Bild, Wikipedia und der myteriöse Panther*
Der Bildblog hat heute berichtet, wie Bild über den Panther berichtet, der angeblich Belgien und mittlerweile auch Deutschland unsicher macht.
Dass es die Bild mit gutem Journalismus nicht so hat, ist bekannt. Dass sie es auch mit Katzen nicht so hat, wusste ich bisher nicht. In diesem Beitrag beweist sie beides.
Zunächst einmal der Infotext:
„Der Schwarze Panther (Panthera pardus) ist eine Leopardenart, die besonders häufig in Höhenlagen und im Regenwald auftritt. Er ist in Afrika und Asien weit verbreitet. Panther werden 90 bis 190 cm lang, den 60 bis 110 cm langen Schwanz nicht mitgerechnet. Männliche Panther wiegen 40 bis 90 Kilo, haben eine Schulterhöhe von 70 bis 80 cm. Weibchen sind etwa halb so groß, wiegen nur 30 bis 60 Kilo
Normalerweise müsste ich ja jetzt beinahe Angst haben, dass die Bild mich abmahnen lässt – denn immerhin zitiere ich den ganzen Absatz. So etwas kann heutzutage ja schnell ins Auge gehen. Allein: Texte der Wikipedia sind für gewöhnlich frei kopierbar [1]. Das wusste offensichtlich auch die Bild…

Das allein ist schon peinlich genug. Richtig schlimm wird es aber, wenn wie hier die einzige Information, die selbstständig hinzugefügt wurde, falsch ist.
Der Panther ist nämlich keineswegs eine Leopardenart. Er ist überhaupt keine Art und damit ist sein Artname auch nicht panthera pardus.
Panthera pardus ist vielmehr der wissenschaftliche Name für den Leopard. Der sieht für gewöhnlich so aus – ist aber eben auch nicht selten schwarz. Diese melanistischen Exemplare werden im Volksmund Panther genannt, sind und bleiben aber ganz normale Leoparden.
Dasselbe trifft außerdem auf melanistische Jaguare (panthera onca) zu.
Überhaupt gibt es auch keine Leopardenarten, denn der Leopard ist eine eigene Art (panthera pardus) innerhalb der Gattung panthera. Eine Art ist definiert als eine Fortpflanzungsgemeinschaft. Alle Individuen einer Art können also miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen. So wie schwarze Leoparden und alle anderen Leoparden oder wie schwarze Jaguare und alle anderen Jaguare.
Allenfalls gibt es Leoparden-Unterarten (auch Subspezies genannt), wobei die Unterteilung einer Art in verschiedene Unterarten höchst umstritten ist, weil niemand so recht weiß, anhand welcher Kriterien diese Einteilung vorgenommen wird. Deshalb ändert sich die Zahl der Unterarten einer Art auch häufiger einmal. Aber, wie auch immer: Der Panther ist noch nicht einmal eine Unterart des Leoparden (oder des Jaguars).
All das kann man, wenn man es nicht weiß, auch in der Wikipedia nachlesen. Aber sogar so viel Eigenrecherche war dann wohl zu viel.
Aber es geht ja noch weiter. In dem zugehörigen Video nämlich. Die Sprecherin fragt gleich zu Beginn:
„Was hätten Sie getan, wenn Ihnen beim Spazierengehen der hier über den Weg gelaufen wäre?“
Möchte sie das wirklich wissen? Wenn ja: Ich hätte ihn (oder sie) gestreichelt.
Denn offenbar trifft zu, was sie im nächsten Satz sagt: „Bisschen schwierig zu erkennen.“ Nur ihre Schlussfolgerung stimmt nicht: „Das ist ein Panther“.
Nein, ist es nicht. Es ist, vermutlich, felis silvestris, die Hauskatze.
Zwar schreibt Bild.de unter dem Video noch einmal: „Schon auf den ersten Blick ist klar: Dieses Tier ist keine normale Katze.“ Das macht die Behauptung aber nicht wahrer.
Ich bin nun kein Biologe oder ein Experte für Großkatzen. Aber selbst wenn man keine Ahnung von den Proportionen einer Hauskatze und eines Leoparden/Jaguars hat: Die Tatsache, dass das Tier über den Grünstreifen in der Mitte des Weges springt, sowie das Größenverhältnis zwischen Weg und Tier lassen jeden, der schon einmal einen Feldweg und eine Hauskatze gesehen hat, begründet vermuten, dass es sich hier um genau so eine Hauskatze handelt.
Auf keinen Fall ist irgendwie gesichert, dass das Video einen Panther zeigt.
Was den Leiter des Euregiozoos Aachen, Wolfram Graf-Rudolf, dazu veranlasst hat, im Video zu behaupten, das Tier sei womöglich oder vermutlich ein Panther, verrät er mir hoffentlich per Mail. Falls ja, werde ich hier updaten.
Update, 10.02.09, 11.30 Uhr: Wolfram Graf-Rudolf hat sich soeben bei mir gemeldet. Die Aussage, “das könnte einer [ein Panther] sein”, habe er unter der Prämisse getroffen, dass der fragliche Weg eine Breite von 10,20 Meter aufweist. Dieser Wert sei ihm von einem Journalistenteam – nicht der Bild, er meinte unverbindlich WDR – versichert worden.
Auf Basis dieser Vorannahme könne man eine Hauskatze ausschließen und lande zwangsläufig bei einer Großkatze.
Ist der Weg allerdings schmaler, wie man zunächst wohl vermutet, wäre man wieder bei einer Hauskaze. Eine Einschätzung über die Frage “Leopard oder Jaguar” könne er aufgrund der schlechten Bildqualität nicht geben.
Damit steht und fällt das Ganze mit der Breite des Weges.
Ich selbst bleibe nach wie vor bei der Hauskatze.[2] Erstens ist mir noch kein 10,20 Meter breiter Feldweg unter gekommen, zweitens deuten Proportionen und Bewegungsablauf für mich weiter auf eine Hauskatze hin.
Kleine Info am Rande: Die Bild meldet, nun komme ein Panther-Hunter zum Einsatz. Darauf hat mich Graf-Rudolf auch hingewiesen. Er hält das Unterfangen aber für wenig erfolgversprechend, immerhin müsse man mit einem Narkosegewehr auf etwa 30 Meter an das Tier heran. Denkbar schwierig, bei einem Tier, von dem man nicht weiß, wo es sich aufhält – und eigentlich noch nicht einmal, ob es überhaupt existiert.
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[1] Weil ich in den Kommentaren darauf aufmerksam gemacht wurde, formuliere ich es sauberer: Die Texte sind natürlich nicht uneingeschränkt frei kopierbar, sondern stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Eine Verwertung ist erlaubt, solange der Autor (in diesem Fall eher die Quelle: Wikipedia) genannt wird und das Werk unter gleichen Bedingungen weitergegeben wird. (Da könnte es bei der Bild schwierig werden, denn deren kopierter Text steht sicher nicht unter cc…)
[2] Also, im übertragenen Sinne.
Dienstag, 10. November 2009 9:29
Herrlich!
Dienstag, 10. November 2009 9:46
[...] [...]
Dienstag, 10. November 2009 10:06
“Allein: Texte der Wikipedia sind für gewöhnlich frei kopierbar.” Wie kommt man denn auf so eine Idee? “Freie Enzyklopädie” heißt nicht “frei kopierbar”. Siehe den Lizenztext auf jeder einzelnen Seite der Wikipedia, ganz unten.
Dienstag, 10. November 2009 11:13
Tja, BILD schreibt halt über alles, womit sich irgendwie Panik verbreiten lässt. Dass sie es dabei mit der Wahrheit nicht ganz so genau nehmen in der Redaktion (um nicht zu schreiben: Die Lügen wie gedruckt ;) ) ist hinlänglich bekannt.
Eigentlich schade, dass man immer noch darüber schreiben muss, um andere aufzuklären. Mit ein bisschen gesundem Menschenverstand könnte nämlich ca. 90% der BILD-Geschichten als totaler Schwachsinn erkannt werden. Aber der Mensch ist nunmal faul und glaubt dem gedruckten Wort mehr als seinem Verstand. :/
Dienstag, 10. November 2009 11:30
@Andreas P: Ich gebe zu, das war der Pointe wegen unscharf formuliert und ist wohl auch falsch, zumindest was die Bild betrifft. Da sind das ja nicht gleiche Bedingungen (Hier übrigens schon. Der Blog ist ebenso lizensiert).
Ich bau mal eine Fußnote ein.
Dienstag, 10. November 2009 11:57
Das Video zeigt ja den Spaziergänger der die Aufnahmen gemacht hat. Und den Feldweg dazu. Sollte der Feldweg 10,20 m breit sein ist der Herr in etwa 8 Meter groß. *Das* wäre doch mal eine Schlagzeile.
Dienstag, 10. November 2009 12:26
Bin über bildblog hier gelandet. Interessant.
Dienstag, 10. November 2009 12:26
Wenn der Weg 10 m breit ist, müsste der filmende Herr dann nicht ca. 5 m gross sein? Oder sehe ich das falsch?
Dienstag, 10. November 2009 13:02
@Thomas: sowas ist mir auch schon aufgefallen. Außerdem hab ich bei Wikipedia gesehen, dass eine Landstraße (zwei Fahrbahnen, inkl. “Rand”) ungefähr 10,50m breit ist (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Richtlinie_f%C3%BCr_die_Anlage_von_Stra%C3%9Fen_%E2%80%93_Querschnitt unter “RQ 10,5 (Breite der befestigten Fläche beträgt 7,5 Meter)”). Wäre der Weg also ca. 10m breit, dann müssten da zwei Autos nebeneinander herpassen… und dann noch der Grünstreifen in der Mitte… huiuiuiuiui.
Dienstag, 10. November 2009 13:58
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von frankstohl und Silvio Süß, Jan Bayer erwähnt. Jan Bayer sagte: Aus einer Hauskatze einene Elefan… Panther machen: http://bit.ly/2uCsZO [...]
Dienstag, 10. November 2009 14:19
Der Mann, der den “Panther” gesichtet haben will, läuft doch sogar den Weg lang, dort sieht man doch schon anhand der Fahrspur, wie klein der “Panther” wirklich ist.
Außerdem: Fällt außer mir niemandem auf, daß der “Panther” WEISSE PFOTEN HAT?????
Dienstag, 10. November 2009 14:25
Man muss aber hierzu wirklich sagen, dass der WDR mit dem Ganzen angefangen hat.
Habe durch Zufall einen Beitrag in einer Lokalsendung vor ein paar Tagen gesehen, angeblich haben den schon mehrere Leute europaweit gesehen und ängstlich die Polizei angerufen. Das soll jetzt der erste “Videobeweis” sein.
Dienstag, 10. November 2009 14:48
Laut dem lieben Herrn Gabriel (der Spaziergänger der das Video aufgenommen hat) ist der Schwanz auch 30 cm lang, während die Katze 90 cm hoch sein soll…
Ich würde mal schätzen, dass Tier ist genau so hoch, wie sein Schwanz lang.
Niedlich… wirklich!
Dienstag, 10. November 2009 14:51
@Thomas, empfehlerin, Huppi und Panterkätzchen: Guter Hinweis. Leider habe ich heute Vormittag am Telefon nicht so schnell geschaltet und Herrn Graf-Rudolf nicht danach gefragt.
Wenn der Weg, den der Filmer da selbst entlang schreitet, auch der Weg ist, den das Video zeigt – völlig eindeutig ist das nicht – kann man die Hypothese des 10 Meter breiten Weges nicht nur aus dem Bauch, sondern auch argumentativ endgültig ins Reich der Fabeln verweisen.
Dienstag, 10. November 2009 16:58
Ist ja alles schön und gut, aber der Panther hat nicht nur Belgien und Deutschland bislang unsicher gemacht, sondern auch Luxemburg. Finde es nicht in Ordnung, dass wir immer vergessen werden.
In diesem Sinne, freundliche Grüße.
Dienstag, 10. November 2009 18:54
Der Weg aus dem Handy-Video wird im Beitrag mit dem Handy-Filmer nochmals abgeschritten. Die Fahrspuren sind gerade mal so breit wie die Schultern des Mannes. Ergo: Ein stinknormaler Feldweg mit stinknormalen, etwa 50cm breiten Spuren – und eine stinknormale Katze.
Mittwoch, 11. November 2009 11:47
Intressant ist, dass das Video nun verschwunden ist.
Generell würde ich sagen: Asoluter Reinfall. Wie man es von Springer gewöhnt ist. Ein wunderbar unscharfes Handyvideo… es könnte auch Nessi sein!
Mittwoch, 11. November 2009 13:57
[...] Panther-Beitrag liefert wieder einmal ein schönes Beispiel, wie man bei der Bild mit Fehlern umgeht. Das Video ist [...]
Samstag, 14. November 2009 20:52
Hilfe, gemeingefährliche Raubkatzen!
Aber so eine Hauskatze kann wirklich sehr gefährlich werden, wenn man sie nich rechtzeitig füttert. Meine beisst mir dann immer in den Fuß.
Ach ja, felis silvestris wäre eine Wildkatze. Die gewöhnliche Hauskauskatze ist felis domestica. ^.^
Samstag, 14. November 2009 21:38
Also so weit ich weiß, gibt es keinen einheitlichen Artnamen für die Hauskatze. Immerhin kann sie mit allen Felis-silvestris-Unterarten fertilen Nachwuchs zeugen – womit der Artbildungsprozess nicht abgeschlossen ist, die Hauskatze also nach wie vor zur Art “Wildkatze” gehört.
Und eine eigene Unterart ist sie auch nicht.
Deshalb halte ich von felis domesticus oder felis catus wenig.