Freitag, 25. September 2009 0:34
Anmerkung des Bloggers: Diese Reportage über Widerstand gegen Nazi-Demos in Dresden entstand im Februar für meine Facharbeit und sollte damals schon veröffentlicht werden. Allerdings lag meine Idee für ein Blogprojekt dann lange auf Eis – jetzt habe ich sie noch einmal hier veröffentlicht. Sie ist zwar nicht aktuell, aber ich denke, nicht veraltet.
In Dresden versammeln sich jedes Jahr Tausende Neonazis, um den Jahrestag der Luftangriffe für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Dieses Mal regt sich zum ersten Mal bundesweiter Widerstand. Wie sich Dresdens Bürger gegen den rechten Opferkult wehren, wie sie ihre Botschaft nach außen tragen – und welche Botschaft das ist.
Hell erleuchtet erhebt sich die Synagoge aus der Dunkelheit. Befremdlich, ein bisschen bedrohlich. Ein großer Klotz, die verschobenen Ecken der einzelnen Quader an den Kanten werfen im Licht der Strahler tiefschwarze Schatten. Eine kleine Gruppe steht im Zwielicht davor. Zwanzig Leute, vielleicht dreißig. Die meisten tragen Mützen, die Hände haben sie in den Taschen der Jacken und Mäntel vergraben, vor den Gesichtern kondensiert der Atem zu kleinen Wolken. Aus dem dunkelgrünen, fünfeckigen Zelt, das von langen Holzstangen getragen wird, zucken die Flammen eines Feuers und werfen tanzende Schatten auf den Bereich vor dem Eingang.
„Wir halten hier Wache“, erklärt Friedemann, während er aus dem Auto steigt. Er parkt es am Straßenrand, einfach so, mit Warnblinklicht.
„Wache, damit die Nazis nicht hierher können. Wenn hier schon eine Partei steht, darf die andere Seite hier nicht mehr demonstrieren.“ Er hat einen braunen, dünnen Bart, der seinen Mund umrahmt, schmale Augen, trägt eine graue Wollmütze und eine dunkelbraune Lederjacke. Seinen Kopf schiebt er immer ein wenig nach vorne, als versuche er, etwas weit Entferntes zu taxieren. Ein bisschen erinnert sein Gesicht an das Lieutenant Dans aus „Forrest Gump”. Er sieht sich nachdenklich um, zwischen den zusammengezogenen Augenbrauen zeigen sich kleine Falten. Alle paar Minuten wirft er einen prüfenden Blick auf seinen silbernen Organizer.
Friedemann heißt mit vollem Namen Friedemann Bringt. Den höre ich aber erst bei der offiziellen Kundgebung. Ansonsten ist er der Friedemann, bei allen hier. Man duzt sich, ganz selbstverständlich. Friedemann ist angestellt beim Kulturbüro Sachsen, einer der Cheforganisatoren von „Geh denken“, verantwortlich für den ersten bundesweiten Aufruf, sich den Rechtsradikalen bei ihrem jährlichen Aufmarsch in den Weg zu stellen. Seit den Neunzigern versammeln sich jedes Jahr am Jahrestag der Luftangriffe der britischen und amerikanischen Air Force tausende Nazis in Dresden. Dann ziehen sie mit Transparenten, Fackeln und Spruchbändern durch die Stadt. Ein gespenstisches Bild. Sechs- bis achttausend erwartet Friedemann dieses Jahr. 6500 werden es letztendlich sein, einer der größten Aufmärsche Europas seit dem Ende des Naziregimes.
Die Stadt, sagt Friedemann, sieht untätig zu. Nicht aus Machtlosigkeit, sondern mit voller Absicht. „Letztes Jahr durften sie sogar vor dem Rathaus demonstrieren, waren in der ganzen Altstadt.“
Dieses Jahr hat die Initiative „Geh denken“ einen Sternmarsch organisiert. Von drei Startorten hin zum Theaterplatz. Um die Nazidemo am Marschieren zu hindern und zu blockieren, wollte man den Rathausplatz dieses Jahr einkreisen. Friedlich einkreisen, selbstverständlich. Dann aber wurde Startort der Nazi-Demo kurzfristig verlegt, vom Rathausplatz zum Hauptbahnhof. Plan vereitelt. Die Gegendemo soll dennoch wie geplant stattfinden, auf 15000 Teilnehmer hofft Friedemann. Die Gegendemo ist für morgen angesetzt, die Nazis aber sind heute schon da.
Also kontrolliert er ständig den Ticker von „Geh denken“, keine fünf Minuten, da keine Meldung einläuft.
„1150 Nazis sind es aktuell beim Fackelzug“, sagt er mit seiner sonoren, warmen Stimme und seine Miene verfinstert sich. „Viele für heute. Da werden es morgen sicher weit über 4000“. Dann huscht er weiter. Telefonieren, weitere Informationen einholen.
Die Informationen kommen aus einem kleinen Zimmer des Kulturbüros Dresden, Bautzner Straße 45. Bevor er zur Synagoge fährt, nimmt Friedemann mich mit in die Kommandozentrale, die eigentlich gar keine ist. Er hält vor einem großen Gebäudekomplex, dem man von außen nicht ansieht, dass hier eine Demonstration mit mehreren Tausend Menschen koordiniert wird. Die Straße ist verlassen, das Haus dunkel. Durch eine unbeleuchtete Einganshalle geht es zum Fahrstuhl, dann hinauf, noch einmal nach rechts, durch eine abgeschlossene Glastür.
Das hell erleuchtete Rechteck einer geöffneten Tür ist das erste und einzige Anzeichen dafür, dass sich hier überhaupt jemand aufhält.
Eine junge Frau steht in einer provisorischen Küche und kocht Kaffee. Aus dem Zimmer nebenan tritt ein junger Mann mit kurzen Haaren, Anfang Zwanzig vielleicht. Hier, in einem dieser Büros, mit zwei Schreibtischen und je einem Computer, laufen alle Informationen zusammen. Hier laufen alle Informationen aus. Auf die Handys per Ticker. Per Telefon. Der junge Mann wechselt ein, zwei Sätze mit seiner Kollegin, grüßt Friedemann kurz, dann schließt er wieder die Tür hinter sich. Mit ihm reden kann ich nicht, dafür hat er keine Zeit. Später gibt er von seinem Zimmer aus Friedemann die Zahl 1150 durch. 1150 Nazis.
1150 Nazis? Die Nachricht verbreitet sich wie ein leises Blätterrauschen in der Gruppe vor der Synagoge. Man redet hier grundsätzlich nicht von Rechten oder Geschichtsrevisionisten oder dem Trauermarsch, sondern von „den Nazis“. Nicht aus zur Schau gestellter Ablehnung, ganz selbstverständlich.
Die Atmosphäre ist angespannt. 1150 Nazis. Heute schon.
Wenn es gerade keine Neuigkeiten über Lage in der Stadt gibt, wird die meiste Zeit geschwiegen. Es ist eine stille Übereinkunft, jeder weiß, worum es geht, warum er hier ist. Den Platz besetzen, falls die Nazis später hier auftauchen sollten, wie in den letzten Jahren. Das ist nicht geplant, aber man weiß ja nie. Man will trotzdem da sein, für den Fall der Fälle.
Ein-, zweimal fährt ein Polizeiwagen vorbei. Er hält nicht an.
Im Zelt sitzen diejenigen, die es vor Kälte nicht mehr ausgehalten haben. Vier hölzerne, vielleicht dreißig Zentimeter hohe Bänke stehen im Kreis um eine transportable Feuerstelle, darin knistern kleine Flammen. Leise, vertraulich, beinahe besinnlich. Bis zu zwölf Leute kauern sich am Feuer zusammen. Darüber befindet sich ein kreisrundes Loch, aus dem der Rauch abziehen kann. Trotzdem riecht es wie in einer Räucherei. Rechts steht ein großer Topf mit Tee auf einem Gaskocher, daneben liegt ein kleiner Haufen Holzscheite. Es ist nicht warm, aber zumindest nicht mehr eiskalt.
Auch hier wird meistens geschwiegen. Einer der Durchgefrorenen verteilt Kuchen, zwei andere reichen unaufgefordert ihre Getränke herum. Selbstverständlich. „Nein, die kenne ich nicht. Ich sehe die meisten hier zum ersten Mal. Die meisten kommen wohl von der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“, sagt Veit, als ich ihn Frage, ob er denn die Leute hier kenne.
Veit ist der Chef hier im Zelt. Er trägt eine Mütze, die ihm offensichtlich zu eng ist und nach oben absteht wie eine Zipfelmütze, dazu eine dünne Brille. Er hat ein jugendliches, ein bisschen spitzmausiges Gesicht, einen schmächtigen Körper. Dass er schon achtunddreißig ist, sieht man ihm nicht an. Er würde auch als Mitt-Zwanziger durchgehen. Um den Hals trägt er das grün-weiß geringelte Halstuch des Vereins christlicher Pfadfinder Sachsen, dessen Fahne auch an den Enden der Holzstangen hängt.
Er sei schon seit heute Nachmittag hier, erzählt er. Veit ist keiner, der große Reden schwingt oder sich mit allen bekannt macht. Die meiste Zeit sitzt er still auf der Bank, gelegentlich legt er ein Holzscheit ins Feuer. Es könnte wärmer sein im Zelt, aber Veit arbeitet mit Bedacht. Immer nur ein, höchstens zwei Scheite, zwei aber nur, wenn es sich wirklich nicht vermeiden lässt. Immerhin müssten sie im Zweifel noch die ganze Nacht hindurch reichen, sagt er. Wie lange er denn bleiben wolle, frage ich ihn. „So lange wie nötig. Bis zehn oder elf. Vielleicht auch länger. Ich weiß es nicht.“
Er sagt es ganz selbstverständlich, ohne jedes Pathos. Natürlich sitzt er hier, in der Kälte. Die Leute brauchen doch einen Ort zum Aufwärmen, freuen sich über einen Becher mit heißem Tee. Und im Notfall muss jemand hier sein. Selbstverständlich. Natürlich.
Draußen ist es still. Die Nazis kommen nicht an diesem Abend. Medienvertreter übrigens auch nicht. Es ist ruhig, hier vor der Synagoge.
Ähnlich beschaulich geht es vor dem Hauptbahnhof zu. Ein paar Polizisten stehen hier, wirken allerdings eher gelangweilt. Auf dem Weg die Prager Straße entlang aber überlagen dröhnende Bässe schon bald die ansonsten nur vom Akkordeonspiel eines Straßenmusikers unterbrochene Stille. Hier, wo die Menschen an Einkaufszentren vorbei flanieren, die den Eindruck erwecken, als habe ein Riese arglos Glaswürfel verstreut, merkt man schnell, dass in den letzten Jahren viel Geld investiert wurde. Sogar McDonalds hat seine Filiale in einem modernen Kubus, halb verglast, halb verspiegelt. Nur die wummernden Bässe passen nicht in das Bild einer ganz normalen Großstadt an einem ganz normalen Tag; zu den Einkaufenden, den verliebten Pärchen, den Rentnern.
Am Ende der Straße taucht das erste Mal eine größere Zahl von Polizisten auf. Die Polizisten hier geben ein ganz anderes Bild ab als die am Bahnhof. In kleinen Grüppchen von fünf bis sieben Mann stehen sie Rücken an Rücken. Schwarz gekleidet, bewaffnet, mit wachsamem Blick demonstrieren sie Stärke.
Sie sind aber nur die Vorhut. 50 Meter weiter trifft man auf eine grün-weiße Wand. Siebzehn Wagen, dicht an dicht hintereinander geparkt, verstellen auf der Längsseite den Blick auf den Platz vor der Altmarkt-Galerie, weitere blockieren die beiden noch offenen Seiten. Beamte verriegeln neben den Lücken zwischen den Autos auch den Zugang zur Galerie.
Die Musik tönt laut aus der Mitte dieses Walles. „Klar kommen Sie da rein, nur raus könnte schwierig werden“, meint eine Beamtin der Bundespolizei, die dank dicker Schutzkleidung auf den ersten Blick wirkt wie ein Eishockeyspieler. „Es gibt nämlich nur zwei Ausgänge, da kann es etwas dauern.“
Auf einer Bühne spielt eine Band. Davor tanzen einige Menschen, einige wippen im Takt, andere stehen nur herum. Viele tragen schwarz. Man sieht israelische und amerikanische Flaggen. Hinter der Band prangt ein Banner. „Keine Versöhnung mit Deutschland“ steht darauf. Und: „Naziaufmärsche verhindern, Gedenken abschaffen.“ Das Antifa-Bündnis „venceremos“ ist der Organisator und gibt deutlich zu erkennen, dass nicht nur die Rechte Szene, sondern auch die Polizei als Handlanger Deutschlands grundsätzlich einmal Gegner ist. Die Leute von „venceremos“ sind auch bekannt als die Anti-Deutschen.
Als die Musik zwischenzeitlich kurz verstummt, höhnt eine Frauenstimme über die Lautsprecher, sie seien lauter als abgemacht, meine auf jeden Fall die Polizei. Die Menge applaudiert. Dann eine Durchsage der Polizei. Die Menge buht. Man versteht kein Wort, beim besten Willen. Auf meine Frage, was die Polizei denn eben durchgesagt habe, antwortet ein junger Mann: „Keine Ahnung“. Dann hebt er wieder die Faust und buht und schreit und empört sich. Irgendjemand dreht die Musik wieder auf volle Lautstärke und der Rest der Durchsage geht vollends im Lärm unter. Die Menge johlt.
Im Ausgangsbereich bildet sich ein Tumult. Eine Reihe von Polizeibeamten mit weißen Helmen und Plastikvisieren hat sich mit verschränkten Armen aufgebaut und blockiert den etwa vier Meter breiten Raum zwischen den Einsatzfahrzeugen. Durchgelassen wird keiner. Es seien Straftaten verübt und aufgezeichnet worden, erklärt ein Beamter. Jetzt würden alle, die hinauswollen, überprüft.
Ein junger Mann, bestimmt 1.90 groß, mit grüner Jacke und ordentlichem Scheitel, zieht sein Mobiltelefon aus der Tasche. „Macht eure Handys aus“, rät er. „Letztes Jahr haben sie die konfisziert. So kriegen sie immerhin eure Kontakte nicht.“
Man spricht hier nicht von Polizisten, sondern von „ihnen“.
Ein anderer Mann blickt verbittert zu Boden. „Da drüben“, er schiebt das Kinn in Richtung Hauptbahnhof, „da drüben laufen die Nazis rum. Die dürfen Bier trinken. Die müssen ihre Ausweise nicht dabeihaben.“
Hier schon. Verdächtige müssen beim Weg nach draußen ihren Ausweis zeigen. Verdächtig ist, wer jung ist und männlich und schwarz gekleidet oder als Punk identifizierbar. Grauhaarige dürfen passieren oder Mütter mit Kindern oder schlicht Gekleidete, wie ich. Vermutlich auch der junge Mann in Grün.
Später, im Schlafquartier, fragen mich einige Punks, ob ich eine Nummer hätte, die man anrufen könne, wenn man von der Polizei festgenommen worden ist. Scheiß Bullen.
So läuft das Spiel. Die Antifaschisten pöbeln die Polizei an, weil die Polizei den Antifaschisten das Leben schwer macht. Die Polizei macht den Antifaschisten das Leben schwer, weil diese sie anpöbeln. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, auf eine merkwürdige Art und Weise.
Am nächsten Tag blockieren Polizisten den Demozug des Antifa-Bündnisses „No pasarán“, der sich dem „Geh denken“ anschließen will. „No pasarán“ heißt: Sie kommen nicht vorbei.
Im Laufe des Tages kommt es zu vereinzelten Auseinandersetzungen. Drei linke Autonome werden fest-, 86 in Gewahrsam genommen. 30 Polizisten werden verletzt, 20 Polizeiautos attackiert. So steht es allenthalben in den Zeitungen. Die Antifa protestiert. Natürlich. Die Antifa protestiert gerne. Die Antifa protestiert laut.
In der Synagoge ist es dank der braun-roten Holzverkleidung an der Front, dank der gelben kettenartigen Vorhänge rechts und links verhältnismäßig hell. Trotz der beinahe fensterlosen Konstruktion und trotz der fehlenden Ornamente – nur ein Netz aus ineinander verflochtenen goldenen Davidsternen schmückt die Mitte der vorderen Wand.
Die jüdische Gemeinde hat an diesem Samstag Vormittag zum öffentlichen Sabbat-Gottesdienst geladen. 500 Gäste sind gekommen.
Dr. Salomon Almekias-Siegl, Landesrabbiner, der heute den Gottesdienst leitet, eilt geschäftig hin und her, während die Besucher langsam eintreffen. Er sieht Josef Ackermann nicht unähnlich und hat den Gestus eines Mannes in wichtiger Position. Außerdem den eines Mannes, der sich seiner wichtigen Position bewusst ist. Groß ist er nicht, aber stämmig und er steht gerade, die Brust nach vorne, das Kinn leicht nach oben gereckt. Am kleinen Finger der rechten Hand prangt ein großer Ring. Musternd gleitet sein Blick über die Reihen. Gemeindemitglieder, erkennbar an Kippa und Tallit, begrüßt er betont jovial mit Handschlag, legt dabei seine linke Hand auf den rechten Oberarm seines Gegenübers. Nach und nach füllen sich so die Reihen. Rechts Männer, links Frauen, vorne Gemeindemitglieder, hinten Besucher.
An der vorderen Wand öffnet sich eine Tür, ein arabisch aussehender Mann filmt mit einer großen Kamera die Szenerie in der Synagoge.
Ein Mann passt nicht ins Bild. Es ist viel Prominenz aus Kirche und Politik anwesend – unter anderem Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz. Und in der dritten Reihe, zwischen den Gemeindemitgliedern mit Kippa, sitzt, auf dem Kopf ein schwarzer Hut mit jagdgrüner Kordel, Kurt Biedenkopf.
Zu Beginn begrüßt der Rabbiner all die bekannten Damen und Herren öffentlich, mit Namen, bedankt sich für ihr Kommen und fast erwartet man, dass Kurt Biedenkopf sich erhebt und der Menge zuwinkt. Aber er sitzt nur bewegungslos da. Möglich, dass seine Zurückhaltung aus echter Bescheidenheit resultiert. Möglich aber auch, dass es am schlechten Gewissen liegt.
Kurt Biedenkopf steht nicht auf der Liste der Unterstützer für „Geh denken“. Nicht mehr. Ursprünglich war er einer der Erstunterzeichner gewesen, dann flatterte ein Brief von Dresdens CDU-Chef Lars Rohwer ins Haus. Man wolle nicht mit „linken Chaoten“ gemeinsame Sache machen, so die offizielle Parteilinie. Die Abgrenzung gegen die Linke ist der CDU wichtiger als die Abgrenzung nur NPD. Mit der Abgrenzung zur Linken lässt sich Wahlkampf machen, vor allem gegen die SPD. Mit der Abgrenzung zur NPD lässt sich kein Wahlkampf machen, das wird in der Bevölkerung als selbstverständlich vorausgesetzt.
Biedenkopf, zwölf Jahre lang Sachsens Ministerpräsident, erhielt den Brief und gab klein bei. Die Unterschrift zog er zurück. Die Unterschrift von Richard von Weizsäcker, zehn Jahre deutscher Bundespräsident, ziert immer noch die Liste der Erstunterzeichner. Es geht also auch für CDU-Politiker anders.
Man könnte beinahe Mitleid haben mit Kurt Biedenkopf, wie er so in der Synagoge sitzt, den Kragen des zur Hutkordel passenden grünen Mantels nach oben geklappt, darunter ein dunkelblaues Hemd mit roten Punkten, klein, leicht nach vorne gebeugt. Er wirkt wie ein alter Mann. Auf den Aufnahmen des arabisch aussehenden Mannes aber wird nicht der alte Mann Biedenkopf zu sehen sein, sondern der ehemalige Politiker Biedenkopf. Wie er in der Synagoge sitzt und Anteil nimmt und Solidarität bekundet. Ganz, wie es sich für einen Mann seines Ranges gehört.
Vor der Synagoge steht noch immer das dunkelgrüne Zelt. Darin brennt noch immer das Feuer, steht noch immer der große Topf mit Tee auf dem Gaskocher, liegt noch immer der kleine Stapel mit Holzscheiten. Darin sitzt noch immer Veit. Oder schon wieder.
Nach dem Gottesdienst ist es voll auf der Grünfläche neben dem Zelt. Etliche improvisierte Stände, der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste oder der Jüdischen Gemeinde, wurden über Nacht aus dem Boden gestampft. Heute sind mehr Menschen da. Vielleicht fünfzig, vielleicht hundert, vielleicht noch mehr. Viele Besucher des Gottesdienstes sind darunter. Etliche haben eine weiße Rose an der Brust stecken.
Auch Friedemann Bringt ist wieder da. Er trägt heute eine gelbe Windjacke und keine Mütze. Obwohl er sich am Vorabend kurz nach zehn Uhr verabschiedet hatte, um schlafen zu gehen, sieht er müde aus, hat zerzaustes Haar und leichte Augenringe. Neben seinem Organizer hält er ein Funkgerät in der Hand und sammelt Informationen. Zwischendurch gibt er einem Fernsehteam ein Interview. Heute sind die Medien vor Ort.
Im Zelt kümmert sich Veit wieder um die Holzscheite. Er ist schon wieder seit dem Morgen auf den Beinen. Ich frage ihn, ob er denn ganz alleine hier verantwortlich sei. „Ja, bin ich.“ So einfach ist das. Die anderen Pfadfinder seien verhindert oder, die meisten von ihnen, zu jung.
Irgendwann füllt sich das Zelt. Eine Horde von zumeist dunkel Gekleideten trifft ein und macht es sich im Zelt gemütlich. „Jetzt lasst uns mal besprechen, was wir machen“, verschafft sich einer der jungen Männer Gehör. Es sind autonome Linke, teilweise gehören sie zum berüchtigten schwarzen Block. „Wir haben gesagt, die dürfen sich hier aufhalten, solange sie keinen Ärger machen und sich an die Auflagen halten – kein Alkohol zum Beispiel.“ Begeistert scheint Friedemann nicht, aber er duldet es.
An der Zeltwand, von Eingang aus links, unterhält sich eine ältere Frau gerade mit einem vollbarttragenden Mann über den Krieg, über die Luftangriffe. Sie entspricht so gar nicht der Klientel in diesem Zelt, jetzt und hier, wirkt unter all den jungen Aktivisten fehl am Platz.
Hildegard Angermann ist Zeitzeugin. Mit 17 Jahren hat sie miterlebt, wie die alliierten Bomber ihre Stadt in Schutt und Asche legten. „Aber ich hatte Glück“, sagt sie. „Ich habe ein bisschen außerhalb gelebt, bei uns war es nicht so schlimm.“
Der bärtige Mann trägt einen Anti-Nazi-Button und stellt viele Fragen. Ob es Luftabwehr gegeben habe und militärische Anlagen und Bunker. Hildegard Angermann antwortet geduldig, aber man merkt ihr an, dass sie darüber wenig weiß, dass es für sie auch gar nicht wichtig ist. Keine Rolle spielt. Nicht, ob es Luftabwehr gab oder militärische Anlagen oder Bunker, sondern dass sie mit ihrer Familie in einem Zimmer saß und Todesangst hatte, daran erinnert sie sich.
„Meine Eltern sind damals in die Innenstadt gefahren, mit dem Fahrrad und haben meine Großeltern hergebracht. Unterwegs haben sie noch andere Leute aufgegabelt, die kannten wir gar nicht. Wir haben sie dann eben auch hier versteckt.“ Während sie das erzählt, auf ihrem Gehwagen sitzend, die beige Kappe schräg auf dem Kopf, das graue Haar strähnig daraus hervorlugend, da treten ihr Tränen in die Augen. Zwischendurch lacht sie laut auf, immer, wenn ihr etwas besonders absurd erscheint und es ist, als versuche sie, damit die Tränen fortzulachen. Die Erinnerung nimmt sie sichtlich mit. Ob sie glaubt, dass die Angriffe nötig waren, frage ich. „Da wurden schon viele Unschuldige getroffen. Sehr viele“, weicht sie aus. Natürlich waren die Angriffe unsinnig, selbstverständlich. Das ist, was ihre Augen sagen.
Und trotzdem ist sie hier. Es ist eine Feststellung, keine Frage. „Selbstverständlich. Nichts ist schlimmer als Krieg. Es darf nie wieder Krieg geben. Ich sage Ihnen, das ist das Furchtbarste, was es gibt. Auch, wenn Leute andere Menschen die Schuld für alles geben. So wie damals den Juden. Das waren doch nur Blitzableiter für alles. Damit haben sie alles erklärt, das war einfach. Nein, das ist furchtbar. Auch heutzutage, wenn ich Bomben irgendwo sehe. Das ist das Furchtbarste.“
Die Tränen sind aus ihren Augen verschwunden. Auf einmal redet sie, fast ohne Unterbrechung und man spürt das echte Anliegen, das beinahe Flehende in den Worten „Nie wieder Krieg“. Nie wieder Krieg. Sie wiederholt es oft, fast beschwörend. Nie wieder Krieg. Als würde es real, wenn es nur oft genug wiederholte. Nie wieder Krieg. Dieser Gedanke ist stärker als die Trauer über die für sie unverständlichen Angriffe auf Dresden am 13 und 14.02.1945.
Das ist das Bemerkenswerte. In keinem Moment an diesem Wochenende wird das Leid, das mit den Luftangriffen einherging, begreifbarer als durch die Tränen Hildegard Angermanns. Und zu keinem Moment, nicht während der flammenden Reden der Politiker, nicht während der Slogans der Antifa, sehe ich vergleichbare Inbrunst bei den Worten: Nie wieder.
Auf einmal wirkt Hildegard Angermann nicht mehr fehl am Platz neben all den jungen Aktivisten, wie sie hier am Rand steht. Im Gegenteil. Es ist, als fehlte etwas, wäre sie nicht hier. Sie beweist, dass man gelitten haben kann und dennoch nicht verbittert sein muss. Dass es Menschen gibt, die aus Fehlern lernen wollen.
Sie freue sich, dass sie sich mit einem jungen Mann unterhalten könne, sagt sie. Es ist schade, dass sie so wenig Gehör findet.
Kurz darauf nähert sich der Demonstrationszug Drei von „Geh denken“. Es ist der größte, der mit der meisten prominenten Unterstützung und es gibt eine Zwischenkundgebung, hier nahe der Synagoge, wo sich Akademiestraße und St. Petersburger-Straße kreuzen. Über die Carolabrücke zieht die Demo und die St. Petersburger Straße entlang. Die Spitze bildet ein großes weißes Transparent mit der roten Aufschrift „Geh denken“. Und klein im Eck: „Diese Stadt hat Nazis satt“. Dahinter marschieren die wichtigen Personen, die Premium-Demonstranten. Claudia Roth, Gregor Gysi, Michael Sommer, Wolfgang Tiefensee, Wolfgang Thierse.
Auf Höhe der Synagoge, etwa 100 Meter vom Ort der Zwischenkundgebung entfernt, stoppt der Zug plötzlich, ohne ersichtlichen Grund.
Auf dem Platz vor der Synagoge, mit dem kleinen grünen Zelt, stehen mittlerweile die meisten Leute am Straßenrand, der Demo zugewandt.
Der Mann, der umringt von etlichen jungen Begleitern, die auf ihn einreden, an dem Spalier vorbeieilt, fällt vielen gar nicht auf. Wer doch hinsieht, bemerkt einen knallroten Schal, der einen scharfen Kontrast bildet zum schwarzen Mantel.
Zielstrebig eilt Franz Müntefering auf den Demonstrationszug zu. Im nächsten Moment steht er hinter dem Transparent, neben Michael Sommer, der einen Schal, ein bisschen braun, ein bisschen ockerfarben, und einen dunkelbraunen Hut trägt, der ihn wie einen Sheriff im Wilden Westen aussehen lässt. Die Demo steht noch immer. Journalisten schwärmen herbei, beziehen vor dem Zug Position. Klick, klick. Klick. In den nächsten Tagen wird in den Medien überall dieses Bild zu sehen sein. Die erste Reihe, Claudia Roth und Franz Müntefering sogar in Großaufnahme. An dessen Brust, scharf abgehoben vom schwarzen Mantel und dem roten Schal, steckt eine weiße Rose.
Etwas abseits stehen einige ältere Männer und Frauen hinter einem weißen Plakat. „’Gedenkmarsch der Nazis’ – Nicht in unserem Namen – Wir möchten eine Stadt des Friedens, der Demokratie und der Menschenrechte“. Darunter, wer sie sind: „Überlebende des 13. Februar 1945“.
Ganz rechts steht Nora Lang. Sie war 13, am 13. Februar, wurde getrennt von den Eltern, nur der fünfjährige Bruder war noch bei ihr. Sie habe überlebt, weil sie entgegen ihres Instinktes mit ihrem Bruder durch die Straßen gerannt sei, sagt sie. „Die Keller waren Fallen.“
Auch sie trägt eine weiße Rose an der Jacke, wie ihre Mitstreiter von der Interessengemeinschaft 13. Februar 1945 auch.
„Ich dachte schon, Sie kommen gar nicht mehr“, begrüßt sie mich mit ihrem deutlich hörbaren sächsischen Einschlag. Wir hatten uns am Telefon verabredet, bereitwillig hatte sie einem Treffen zugestimmt. Es ist ihr ein Anliegen, mit jungen Menschen zu sprechen.
„Wissen Sie, ich hab da was für Sie dabei. Halten Sie mal.“ Auf einmal stehe ich neben all den Zeitzeugen und halte die Ecke des Plakats. „Wir möchten eine Stadt des Friedens, der Demokratie und der Menschenrechte“ – warum auch nicht.
Nora Lang zieht ein ganzes Bündel mit Flyern, Zetteln, Informationsmaterial aus ihrer Tasche. Darin ist erklärt, woher die weiße Rose stammt, die sie am Knopfloch trägt, genau wie die Menschen vor der Synagoge oder Franz Müntefering. Nora Lang hat sie erfunden.
Damals, nach den Angriffen, fand sie einen Teller in den Trümmern. Darauf waren zwei Rosen abgebildet, eine verbrannt, von der Hitze geschwärzt, eine unversehrt. „Das Feuer konnte die Teller weder zerstören noch das Rosenpaar trennen. Für mich waren diese beiden Blumen nebeneinander wie ein Symbol“, erklärte sie in einmal in einem Zeitungsinterview. Den Teller hat sie 1999 dem Museum in Guernica übergeben, die Rosen aber sieht man überall.
Dabei sei es ihr nicht um den Bezug zur bekannten Widerstandsgruppe mit den Geschwistern Scholl gegangen, der Bezug sei rein zufällig. Dass sich daraus eine öffentliche Diskussion entwickelt hat, ob eine Vereinigung aller, eventuell auch gewaltbereiter Gegendemonstranten unter der weißen Rose den friedlichen Zielen der früheren Studentengruppierung widerspräche, ist ihr egal. Für sie ist die Rose an sich das Symbol, die Farbe eher zweitrangig.
Unter den Informationsmaterialien ist auch ihre Rede vom Vortag auf dem Altmarkt. Da sprach sie von Bildern. Von „Bildern des Schreckens, Bildern, die sagen ‚das letzte Mal!’“ Davon, dass sie nicht kontrollieren kann, wann die Bilder von damals in ihr hochkommen, davon, dass die Erinnerung auch heutzutage geweckt werde, immer, wenn irgendwo ein Krieg tobt.
Die Überlebenden um Nora Lang ziehen irgendwann ab. Ihre Aufgabe – einfach nur da stehen, sich zeigen – ist erledigt. Dem großen Demozug schließen sie sich nicht an. „Wir sind eben doch nicht mehr die Jüngsten“, lächelt sie und rollt das Plakat zusammen.
Einige Meter weiter steht Friedemann auf dem Wagen der Zwischenkundgebung und kündigt die Redner an. Einer davon ist Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse. Er hält eine offensichtlich vorbereitete Rede. Zwischendurch stößt er die Faust in die Luft. Etwa wenn er sagt, „wir“ müssten die Straßen verteidigen gegen die Nazis, weil die Toten von damals dazu verpflichten.
Auch er spricht von Bildern. Davon, dass „wir“ dafür sorgen müssten, dass „nicht nur Bilder von den Nazis umgehen.“
Wolfgang Thierse mit dunklem Mantel und geballter Faust auf der Bühne, Franz Müntefering mit dem roten Schal und dem schwarzen Mantel hinter dem Banner: Das sind gute Bilder, starke Bilder.
Friedemann mit seiner gelben Jacke auf der Bühne, Hildegard Angermann mit ihrer Gehhilfe, Nora Lang und ihre Überlebenden und Veit der Pfadfinder in seinem Zelt: Das sind keine guten Bilder.
Die Hauptbühne auf dem Theaterplatz ist auch ein gutes Bild. Davor stehen die Teilnehmer der drei Demonstrationszüge und etliche andere. Fahnen werden geschwenkt und auf der Bühne gibt sich die Politprominenz die Klinke in die Hand.
SPD-Chef Franz Müntefering wirkt unbeteiligt, aber seine Rede kommt überzeugend. Er ruft: „Wir müssen zeigen, dass Demokratie bunter ist und schöner und fröhlicher als die Nazis.“ Er ruft: „Wählt sie aus den Landtagen raus. Jagt sie nach Hause!“
Zwischendurch lobt er die Partein, die hier vertreten sind – SPD, Grüne, Linke. Es ist eine deutliche Spitze gegen Union und FDP, die sich aus panischer Angst, man mache sich dadurch mit dem bösen Feind von Links gemein, nicht hatten anschließen wollen.
Die-Linke-Chef Gregor Gysi, der mit seiner Russenmütze und dem langen Mantel zumindest optisch Erinnerungen an eine andere Zeit hier in Dresden wachruft, hält eine teilweise verwirrende Rede. Irgendwann ruft er: „Die militante und aggressive NPD muss verboten werden“. Er ruft: „Wir müssen dafür sorgen, dass es nie wieder Krieg, mit anderen Worten, nie wieder Rechtsextremismus von Deutschland aus gibt.“
DGB-Chef Michael Sommer hält die lauteste und aggressivste Rede. Manchmal droht seine Stimme zu kippen, wenn er besonders inbrünstig ins Mikrofon donnert. Er ruft: „Wir brauchen Demokratie und Freiheit wie die Luft zum Atmen – und wir werden sie uns nicht verpesten lassen von der braunen Brut.“ Er sagt viermal „braune Brut“. Dann ruft er: „Niemand darf sich gemein machen – auch nicht durch wegbleiben. Die Parteien des bürgerlichen Lagers haben eine Verpflichtung, sich gegen Nazis zu engagieren.“
Grünen-Chefin Claudia Roth wirkt ehrlich empört. „Liebe Demokraten und Demokraten“, begrüßt sie die Menge. Die Menge lacht, das war natürlich politisch inkorrekt, hihi.
Sie ruft: „Ihr Nazis, wie wollen euch hier nicht, nirgendwo wollen wir euch!“ Auch ihre Stimme bricht, so laut ruft sie es heraus. Sie ruft außerdem: „Die, die nicht hier sind, sollten sich ein Beispiel nehmen an den Menschen auf diesem Platz.“
Alle vier unterstreichen ihre eindringlichsten Appelle mit der geballten Faust. Wir müssen die Nazis bekämpfen, darum geht es, und die, die nicht hier sind, sollten sich schämen. Es sind gute Bilder, starke Bilder und die Menge applaudiert. Einige skandieren: Nazis raus!
Veit, der Pfadfinder, sitzt unterdessen immer noch vor der Synagoge in seinem Zelt und hält das Feuer am Brennen und den Tee warm, falls Leute sich aufwärmen wollen, durstig sind. Auf dem Kopf die Mütze, die ihm zu eng ist und absteht wie eine Zipfelmütze.
Hildegard Angermann ist nach Hause gegangen, mit ihrer Gehhilfe. Gebrechlich, alt, schwach.
Nora Lang ist nach Hause gegangen. Guten Fußes, aber ebenfalls alt.
Sie alle geben kein gutes Bild, kein starkes Bild ab.
Hildegard Angermann hat nicht gerufen: Die Nazis müssen weg. Nicht „Nazis raus!“ und nicht, die anderen sollten sich schämen. Sie hat gesagt: Nie wieder Krieg.
Nora Lang hat nicht gerufen: Die Nazis müssen weg. Nicht „Nazis raus!“ und nicht, die anderen sollten sich schämen.
In ihrer Rede auf dem Altmarkt hat sie als letzten Satz gesagt: „Alles, was ich brauche, ist Frieden.“ Es war ein gutes Schlusswort.