Bundestagwahl: Wie wählten Wahlkreise mit Atomkraftwerken?
Schon direkt nach der Bundestagswahl hatte ich mich gefragt, ob die Bürger in Wahlkreisen mit Atomkraftwerken anders abgestimmt haben als im Landesdurchschnitt. Immerhin hatten sich Union und FDP ja klar für eine Laufzeitverlängerung von AKWs ausgesprochen, die Grünen und auch die SPD bekräftigten, am Atomausstieg festhalten zu wollen.
Jetzt, da der Reaktor Biblis A einmal mehr im Gespräch ist und aufgrund von kolportierten Sicherheitsmängeln scheinbar vor dem Aus steht, habe ich die Daten doch endlich zusammengesucht – eine einigermaßen mühselige Arbeit.
Und siehe da – die Ergebnisse sind ziemlich unspektakulär. Das ist jetzt natürlich einigermaßen enttäuschend, aber bringt auch Erkenntnisse.
Ich schlüssle einmal auf:
- Es gibt insgesamt 11 Wahlkreise mit einem oder mehreren Reaktor(en)
Erststimmen:
- 10 der 11 Direktmandate (~91%)[1] gingen an die Union (CDU oder CSU)
- Ein Direktmandat errang die SPD
- In ganz Deutschland gewann die Union 218 von 299 (~73%)[1] der Direktmandate
Zweitstimmen[2]:
- Union und FDP haben in 9 von 11 Wahlkreisen eine Mehrheit der Stimmen
- In den beiden anderen Wahlkreisen hätte Rot-Rot-Grün eine rechnerische Mehrheit
- Schwarz-Gelb hat in 8 von 11 Wahlkreisen zusammen mehr Stimmen verglichen mit den Ergebnissen im jeweiligen Bundesland
- Die Grünen haben in jedem betroffenen Wahlkreis weniger Zweitstimmen erhalten als im jeweiligen Bundesland
Das ist durchaus interessant. Anders als ich vermutet hätte, war Schwarz-Gelb in den relevanten Wahlkreisen nicht schwächer als im jeweiligen Bundesland – im Gegenteil, es gingen tendenziell sogar mehr Stimmen an Union oder FDP. Dagegen schnitten die Grünen außerordentlich schlecht ab – auffällig schlechter als im Landesschnitt.
Das ist auf den ersten Blick paradox. Ist Atomkraft bei den Menschen also doch angesehener als immer behauptet? Wollen die Menschen längere Laufzeiten?
Ich glaube nicht. Dass Schwarz-Gelb in AKW-Kreisen nicht verloren (und eventuell sogar gewonnen) hat, kann möglicherweise damit erklärt werden, dass die Kraftwerke große Arbeitgeber und Gewerbesteuerzahler sind und deshalb der Atomausstieg mit Arbeitsplatzverlust und wirtschaftlichem Schaden assoziiert wird und deshalb negativ besetzt ist. Die Angst vor der Radioaktivität scheint im Umkreis von AKWs weniger ausgeprägt.
Etwas anders sieht es aber aus, wenn man noch die Ergebnisse in den beiden Wahlkreisen mit Atommülllagerstätten hinzuzieht.[3]
Weder in Lüchow-Dannenberg – Lüneburg (Gorleben) noch in Wolfenbüttel – Salzgitter (Asse II) holte Schwarz-Gelb eine Mehrheit der Zweitstimmen. Im Wahlkreis Wolfenbüttel – Salzgitter holte außerdem der im Wahlkampf massiv gegen Atomkraft zu Felde ziehende Umweltminister Sigmar Gabriel das Direktmandat für die SPD.
In beiden Wahlkreisen holten die fiktiven Lager „Schwarz-Gelb“ und „Rot-Rot-Grün“ fast exakt gleich viele Stimmen. Im Wahlkreis von Asse profitierten die Grünen, die zwar im Gorleben-Kreis sehr schlecht abschnitten, deren Stimmenanteile aber quasi komplett an die Gabrielsche SPD gingen.
In beiden Kreisen verloren sowohl Union als auch FDP deutlich im Vergleich zum Gesamtergebnis in Niedersachsen.
Dort, wo die Atomindustrie als großer Arbeitgeber den Bürgern nutzt, ist die Akzeptanz offensichtlich hoch – dort, wo allein der negative, aber nicht vermeidbare Aspekt des Atommülls zum tragen kommt, lehnen die Menschen eine Laufzeitverlängerung ab.
PDF mit Auflistung der Wahlergebnisse in den elf Wahlkreisen
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[1]Statistiker schlagen jetzt zurecht die Hände über dem Kopf zusammen. Die erste Fallzahl ist natürlich viel zu gering, als dass hier seriös verglichen werden könnte. Ich habe die Zahl als Spielerei einmal angegeben – aussagekräftig ist sie nicht.
[2] Jeweils unter Einbeziehung der Fünf-Prozent-Hürde.
[3] Auch hier gilt: Es sind natürlich nur zwei Kreise und die Spekulationen sind dementsprechend wacklig. Aber deshalb sind es ja Spekulationen.
Freitag, 23. Oktober 2009 15:05
Hehe, kurios.
Ganz klar. Es herrschte ein tiefes Bedürfnis nach konservativen Werten…, und die “Links-Wähler” gingen nicht zur Wahl…, und relevante Unterschiede gibt es zwischen den Parteien auch bei der Atom-Debatte nicht.
Freitag, 23. Oktober 2009 16:25
“Statistiker schlagen die Hände über dem Kopf zusammen.” Zustimmung.
Atomkraftwerke liegen (weil sie so sicher sind wahrscheinlich) immer auf dem platten Land. Also müsste man die Ergebnisse mit dem platten Land vergleichen. Und da hat die CSU in Bayern z.B. weiterhin eher 50 als 43% wie im Landesschnitt.
Aber wenn man mal über die Wahlkreise fährt (http://www.bild.de/BILD/politik/2009/09/27/bundestagswahl-2009-stoerer/sitzverteilung-wahlkreise.html) sieht man aber, dass die Ergebnisse der Wahlkreise mit AKW nur unwesentlich von den umliegenden abweichen (außer natürlich den normalen Schwankungen. Karlsruhe Stadt mit Karlsruhe Land zu vergleichen geht natürlich nicht). Nicht einmal die Grünen profitieren.
Und hämische Nebenbemerkung: Als der neue SPD-Held und angebliche Superwahlkämpfer Siggi Pop Gabriel auf das Thema gesetzt hat, habe ich mich schon am Kopf gekratzt. Das Thema interessiert in der breiten Bevölkerung niemanden. Und wen es interessiert, der wählt eh grün.
Damit das jetzt nicht als Kritik an dem Artikel rüberkommt: Das ist eine spannende Auswertung.