Sonderausgabe annehmen könnte. Und weil ich die anderen Artikel nicht gelesen habe, möchte ich kein Urteil darüber abgeben, ob die taz-Ausgabe genau das vielleicht getan hat.

Aber wieso es der Text „Der deutsche Mann kann sehr schüchtern sein“ in die Ausgabe geschafft hat, weiß die Chefredaktion allein. Darin beschreiben drei Frauen, eine 35-jährige Kubanerin, eine 37-jährige Polin und eine 21-jährige Griechin*, die allesamt seit längerem in Deutschland leben, wie sie deutsche Männer sehen.

So findet die aus Kuba stammende Lisbet Espendru, deutsche Männer „arbeiten zum Beispiel nicht, um sich von ihrem Geld eine schöne Zeit zu machen, sondern für die Rente, für ein Haus, für ihre soziale Sicherheit. Das nervt ein wenig!“ Die Designerin schreibt weiter, deutsche Männer erschienen ihr „manchmal ein wenig asexuell“, weil sie, anders als kubanische Männer, Frauen auf der Straße nicht hinterherpfeifen.

Die aus Polen stammende Malgorzata Lewandowska bescheinigt den deutschen Männern, keine Muttersöhnchen zu sein und beschreibt, dass einmal die Mutter eines polnischen Jungen, mit dem sie in einer WG gelebt hat, die Wohnung für ihn schrubbte, als er Putzdienst hatte. Sie konstatiert:„So etwas würde ein deutscher Mann wahrscheinlich nie tun. Zumindest kenne ich keinen, der so drauf ist.“
Weil deutsche Männer aber so partnerschaftlich dächten, bemerkten sie nicht, wenn Frauen Hilfe brauchen; schließlich hätten ihr einmal drei Deutsche im Zug nicht geholfen, den Koffern auf die Gepäckablage zu heben.

Und die aus Griechenland stammende Dalia Reuben-Shemia schreibt: „Der deutsche Mann ist ruhig, rational, vernünftig und verlässlich. Er hilft im Haushalt und kümmert sich um die Kinder.
Der deutsche Mann trägt Hemden und die Haare zurückgekämmt. Aber er inszeniert sich weniger äußerlich, sondern eher durch sein Wesen: Er trägt seine Vernunft zur Schau und will mit seinem Wissen jemanden für sich gewinnen. Er möchte gern tolerant und fortschrittlich sein, aber das gelingt ihm nicht so richtig. Er erträgt es nämlich nicht, wenn seine Frau mehr verdient als er selbst und wenn sie auf der Karriereleiter über ihm steht. Aber das sagt der deutsche Mann nicht laut, er würde ja sonst als Chauvi gelten.“

Es erübrigt sich eigentlich, zu erklären, dass es natürlich weder den deutschen Mann an sich gibt noch den polnischen oder kubanischen oder griechischen; dass es auch deutsche Männer gibt, die Frauen mit schweren Koffern beim Tragen helfen und deren Mutter ihre Studentenbude scheuert; dass es auch Polen gibt, die Frauen nicht die Koffer in die Gepäckablage hieven und die ihre Wohnung selber putzen; dass es Kubaner gibt, die Frauen nicht hinterherpfeifen und deutsche Männer, die das tun; dass es also für jedes genannte Beispiel bestätigende und widersprüchliche Einzelfälle in jedem genannten Land gibt.

Ich weiß nicht, ob der Vorwurf eher den drei schreibenden Frauen zu machen ist, die vermutlich gebeten worden sind, doch einfach einmal aufzuschreiben, was sie denn für Eigenarten deutscher Männer ausgemacht hätten, ob der Vorwurf eher an die zuständige Redakteurin Simone Schmollack zu richten ist, an den verantwortlichen CvD oder die Chefredaktion: Aber dieser Artikel bietet nicht nur keine neuen, in irgendeiner Weise für irgendjemanden relevanten Erkenntnisse, sondern bedient darüber hinaus unreflektiert Klischees und zementiert, auf seine Weise, das Denken, wonach charakterliche Eigenarten auf die Biologie eines Menschen zurückzuführen sind. Und er führt diese Eigenarten nicht nur geschlechtsspezifisch auf das Mann-Sein zurück, sondern dazu auch noch auf das Deutsch-Sein oder Kubanisch-Sein. Er postuliert also eine kausale Verbindung zwischen Geschlecht und Ethnie sowie dem Charakter von Menschen.

Nun ist das nicht verboten: ich habe in einer Debatte über Geschlechterdifferenzen selbst schon gefordert, biodeterministische Argumentationen nicht per se abzukanzeln, solange die Wissenschaft sie nicht gut begründet widerlegt – auch wenn ich den Biodeterminismus nicht für plausibel halte. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Standpunkt weiter ausgeführt wird, dass der Rekurs auf die Biologie reflektiert und bewusst erfolgt und dass von diesen Annahmen ausgehend stringent argumentiert wird, unter Berücksichtigung aller Implikationen und Konsequenzen.
Allein: Der vorliegende Artikel lässt nichts davon erkennen. Vielmehr wiederholt er oft gehörte Stereotypen und ist auf eine so plumpe Weise unreflektiert, dass man ihn kaum als unnötig, aber harmlos ad acta legen kann.

Die vorliegenden Pauschalisierungen helfen nicht, die Rolle des Mannes hierzulande oder in einem der anderen Länder zu verstehen, weil sie, selbst wenn die Beschreibungen zuträfen, nicht wirklich nach dem warum fragen, und sie sind noch nicht einmal originell, überraschend, lustig oder brillant formuliert. Sie lassen jede kritische Distanzierung vermissen. Lewandowska formuliert zwar lapidar: „Das klingt jetzt sicher sehr klischeehaft und es sind auch nicht alle Männer gleich – weder die polnischen noch die deutschen“, doch geht auch diese Relativierung von der Annahme aus, dass zumindest Deutsche Deutsche und Polen Polen und Kubaner Kubaner und Männer Männer sind. Das ist freilich Unsinn. Was zum Beispiel ist ein in Polen geborener Hermaphrodit mit einem kubanischen Vater und einer griechischen Mutter, der/die seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland lebt?

Dass dem im Artikel transportierten unzeitgemäßen und simplifizierten Bild von klar abgrenzbaren Geschlechtern und Ethnien nicht widersprochen wird, ist nicht nur, aber auch in einer Sonderausgabe zum Thema Mann und nicht nur, aber auch für eine in Sachen Gender eigentlich profilierten Zeitung wie die taz enttäuschend.

Offenlegung: Ich habe schon in der taz veröffentlicht und halte sie generell für eine sehr lesenswerte Zeitung.

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*Ich gehe aufgrund des Textes einmal davon aus, dass die Frauen auch die Staatsbürgerschaft ihrer jeweiligen Herkunftsländern haben; möglich aber, dass es sich jeweils um kubanisch-, polnisch- und/oder griechischstämmige Deutsche handelt. Das spielt aber für die Bewertung des Artikels auch keine Rolle.

Thema: Journalismus, Medienkritik | Kommentare (1) | Autor:

Wir brauchen keine Debatte

Dienstag, 2. März 2010 17:06

Westerwelle hat weder ein Tabu gebrochen noch etwas Wegweisendes oder Neues oder überhaupt Diskussionswürdiges ausgesprochen. Dass jetzt über den Sozialstaat geredet wird, ist unnötig – und spielt Westerwelle unfreiwillig in die Karten.

Mehr als zwei Wochen ist es mittlerweile her, dass Guido Westerwelle in einem Kommentar in der Welt von spätrömischer Dekadenz phantasierte und sich über angeblich anstrengungslosen Wohlstand mokierte. Man vergesse diejenigen im Land, die Leistung bringen und all die Steuern erwirtschaften, die umzuverteilen einziges Ziel in Deutschland sei. Sogar „sozialistische Züge“ trage die Diskussion um die Hartz-Sätze im Zuge des BverfG-Urteils, mahnte der Außenminister.

Und nicht nur das. Ein Sprechverbot meinte Westerwelle außerdem zu erkennen. Er geriert sich standhaft als Tabubrecher, als einer, der das ausspricht, was zwar die „schweigende Mehrheit“ denkt, was aber die anderen angepassten Politiker nicht zu sagen wagen. Dafür ist er, ein wenig überraschend, von Bundeskanzlerin Merkel gerügt worden.

Westerwelles Text ist vage, ziellos und uninspiriert

Nur, welches Tabu will Westerwelle eigentlich angerührt haben? Sieht man sich den diskutieren Gastkommentar Westerwelles einmal an und beim Lesen von den vielen Floskeln ab, bleibt am Ende: nichts. Nichts, das irgendwie neu wäre oder auch nur so konkret, dass es wert wäre, diskutiert zu werden. Westerwelles durchweg unspräzise formulierter Text zeigt allenfalls zwei Dinge: erstens, dass der FDP-Chef sein Wissen um die römische Geschichte vertiefen sollte, und zweitens, dass er kein sonderlich talentierter Autor ist.
An einer einzigen Stelle wird Westerwelle konkret: wenn er das Beispiel einer Kellnerin nennt, die weniger verdient, als sie es mit Hartz IV täte – und an dieser einen Stelle liegt er falsch. Zudem wird er auch hier schnell wieder vage: „Diese Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leistungsgedanken“ beunruhige ihn; allein: welche und vor allem wessen Leichtfertigkeit er meint, bleibt unbeantwortet.
Der Rest des Artikel mäandert zwischen bekannten und FDP-typischen Allgemeinplätzen und so unkonkreten wie unbelegten Behauptungen darüber, was „man“ und „wir“ diskutieren und „Deutschland“ so tut, hin und her und lässt den Leser mit dem Gefühl zurück, diese logisch lückenhafte Litanei schon viele viele Male gehört zu haben.

Der Text ist, um es kürzer zu sagen, nicht der Rede wert. Vermutlich verfolgte Westerwelle damit noch nicht einmal ein großes, übergeordnetes Ziel. Ein wenig Umverteilung kritisieren, ein wenig vor dem Sozialismus warnen, ein wenig der Mittelschicht schmeicheln, markige Formulierungen wählen, ohne konkrete Konzepte zu benennen – all das klang typisch FDP, typisch Westerwelle. Polemisch, ja, völlig unangebracht, ja, aber nicht neu. Er wollte auf sich aufmerksam machen und die Gunst der Stunde nutzen, um bekannte Floskeln zu wiederholen – diese Strategie der redundanten Botschaft hat der FDP immerhin bei der vergangenen Bundestagswahl ein Rekordergebnis beschert.

Was der Text bei alldem nicht enthielt, war ein ausgesprochenes Tabu oder gar den Aufruf, die Zukunft des Sozialstaates zu diskutieren. Die viel zitierte Aussage zum anstrengungslosen Wohlstand, der zur spätrömischen Dekadenz einlädt, war vielmehr eine kalkulierte Provokation, die gleichwohl viel größere Folgen hatte, als selbst der geübte Provokateur Westerwelle hätte vorhersehen können.

Unerwarteter Beistand belebt eine eigentlich tote Debatte erneut

Auf seine Äußerungen hin regte sich schließlich massive und gerechtfertigte Kritik – die Presse höhnte über sein mangelndes Geschichtswissen, rügte seine Wortwahl und widerlegte auch inhaltlich seine Aussagen. Westerwelle schien entlarvt. Auf einmal sah er sich gezwungen, sich öffentlich zu rechtfertigen. Er tat das gewohnt laut und schrill, dichtete seinen Aussagen nachträglich einen tieferen Sinn an, eröffnete Nebenkriegsschauplätze wie den des Tabus, das es nie gab, und des Tabubruchs, den es folglich nie geben konnte. Sogar die Kanzlerin sah sich zu einer deutlichen und schroffen Distanzierung genötigt. Sie hatte, das kommt selten genug vor, ein Machtwort gesprochen. An dieser Stelle hätte die Diskussion beendet sein können.
Und doch, auf einmal sprangen Westerwelle unverhoffte Verbündete wie etwa Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo bei, und betonten, Westerwelle habe sich im Ton vergriffen, natürlich, aber irgendwie habe er ja Recht, Deutschland brauche schon eine Debatte über die Zukunft des Sozialstaats. Und Deutschland debattiert.

Nur: Deutschland braucht diese Debatte nicht. Zumindest nicht jetzt, nicht unter diesen Vorzeichen, nicht derart vorbelastet, nicht in dieser Undifferenziertheit. Denn natürlich wird die Diskussion über den Sozialstaat ohnehin unablässig geführt. Die SPD steht heute da, wo sie steht, gerade weil große Teile der ehemaligen Wählerschaft ihr die weitreichenden Arbeitsmarkt- und Sozialreformen verübeln. Die das Parteiensystem durcheinanderwirbelnde Linke schaffte den Aufstieg von der Regional- zur Flächenpartei vor allem, indem sie den Finger in genau diese offene Wunde der SPD legte. Bei der Bundestagswahl im vergangenen Herbst war das Thema Mindestlöhne eines der meist diskutierten. Und nicht zuletzt spürt die FDP in Person von Philipp Rösler, der mit seiner Kopfpauschale eine herbe politische Niederlage zu erleiden droht, am eigenen Leib, dass in Deutschland das Thema Sozialstaat ein präsentes ist.
Die Diskussion über den Sozialstaat ist nötig, ohne Frage. Aber sie muss permanent geführt werden, nicht auf Zuruf, – und sie wird permanent geführt. Dazu braucht es keinen verbal um sich schlagenden Stichwortgeber, der, wie im Falle der Sanktionen für Arbeitsunwillige, fordert, was schon lange Gesetz ist.

Dass Westerwelle die Situation zugunsten der FDP nutzt, ist erstaunlich

Trotzdem wird die Diskussion gerade jetzt geführt und die schwimmende FDP stürzt sich begierig auf den zugeworfenen Rettungsanker; nun versucht sie sogar, die Situation noch gewinnbringend zu nutzen. Ob nun nur mit dem Ziel, kurzfristig den Wählerabgang zu stoppen und so die NRW-Wahl zu retten, oder weil Westerwelle, wie die Zeit spekuliert, mit der FDP wirklich langfristig die Nische besetzen möchte, in der sich andernorts (recht)populistische Parteien wie die FPÖ, die Schweizer SVP oder Geert Wilders PVV eingerichtet haben – Westerwelle und seine Gesandte Birgit Homburger tingeln durch die Presse und diskutieren über den Sozialstaat an sich. Auch wenn sie das, wie Homburger bei Anne Will, nicht sehr souverän tun, so schlagen sie doch Kapital aus der bloßen Existenz einer Diskussion, die zu führen kein Grund besteht.

Sie machen das clever, wenngleich sie das Risiko eingehen, sich für weite Teile der Wechselwähler unwählbar und für die Union als Partner immer unattraktiver zu machen. Doch es wirkt: Derzeit steigen die Umfragewerte wieder.
Dass Westerwelle das geschafft hat, ist erstaunlich. Und sollte Anlass sein, darüber nachzudenken, wie man mit Populisten kommuniziert, will man ihnen nicht in die Karten spielen. Manchmal nämlich ist Reden gelb, Schweigen dagegen gold.

Thema: Innenpolitik, Kommentar | Kommentare (0) | Autor:

Glücksfall Europa

Montag, 1. März 2010 22:13

Kurzer Gedanke: Gerade läuft im Ersten der erste Teil der Dokureihe „Der Krieg“. Bei Bildern aus dieser Zeit und aus diesem Krieg schießt mir als erstes stets folgender Gedanke in den Kopf: Wie kann man angesichts dieser Erfahrungen allen Ernstes gegen die EU wettern – und damit sogar Erfolg haben?

Wie kann es sein, dass Geert Wilders’ PVV bei der anstehenden Wahl in den Niederlanden (zweit)stärkste Kraft werden könnte? Wie kann es sein, dass im aktuellen Europaparlament etwa 15% so genannte Euroskeptiker sitzen?
Ja, die EU hat immer noch ein Demokratiedefizit, ist oft undurchsichtig, sie trifft bisweilen unpopuläre oder unsinnige Entscheidungen, vielen ist sie zu weit weg und wirkt zu abgehoben, sie ist möglicherweise ineffizient, Mitgliedstaaten müssen Kompetenzen abgeben und vor allem die Länder verlieren hierzulande an Einfluss – ja, richtig, geschenkt.

Aber was ist all das gegen die Tatsache, dass innerhalb der Europäischen Gemeinschaft Frieden herrscht, stabil seit über 60 Jahren, und das zwischen historischen Erzfeinden wie Deutschland und Frankreich und trotz der unfassbaren Schrecken des Zweiten Weltkrieges, die in der Lage gewesen wären, noch mehr Hass zwischen den Völkern zu schaffen?
Die Europäische Gemeinschaft ist ein Glücksfall. Dass es nach wie vor Menschen gibt, die das nicht verstehen, ist erschütternd.

Thema: Standpunkt | Kommentare (0) | Autor: