Reporterpreisträger Matthias Eberl über Audioslideshows, deren journalistische Relevanz und Schwulensaunen

Matthias Eberl ist Journalist und betreibt den Blog rufposten.de. Nachdem er als 19-jähriger die Deutsche Journalistenschule in München besucht und an der LMU München ein Diplomstudium Journalistik abgeschlossen hatte, promovierte er 2007 über „Die Entstehung von Werturteilen“ (Ethonologie).
Heute arbeitet er u.a. für die Süddeutsche Zeitung und Spiegel-Online. Dabei ist er auf Audioslideshows spezialisiert.
Vor kurzem wurde er für eine solche Audioslideshow mit dem Deutschen Reporterpreis in der Kategorie „Beste Web-Reportage“ ausgezeichnet.
Per E-Mail beantwortete er mir einige Fragen zu Audioslideshows, seiner Arbeit und der Bedeutung der Auszeichnung.


Matthias Eberl bei der Arbeit in Indien

Matthias, Du beschäftigst Dich vor allem mit Audioslideshows: Was ist eigentlich eine Audioslideshow?

Matthias Eberl: Eine Audioslideshow ist eine vertonte Diashow, nur online. Sie läuft in einem Player ab wie ein Film.

Wo liegen die Stärken einer Audioslideshow?

Sie spricht wie ein Text unsere Fantasie an, ist aber doch multimedial.

Wo liegen die Schwächen?

Sie funktioniert nur, wenn alle erzählten Ereignisse und alle Informationen aus den Bildern heraus entwickelt werden können.

Wieso sollte man eine Audioslideshow einem Video vorziehen? Wieso einer schriftlichen Reportage?

Das sollte man nicht in ein paar Sätzen beantworten. Ich empfehle meinen Aufsatz „Unterschiede zwischen Audioslideshow und Film„.

Seit wann beschäftigst Du Dich mit Audioslideshows? Wie viel Zeit und Geld hast Du bisher in dieses Medium gesteckt?

Seit 2007 etwa. Ich habe ein paar tausend Euro in die Ausrüstung gesteckt und arbeite eigentlich seither jede Woche drei Tage daran.

Gab es Rückschläge während der Entwicklung?

Nur kleinere. Ich habe z.B. in Indien bemerkt, dass man nicht wie im Video Interviewsequenzen mit Schnittbildern – also Aufnahmen von der Interviewsituation – unterlegen kann. Die entsprechende Slideshow ging in den Müll.

Hast Du bei Deiner Arbeit schon einmal etwas Kurioses erlebt?

Für eine Reportage über eine Schwulensauna habe ich mich mit einem kleinen Aufnahmegerät und nur einem Handtuch bekleidet eine Stunde in einem Dark-Room herumgetrieben, um ein bisschen Atmo zu bekommen. Ich wollte, dass der Ton erzählt, was man auf den Bildern nicht sieht. Als mir irgendwann jemand beim Vorbeigehen an die Eier gegriffen hat, dachte ich mir, jetzt sollte mir sofort der Pulitzer-Preis für investigativen Journalismus verliehen werden.

Wie sieht die Arbeit an einer Audioslideshow aus: Beschreibe doch einmal den Arbeitsprozess von der ersten Idee zum fertigen Stück.

Ich habe meistens zwei Termine: Entweder ich mache Fotos, wähle daheim einige aus und lasse dann dazu erzählen. Oder ich mache zuerst Ton, schneide ihn grob und mache dann die Fotos dazu.

Wie viel Geld bekommst Du für eine Audioslideshow?

Unter 350 Euro gebe ich nichts mehr ab. Für größere Reportagen verlange ich 500 bis 700 Euro.

Für welche Medien hast du schon Audioslideshows produziert?

Für Spiegel Online und sueddeutsche.de

Wie stehen die Online-Medien heute/bisher zu dieser Darstellungsform?

Die sind sehr interessiert und sehr aufgeschlossen. Man hat verstanden, dass es ein einzigartiges Medium ist. Allerdings denkt man oft, dass Audioslideshows schnell und billig zu produzieren sind und siedelt das Medium nur knapp über der Bildergalerie an. Das wird dem Medium nicht gerecht. Das Medium kann mehr, es ist ein tolles Reportagemedium.
Und dann würde ich gerne noch die Terminologie aus Deiner Frage korrigieren. Die Slideshow ist kein Format und keine Darstellungsform, sondern ein Medium, weil es wie Zeitschrift, Comic, Film oder Radio ein eigenes, typisches Set an Zeichensystemen verwendet.

Wie viele Menschen produzieren derzeit in Deutschland Audioslideshows?

Regelmäßig vielleicht fünf Leute, die ich auch kenne, und dann nochmal fünf, von denen ich noch nie etwas gehört habe – aber von denen alle Slideshow sein müssen, die nicht von denjenigen gemacht werden, die ich kenne.

Wie sieht die Situation und die Entwicklung in anderen Ländern aus?

In den USA ist das Medium schon sehr verbreitet.

Du hast vor kurzem den Deutschen Reporterpreis für Deine Audioslideshow „Xcess“ erhalten: Hat sich seitdem etwas verändert?

Mein Selbstbewußtsein: Bisher bin ich nur wie ein Getriebener einigen wirren Idee hinterhergelaufen, jetzt ist rückblickend das Gefühl da, etwas gemacht zu haben, was journalistische Relevanz hat. Und ich hoffe auch, dass sich das Ansehen der Audioslideshow geändert hat.
Es ist eine Ehre für das Medium, erstmals gleichberechtigt neben den großen Text-Reportagen von Spiegel oder Zeit zu stehen. In jedem Fall ist das Medium bekannter geworden.

Hast Du seitdem neue Aufträge bekommen? Hat sich das Interesse an diesem Medium vergrößert?

Ja, einige Anfragen für Kurse waren da und ein Jobangebot von einem bekannten Magazin. Kurse gebe ich immer gerne, weil ich das Medium populär machen will. Das Jobangebot muss ich mir jetzt mal in Ruhe anschauen.

Du glaubst demnach, der Preis hilft, die Audioslideshow populärer zu machen?

Auf alle Fälle. Es ist ein Reportage-Preis, der den Schwerpunkt aufs Erzählen legt. In der Kategorie für die beste Webreportage hat man dann mit einer Audioslideshow einfach bessere Karten.

Was bedeutet der Preis für Dich persönlich?

Sehr viel. Obwohl nur eine Slideshow ausgezeichnet wurde, ordne ich das für mich persönlich als Anerkennung für die letzten fünf Jahre ein. Ich habe sehr viel experimentiert und nachgedacht, wie man multimedialen Journalismus machen kann – jetzt kommt eine Anerkennung, die nicht nur ein kollegialer Schulterklopfer ist.

Welche Möglichkeiten stecken noch in diesem Medium? Eignet es sich auch für andere Inhalte als Reportagen?

Da wird man noch viel ausprobieren müssen. In der Theorie ist die einzige Bedinung das Vorhandensein von Bildern, aus denen die Geschichte erzählt wird. Aber es werden sich sicher einige bessere und einige schlechtere Inhalte herauskristallisieren.

Welche Entwicklung prophezeist Du der Audioslideshow? Wird Sie künftig zum Handwerkszeug eines Journalisten
gehören, so wie heute Reportage, Kommentar und Glosse?

Reportage, Kommentar und Glosse sind Genres, die Audioslideshow ein Medium. Ein Reportage oder eine Glosse lässt sich in vielen Medien verwirklichen und eben auch als Audioslideshow. Deswegen wird die Audioslideshow auch nicht zum Handwerkszeug aller Journalisten gehören, es wird immer ein Medium für Spezialisten sein, allein wegen der benötigten Technik. In die Ausbildung sollte sie aber generell integriert werden.

Möchtest Du sonst noch irgendetwas loswerden? Dein Schlusswort:

Die Audioslideshow ist nicht das letzte multimediale Medium für den Onlinejournalismus. Es gibt sicher noch einige, die noch niemand erfunden hat. Macht Euch daran!


Siehe auch:
onlinejournalismus.de: Matthias Eberl – „Moderne Diashows

16. Dezember 2009 von Jonas Schaible
Kategorien: Journalismus | Schlagwörter: , , | 3 Kommentare

Kommentare (3)

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  3. sehr interessantes Interview. Das ist eine überzeugende Alternative zu den albernen Klickstrecken (etwa bei Welt online), die nur für die Klickstatistik „konzipiert“ werden.

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